Expertenstimme

Otfried Preußler Schule : Corona – die größte Amplitude, die die Schule je erlebt hat

In den vergangenen zweieinhalb Jahren lagen Hochs und Tiefs an der Otfried Preußler Schule in Hannover eng beieinander. Die Grundschule hat 2020 den Deutschen Schulpreis gewonnen, gleichzeitig musste sie in der Corona-Pandemie so vieles, was sie auszeichnet, zurückfahren. Nähe, Offenheit, Inklusion ließen die Corona-Beschränkungen kaum zu. Die Schulleiterin Alexandra Vanin beschreibt in ihrem Gastbeitrag für das Schulportal, wie die Schule diese herausfordernde Zeit erlebt hat, wie sie dabei mit dem Thema Schulentwicklung umgegangen ist und wie sich ein „zerpuzzeltes“ Kollegium wieder zusammenbringen lässt.

Otfried Preußler Schule mit Kindern und Schulleiterin Alexandra Vanin
2020 lag für die Otfried Preußler Schule mit dem Deutschen Schulpreis (hier bei der Verleihung im September 2020) und den Auswirkungen der Pandemie Hoch und Tief eng beieinander.
©Alexander Koerner

Corona scheint vorbei zu sein! Zumindest mit Blick auf die Schulaktivitäten. Es finden Handball-Turniere statt, bei denen Eltern und andere Sorgeberechtigte auf der Tribüne jubeln. Auch unterstützen Erwachsene bei der Fahrradprüfung, bei einem schnell organisierten Frei-Day-Straßenfest, beim Vorlesen in den Klassen, und alle freuen sich auf die kommende Schulparty. Auch im Kollegium ist seit den Osterferien eine fast ausgelassene Stimmung zu beobachten. Gemeinsame Geburtstagsfrühstücke, Arbeitsrunden und Vernetzungen finden endlich wieder in Präsenz statt, und es scheint „normales“ Schulleben zurückzukehren.

Die erste gemeinsame schulinterne Fortbildung fand Ende Mai statt, und alle haben sie dankbar und freudvoll aufgenommen. Wir konnten live und in echt streiten, arbeiten und feiern.

Kurze digitale Konferenzen, aber größere Diskussionen in Präsenz

Für das kommende Schuljahr werden wir die digitalen Errungenschaften für kurze Konferenzen beibehalten, aber die visionären Runden, in denen wir über Pädagogik diskutieren und auch streiten, sollen im Sinne dieser Fortbildung wieder in Präsenz stattfinden.

Langsam können wir so aus dem „Delirium“ der vergangenen zwei Jahre entkommen und uns wieder unserer Schulentwicklung zuwenden. Auch kommen wir allmählich weg von Ängsten, persönlichen Beschränkungen und Befindlichkeiten, hin zu unserem gemeinsamen Kerngeschäft von guter Bildung für eine Welt von morgen.

Aber dazu gehört auch der Blick zurück. Was war das für ein Jahr 2020!

Dieses Jahr – und später sollte sich herausstellen, auch das folgende – war mit einer der größten Amplituden versehen, die alle pädagogischen Jahre zuvor nicht bieten konnten.

Im Februar war die Jury des Deutschen Schulpreises zu Besuch in der Otfried Preußler Schule, eine Woche später befanden wir uns im Lockdown.

Unterricht bildete sich als Kachel, zum Teil mit den eigenen Kindern auf dem Schoß, auf dem Monitor und in virtuellen Räumen ab.

Mit einem riesigen Kraftakt haben wir Unterrichtsmedien für die einen Kinder digitalisiert und für andere als Print im Hausflur abgegeben. Für die einen Kinder haben wir Online-Meetings organisiert, und die anderen Kinder haben wir am Gartentor besucht. Unterricht bildete sich als Kachel, zum Teil mit den eigenen Kindern auf dem Schoß, auf dem Monitor und in virtuellen Räumen ab. Wir organisierten Notgruppen an den Osterfeiertagen, weil Eltern und andere Sorgeberechtigte in den Arbeitseinsatz mussten.

