Diskussion

Zwei Abiturienten diskutieren : Abiturprüfungen trotz Corona – ja oder nein?

Die Kultusministerkonferenz hat sich darauf verständigt, die Prüfungen für das Abitur und andere Schulabschlüsse auch in diesem Jahr stattfinden zu lassen. Doch in der Schülerschaft wird das Thema weiter kontrovers diskutiert. Das Schulportal hat daher Joanna Kesicka und Florian Reetz zum Streitgespräch eingeladen. Beide stehen vor dem Abitur. Joanna Kesicka ist Landesschülersprecherin in Sachsen und spricht sich für die Durchführung der Prüfungen aus. Florian Reetz vertritt die Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen und ist angesichts der vielen Einschränkungen an den Schulen für eine Absage der Prüfungen. Und wie ist Ihre Meinung dazu? Machen Sie mit bei unserer Umfrage.

Annette Kuhn 05. März 2021 Aktualisiert am 08. April 2021
Abiturprüfungen Jugendliche unterstreicht das Wort Abitur auf Tafel
Die Länder haben sich darauf verständigt, die Abiturprüfungen stattfinden zu lassen. Die Schülerschaft ist bei diesem Thema gespalten.
©picture alliance / dpa

Deutsches Schulportal: Florian Reetz, Sie haben sich gegen die Durchführung der Abiturprüfungen ausgesprochen und plädieren dafür, die Abiturnote aus den schon erbrachten Vornoten zu berechnen. Also ein Durchschnittsabitur?
Florian Reetz: Im Landesschülerrat sprechen wir nicht von „Durchschnittsabitur“, sondern wir fordern: „Bildung statt Prüfung“. „Durchschnittsabitur“ ist ein negativ behafteter Begriff aus der Diskussion im vergangenen Jahr.

Was ist der Unterschied zu „Bildung statt Prüfung“?
Reetz: Wir haben erkannt, dass die Schule nicht so enden kann, wie sie sonst enden sollte, weil die Situation ausnahmslos ist. Die Schülerinnen und Schüler brauchen also Zugeständnisse, um ihre Abiturprüfungen bewältigen zu können. Aber weitere Zugeständnisse sind aus meiner Sicht kaum noch möglich. Da bleibt nur die Absage von Abschlussprüfungen. Mit der Absage würden wir aber etwas verlieren. Deswegen wollen wir, dass die Prüfungen durch Unterricht ersetzt werden. Damit würden wir nicht etwas verlieren, sondern gewinnen.

In Niedersachsen waren die Abschlussklassen während des Lockdowns in den Schulen. Wieso ist eine ausreichende Vorbereitung auf die Abiturprüfungen aus Ihrer Sicht da nicht möglich?
Reetz: Die Abschlussklassen hatten geteilten Unterricht, also etwa 50 Prozent. Die Unterschiede sind dabei zwischen den Schulen sehr groß, sogar schon innerhalb einer Schule. An meiner Schule gibt es zum Beispiel zwei Deutsch-Leistungskurse. Die Lehrkraft des einen Leistungskurses ist seit Monaten nicht an der Schule, weil sie Corona-Risikopatientin ist. Der Kurs hatte also kaum Präsenzunterricht. Der andere Leistungskurs hatte sehr viel Präsenzunterricht. Die Abiturientinnen und Abiturienten lernen also unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Es gibt sehr viele solcher Unterschiede. Daher passt der Deckel zentral geregelter Abschlussprüfungen nicht mehr drauf.

Joanna Kesicka, Sie sprechen sich für die Durchführung der Prüfung aus. Sehen Sie diese Probleme nicht, die Florian Reetz hier beschreibt?
Joanna Kesicka: Ich sehe auch, dass die Vorbereitung in diesem Jahr viel schlechter war und dass Homeschooling in vielen Punkten nicht funktioniert hat. Aber es ist nicht so, dass der Unterricht komplett ausgefallen ist. Deshalb sagen wir vom Landesschülerrat Sachsen: Es braucht Nachteilsausgleiche für diejenigen, die dieses Jahr Abitur oder andere Abschlüsse machen. Wir sind aber der Ansicht, dass diese Nachteilsausgleiche so gestaltet sein können, dass man die Schülerinnen und Schüler auf ein vergleichbares Niveau mit vorherigen Jahrgängen bringen kann. Mit einem Durchschnittsabitur aber wäre die Fairness gegenüber vergangenen und kommenden Abiturjahrgängen nicht mehr gegeben.

Der Landesschülerrat hat mit Vertreterinnen und Vertretern von Unternehmen in Sachsen gesprochen, und sie haben gesagt: „Prüfungen sind für uns wichtig, weil sie einen Bewerbervergleich möglich machen.“ Wenn aber die Prüfungen fehlen – werden dann vielleicht jetzt die Bewerberinnen und Bewerber von 2020 und im kommenden Jahr die von 2022 bevorzugt?

