Diskussion

Schule der Zukunft : Sind Schulen Unternehmen?

Die Digitalisierung verändert das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben rasant und erschafft auch neue Möglichkeiten, Schule anders zu gestalten. Schule braucht einen Neustart, finden zwei Wirtschaftswissenschaftlerinnen der Technischen Universität München (TUM) und haben das Thesenpapier „Schule 5.0“ erstellt. Im Interview mit dem Schulportal erläutern sie ihre Thesen zur Schule der Zukunft, ziehen einen Vergleich zwischen Schulen und Unternehmen und erläutern, wie sich Bildungstechnologie für das Lernen nutzen lässt. Aus ihrer Sicht könnte diese Nutzung sogar für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen und Lehrkräfte entlasten.

Annette Kuhn 05. Mai 2021 4 Kommentare
Schule 5.0 Mädchen beim Expiremnt
Das Thesenpapier „Schule 5.0" skizziert eine Schule, die verstärkt auf lebensnahe Lernprojekte setzt.
©IStock

Deutsches Schulportal: Wie sieht für Sie die Schule der Zukunft aus?
Isabell Welpe: Esther Ostmeier und ich haben in sechs Thesen zusammengefasst, was wir als wichtig erachten für die Zukunft der Schulen. Erstens: „Schule 5.0“ macht individuelle Lernangebote statt „One Size Fits All“-Unterricht. Zweitens: „Schule 5.0“ hat Lehrpläne, die aktuelles und zukünftig relevantes Wissen und Kompetenzen vermitteln. Drittens: „Schule 5.0“ hat mehr Flexibilität in Räumen, Zeiten und Strukturen. Viertens: „Schule 5.0“ verändert die Aufgabenprofile von Lehrkräften. Fünftens: „Schule 5.0“ setzt auch neue Grundsätze und Standards, sogenannte Defaults. Sechstens: „Schule 5.0“ wird ermutigt von Schulleitung  und „Schulpolitik 5.0“.

Das aus meiner Sicht Dringlichste wäre ganz klar, dass sich die Schule der Zukunft von Einheitsformaten für Inhalte und Organisation verabschiedet und beginnt, inhaltlich sowie räumlich und zeitlich individuelle Lernangebote zu machen. Es war früher sinnvoll und notwendig, dass jede und jeder dasselbe Lehr- und Lernprogramm zu denselben Zeiten und an gleichen Orten bekam, weil es keine anderen technischen Möglichkeiten gab. Aber jetzt ist das weder notwendig noch zukunftsfähig.

Esther Ostmeier: Es gibt Überarbeitungsbedarf bei den Lehrplänen, zum Beispiel im Hinblick auf die digitalen Kompetenzen. Heute haben fast alle Jugendlichen ein digitales Endgerät und verbringen mehrere Stunden am Tag im Internet. Da ist es ganz wichtig, dass ihnen bewusst ist, welchen digitalen Fußabdruck sie hinterlassen. Sie müssen wissen, wofür und wie die Daten, die sie auf Instagram, TikTok oder anderen sozialen Medien hinterlassen, genutzt werden. Auch Informations- und Quellenkritik üben zu können ist eine ganz wichtige Kompetenz im Umgang mit den sozialen Medien.

Zu den heute erforderlichen Digitalkompetenzen zählt natürlich auch, ein grundlegendes Verständnis von Codierung zu haben – auch dieses müssten alle Schülerinnen und Schüler in der Schule lernen.

Die Arbeitswelt der Eltern ist heute oft moderner als die Schulwelt der Kinder

Welpe: Hinzu kommt, dass Schule, wie wir sie kennen, vor über 100 Jahren konzipiert wurde. Während sich unsere Gesellschaft und Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert haben, ist Schule in ihrer Organisation und Zeitstruktur relativ gleich geblieben. Die Arbeitswelt der Eltern ist mittlerweile häufig hybrider und flexibler als die Schulwelt der Kinder; in der Wirtschaft erwartet man zunehmend, dass zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten – wenn nicht gerade eine Pandemie herrscht – gearbeitet werden kann. Das passt natürlich immer weniger zum Schulalltag der Kinder. Um Schülerinnen und Schüler auf die Anforderungen der Wirtschafts-, Arbeits- und Berufswelt der Zukunft vorzubereiten, wäre es hilfreich, wenn Schule auch hybrid(er) würde und an verschiedenen Orten – teilweise physisch, teilweise digital – stattfinden könnte. Dazu braucht es mehr Freiräume in der Gestaltung von Schule für Schulleitungen und Lehrkräfte.

