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Problemlösekompetenz : Mathematik – eine Crux für Verwöhnte?

Mathe ist für viele Kinder ein Problemfach. Jedem vierten Kind droht hierzulande die Gefahr, beim Wechsel in die Sekundarstufe den Anschluss zu verlieren. Das hat einmal mehr die Studie TIMSS 2019 gezeigt. In Deutschland erreichten 25,4 Prozent der Viertklässlerinnen und Viertklässler nur die unteren zwei von insgesamt fünf Kompetenzstufen. Warum scheitern so viele Kinder am Fach Mathe? Weil sie es nicht gewohnt sind, Probleme hartnäckig zu lösen, wenn sich Erfolge nicht im Handumdrehen einstellen, meint Gastautor Michael Felten.

 

Michael Felten / 01. Februar 2021 / 5 Kommentare
ein Mädchen sitzt vor einer Tafel mit einer Matheaufgabe
Ein mathematisches Problem erkennen, einen Lösungsplan entwicklen und dabei auch Irrwege verkraften - das fällt vielen Kindern schwer.
©dpa

Die Debatte über Qual und Qualität des Matheunterrichtes bleibt oft bei den Rahmenbedingungen und Unterrichtsmodalitäten hängen. Zwar sind volle Klassen, verkürzte Schulzeiten oder unübersichtlich gewordene Schulbücher für das Mathelernen nicht gerade förderlich. Wenn dann die Lehrkraft noch unnötig abstrakt erklärt, wenn sie zu wenig Wert darauf legt, Muster und Strukturen deutlich werden zu lassen, wenn das Unterrichtsklima weder anregend noch fehlerfreundlich ist …

Kaum thematisiert wird hingegen, dass das Fach Mathe auch eine ganz spezifische Tücke hat. Zyniker könnten ja sagen: In Englischstunden redet man nur miteinander, Deutschtexte werden oft zerredet, in Philosophie redet man mehr oder weniger gescheit im Kreis – in Mathematik aber gilt es, zu denken. Tatsächlich geht es in diesem Fach vorrangig um Logik. Richtig oder falsch sind eindeutige Kategorien und damit nicht verhandelbar. Deshalb wäre mit einer „Pädagogik der Ermäßigung“ (Fulbert Steffensky) – die Stoffmenge reduzieren, das Erarbeiten spielerischer gestalten, die Klassenarbeiten leichter machen – in Mathe auch nichts gewonnen.

Das Problem erfassen, einen Lösungsplan entwickeln und das Ergebnis beurteilen

Worin besteht eigentlich der Kern des Mathematiklernens? Der Mathematiker George Pólya charakterisierte die Stufen mathematischen Problemlösens, ob in Grundschule oder Gymnasium, so: Man muss das Problem zunächst erfassen, dann einen Lösungsplan entwickeln, diesen auch durchführen und das Ergebnis abschließend beurteilen. Für die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern gilt deshalb: „Im Mathematikunterricht ist die geistige Aktivität des Verstehens entscheidend.“ Verstehen sieht sie dabei wesentlich als „Ergebnis eines aktiven Konstruktionsprozesses auf Seiten des Lernenden“ – und nicht als eine simple „Übertragung von Wissen vom Lehrenden auf den Lernenden“.

Aktiver Konstruktionsprozess: Das hört sich gut an, ist aber genau die Crux. Schon vor 100 Jahren beobachtete Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie: „Rechnen ist für verzärtelte Kinder immer ein gefährliches Fach.“ Unter Verzärtelung verstand Adler das, was wir mittlerweile seelische Verwöhnung nennen – also nicht ein Übermaß an Bonbons, Klamotten oder Taschengeld, sondern die verbreitete elterliche Haltung, ihrem Schatz das Leben so erfreulich wie möglich zu machen, ihm Schwierigkeiten möglichst aus dem Weg zu räumen.