Porträt Joanna Kesicka
Joanna Kesicka besucht die zwölfte Klasse eines Gymnasiums in Löbau bei Görlitz und macht in diesem Schuljahr Abitur. Die 19-Jährige engagiert sich seit 2018 im Landesschülerrat Sachsen und ist seit 2019 dessen Vorsitzende.
©privat

Die Kultusministerkonferenz hat sich auf Erleichterungen beim Abitur verständigt: Verschiebung der Prüfungstermine, mehr Zeit während der Prüfungen, mehr Auswahlmöglichkeiten. Was fordern Sie darüber hinaus?
Kesicka: Wir unterscheiden zwischen Nachteilsausgleichen vor den Prüfungen, in den Prüfungen und nach den Prüfungen. Vor den Prüfungen muss der Unterricht auf die Prüfungsfächer fokussiert werden. Und dieser Unterricht muss möglichst in Präsenz stattfinden. Das Kultusministerium in Sachsen hat das inzwischen auch so angepasst. Für die Prüfungen fordern wir über die flexiblere Terminauswahl und die Verlängerung der Prüfungszeit hinaus noch eine zusätzliche Wahlaufgabe. Und nach den Prüfungen – in Sachsen findet dann noch weiter Unterricht statt – sollen sich die Abiturientinnen und Abiturienten auf den Unterricht in den einbringungspflichtigen Fächern konzentrieren können. Und falls es dazu kommt – wie wir es im vergangenen Jahr im Mathe-Abitur hatten –, dass die Abiturnote in einem Fach viel schlechter ausfällt als in den vorherigen Jahren, dann muss eine Notenanhebung im Nachhinein stattfinden.

Reetz: Also das ist keine Lösung für mich. Hinterher den Durchschnitt anzupassen wäre doch ein totales Zugeständnis, dass man in der Vorbereitung versagt hat oder dass die Prüfungen schlecht verfasst wurden. Es ist aber doch viel zu spät, jetzt noch die Prüfungsaufgaben anzupassen. In Niedersachsen schreiben wir schon Mitte April die erste Klausur. Eine Prüfungskommission hat sonst etwa ein Jahr Zeit, um die Prüfungen zu entwickeln. Wenn man die Prüfungen nun dezentral laufen lässt und die Lehrkräfte die Aufgaben selbst verfassen, ist die Gefahr von Fehlern ja auch sehr groß, weil es keine Zeit mehr gibt, die Aufgaben vorher zu überprüfen. Da ist es besser und entspannter, gleich auf die Prüfungen zu verzichten.

Kesicka: Ich glaube nicht, dass ein Durchschnittsabitur entspannter ist. Das Gegenteil ist der Fall. Viele Schülerinnen und Schüler haben jetzt Zukunftssorgen, wie es nach dem Abschluss weitergeht. Und wenn wir auf die Prüfungen verzichten, vergrößern wir diese Sorgen doch noch. Wir kennen doch gar nicht die Auswirkungen eines Durchschnittsabiturs. Wird es in der Gesellschaft wirklich anerkannt?

Porträt Florian Reetz
Florian Reetz, 18, besucht die 13. Klasse einer Integrierten Gesamtschule in Braunschweig und steht kurz vor den Abiturprüfungen. Reetz ist seit einem Jahr Vorsitzender des Landesschülerrats Niedersachsen.
©dpa

Wir fordern ja nicht nur die Absage von Prüfungen, sondern stattdessen mehr Bildung. Die Abiturientinnen und Abiturienten hätten zwei Monate mehr Zeit, Inhalte zu lernen und Kompetenzen zu erwerben. Da mache ich mir wenig Sorgen um einen möglichen Einführungstest an den Hochschulen.

Was kann denn passieren?
Kesicka: Auch wenn wir es schaffen, dass ein Durchschnittsabitur als gleichwertiger Abschluss angenommen wird, ist noch nicht gesagt, dass Unternehmen und Hochschulen da auch mitmachen. Wer garantiert mir, dass die Hochschulrektorenkonferenz nicht sagt: „Okay, wir erkennen den Abschluss an, aber wir möchten eine Einführungsprüfung machen, weil wir sehen wollen, auf welchem Stand die Bewerberinnen und Bewerber sind.“ Dann ist doch noch mehr Druck für die Bewerberinnen und Bewerber da.

Auch bei einer Bewerbung für einen Ausbildungsplatz kann ein Durchschnittsabitur problematisch sein. Der Landesschülerrat hat mit Vertreterinnen und Vertretern von Unternehmen in Sachsen gesprochen, und sie haben gesagt: „Prüfungen sind für uns wichtig, weil sie einen Bewerbervergleich möglich machen.“ Wenn aber die Prüfungen fehlen – werden dann vielleicht jetzt die Bewerberinnen und Bewerber von 2020 und im kommenden Jahr die von 2022 bevorzugt?

Und wie sieht es mit dem Ausland aus? Es gibt ja viele Schülerinnen und Schüler, die im Ausland studieren wollen oder sich für ein Au-pair bewerben – da kann keiner sicher sein, dass ein Durchschnittsabitur anerkannt wird.

Wollen wir den Jahrgang 2021 wirklich zum Versuchskaninchen machen?