Wir bewegen uns auf eine „Creator Economy“ zu, in der Menschen wieder mehr als derzeit in der Lage sein müssen, tatsächlich etwas zu bauen, zu erschaffen, zu kreieren.

Viele Schulen haben das, was Sie hier beschreiben, schon angestoßen – gerade jetzt in der Corona-Pandemie. Sind Schulen nicht auf einem guten Weg?
Welpe: Sicherlich haben sich viele Schulen auch wegen Corona auf einen Weg in diese Richtung gemacht. Die Herausforderungen, die durch Corona entstanden sind, werden ja – so unsere Prognose – durch eine veränderte Wirtschaft noch verstärkt. In den kommenden zehn Jahren werden wir eine starke Dezentralisierung der Wirtschaft erleben, in der weniger große Unternehmen und Arbeitgeber Anstellungen bieten. Wir bewegen uns auf eine „Creator Economy“ zu, in der Menschen wieder mehr als derzeit in der Lage sein müssen, tatsächlich etwas zu bauen, zu erschaffen, zu kreieren. Alle Arten von real anwendbaren Kompetenzen – seien es Fähigkeiten im Handwerk, in der Programmierung, im Künstlerischen – werden gefragt sein. Es werden Menschen gesucht, die eigenständig komplexe Probleme lösen können und die kreativ und unternehmerisch sind. Zu wenige unserer Schülerinnen und Schüler werden für diese Anforderungen ausgebildet.

Aber müssen Schülerinnen und Schüler nicht erst einmal Basiswissen haben, das sie dann auch handlungsorientiert umsetzen können?
Ostmeier: Ja. Aber bei der Vermittlung von Wissen darf es nicht bleiben – auch die Anwendung von Wissen auf komplexe interdisziplinäre Fragestellungen muss es in der Schule geben. Und die Vermittlung von Wissen sollte künftig nicht Kernaufgabe der Lehrkräfte sein: Für die Aneignung von Wissen und zum Üben gibt es heute schon gute und künftig noch bessere Lernsoftware und Lernplattformen, zum Beispiel das kostenlose Angebot der Khan Academy. Im Übrigen kann der Einsatz von Lernsoftware für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen.

Wie das?
Ostmeier: Adaptive Lernsoftware ermittelt den Wissensstand der Lernenden und schlägt ihnen daraufhin passgenau Übungen vor. So kann jede Schülerin oder jeder Schüler nach dem eigenen Bedarf und im eigenen Tempo Aufgaben wiederholen, bis sie oder er verstanden hat.

Zum Beispiel hat man die Lernplattform „Tassomai“ empirisch begleitet. Dabei zeigte sich, dass vor allem leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler durch die Lernsoftware gewinnen. Ihre Leistungen haben sich in MINT-Fächern um bis zu 30 Prozent verbessert; bei leistungsstärkeren Schülerinnen und Schülern waren es rund 11 Prozent. Die Leistungsunterschiede innerhalb von Klassen lassen sich mit guter adaptiver Lernsoftware deutlich reduzieren.

Ich glaube, 2030 wird eines der größten  Unternehmen im Bildungsbereich angesiedelt sein.

Können das Tech-Unternehmen aus Ihrer Sicht besser als Lehrkräfte, die dafür ausgebildet wurden?
Welpe: Diese Technologien werden rasant voranschreiten und im Bildungsbereich enorme Bedeutung erlangen. Ich glaube, 2030 wird eines der größten  Unternehmen im Bildungsbereich angesiedelt sein. „Learning Analytics“ – also Algorithmen, die im Lernprozess Tausende von Datenpunkten in der Stunde zu jeder einzelnen Schülerin und jedem einzelnen Schüler sammeln und so Profile erstellen – können schon jetzt sehr präzise die unterschiedlichen Begabungen, Interessen und Kompetenzen der Lernenden berücksichtigen. Darauf aufbauend können sie individualisierte Lernprogramme zusammenstellen, die es erlauben, in derselben Zeit deutlich mehr und besser zu lernen. Das kann eine Lehrkraft, die vor 30 Schülerinnen und Schülern steht, so differenziert gar nicht leisten.

