Expertenstimme

Analyse : Sind Schulkinder auf dem Land abgehängt?

In Großstädten beträgt die Abiturquote 42 Prozent gegenüber 28 Prozent in dünn besiedelten ländlichen Kreisen. Woran das liegt und wie groß die regionalen Unterschiede in den Schulen tatsächlich sind, hat der „Aktionsrat Bildung“ in einem Gutachten dargestellt. Olaf Köller, Bildungsforscher und Mitautor des Gutachtens, beschreibt in seinem Gastbeitrag für das Schulportal, was Schulen im ländlichen Raum brauchen, um Kindern und Jugendlichen gute Bildungschancen zu bieten.

Olaf Köller Olaf Köller / 03. Februar 2020
Kinder steigen in Schulbus ein
Zu den Unterschieden zwischen Schulen auf dem Land und in der Stadt gehört der Schulweg. Im ländlichen Raum sind die meisten Kinder auf den Schulbus angewiesen.
©Felix Kästle/dpa

Das „katholische Arbeitermädchen vom Lande“, wie es Hansgert Peisert und Ralf Dahrendorf Ende der 1960er-Jahre beschrieben haben, war die Inkarnation der existierenden Ungleichheiten im westdeutschen Bildungssystem der Nachkriegszeit. Während die konfessionellen und Geschlechtsdisparitäten bis heute weitgehend verschwunden sind, zeigen große Studien wie PISA oder der Bildungstrend des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) anhaltende soziale Ungleichheiten im Bildungssystem. Auch regionale Unterschiede in den Bildungschancen sind weiterhin Gegenstand bildungspolitischer Diskussionen.

Die teilweise Entvölkerung ländlicher Regionen in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung wie auch die in vielen Industrienationen beobachtbare Binnenmigration Land–Stadt geben Anlass zu der Vermutung, dass Kinder und Jugendliche, die in ländlichen Regionen aufwachsen, deutlich geringere Bildungs- und Lebenschancen haben als solche, die in Städten aufwachsen. Der Aktionsrat Bildung (ARB) hat sich im Jahr 2019 in seiner Expertise der Frage nach regionalen Disparitäten angenommen und die existierende Literatur zu Stadt-Land-Unterschieden im deutschen Bildungssystem ausgearbeitet. Dabei wurden alle Bildungsetappen von der frühen Bildung in der Kita bis zur Erwachsenenbildung berücksichtigt und zusätzlich Sekundäranalysen existierender Datensätze aus internationalen und nationalen Schulleistungsstudien durchgeführt.

Die Schülerschaft in großen Städten ist heterogener als auf dem Land

Das Bild, das der ARB aufgrund seiner Analyse zu Stadt-Land-Unterschieden zeichnet, ist weit optimistischer als befürchtet. Kinder und Jugendliche in ländlichen Regionen wachsen demnach in sehr gut funktionieren Betreuungs- und Bildungsstrukturen auf. Dies gilt vor allem auch für das Schulsystem. Empirisch zeigt sich zwar, dass die prozentualen Anteile hoher Bildungsabschlüsse in großen Städten höher sind – so beträgt die Abiturquote in kreisfreien Großstädten 42 Prozent gegenüber 28 Prozent in dünn besiedelten ländlichen Kreisen – gleichzeitig ist die Heterogenität der Schülerschaften in den großen Städten deutlich höher. Dies heißt eben auch, dass sozial und kulturell stark benachteiligte Schülerinnen und Schüler primär Kennzeichen großer Städte sind.

Im Grundschulbereich zeigt sich erwartungsgemäß, dass Schulen in ländlichen Regionen im Mittel kleiner sind und als Folge etwas geringere mittlere Klassenfrequenzen haben. Regionen mit sehr wenigen Kindern reagieren hier mit dem Erhalt von Zwergenschulen, in denen gehäuft jahrgangsübergreifendes Lernen (JüL) praktiziert wird. Interessanterweise ist aber der prozentuale Anteil der Schülerinnen und Schüler in JüL-Klassen in Großstädten ebenso hoch wie auf dem Lande. Dies ist vermutlich Folge besonderer pädagogischer Konzepte von Reformschulen in großen Städten.

Das Problem steigender Schülerzahlen und damit der Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften wird in Städten sehr viel größer sein als in ländlichen Regionen.

Auch bei den Merkmalen der Lehrkräfte wie Alter, Qualifikation und Erfahrungen im Schuldienst ergeben sich keine nennenswerten regionalen Unterschiede. Ob dies angesichts des akuten Lehrkräftemangels auch zukünftig so bleibt, ist offen. Ähnlich wie bei den Ärztinnen und Ärzten zeigt sich auch bei Lehrerinnen und Lehrern, dass sie größere Städte gegenüber ländlichen Regionen präferieren. Daher ist zu erwarten, dass junge Lehrkräfte nach erfolgreichem Abschluss des zweiten Staatsexamens ihren Schuldienst eher in größeren Städten antreten werden. Gleichzeitig wird aber das Problem steigender Schülerzahlen und damit der Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften in Städten sehr viel größer sein als in ländlichen Regionen. Unterm Strich kann dies bedeuten, dass die Probleme des Quer- und Seiteneinstiegs in ländlichen Regionen nicht größer sein werden als in städtischen.