Irrwege verkraften und nicht vorschnell aufgeben

Das ist verständlich, wirkt aber auf Kinder leider nicht förderlich, sondern eher entmutigend, schwächend. An Stolpersteinen wachsen sie nämlich, reift ihr Selbstwirksamkeitsgefühl. So aber können sie sich daran gewöhnen, bei aufkommenden Problemen die Hände in den Schoß zu legen und auf Hilfe zu warten, entweder sofort oder jedenfalls zu früh. Und das ist in der Mathematik ein Problem, weil die Inhalte ab einem gewissen Level nicht mehr intuitiv zugänglich sind.

Je verwöhnter ein Kind ist, desto schwerer wird es sich deshalb damit tun, die geistige Aktivität für das Mathelernen aufzubringen: etwas ausprobieren, sich Vorstellungen von Situationen oder Rechenhandlungen machen, die Enttäuschung von Irrwegen verkraften, nicht vorschnell aufgeben. Ganz zu schweigen von den Grundtugenden effektiven Lernens: sich konzentrieren, auch wenn man nicht im Mittelpunkt steht; gründlich genug üben, hartnäckig bleiben, auch wenn Erfolge sich nicht im Handumdrehen einstellen. Verwöhnte Kinder aber gibt es heute viele, quer durch alle Schichten. Albert Wunsch sprach von der „Verwöhnungsfalle“ in der modernen Erziehung.

Kinder brauchen im Unterricht Anregungen, um nach Lösungswegen zu suchen

Wenn Schülerinnen und Schüler Schwierigkeiten mit Mathe haben, dann kann das zwar an der Lehrkraft liegen. Häufige Ursache ist aber auch das Kind selbst: seine Motivation und seine Arbeitshaltung, bisweilen auch entmutigende Vorerfahrungen in diesem Fach – oder auch nur Stofflücken oder, präziser gesagt, „nicht bewältigte fachliche Hürden“ (Wolfram Meyerhöfer). Dazu gehören die Ablösung vom zählenden Rechnen, das Verständnis des Stellenwertsystems oder die Logik der Rechenoperationen. Etwaige Intelligenzunterschiede sind demgegenüber für pädagogisches Handeln nachrangig. Zwar kann nicht jedes Kind ein Mathegenie werden, aber jedes kann jederzeit dazulernen.

Was täte Kindern also gut, wenn sie im Schulfach Mathematik erfolgreich sein wollen? Zunächst eben Eltern, die sie nicht verwöhnen, sondern ihnen schon als Kleinkind – neben emotionaler Sicherheit – vielfältige Herausforderungen und kalkulierte Belastungen bieten. Sodann Lehrerinnen und Lehrer, die unermüdlich um kognitive Aktivierung ihrer Schülerinnen und Schüler bemüht sind: ihnen Raum für mathematische Erfahrungen geben; sie anregen, eigene Lösungswege zu suchen oder Verständnishürden zu identifizieren; sie Zusammenhänge mitvollziehen lassen, aber auch Entdecktes gründlich sichern und vernetzen. Nicht zuletzt dürfen Kultusbehörden die fachlichen Erwartungen nicht unnötig niedrighängen. Denn die Forschung spricht dafür, dass anspruchsvoller, am Verstehen orientierter Matheunterricht nicht zu Lasten der schwächeren Schülerinnen und Schüler geht.

Zur Person

  • Der Pädagoge und Publizist Michael Felten arbeitete mehr als 30 Jahre als Lehrer für Mathematik und Kunst an einem Kölner Gymnasium.  Jetzt ist er als freier Schulentwicklungsberater tätig und beantwortet Fragen unter www.eltern-lehrer-fragen.de.
  • Felten ist außerdem Autor pädagogischer Sachbücher. Zuletzt erschien von ihm „Unterricht ist Beziehungssache“, Reclam, 2020.