Ein Vorbild für die „Schule 5.0″ könnte eine projektbasierte Schule in Cambridge sein

Wo sehen Sie dann die Aufgabe von Lehrerinnen und Lehrern?
Ostmeier: Wenn Schulen diese Bildungstechnologien für sich nutzbar machen, haben Lehrkräfte viel mehr Zeit für andere Aufgaben. Zum Beispiel wählen sie aus einer Vielzahl an Lernangeboten die passenden aus. Außerdem arbeiten sie daran mit, Lernpläne und Unterrichtsmethoden zeitgemäß zu halten. Lehrerinnen und Lehrer an der Schule der Zukunft begleiten natürlich Software-gestützte Lernprozesse, vor allem aber entwickeln sie ergänzende lebensnahe Lernprojekte und dies, wo es sinnvoll ist, in Kooperation mit Unternehmen, Organisationen und Hochschulen. Mit diesen Lernprojekten geben sie Schülerinnen und Schülern Gelegenheiten, selbst Lösungen zu finden, sich selbst und gegenseitig etwas beizubringen, Selbstwirksamkeit und Resilienz zu entwickeln, argumentieren oder auch verhandeln zu lernen. Ein Vorbild dafür, wie solche Projekte aussehen können, ist für mich die NuVu School

… die 2010 von Studenten des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im US-amerikanischen Cambridge gegründet wurde. Was zeichnet sie aus?
Ostmeier: Die Schule arbeitet ganz ohne Fächer, Stundenpläne, Klassenräume und Noten. Die Schülerinnen und Schüler lernen projektbasiert an Problemen, für die sie in kleinen Gruppen Lösungen entwickeln. Dabei werden sie von Coaches, die teilweise auch aus Unternehmen oder von Hochschulen kommen, begleitet. Jede Projektphase dauert zwei Wochen und findet in Räumlichkeiten und an Orten statt, die zum Thema der Projektarbeit passen. Über die Arbeit werden dann Portfolios erstellt, die die Lernprozesse und Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler dokumentieren. Gut gemacht, sind diese viel aussagekräftiger als Noten.

Wie kann denn die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Technologieunternehmen im Bildungsbereich aussehen?
Welpe: Warum formulieren Sie das als einen Gegensatz? Schulen sind Unternehmen, die ein Bildungsziel, nicht ein Profitziel haben. Und hoffentlich sind Schulen auch Technologieunternehmen, denn Technologie ist als „die Anwendung von Wissen“ definiert. Ich würde also hoffen, dass Schulen und Kultusministerien aktuelles Wissen – seien es die Erkenntnisse der sehr guten empirischen Bildungsforschung als auch innovativer Entwicklungen im Bildungsbereich – schnell und konsequent anwenden. Dann wären sie nicht nur Unternehmen, sondern Technologieunternehmen, die ihr Ziel, Schülerinnen und Schülern so viel relevantes Wissen wie möglich innerhalb der Schulzeit erfolgreich zu vermitteln, möglichst gut zu erreichen suchen.

„Innovation“ bedeutet in der Wirtschaftswissenschaft ja per Definition, dass man mit dem gleichen Aufwand und mit den gleichen Ressourcen mehr Output hervorbringt. Bisher lernen wir nicht schneller als vor einigen Jahrzehnten. Es gibt sogar anekdotische Hinweise darauf, dass die Effizienz von Schule sich verringert hat, da heute mehr Ressourcen eingesetzt werden, wie zum Beispiel die Eltern, die heute, mehr als früher, als „Hilfslehrer“ und in der Schulorganisation im Einsatz sind oder Nachhilfe bezahlen.

