Zukunftsforscher : Wie Krisen Innovationen hervorbringen

Der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky ist davon überzeugt, dass unsere heutige Vorstellung von Bildung nicht zukunftsfähig ist. Er geht davon aus, dass sich das verfügbare Wissen in vielen Bereichen alle fünf Jahre verdoppelt. Darum könne niemand davon ausgehen, dass das in den ersten 20 Lebensjahren erworbene Wissen für ein ganzes Leben ausreicht. Schule muss sich aus seiner Sicht also von Grund auf verändern. Und die Corona-Krise könne hier einen wichtigen Impuls geben. Wie Innovationen aus Krisen entstehen, wie daraus eine nachhaltige Entwicklung wird und wieso die Gefahr besteht, dass nach Corona in den Schulen doch alles beim Alten bleibt, erklärt Jánszky im Interview mit dem Schulportal.

Annette Kuhn / 09. Juni 2020 / 1 Kommentar
Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky
Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky glaubt, dass sich Schule von Grund auf verändern muss, damit die Schülerinnen und Schüler von heute fit für die Zukunft sind.
©2B Ahead

Schulportal: Ist die Corona-Krise, sind Krisen überhaupt ein guter Motor für Innovationen?
Sven Gábor Jánszky: Es gibt zwei verschiedene Arten von Motivation für Innovationen. Eine kleine Gruppe von Menschen, etwa 15 bis 20 Prozent, haben ihr ideales Erregungslevel, wenn sie im Risiko sind und immer wieder etwas Neues probieren. 80 bis 85 Prozent der Menschen fühlen sich hingegen in der Stabilität am wohlsten und verändern sich nur unter Druck. Krisen lösen solch einen Druck aus, weil eine Krise ja bedeutet: Ich kann nicht mehr so weitermachen wie bisher. Dann sind auch diese 80 bis 85 Prozent der Menschen in der Lage, sich zu verändern. Darum ist eine Krise ein idealer Zeitpunkt für Veränderungen.

Wie viel Innovationsfreude steckt in der Schule?
Es ist unrealistisch, davon auszugehen, dass der Bewusstseinswandel in der Masse der Schulen von allein stattfindet. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die meisten Schulen und Lehrkräfte brauchen den Druck von außen. Das hat auch damit zu tun, dass Schule ein hierarchisches System ist und vieles durch Lehrpläne und Verordnungen festgelegt ist. Und ich vermute, dass es in der Schule weniger als 15 bis 20 Prozent Menschen gibt, die von sich aus aktiv werden und Veränderungen herbeiführen. Das hierarchische System ist für diese Menschen weniger attraktiv. Sie werden sich bei ihrer Berufswahl wahrscheinlich eher für andere, innovationsfreudigere Bereiche entscheiden.

Für eine nachhaltige Entwicklung muss der Druck aufrechterhalten bleiben. Natürlich braucht sie nicht weiter die Corona-Gefahr, aber veränderte Strukturen und Regeln, an die sich die Schulen und Lehrkräfte halten müssen.

Wie entstehen eigentlich Innovationen?
Etwas Neues entsteht, indem neben das etablierte System ein Konkurrenzsystem gestellt wird. Und wenn sich diese Konkurrenz als besser erweist – also billiger, schneller oder effektiver ist –, setzt sie sich durch, und die Akteure des etablierten Systems werden gezwungen, auf das neue umzusteigen. In der Wirtschaft sieht man das ständig: Neben die alten Produkte werden neue gestellt – das Smartphone löst das Festnetztelefon ab, der Computer löst die Schreibmaschine ab. Auch im Sport gibt es das: Beim Skifahren hat zum Beispiel der Skating-Schritt den Parallelschwung abgelöst, weil er einfacher ist.

Die Schule ist aber als etabliertes System so geschützt, dass sich kein Alternativsystem danebenstellen kann – zumindest keines, das diese Größe erreicht. Da muss der Druck von außen schon sehr groß sein, dass etwas passiert.

Bringt die Corona-Krise genug Druck für eine Veränderung der Schule?
Das hängt wesentlich davon ab, wie lange uns diese Krise beschäftigt. Wenn die Corona-Gefahr nach dem Sommer vorbei ist und alles wieder so sein kann wie vorher, dann wird sich wahrscheinlich nicht viel verändern. Wenn es beispielsweise keine Notwendigkeit mehr gibt, mit digitalen Medien pädagogisch zu arbeiten, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die digitalen Geräte wieder im Schrank landen und es gute Ausreden dafür gibt, wieso sie dort liegen.