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10 Kommentare

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12.04.2021 Max B.
Die Aussage, dass Probleme im Matheunterricht mit einer mangelnden Frustrationstoleranz aufgrund einer seelischen Verwöhnung durch die Eltern bedingt seien, mag in Einzelfällen zutreffen, sie zu pauschalisieren erscheint aber problematisch. Es wird hier die Lernunfähigkeit von SuS diagnostiziert. Mit einer solchen Diagnostik sollte man meiner Meinung nach ohne gute empirische Daten zurückhaltend sein. So wäre die Behauptung es gebe heute viele (seelisch) verwöhnte Kinder "quer durch alle Schichten" ohne empirische Sättigung problematisch. Im Umkehrschluss hieße das ja auch, dass es früher weniger verwöhnte Kinder und damit auch weniger Probleme mit Mathe gab, was fragwürdig erscheint. Der Text hat, auch wenn er nicht als Schuldzuweisung verstanden werden will, für Lehrende, die unter der eigenen pädagogischen Unwirksamkeit leiden, eine entlastende Funktion, da er die Verantwortung für das Scheitern des pädagogischen Arbeitsbündnisses der falschen Erziehung durch die Eltern zuweist.
07.04.2021 Andreas K.

Selbstentlastende Trivialpsychologie

Ich antworte mal auf dem Pauschalitätsniveau des vorgestellten „Erklärungsansatzes“. Wenn ich meine Erfahrungen mit dem selbst erlittenen Mathematikunterricht und dem meiner Kinder reflektiere (die offenbar sehr unterschiedlich verwöhnt wurden, wenn man sich ihre Mathenoten ansieht...), komme ich immer wieder zum gleichen Schluss: Ich erlebe vor allem bei Mathematiklehrer*innen eine erstaunliche Zurückhaltung im kritischen Hinterfragen ihrer eigenen Didaktik und Methodik. Stattdessen werden Ursachen vorrangig bei den Schüler*innen gesucht – und offensichtlich jetzt auch bei Eltern, Erziehung, Gesellschaft... was auch immer. In keinem Fach wurden meine Kinder von Lehrer*innen jeden Alters derart mit Aussagen konfrontiert wie z.B., sie seien dumm („So eine schlechte Klasse hatte ich noch nie“) oder faul („Ihr tut einfach nichts“). Änderungen der Unterrichtsgestaltung? Fehlanzeige. Die in diesem Artikel vertretene Trivialpsychologie liefert mir immerhin das Mindset dahinter.
07.04.2021 Michael F.

Entwicklungspsychologie ist nichts Moralisches

Andreas K. hat anscheinend übersehen, dass mein Beitrag multiperspektivisch ansetzt (1. Absatz). Ich sehe durchaus den Beitrag ungünstiger Didaktiken und Lehrerhaltungen - widme mich hier aber einem anderen Teilaspekt des Problems. Was dessen Kerngedanken angeht, darf ich auf ein verbreitetes Missverständnis hinweisen. Entwicklungspsychologische (insbesondere tiefenpsychologische) Zusammenhänge werden häufig als moralische Kategorien, ja Schuldthesen aufgefasst. Das ist nie gemeint. Eltern handeln immer im besten Wissen und Vermögen, gleichwohl kann ihr erzieherisches Handeln entwicklungsbegünstigend oder -hemmend wirken. Ein Schmähbegriff wie Trivialpsychologie hilft da nicht weiter.
05.04.2021 Daniel W.
Der Autor mag seine Gründe für derart Widersinniges haben, aber liebes Team vom Schulportal- ihr steht eigentlich für eine andere Pädagogik!
07.04.2021 Michael F.

Unideologisch

Soweit mir bekannt ist, steht das Deutsche Schulportal nicht für eine bestimmte Pädagogik, sondern für forschungsbasierte und praxisrelevante Debatte in Schulfragen.
07.04.2021 Daniel W.
Die Problematik ist ihre Grundannahme, viel helfe viel und höhere Anforderungen würden Kinder dazu befähigen, mathematisch zu denken. Das ist einfach falsch. Das hat auch nichts mit forschungsbasierter Debatte zu tun. Sie biegen sich da völlig substanzlos Argument um Argument etwas zurecht, was ihre Kernaussage stützen soll. Sie können gerne Ihre Meinung äußern. Mich stört aber, dass das deutsche Schulportal hierfür kommentarlos die Plattform bietet. Denn das steht nach meiner Erfahrung für zeitgemäße Bildung. Ihr Text schreit nach Rückschritt.
08.04.2021 Michael F.