Die Gesellschaft lag unter dem Corona-Brennglas. Aber auch wir als Kollegium und Schulgemeinschaft befanden uns unter diesem Brennglas.

Hoch und Tief lagen dicht beieinander

Im September durften wir uns als Hauptpreisträger des Deutschen Schulpreises feiern. In Kohorten, online und mit geladenen Gästen auf Abstand. Wir bekamen den Schulpreis für unsere inklusive Arbeit, unsere Haltung und Atmosphäre im Schulgebäude, für unsere individuelle Arbeitsweise und unsere gelungene Vernetzung.

Den Preis empfingen wir, als Kinder mit Förderbedarfen ins Homeschooling verbannt waren, die Türen der Klassenräume geschlossen waren, Unterricht in Szenarien aufgeteilt wurde und als maximal 10 Kinder eine Lehrkraft frontal anschauten. Die meisten Kommunikationskanäle waren vom Virus zerschnitten.

Hoch und Tief liegen so dicht beieinander – das lehrte uns der Schulpreis! Aber wie damit umgehen? Wie aus dem Tief herausfinden? Ist Schulentwicklung in diesem Delirium überhaupt möglich? Okay, Schule entwickelt sich immer. Nur ist es schön, diese Entwicklung mitzubestimmen und sie nicht einfach sich selbst zu überlassen.

Schulentwicklungsprozesse in der Pandemie gestoppt

Wie immer im Leben galt nun auch für uns: „Aufstehen, Krönchen richten und weiter“. Aber nicht wie vorher, sondern in dem Versuch, es bedarfsorientiert und an die Zeit angepasst zu machen.

Für die Kinder haben wir in dieser Zeit versucht, alles nur Mögliche zu tun, und viele Kolleg:innen sind dabei deutlich über ihre Ressourcen hinausgegangen. Die Mehrheit des Kollegiums wirkte nach Wochen und Monaten der spontanen Organisation, der Mangelverwaltung und persönlichen Ängste erschöpft und ausgelaugt.

Zum Schutz des Kollegiums und als Lösungsansatz haben wir alle Schulentwicklungsprozesse für das folgende Jahr gestoppt und kompromisslos ausgesetzt. Es schien plötzlich nicht mehr wichtig, die Lernentwicklungsberichte zu evaluieren oder deren Strukturen zu verändern. Diese vorher für uns so wichtigen Entwicklungsschritte wurden in Kürze und unter dem Brennglas der Corona-Zeit zu einer immensen Belastung.

Schule hat Fokus auf Achtsamkeit und Resilienz gerichtet

In Einigkeit mit dem Schulvorstand haben wir den Schwerpunkt „Achtsamkeit und Resilienz“ als Entwicklungsziel ausgerufen. Wir mussten uns um uns kümmern und gesund bleiben, um den Kindern weiter Kraft geben zu können. Wir haben uns in dieser Zeit virtuell bei einem digitalen Lagerfeuer getroffen und geredet, gelacht, gespielt und dabei Wein getrunken.

Wir haben Bücher zu den Themen Achtsamkeit und Resilienz angeschafft, MBSR-Kurse für achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (mindfulness based stress reduction) angeboten, die „7-mind“-App für alle Interessierten eingekauft und Yoga-Kurse während des Schultags angeboten. Wir haben die MeTa-Zeit eingeführt – ein Training, das Bewegung, Meditation und Achtsamkeit in den Schultag integriert, wir haben Techniken zur Meditation und Atmung angeboten und Fachvorträge sowie gemeinsame Fortbildungen organisiert. Wir haben den Fokus auf interne Supervisionsangebote und externe Coachings im Bereich der Kommunikationsstrukturen gelegt.

Wir haben uns als Gruppe, als Arbeitsrunde und aber auch als Menschen wieder gefunden. Zum Teil sogar neu kennengelernt.

