Diskussion

Gender-Debatte : Warum der Genderstern in der Schule kein Fehler sein kann

Ist der Genderstern richtig oder falsch? Karin Prien, Bildungsministerin in Schleswig-Holstein, hat darauf eine klare Antwort. Richtig ist an Schulen allein das, was der deutsche Rechtschreibrat empfiehlt und der sieht keine Binnenzeichen vor. Da trotzdem immer mehr Schulen inzwischen den Genderstern oder ähnliche Zeichen zulassen oder selbst verwenden, regelt nun ein Erlass den Umgang an Schulen mit gendersensibler Sprache in Schleswig-Holstein. Allerdings wird der sogenannte Genderstern-Erlass heftig diskutiert. Alexej Stroh, Vorsitzender der Direktorinnen- und Direktorenvereinigung im Philologenverband Schleswig-Holstein, hält die Verordnung für widersprüchlich zum Bildungsauftrag. In diesem Schreiben an das Bildungsministerium begründet der Schulleiter, warum er gendersensible Sprache nicht als „Fehler“ bewerten kann.

Alexej Stroh 01. Oktober 2021 Aktualisiert am 04. Oktober 2021 1 Kommentar
An einem Whiteboard steht das Wort «Lehrer» in verschiedenen Gender-Schreibweisen.
Der Genderstern-Erlass des Bildungsministeriums in Schleswig-Holstein befeuert die Debatte um gendersensible Sprache an der Schule.
©Uli Deck/dpa
Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
Ludwig Wittgenstein

Am 3. September wurde die Mitgliedschaft der schleswig-holsteinischen Kultusministerin Karin Prien im Team des CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet bekanntgegeben. Wenige Tage später sicherte die Ministerin sich die Schlagzeilen mit der Ankündigung, die Verwendung von Gendersternchen in Schulen verbieten zu wollen. Eine halbe Woche nach dieser Ankündigung bereits wurde dazu ein offensichtlich im Eilverfahren verfasster vierseitiger (!) Erlass veröffentlicht und an die Schulen des Landes versendet.

Am Tag darauf fand die Jahrestagung der Direktorinnen- und Direktorenvereinigung Schleswig-Holstein (DVSH) statt, auf der dieses Vorgehen von vielen kritisch bewertet wurde. Dabei geht es um Grundsätzliches. Denn der gesamte Ablauf erweckt doch sehr den Eindruck, dass der Kampf um Wählerstimmen leitend für das Vorgehen war. Wir erleben in Wahlkampfphasen leider immer wieder, dass Bildung und Schule für Ziele instrumentalisiert werden, die unserem Bildungsauftrag fremd oder gar konträr zu ihm sind. Dagegen müssen wir uns grundsätzlich, egal aus welcher Richtung kommend, verwahren.

Der Genderstern-Erlass wird dem Problem an weiterführenden Schulen nicht gerecht

Leitend für die Bewertung von Rechtschreibleistungen in Schulen war schon vor Veröffentlichung des Erlasses das Regelwerk des deutschen Rechtschreibrats. Daran zu diesem Zeitpunkt speziell wegen der Verwendung des Gendersterns zu erinnern, ist zwar medienwirksam plakativ, wird aber dem Problem, mit dem wir es eigentlich zu tun haben, nämlich Mittel zu finden, eine Leerstelle im tradierten Sprachgebrauch zu füllen, nicht gerecht. Der Erlass nämlich ist für unseren Bildungsauftrag in den weiterführenden Schulen ausgesprochen problematisch. Schließlich wird in diesem zwar die Bedeutung des Themas Antidiskriminierung betont und in diesem Zusammenhang auch die Sensibilisierung für den Umgang mit Diversität sowie die Verwendung geschlechtergerechter Sprache als wichtiges Thema in Schule erklärt, gleichzeitig aber soll ab sofort die Verwendung einer Schreibweise mit Binnenstern o. ä.  grundsätzlich als Fehler markiert werden.

Ein markierter Fehler jedoch würde bedeuten, dass die Lehrkraft, die diesen Fehler feststellt, eine korrekte Schreibung für das, was die schreibende Person zum Ausdruck bringen will, anbieten können müsste. Ich behaupte an dieser Stelle schon einmal: Das kann sie nicht.