Für eine nachhaltige Entwicklung muss der Druck aufrechterhalten bleiben. Natürlich braucht sie nicht weiter die Corona-Gefahr, aber veränderte Strukturen und Regeln, an die sich die Schulen und Lehrkräfte halten müssen. An der Stelle sind die Schulleitungen und die Kultusministerien gefragt.

Um Neues in die Schule zu bringen, muss man die alten Rituale brechen und durch neue ersetzen.

Wie wird denn eine Veränderung in der Schule nachhaltig?
Vor allem durch die Einführung neuer Rituale. Der Alltagsprozess des Menschen richtet sich nach automatisierten Denk- und Verhaltensmustern, über die wir gar nicht mehr bewusst nachdenken, weil wir davon ausgehen, dass sie die richtigen sind. Diese automatisierten Routinen werden durch bestimmte Rituale und Regeln immer wieder bestätigt. So funktioniert auch der Schulalltag.

Um Neues in die Schule zu bringen, muss man die alten Rituale brechen und durch neue ersetzen. Um etwa die Digitalisierung in der Schule voranzubringen, könnte die Schule zum Beispiel beschließen: Wir machen einen Tag pro Woche Homeschooling, und dabei werden verbindlich digitale Medien genutzt. Oder in einer Klasse unterrichtet einmal in der Woche eine Person von einem anderen Ort aus und wird über Video zugeschaltet. Das könnte eine Lehrkraft von einer Partnerschule sein oder auch jemand aus einem Unternehmen. Oder die Schule könnte beschließen, dass es nur noch digitale Klassenbücher gibt. Viele gewohnte Prozesse lassen sich aufs Digitale drehen. Aber das kommt nicht von selbst, sondern ist eine Managementaufgabe.

Und solche Prozesse brauchen wahrscheinlich auch Zeit.
Nicht unbedingt. Nach meiner Erfahrung sind die erfolgreichsten Veränderungsprozesse nicht die, die über längere Zeit versuchen, Veränderungen einzutrainieren. Ich glaube, eher gelingen die Prozesse, bei denen Menschen ins kalte Wasser geschubst werden. Natürlich finden sie dann nicht gleich die optimale Variante. Sie müssen immer wieder Neues probieren, verwerfen und mithilfe von Weiterbildungen optimieren. Grundlage dafür ist eine offene Fehlerkultur. Das bringt auf jeden Fall mehr, als wenn ich zwei Jahre immer wieder Workshops belege, in denen ich erfahre, was sich alles digital machen lässt. Dann gehe ich zurück in den Unterricht und mache wahrscheinlich alles wie vorher. Weil ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, und weil sich Strukturen in der Schule schwer von unten verändern lassen.

Wenn ein Lehrer in fünf Jahren in der Klasse Wissen abfragt, können die Schülerinnen und Schüler über ihre Uhr, ihre Brille oder einen Stift schon die Antwort bekommen, bevor der Lehrer die Frage zu Ende gestellt hat, weil all diese Geräte alles mithören und darauf reagieren können.

Ihr Institut hat Trendanalysen zur Zukunft der Bildung gemacht. Wie wird sich das Lernen in der Zukunft verändern?
Das Lernen wird nicht mehr wissensbezogen, sondern anwendungsbezogen sein. Dazu trägt die Entwicklung digitaler Medien maßgeblich bei. Nehmen wir mal als Beispiel Wearables. Wenn ein Lehrer in fünf Jahren in der Klasse Wissen abfragt, können die Schülerinnen und Schüler über ihre Uhr, ihre Brille oder einen Stift schon die Antwort bekommen, bevor der Lehrer die Frage zu Ende gestellt hat, weil all diese Geräte alles mithören und darauf reagieren können. Diese Entwicklung wird sich auch in der Schule nicht mehr aufhalten lassen. Spätestens in dieser Situation ist das alte Lernen, das hauptsächlich auf die Vermittlung von Faktenwissen beruht, ad absurdum geführt.