In der Lockdown-Zeit waren Zugänge schwierig und nicht immer barrierefrei. Die dann folgende Lockerung hat uns wieder mehr Möglichkeiten gegeben, und so kamen wir wieder besser ins Gespräch und in den Austausch. Wir haben uns als Gruppe, als Arbeitsrunde und aber auch als Menschen wieder gefunden. Zum Teil sogar neu kennengelernt.

Die Folgen der Pandemie begleiten uns noch lange

Natürlich konnten wir mit dieser Idee nicht alle im Kollegium erreichen, aber die Gruppe der Interessierten stieg stetig an, und die Hilfen konnten Nährboden finden und sich aussäen.

Wichtig war uns, ein Signal für die Sorge um den Menschen zu setzen und uns nicht ausschließlich auf die Arbeit zu fokussieren. Wir denken, diese Intervention kam genau zur rechten Zeit, um die Kurve vom Tal der Tränen in eine zuversichtlich positive Richtung zu lenken.

Die Corona-Zeit war mehr als eine Herausforderung oder Belastung. Sie ist ein Brennglas für gesellschaftliche und menschliche Existenzängste. Deren Folgen werden wir noch lange tragen müssen.

Ein „zerpuzzeltes“ Kollegium wieder zusammenbringen

Dennoch lässt sich jeder schwierigen Zeit auch immer etwas Gutes und Gewinnbringendes abringen. Wir sind diese Zeit zusammen gegangen, haben jede Menge Digitales gelernt, flexible und unkonventionelle Lösungen gefunden und gezeigt, wie wandlungsfähig und schnell Schule und deren Entwicklung sein kann.

Diese Flexibilität auch ein Stück weit zu erhalten, ohne zu stark an die eigenen Ressourcen zu gehen – das ist die Challenge auf dem Weg hinaus aus der Krise, um ein zerpuzzeltes Kollegium wieder zusammenzubringen.

Digitale Lagerfeuer, Konferenzen und Gremiensitzungen wandelten sich langsam in hybride Treffen, dann aber auch wieder in Präsenzformen. Dabei gilt es, den Balance-Akt zwischen Sicherheit oder Sorge und der Gestaltung eines gemeinsamen Arbeitsorts zu meistern, bei dem wir den Fokus auf die Kinder richten.

Corona ist nicht vorbei, aber es gibt ein zukünftiges Leben mit Corona, und das hält Freude, Verantwortung und die Chance des Wandels von Bildung vor.

Als Leitungsteam haben wir versucht, Verständnis zu äußern, aber auch fachliche und berufliche Bereitschaft einzufordern, um trennscharf die Bereiche des Lebens in Abgrenzung zu bringen. So sind notwendige Präsenztreffen zunehmend verpflichtend, aber besorgte Kolleg:innen können mit Maske an der offenen Tür stehend teilnehmen.

Wir stellen fest, Corona ist nicht vorbei, aber es gibt ein zukünftiges Leben mit Corona, und das hält Freude, Verantwortung und die Chance des Wandels von Bildung vor. Es kann also gut werden.

Ausgehend von der eigenen Selbstfürsorge, sind wir zukünftig noch besser in der Lage, Schulen neu zu denken. Nun liegt der Fokus aber beim Land und auch beim Bund, dies auch zu sehen und endlich nötige Ressourcen bereitzustellen und die Wichtigkeit von gesunder Bildung entschlossener zu fördern.

Zur Person

Alexandra Vanin
  • Alexandra Vanin-Andresen ist Schulleiterin der Otfried Preußler Schule in Hannover.
  • Der inklusiven Grundschule wurde im September 2020 im Wettbewerb um den Deutschen Schulpreis der Hauptpreis verlieren.
  • Die Schulleiterin setzt sich für whole school approach ein. Ziel dieses Ansatzes ist es, alle Aktivitäten einer Schule im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) auszurichten.