Ein markierter Fehler jedoch würde bedeuten, dass die Lehrkraft, die diesen Fehler feststellt, eine korrekte Schreibung für das, was die schreibende Person zum Ausdruck bringen will, anbieten können müsste. Ich behaupte an dieser Stelle schon einmal: Das kann sie nicht. Der Grund dafür ist banal, denn es handelt sich hier nicht um ein Rechtschreibproblem. Man kann ihm also auch nicht mit einem Regelwerk für Rechtschreibung begegnen. Im so umstrittenen Genderstern kristallisiert sich eine Debatte, die derzeit mindestens in allen freien Gesellschaften recht leidenschaftlich und intensiv geführt wird und die längst nicht mehr allein Geschlechtergerechtigkeit betrifft, sondern in der insgesamt ein binär gedachtes Menschen- und Weltbild (weiblich / männlich; Migrationshintergrund / kein Migrationshintergrund; schwarz / weiß; …) aufgebrochen wird.

Manchmal hilft mir ein Blick aus einer anderen Perspektive, um mich dem Wesen eines Problems, hier dem Wesen des Gendersterns, nähern zu können. Als Mitte des 20. Jahrhunderts die westliche Kunstmusik zahlreiche außereuropäische Einflüsse erfuhr, war das, was Komponist:innen wie Cage und viele andere ausdrücken wollten, in dem bisherigen Ton- und Notationssystem – der Grammatik und Schreibung der Musik – nicht mehr möglich abzubilden. Der bisher verwendete diatonisch-chromatische Tonvorrat reichte nicht mehr aus, es fehlte der Notenschrift an Zwischentönen zwischen den „naturgegebenen“, z. B. an Vierteltönen oder an Mikrotönen. Die betreffenden Komponist:innen und in der Folge viele weitere erweiterten die Schrift um Möglichkeiten, das Dazwischen, auch das Ungefähre ausdrücken zu können.

Der Genderstern macht etwas sichtbar, wofür es im bisherigen Sprachgebrauch keine Struktur gab

In der Verwendung vom Genderstern oder anderen Schreibweisen mit Sonderzeichen innerhalb eines Wortes manifestiert sich das Bemühen, etwas zu formulieren und sichtbar zu machen, wofür es im bisherigen Sprachgebrauch keine Struktur gab. Das Sternchen, ursprünglich gedacht, um neben den weiblichen und männlichen Geschlechteridentitäten auch diverse mit einzubeziehen, hat über dieses Anliegen hinaus mittlerweile eine viel weitreichendere Bedeutung gewonnen. Im Konstrukt „Schüler*innen“ erfüllt es diesen ersten Zweck. Und im Unterschied zu dem großen Binnen-I (SchülerInnen) versucht es, nicht nur zwei gegeneinander abgrenzbare Geschlechter anzusprechen, sondern auch andere. Dies ist auf unseren Bereich Schule bezogen ganz entscheidend, da wir mittlerweile etliche Jugendliche in den Schulen haben, die sich in der wichtigen Phase ihrer Persönlichkeitsbildung in dieser binären Welt nicht finden.

Man sieht darüber hinaus aber bei weitergehender Betrachtung, dass das Sternchen inzwischen für weit mehr noch steht: Unter dem Begriff „Migrant*innen“ z. B. vereinigen sich zahlreiche Biografien, die in irgendeiner Weise mit Migration zu tun haben, aber unterschiedlicher voneinander, diverser, nicht sein könnten. Das Sternchen hat längst die rein auf die Geschlechter bezogene Bedeutungsebene verlassen und versucht, in der Sprache auf viel allgemeinerer Ebene Schubladendenken aufzulösen und eine Diversität zum Ausdruck zu bringen, die mit bisherigen Formen wie männlich, weiblich, türkisch, arabisch oder „Mensch mit/ohne Migrationshintergrund“ nicht zu fassen ist. Diese erweiterte Bedeutung wiederum wirkt zurück auf das erste Beispiel, sodass sich mittlerweile in dem Begriff Schüler*innen die gesamte Vielfalt an Identitäten, nicht nur die geschlechtliche, innerhalb derjenigen Menschen spiegelt, die die Schule besuchen.