Analysen des ARB zur Ausstattung von Grundschulen machen deutlich, dass die Infrastruktur der Schulen – zum Beispiel die Computerausstattung – in ländlichen Regionen keineswegs schlechter als in Metropolen ist. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die IT-Infrastruktur in städtischen und ländlichen Schulen verbesserungsbedürftig ist. Eine Frage, die auch der ARB nicht beantworten kann, betrifft mögliche Einschränkungen bei der Nutzung digitaler Lernmedien, die durch fehlende Netzanbindungen bzw. zu geringe Übertragungsraten im Internet entstehen könnten. Hier bleibt abzuwarten, ob die Mittel des Digitalpakts Schule genutzt werden, um gerade auch ländliche Regionen, in denen der Ausbau hinterherhinkt, zu bedienen.

In kleinen Gemeinden wählen viele trotz Gymnasialempfehlung einen anderen Bildungsgang

Für den Sekundarbereich wurden oben bereits die geringeren Abiturquoten in ländlichen Regionen erwähnt. Sie sind häufig aber nicht Folge einer fehlenden Angebotsstruktur oder zu langer Wege zu Gymnasien oder anderen Schulen, in denen das Abitur erworben werden kann. Es ist vielmehr das Wahlverhalten beim Übertritt von der Grundschule in das differenzierte System der Sekundarstufe I. In kleinen Gemeinden zeigt sich nach wie vor das Phänomen, dass viele Eltern für ihre Kinder trotz Gymnasialempfehlung einen anderen Bildungsgang wählen. Dies geschieht vor allem in Regionen mit einer intakten Angebotsstruktur im Bereich der dualen Berufsausbildung. Hier wird der nichtgymnasiale Bildungsgang von Eltern für ihre Kinder präferiert, mit dem Ziel, dass diese – beispielsweise nach dem Erwerb des mittleren Schulabschlusses – eine duale Ausbildung in einem vor Ort ansässigen Betrieb beginnen.

Hinsichtlich der Zusammensetzung der Lehrerkollegien, der Unterrichtsqualität und der erreichten Kompetenzen zeigen die Analysen des ARB in der Sekundarstufe I kaum Unterschiede in Abhängigkeit von der Größe der Gemeinde, in der die Jugendlichen leben. Ein nennenswerter Unterschied ergibt sich in den Programmen für hochleistende Schülerinnen und Schüler, die eher in Schulen in größeren Städten angeboten werden. Die Wege zur Schule sind auf dem Lande auch etwas länger als in großen Städten, bewegen sich aber immer noch in Wegezeiten deutlich unter einer Stunde.

Regionale Disparitären im Schulsystem sind eher Mythos als Faktum.

Lehrkräfte im Sekundarbereich sind auf dem Lande ebenso qualifiziert wie in Städten, und ihre Unterrichtsqualität ist ebenfalls nicht geringer. Schülerinnen und Schüler erreichen auf dem Lande vergleichbare Kompetenzen und sind ebenso motiviert wie Gleichaltrige in Großstädten. Insgesamt ergibt sich somit ein Bild, wonach regionale Disparitären im Schulsystem eher Mythos als Faktum sind.

Für die Weiterentwicklung des schulischen Angebots in ländlichen Regionen ergeben sich aber dennoch einige Besonderheiten, die der ARB in seinen Empfehlungen adressiert. Dazu zählt der unbedingte Erhalt der Zwergenschule im Grundschulbereich, um Schulwege kurz zu halten. Dazu zählt auch im Sekundarbereich die Forderung, Schulzentren einzurichten, in denen alle Abschlüsse des allgemeinbildenden Schulsystems erworben werden können.

Gründung von Hochschulen in peripheren Regionen verbessert Bildungschancen

Große Stadt-Land-Unterschiede ergeben sich im Hochschulbereich. Universitäten prägen typischerweise das Bild von größeren Städten und Metropolen. Für Abiturientinnen und Abiturienten ländlicher Regionen ist die Aufnahme eines Studiums daher in der Regel mit einem Ortswechsel verbunden. Gleichzeitig haben die Bundesländer aber damit begonnen, Fachhochschulen in ländlichen Regionen zu gründen oder auch Dependancen großer Metropol-Universitäten in kleineren Städten einzurichten. Ein Beispiel dafür ist der TUM Campus Heilbronn, den die Technische Universität München (TUM) mit Stiftermitteln eingerichtet hat.

In diesem Sinne fordert auch der ARB die weitere Gründung von Hochschulen und Substandorten von Hochschulen in ländlich peripheren Regionen zur Stärkung des dortigen Bildungsangebots. Als Folge würden sich die Bildungschancen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in kleinen Gemeinden weiter verbessern. Zu hoffen ist so, dass die Diskussionen um regionale Benachteiligungen obsolet werden. Vielleicht kann es dann perspektivisch gelingen, die starke Binnenmigration weg von ländlichen Regionen in die großen Städte zu verlangsamen oder gar zu stoppen.

Zur Person

  • Olaf Köller ist seit 2009 Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und leitet dort die Abteilung Erziehungswissenschaft und Pädagogische Psychologie.
  • Zuvor war er Gründungsdirektor des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und Professor für Empirische Bildungsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Köller ist an aktuellen Bildungsprojekten beteiligt, zum Beispiel an der Evaluierung des Programms „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS) oder der Bremer Initiative zur Stärkung frühkindlicher Entwicklung (BRISE).
  • Er ist Mitherausgeber des gerade erschienenen umfangreichen Bandes „Das Bildungswesen in Deutschland“, das den aktuellen Forschungsstand abbildet.