Zentralabitur : Worum es bei der Debatte um das Abitur geht

Die Diskussion bleibt ein Dauerbrenner in Deutschland: Sollen alle Abiturientinnen und Abiturienten das gleiche Abi schreiben? Nachdem sich Schülerinnen und Schüler über zu schwere Mathe-Aufgaben in den Prüfungen beschwert hatten, war die Debatte um das Zentralabitur wieder neu in Gang gekommen. Seitdem gibt es immer neue Wortmeldungen zu dem Thema. Ein Überblick.

24. Juli 2019
Schülerinnen und Schüler arbeiten an ihrer schriftlichen Abi-Prüfung in einem Fach.
Über das Zentralabitur wird seit Jahren gestritten. Ein gemeinsamer Aufgabenpool der Länder soll den Abschluss seit 2017 vergleichbarer machen.
©Holger Hollemann/dpa

Das Zentralabitur ist ein Thema, an dem sich schon seit Jahren die Geister scheiden. Einerseits klagen Eltern sowie Schülerinnen und Schüler bei Umzügen innerhalb Deutschlands über die Unterschiede in der Bildungslandschaft. Zudem kann bei der Vergabe von Studienplätzen die Abiturnote ein zentrales Kriterium sein, obwohl das Abitur unterschiedlichen Standards unterliegt. Andererseits liegt die Bildungshoheit bei den Bundesländern – und die sahen ein Zentralabitur in der Vergangenheit häufig als Einfallstor zu einer zentralen Bildungspolitik. Kritiker befürchten eine Nivellierung des Leistungsniveaus nach unten.

Bildungsminsterin Karliczek will Debatte um das Zentralabitur vorantreiben

Angestoßen wurde die erneute Debatte Anfang Juli von Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Mit unterschiedlichen Standards beim Abitur soll nach Meinung von Eisenmann langfristig Schluss sein. Rückendeckung bekam sie dafür von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU). „Die Diskussion um ein Zentralabitur ist völlig richtig. Sie ist kein Thema für das Sommerloch, sondern muss jetzt ernsthaft vorangetrieben werden“, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. „Die Länder sollten noch in diesem Jahr zu ersten Ergebnissen wie der Verabschiedung eines Fahrplans kommen.“ Der von der Koalition angestrebte Nationale Bildungsrat könnte für ein Zentralabitur sehr hilfreich sein.

Auch OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher empfiehlt Deutschland ein Zentralabitur. „Ein Abitur auf Landesebene macht genauso wenig Sinn, wie dass jeder Provinzfürst seine eigene Währung druckt“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Denn am Ende bewerben sich die Schüler um die gleichen Hochschulen und Ausbildungsplätze.“ Das Zentralabitur sei nicht nur eine Frage von Transparenz und Effizienz, sondern auch eine Frage der Fairness.

Die Landeschefin der Bildungsgewerkschaft GEW, Doro Mortiz, hielt Eisenmann hingegen schlichtweg Populismus vor. Ein zentrales Abitur und zentrale Prüfungen für alle 16 Bundesländer seien weder sinnvoll noch realisierbar. Eisenmann solle sich lieber darum kümmern, den Unterrichtsausfall an den Gymnasien in Baden-Württemberg zu senken.

„Einheits-Abi“ sorgt für Streit zwischen den Ländern

Der in NRW geborene FDP-Chef Christian Lindner sprach sich ebenfalls für ein Zentralabitur aus. Er halte den Bildungswettbewerb zwischen 16 Bundesländern, so wie er praktiziert werde, für aus der Zeit gefallen, sagte Lindner den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Eine böse Spitze kam daraufhin aus Bayern – der Freistaat ist gegen ein Zentralabitur.

„Dass Christian Lindner ein Zentral-Abi fordert, ist verständlich, denn er selbst hat ja NRW-Abi“, sagte CSU- Generalsekretär Markus Blume der Deutschen Presse-Agentur. „Wir wollen die beste Bildung für unsere Schüler und keinen deutschen Durchschnitt. Wir sind für Leistung und Wettbewerb und gegen sozialistische Gleichmacherei.“

Der Bayern-Spott wiederum brachte Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) auf die Palme. „Trotz eines bayerischen Abiturs scheint Herr Blume nicht vor Hochmut gefeit zu sein“, konterte sie aus Düsseldorf. Gebauer forderte eine Entschuldigung des Generalsekretärs bei den rund 75.000 Schülerinnen und Schülern, die jährlich in NRW ihr Abitur ablegten, und nun von Blume „in dieser Art und Weise diskreditiert“ würden.