Der deutsche Rechtschreibrat bietet keine Alternativen für Binnen-Sonderzeichen an

Der Wille, diese Diversität zum Ausdruck zu bringen, hat mehrere heftig umstrittene Schreibweisen hervorgebracht, die mit einem Binnen-Sonderzeichen arbeiten. Der deutsche Rechtschreibrat empfiehlt die genannten Schreibungen nicht, bietet aber leider auch keine Alternativen an. Nach den Erläuterungen oben ist offensichtlich, dass die Nennung von zwei Geschlechtern (Schülerinnen und Schüler) eine solche eben nicht grundsätzlich sein kann, ebenso wenig neutrale Formen (Lernende), von dem der deutschen Sprache als Besonderheit innewohnenden generischem Maskulinum ganz zu schweigen. Wenn eine Lehrkraft das Sternchen als falsche Schreibweise markiert, muss sie der Schülerin oder dem Schüler eine korrekte für das, was an Diversität ausgedrückt werden soll, anbieten können. Allein es gibt keine. Weiter gedacht heißt dies aber leider: Das, was du versuchst, zum Ausdruck zu bringen, kannst du leider nicht formulieren, da es dafür kein bisher zugelassenes Wort gibt. Pech gehabt.

Wo, wenn nicht in unseren weiterführenden Schulen, soll und muss der oben genannte gesellschaftliche Diskurs geführt werden? Laut Erlass soll dies auch unbedingt geschehen. Nun aber kommt die Politik und erklärt per Verordnung die wesentliche Chiffre in dieser Debatte – man muss es leider sagen: in einem armseligen Handstreich – zu einem Rechtschreibfehler. Basta! Der Widerspruch in dem Erlass entsteht an dieser Stelle: Wenn Sprachwandel als Merkmal einer lebendigen Sprache konstatiert wird, der in den Schulen thematisiert werden soll, kann man kaum stur mit einer Positivliste – nichts anderes ist der vom Rechtschreibrat festgelegte Normwortschatz – von korrekten Wörtern und Schreibweisen arbeiten. Denn diese setzt der Sprachverwendung eine starre Grenze.

Viele Schülerinnen und Schüler haben sich bewusst für gendergerechte Sprache entschieden

Viele unserer Schülerinnen und Schüler haben sich bewusst und reflektiert für die Verwendung einer gendergerechten Sprache entschieden – vielleicht aus der eigenen Situation heraus oder auch aus Respekt vor den Menschen in ihrem Umfeld. Das Landesschüler:innenparlament hat sich auf gendergerechte Sprache im eigenen Arbeitsbereich festgelegt. Vom Ministerium wird mitgeteilt: Wenn ihr das in der Schule macht, ist das falsch. Weil ihr falsch schreibt. Das kann keine ernst gemeinte Antwort von Politik sein, die sonst keine Gelegenheit auslässt zu betonen, wie wichtig Demokratieerziehung an Schulen ist. Hier zeigt sich eine leider eher ideologiegetriebene Weigerung, sich wirklich diskursiv mit den Gedanken und Bedürfnissen einer jungen Generation auseinanderzusetzen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Unstrittig ist, dass das Erlernen des Schreibens in den unteren Klassen nicht mit zusätzlichen Hürden versehen werden darf. Dies ist kein Plädoyer für eine wie auch immer geartete verbindliche Einführung von Sternchen und Doppelpunkten im schulischen Kontext. Natürlich haben die vom Rechtschreibrat angelegten Kriterien ihre Berechtigung. Man muss aber in der Lage sein, eine Entwicklung wie die in dem hier betrachteten Fall zu beobachten, ohne ihr mit einer – typisch Schule leider – Fehlerkultur zu begegnen. Unsere Schülerinnen und Schüler erlernen sowohl im Deutsch- als auch im Fremdsprachenunterricht adressatenbezogenes Schreiben. Hier werden sie für den reflektierten Einsatz von unterschiedlichen Sprachverwendungen sensibilisiert. Manchmal gibt es auch etwas jenseits von richtig oder falsch. Etwas dazwischen. Dem Genderstern kann man nicht binär begegnen. Das trifft sein Wesen nicht.

Zur Person

©Philologenverband Schleswig-Holstein

Ihre Meinung ist gefragt!

Die Debatte über gendersensible Sprache wird an vielen Schulen leidenschaftlich geführt und die Meinungen dazu gehen oft weit auseinander. Wie gehen Sie an Ihrer Schule damit um? Wird ein Gendersternchen in Texten von Schülerinnen und Schülern als Fehler bewertet? Braucht es klare Regelungen oder sollten Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden können, ob sie gendersensible Binnenzeichen verwenden? Beteiligen Sie sich an der Diskussion und schreiben Sie in den Kommentaren oder an redaktion@deutsches-schulportal.de.