Reetz: Versuchskaninchen sind wir sowieso schon. Aber ich glaube nicht, dass sich die Abschlussjahrgänge mehr Sorgen machen müssen. Denn wir fordern ja nicht nur die Absage von Prüfungen, sondern stattdessen mehr Bildung. Die Abiturientinnen und Abiturienten hätten zwei Monate mehr Zeit, Inhalte zu lernen und Kompetenzen zu erwerben. Da mache ich mir wenig Sorgen um einen möglichen Einführungstest an den Hochschulen.

Einheitlichkeit bei Abiturprüfungen gibt es nicht

Und was ist, wenn jemand gehofft hat, seine Noten durch die Abiturprüfungen zu verbessern?
Reetz: Die Möglichkeit zu mündlichen Prüfungen sollte bleiben. Es gibt natürlich diejenigen, die darauf gebaut haben, sich durch die Abiturprüfungen zu verbessern. Das sind sehr wenige, aber die wollen wir natürlich berücksichtigen. Und auch für die Schülerinnen und Schüler, die sonst vielleicht nicht auf die Mindestpunktzahl kommen, sind die mündlichen Prüfungen eine Chance, ihr Abitur noch zu schaffen.

Kesicka: Interessant: Du willst also die Prüfungen streichen, aber hältst an den Nachprüfungen fest? Das finde ich widersprüchlich.

In Rheinland-Pfalz haben die meisten Abschlussklassen ihre Abiturprüfungen bereits absolviert. Wenn jetzt andere Bundesländer auf die Prüfungen verzichten – ist das ein Problem?
Reetz: Gerechtigkeit ist ein großer Punkt. Und ich finde es auch schwierig, dass das Abitur in Rheinland-Pfalz schon geschrieben ist. Aber Einheitlichkeit gibt es durch den Föderalismus und auch durch die verschiedenen Schulformen ohnehin nicht. In vielen Betrieben wird ein Abitur von einem Gymnasium höher bewertet als von einer anderen Schulform.

Kesicka: Aber diese Unterschiede sollten wir nicht noch größer werden lassen. Ich finde das auf jeden Fall problematisch, wenn in einem Bundesland die Abiturprüfungen stattfinden und in einem anderen nicht. Gerade in der Krisensituation ist es wichtig, eine Art von Einheitlichkeit zu schaffen.

Die Hochschulen könnten den Abiturientinnen und Abiturienten in diesem Jahr als Nachteilsausgleich auch einen Bonus geben. Ist so etwas für Sie denkbar?
Kesicka: Wenn es modifizierte Abschlussprüfungen mit den entsprechenden Nachteilsausgleichen gibt, braucht es keine verpflichtenden Erleichterungen vonseiten der Hochschulen.

Reetz: Das nützt dann ja auch nur denjenigen, die ein Studium anfangen. Und ich sehe das vom Prinzip her wie Joanna: Wenn alle Abiturientinnen und Abiturienten gleichbehandelt werden, braucht es keine Zugeständnisse auf einer anderen Ebene.

Nachteilsausgleich für alle Abschlussklassen

Wir haben jetzt nur über das Abitur gesprochen – wie sollten die anderen Abschlussprüfungen laufen?
Reetz: Die Abschlüsse am Ende der Sekundarstufe I sind ja noch viel unterschiedlicher geregelt als das Abitur. Einige Bundesländer machen Prüfungen, andere nicht. Berlin hat die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss bis auf die Präsentationsprüfung bereits abgesagt. Wir machen uns in Niedersachsen dafür stark, dass die Abschlussprüfungen nicht stattfinden und durch Unterrichtszeit ersetzt werden.

Kesicka: Wir haben uns als Landesschülerrat natürlich dafür eingesetzt, dass auch die Abschlussjahrgänge der Oberschulen und Förderschulen bei den Prüfungen Nachteilsausgleiche bekommen. Zum Beispiel fordern wir, dass sie mehr mündliche Nachprüfungen machen können, wenn sie mit den Noten unzufrieden sind. Normalerweise ist das nur in zwei Fächern möglich. Wir haben gefordert, dieses Limit aufzuheben, damit die Schülerinnen und Schüler in so vielen Fächern, wie sie wollen, in die mündliche Nachprüfung gehen können.

Nachteilsausgleiche an den Oberschulen sind auch deshalb sehr wichtig, weil gerade an den Oberschulen der Anteil von sozial schwächeren Familien höher ist und die Lernbedingungen im Homeschooling oft noch schlechter waren. Aber auch an den Oberschulen sollten die Prüfungen auf jeden Fall stattfinden, weil die Jugendlichen sonst schlechtere Chancen auf dem Ausbildungsmarkt haben. Wie gesagt, die Betriebe schauen besonders auf die Noten der Abschlussprüfungen. Und sie schauen vielleicht in diesem Jahr noch mehr darauf, weil wegen der Pandemie keine Berufspraktika stattfanden und das Zeugnis noch mehr bei der Bewerberwahl zählt.

Ihre Meinung ist gefragt!

Bis zum 26. März 2021 konnten Sie an der Umfrage teilnehmen.

64 Personen haben an der Abstimmung teilgenommen.