Wir brauchen deutlich mehr Vergleichbarkeit, einheitliche Prüfungsstandards und weitere Bildungsstandards, nicht nur beim Abitur.
Karin Prien, Bildungsministerin Schleswig-Holstein (CDU)

Auch Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hat die Forderung nach einem Zentralabitur in Deutschland zurückgewiesen. „In einem föderalen Bildungssystem, das sich im Übrigen seit Jahrzehnten bewährt und beständig weiterentwickelt, ist ein Zentralabitur die falsche Antwort“, sagte Prien der Deutschen Presse-Agentur mit Blick auf die laufende Debatte.

Prien betonte aber: „Wir brauchen deutlich mehr Vergleichbarkeit, einheitliche Prüfungsstandards und weitere Bildungsstandards, nicht nur beim Abitur.“ Es werde bereits mit Hochdruck daran gearbeitet. Außerdem müssten die Länder mehr kooperieren und voneinander lernen. „Wer das will, sollte unsere Bemühungen unterstützen, zügig den Bildungsstaatsvertrag der Länder abzuschließen“, sagte Prien. Darauf – wie auch auf mehr Vertiefung und eine bessere Vorbereitung für ein Studium – ziele die Oberstufenreform in Schleswig-Holstein, die im Schuljahr 2021/22 in Kraft treten solle.

Letztendlich ist Bildung in Deutschland Ländersache. Würde man das ändern wollen, wäre eine Grundgesetzänderung notwendig mit Zweidrittelmehrheiten in Bundestag und Bundesrat – die gibt es zurzeit nicht.

Schulleiterinnen und Schulleiter der Hamburger Gymnasien kritisieren Qualität des Abiturs

Die Schulleiterinnen und Schulleiter der Hamburger Gymnasien sehen unterdessen die Qualität des Abiturs in der Hansestadt in Gefahr. „Die Abiturregelungen tolerieren zu viele schwache Leistungen und unterlaufen so den Anspruch an allgemeine Bildung“, schrieben die Direktorinnen und Direktoren in einem Positionspapier. Zwar zeige sich, dass sich die Leistungen durch den zentralen Aufgabenpool der Länder eher verbessert hätten, sie beschränkten sich jedoch auf einen schmalen Korridor aus Deutsch, Englisch und Mathematik.

Schulsenator Ties Rabe (SPD) bot den Schuleiterinnen und Schulleitern Gespräche an, fügte aber hinzu: „Viele Forderungen sind in Form und Inhalt neu und ungewöhnlich, beispielsweise die Forderung nach weniger Deutsch, Englisch und Mathe oder die Forderung nach einer Verschärfung des Abiturs.“ Die Zeit der Sonderwege einzelner Bundesländer sei vorbei. „Es wäre keine gute Idee, wenn Hamburg ein anderes Abitur und andere Bildungsanforderungen erfindet als die anderen Bundesländer“, sagte der Senator und betonte: „Grundsätzlich werde ich darauf achten, dass das Abitur keinen Millimeter leichter wird.“ Die Anforderungen an Hamburgs Schülerinnen und Schüler seien mit den neuen bundesweiten Abituraufgaben aus den zentralen Aufgabenpools eher verschärft worden.

Für mehr Vergleichbarkeit soll ein zentraler Aufgabenpool der Länder sorgen

Nach Ansicht des Präsidenten der Kultusministerkonferenz (KMK), Alexander Lorz, ist ein Zentralabi keine Lösung. Der CDU-Politiker und hessische Bildungsminister warnte davor, mit der Forderung nach einem Zentralabi unrealistische Erwartungen zu wecken. Zur Ehrlichkeit in der Debatte gehöre auch, dass die Abiturnoten zwar so vergleichbar wie möglich sein sollten, „aber das wird man wohl nicht mit letzter Perfektion hinbekommen“, sagte Lorz.

Lorz ist in diesem Jahr Vorsitzender der KMK, in der die Bildungsministerinnen und Minister der Länder zusammenarbeiten. Man habe in der KMK in den vergangenen Jahren bereits massive Anstrengungen zur Vereinheitlichung des Abiturs unternommen, sagte er. „Der (…) von allen Ländern genutzte gemeinsame Abituraufgabenpool, aus dem die Länder Aufgaben für das schriftliche Abitur entnehmen, hat sich bewährt.“ Die Aufgaben hätten vergleichbare Anforderungen und müssten deshalb nicht zwingend identisch sein. Es brauche Zeit, bis der Aufgabenpool seine Wirkung entfalten könne. Bisher wird das Angebot nicht von allen Ländern in gleichem Maße genutzt.

Wie genau die Aufgaben entstehen, wer sie überprüft und entscheidet, welche Aufgaben zum Einsatz kommen, erklärt Petra Stanat. Sie ist Bildungswissenschaftlerin und Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das die Aufgabenpools koordiniert.

dpa

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