In jedem Fall wird es zukünftig mehr Wettbewerb zwischen EdTech-Start-up-Unternehmen, also Unternehmen der Bildungstechnologie, und traditionellen „Schul-Unternehmen“ geben. Wenn die EdTech-Unternehmen mit ihren innovativen Ansätzen zeigen, dass man bei und mit ihnen schneller und erfolgreicher lernt – also beispielsweise Durchfallerquoten senkt oder die Anzahl der Schülerinnen und Schüler erhöht, die einen Abschluss machen –, stellt das die Legitimität traditioneller Schulen, die weniger auf die Anwendung neuesten Wissens fokussiert sind, infrage.

Die Lücke zwischen Arbeitsmarktanforderungen und den Kompetenzen von Jugendlichen nach Schulabschluss kann nicht erst nach der Schulausbildung geschlossen werden.

Aber wir haben es doch bei der Schule nicht mit einem Wirtschaftsunternehmen zu tun, das Gewinn erwirtschaftet. Die Schule hat doch zum Beispiel den Auftrag, alle mitzunehmen.
Welpe: Das ist völlig richtig, Schule hat nicht das Ziel, Gewinn zu maximieren. Richtig ist aber auch, dass Schulen öffentliche, vom Steuerzahler finanzierte Unternehmen sind, mit dem Ziel, ihrem Bildungsauftrag möglichst gut gerecht zu werden. Und wenn wir da auf einige aktuelle Entwicklungen und Zahlen blicken, sehen wir eben, dass es sich vom Trend her eher nicht so gut entwickelt. Dem Bildungsbericht 2020 folgend, steigt der Anteil an jungen Menschen, die ohne allgemeinbildenden oder beruflichen Abschluss das deutsche Schulsystem verlassen, seit dem Jahr 2013 wieder leicht an. Auswertungen des Nationalen Bildungspanels zeigen zudem, dass 20 Prozent der Studienanfängerinnen und Studienanfänger nicht das definierte Basisniveau im Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnik haben. Die Lücke zwischen Arbeitsmarktanforderungen und den Kompetenzen von Jugendlichen nach Schulabschluss kann nicht erst nach der Schulausbildung geschlossen werden.

„Schule 5.0″ brauche auch eine veränderte Schulleitung und eine andere Schulpolitik

Welcher Weg führt zu der von Ihnen beschriebenen Schule der Zukunft?
Welpe: Wie wir in unserer These sagen, braucht „Schule 5.0“ eine veränderte Schulleitung und „Schulpolitik 5.0“, die mehr Freiheiten zulässt und Anreize für den Nutzen neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse der Bildungsforschung und technologischer Möglichkeiten setzt. „Hackathons“ zur Zukunft der Schule, in die Eltern, Kinder, Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitungen und Externe einbezogen werden, um gemeinsam Lösungen für gegebene Probleme zu finden, sind eine Möglichkeit. Schulen und Kultusministerien könnten sich externe Beiräte zulegen, die neue Entwicklungen von außen spiegeln und in die Institution tragen.

Ostmeier: Auch ein internationaler Blick ist wichtig, weil wir global bestehen müssen. Angehende Lehrkräfte sollten schon im Studium über den Tellerrand schauen und vor Ort erleben, wie Schule anderswo funktioniert und welche „Best Practices“ aus anderen Ländern für Schulen in Deutschland sinnvoll sein könnten. Eine größere Diversität der Schul- und Unterrichtskonzepte in Deutschland könnte sinnvoll sein, sodass sich Schulen auf ihr jeweiliges soziales und wirtschaftliches Umfeld bestmöglich einstellen können.

Zur Person

Isabell Welpe
Isabell Welpe
  • Esther Ostmeier ist wissenschaftliche Referentin am IHF und promoviert am Lehrstuhl „Strategie und Organisation“ an der TUM.
  • Zusammen haben Isabell Welpe und Esther Ostmeier das Thesenpapier „Schule 5.0 – Die Zukunft von Schule erfinden“ Anhand von sechs Thesen erläutern sie, wie, aus ihrer Sicht, Schulen sich aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung verändern müssen, um ihrem Bildungsauftrag zukünftig gerecht(er) zu werden.

 

Esther Ostmeier
Esther Ostmeier