Das heißt nicht, dass das Lernen abgeschafft wird, sondern dass es vor allem auf den Kontext  gerichtet sein muss: Wie wende ich das Wissen an? Wie löse ich eine Aufgabe? Und Social Skills spielen eine größere Rolle: Wie lerne ich, Mut zu haben? Wie übernehme ich Verantwortung? Wie führe ich ein Team, oder wie ordne ich mich in ein Team ein? All diese Dinge lassen sich im klassischen Frontalunterricht nur schwer lernen. Dazu eignet sich eher die Arbeit in Projekten. Und auch den klassischen Fächerkanon wird es nicht mehr geben.

Wie verändert sich dadurch die Rolle der Lehrkraft?
Die Lehrkraft ist nicht mehr die, die es am besten weiß und die ihr Wissen weitergibt, sondern sie ist im besten Sinn ein Coach, der die Schülerinnen und Schüler motiviert, sich Wissen und Fertigkeiten selbstständig zu erarbeiten und sie anzuwenden. Die Lehrkraft befähigt die Schülerinnen und Schüler, den nächsten Schritt im Lernen und ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu gehen. Natürlich gibt es schon heute Schulen, die das so machen, aber bei der Masse kann ich das noch nicht sehen.

Wir neigen dazu, im Angesicht der Krise ihre Auswirkungen zu überschätzen.

Was sind die größten Herausforderungen an die Schule von morgen?
Schulen stehen von zwei Seiten unter Druck: Zum einen müssen sie Fragen der sozialen Gerechtigkeit lösen, zum anderen müssen sie sich der Digitalisierung stellen. Und beides hängt unmittelbar zusammen. Denn der pädagogisch sinnvolle Einsatz digitaler Medien ist nicht nur eine Facette der Digitalisierung, sondern hilft auch dabei, die Chancengerechtigkeit zu erhöhen. Lehrerinnen und Lehrer stehen schon heute vor der Herausforderung, in einer Klasse Schülerinnen und Schüler zu unterrichten, die ganz unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Durch den Einsatz digitaler Lernprogramme können die Lehrkräfte verschiedene Lerntempi und Lernverhalten berücksichtigen, sodass sie den Lernweg jedes Einzelnen individuell begleiten und steuern können. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass alle Schülerinnen und Schüler mit digitalen Endgeräten versorgt und im Umgang mit ihnen befähigt sind.

Wenn Sie zehn Jahre nach vorn blicken: Was werden die Schülerinnen und Schüler mitgenommen haben aus den Erfahrungen der Corona-Krise?
Ich glaube, wir neigen dazu, im Angesicht der Krise ihre Auswirkungen zu überschätzen. Fast alle Schülerinnen und Schüler arbeiten jetzt zwar mehr mit dem Computer und haben sich neue Fähigkeiten angeeignet. Wahrscheinlich hätten sie das aber auch so gelernt. Ohne Corona wäre es wohl nur später passiert.

Ich hoffe aber, dass die Schülerinnen und Schüler jetzt mitgenommen haben, dass Schule auch anders funktionieren kann und dass Schule so auch besser sein kann. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass es kein Naturgesetz ist, wie die Schule vor der Corona-Krise war. Auf lange Sicht kann sich durch diese Erfahrung der Denkraum erweitern. Aber ob das wirklich so ist und was die Schülerinnen und Schüler daraus dann machen, lässt sich heute noch nicht sagen.

Zur Person

  • Sven Gábor Jánszky ist Gründer und Chairman der Leipziger Denkfabrik und Trendforschungsinstituts 2b AHEAD.
  • Er hat zahlreiche Trendanalysen veröffentlicht und Bücher geschrieben, u.a. „2020. So leben wir in der Zukunft“, „2025. So arbeiten wir in der Zukunft“, „2030. Wie viel Mensch verträgt die Zukunft?“ und „Rulebreaker. Wie Menschen denken, deren Ideen die Welt verändern“.
  • Auf seine Initiative hin finden seit 2013 innovative Unternehmer und Topmanager der europäischen Wirtschaft in der „Rulebreaker Society“ zusammen, um Zukunftsszenarien und Strategieempfehlungen für die kommenden zehn Jahre zu entwickeln.
  • Janszky hat in Leipzig Journalismus und Politikwissenschaft studiert und lehrt im Masterstudiengang „Leadership Studies“ an der privaten Karlshochschule International University in Karlsruhe.