Umfrage zu Schulen und Corona : Worüber sich Lehrkräfte am meisten ärgern

Fehlende Planbarkeit, schlechte Ausstattung, Lehrermangel: Fragt man Lehrerinnen und Lehrer nach den größten Problemen an Schulen, kommt eine lange Liste zusammen – längst nicht alles davon hat mit Corona zu tun.

Dieser Artikel erschien am 11.05.2021 in DER SPIEGEL
Armin Himmelrath
©Caroline Seidel/dpa

Viele Lehrerinnen und Lehrer erleben die Coronakrise in einer Puffer-Rolle: Sie müssen in den Schulen die Maßnahmen zum Infektionsschutz umsetzen und werden dafür zum Teil angefeindet und angegriffen. Etwas mehr als jede fünfte Lehrkraft (22 Prozent) sagt, ihr seien aktuell Fälle von psychischer Gewalt gegen Kolleginnen und Kollegen oder die Schulleitung der eigenen Schule bekannt.

Das geht aus einer Umfrage hervor, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) am Dienstag vorgestellt hat. Sie trägt den Titel „Gewalt gegen Lehrkräfte im Zusammenhang mit der Durchsetzung von Corona-Schutzmaßnahmen an der Schule“.

Psychische Gewalt wird dabei definiert als „Fälle, bei denen Lehrkräfte beziehungsweise die Schulleitung direkt, aber nicht über das Internet, beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden“. Ein Viertel der Befragten (25 Prozent) berichtet davon, im Netz bedroht oder beschimpft worden zu sein. Zwei Prozent berichten davon, ihnen seien Fälle von körperlicher Gewalt bekannt.

„Regelungschaos und verfehlte Kommunikation“

„Der Frust der Gesellschaft über bestehende Coronaregeln entlädt sich an der Schule“, sagte VBE-Vorsitzender Udo Beckmann zu den Ergebnissen der Umfrage. Das Schulpersonal und die Schulleitungen würden „dafür angegriffen, ihrer Arbeit nachzukommen und die verordneten Infektionsschutzmaßnahmen umzusetzen“. Beckmann warf der Politik und vor allem den Kultusministerien vor, Konflikte „durch Regelungschaos und verfehlte Kommunikation zu provozieren“.

Die Lehrerinnen und Lehrer wurden außerdem danach gefragt, was zurzeit die „größten Probleme“ an der Schule seien. Am häufigsten genannt wurde dabei die fehlende Planbarkeit des Unterrichtsalltags, die durch „ständige kurzfristige Politikwechsel in Bezug auf Unterrichtsformen und Coronaregeln“ in der Schule hervorgerufen werde. Belastend ist für viele außerdem, Notbetreuung, Präsenz-, Digital- und Wechselunterricht parallel vorzubereiten und umzusetzen.

Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis der „raue Ton“ der gesellschaftlichen Coronadebatte in der Schule angekommen sei, sagte Udo Beckmann. Er forderte die Kultusministerien auf, die Lehrerinnen und Lehrer zu schützen: durch besseres Informationsmaterial zu den Infektionsschutzmaßnahmen, durch die Benennung von Ansprechpartnern in den Ministerien und vor allem durch „transparente Regelungen, die einleuchten und zu weniger Unmut führen“.

Einzelheiten zur Umfrage

In Konfliktfällen müssten sich die Ministerinnen und Minister „voll hinter die Bedrohten stellen“, sagte Beckmann. Lehrkräfte dürften nicht „ungeschützt von der Politik zur Zielscheibe von Andersdenkenden“ werden. Nach VBE-Angaben stammt ein Großteil der Angriffe aus den Reihen der sogenannten „Querdenker“.

Der VBE führt seit fünf Jahren regelmäßige Umfragen zum Thema „Gewalt gegen Lehrkräfte“ durch. Dass diesmal nur zwei Prozent der Lehrerinnen und Lehrer von körperlicher Gewalt berichteten, führt der VBE auf den eingeschränkten Präsenzunterricht der vergangenen Monate zurück.

Die niedrige Zahl sei daher kein Grund zur Entspannung, sagte VBE-Chef Beckmann: „Wenn man das hochrechnet, heißt das immer noch, dass es innerhalb der letzten Monate an 650 der 32.500 allgemeinbildenden Schulen in Deutschland zu körperlichen Angriffen gegen Lehrkräfte oder die Schulleitung kam.“ Das sei nicht akzeptabel.