Was heißt schon zeitgemäß?

Ein Begriff wie 'zeitgemäß' taugt für eine inhaltliche Debatte wenig - wegen seiner Unschärfe. Worum vielmehr gerungen werden muss, ist die sachadäquate Gestaltung von Schulstrukturen und Unterrichtsprozessen. Sachadäquat hinsichtlich der konkreten Bildungssubjekte wie der jeweiligen Bildungsgüter. Hierbei aber gibt es Varianzen (etwa bei Medien oder Inhalten) - und auch Konstanten (wegen der Anthropologie). Deshalb muss man auch nicht um jeden Preis und in toto 'Schule neu denken' - sondern wo immer nötig und sinnvoll: besser.
08.04.2021 Daniel W.
Zeitgemäße Bildung ist alles andere als unscharf. Da fehlt es Ihnen offensichtlich an Wissen und Vorstellungskraft. Was hingegen unscharf, nein, was einfach Quatsch ist, ist richtig und falsch als eindeutige, nicht verhandelbare Kategorien zu bezeichnen. Was außerdem Quatsch ist, ist „verzärtelten“ Kindern die Schuld zu geben, im Fach Mathematik nicht gut zurecht zu kommen. Daneben verunglimpfen Sie andere Fächer. Ihre fehlerhafte Argumentation ist Wasser auf die Mühlen derer, die Mathematik mit abzuschreibenden Tafelbildern und althergebrachten Prüfungen lehren wollen, um sich dann darüber zu beklagen, dass schlechte Noten miserable Leistungen spiegeln. Sie stellen die falschen Fragen und versuchen diese in rückschrittlicher Haltung auf schräge Art und Weise (Adler) zu beantworten. Wenn Ihnen tatsächlich daran gelegen ist, etwas zu verbessern, müssen sich Ihre Fragen und Antworten an Prüfungen, Inhalten und dem Kind als Subjekt seines Lernens in einer digitalen Realität orientieren.
05.04.2021 Andrea K.

Volle Zustimmung

Ich stimme Ihren Thesen vollumfänglich zu. Hinzu kommt meines Erachtens jedoch noch ein wichtiger, größtenteils unterschätzter und totgeschwiegener Aspekt: Das Kokettieren mit der eigenen Dummheit. In Deutschland ist es üblich, sich mit der eigenen Unfähigkeit in Mathematik zu brüsten. Leider auch vor den eigenen Kindern. Dazu reicht schon der Satz: "In Mathe war ich auch nicht gut." Fällt dieser vor den eigenen Kindern/Neffen/Enkeln, ist das Kind schon so gut wie in den Brunnen gefallen. Warum sollte ein Kind gut in Mathematik sein (sich bemühen etc.), wenn eine wichtige Bezugsperson schlecht in Mathe war und aus dieser ja etwas geworden ist?
08.02.2021 Roswitha M.
Ich kann diesem Beitrag nur zustimmen. Als Mathematiklehrerin in der Sekundarstufe und Mutter einer Tochter, die glücklicherweise die Grundschule inzwischen hinter sich gelassen hat sehe ich die Probleme der Kinder im Fach Mathematik teilweise als Folge der Grundschulpädagogik. Die Binnendifferenzierung wurde dazu genutzt den Kindern immer nur noch einfachere Aufgaben zu geben statt sie an anspruchsvollen Aufgaben wachsen zulassen. Der Stoff war schlecht strukturiert, es gab Methoden wie Blitzrechnen, die nur noch Zahlenraten war. Teilweise war die fachliche Kompetenz im Mathematik bei manchen Grundschullehrkräften eher fragwürdig. Oft wurden die Kinder mit Lernplänen über vier bis sechs Woche ohne ausreichendes Feedback alleinegelassen. Da ist es nicht verwunderlich, wenn viel zu viele den Anschluss verlieren. Das war wirklich Demotivationspädagogik. Als Mutter musste ich die ganz Zeit als Neben- oder besser gesagt Gegenlehrer die Defizite auffangen.