Studie zu Brennpunktschulen : Woher sollen die Lehrer kommen?

Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Brennpunktschulen zeigt, wo die Schwachpunkte bisheriger Fördermodelle liegen. Meist fehlt es gar nicht an Geld. Es fehlt an Personal.

Dieser Artikel erschien am 31.03.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Schmoll
leeres Klassenzimmer
©dpa

Die schönfärberischen Umschreibungen für Schulen mit schwierigen Schülern in sozialen Brennpunkten mehren sich. Von Schulen in herausfordernder Lage, in sozialräumlich schwierigen Lagen, in benachteiligten Quartieren, mit sozioökonomisch benachteiligter Schülerschaft ist ebenso die Rede wie von Brennpunktschulen. So unklar die Begriffe sind, so sehr fehlen die Kriterien für eine Definition, was eine Schule in herausfordernder Lage ist. Manche Bundesländer sind dazu übergegangen, die Schulen nach sogenannten Sozialindizes einzuteilen und ihre Ressourcen danach zu verteilen. Andere verzichten weiter darauf. Die neue Bundesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, durch ein Startchancen-Programm Schulen in sozial schwierigen Lagen gezielt zu unterstützen. Oft genug fehlt es solchen Schulen gar nicht am Geld. Das galt zumindest bisher für Berliner Brennpunktschulen. Aber es fehlt an pädagogischem und psychologischem Personal, und es fehlt an Wissen, welche Unterstützungsprogramme und welche Maßnahmen eigentlich wie wirksam sind.

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, hat die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung die Studie „Was brauchen Schulen in herausfordernden Lagen?“ in Auftrag gegeben. Sie beansprucht keine Repräsentativität, sondern gründet auf der Befragung von rund 350 Schulleitern und Lehrern an 56 Schulen in herausfordernder Lage in 20 verschiedenen Städten. Die Leitfragen der Studie, die federführend von dem Münsteraner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Böttcher verantwortet wird und an diesem Donnerstag in Berlin vorgestellt werden soll, waren: Welche Unterstützung brauchen Schulleitungen und Lehrer besonders dringend, und welche Maßnahmen lassen sich daraus für die Schulen ableiten, in denen sich Problemlagen häufen? Den Sozialindizes traut Böttcher nicht allzu viel zu.

Unvoreingenommen gehen die Autoren nicht an das gegliederte Schulsystem heran. So wird gleich zu Anfang festgestellt: „Die Selektionsprinzipien des deutschen Schulsystems unterstützen die grobe Differenzierung.“ Später ist von strukturellen Benachteiligungen durch ein gegliedertes Schulsystem und zunehmender Segregation die Rede, obwohl Schulstrukturdebatten die denkbar schlechteste Lösung für Schulen in herausfordernder Lage sein dürften. Einheitsschulmodelle haben Leistungen nicht besser gemacht, ganz im Gegenteil, neuen Studien zufolge sind homogene Klassen im gegliederten System jeweils deutlich leistungsfähiger. Im Blick auf die Frage nach Chancengleichheit müssten sich Politik und Verwaltung „die Frage gefallen lassen, welche pädagogischen und gesellschaftlichen Probleme Mehrgliedrigkeit verursacht und ob es keine andere Antwort gibt, als die Debatte zu verweigern“, heißt es in der Studie.

Schwachpunkt Sprachförderung und viel Selbstkritik

Wenn es darum geht, Schulen in herausfordernder Lage zu unterstützen, werden Sprachförderung, Leseförderung, Lehrerhandeln, Elternarbeit, Mentorenprogramme und Lernzeiten sowie Ferienschulen genannt. Die Autoren beziehen sich bei der Betrachtung der Förderprojekte auf die Systematisierungen der Wübben-Stiftung. Aufschlussreich ist, dass die Schulen in der Studie sehr selbstkritisch mit ihren Erfolgen umgehen. So wissen sie, dass die individuelle Förderung im Unterricht noch längst nicht erreicht ist, dass auch die Sprachförderung besser werden könnte, dass ihre Schüler kaum Zugang zu kultureller Bildung haben, dass die Begabten- und Talentförderung zu kurz kommt.

Dagegen sind die Schulen beim Umgang mit Konflikten zwischen Schülern in ihrer Einschätzung schon ganz gut. Das gilt auch für die Schulsozialarbeit, die Entwicklung des Schulcurriculums und des Schulklimas sowie für die Zusammenarbeit mit dem Schulträger. An schulpsychologischer Unterstützung dagegen scheint es zu fehlen, auch die Zusammenarbeit mit den Eltern sowie die Wartung der IT-Infrastruktur, die Kooperation mit Hochschulen sowie die Gesundheit der Schüler und Lehrer wären deutlich verbesserungsfähig. Erschreckend gering ist auch die datengestützte Schulentwicklung.

Doppelbesetzung, das Zauberwort für schwierige Klassen

Fast alle befragten Schulen beurteilten ihre personelle Ausstattung als unzureichend. Sie wünschen sich eine Reduktion der Klassenstärken und eine konstante Doppelbesetzung sowie Dolmetscher für die Gespräche mit Eltern, deren Deutschkenntnisse nicht ausreichen. Als besonders problematisch sahen die Schulen die universitäre Lehrerbildung, die aus ihrer Sicht nur unzureichend auf schwierige Schülergruppen vorbereitet.

Könnten mit einer Anpassung der Besoldung für Lehrer an solchen schwierigen Schulen mehr Lehrer rekrutiert werden? Solche höher dotierten Stellen gibt es etwa in Nordrhein-Westfalen schon. Die Stellen bleiben aber trotzdem unbesetzt. Das zeigt sich etwa in Duisburg. Die Realität sieht deshalb so aus: In Brennpunktschulen unterrichten nicht besonders erfahrene und qualifizierte Lehrer, sondern hier ist der Anteil der Quer- und Seiteneinsteiger besonders hoch. Der teilweise als katastrophal beschriebene Bauzustand der Schulgebäude vermittele den Schülern, so die Studie, das Gefühl von Gleichgültigkeit, es fehle an einer lernfreundlichen Umgebung.

Ressourcen gezielter einsetzen

Die Autoren halten es für unerlässlich, mehr über den notwendigen Umfang von Ressourcen zur Unterstützung der Schulen in Erfahrung zu bringen und die Wirksamkeit von einzelnen Maßnahmen durch begleitende Forschung zu überprüfen. Bildungsausgaben sollten so umverteilt werden, dass die frühe Bildung nicht zu kurz kommt und Kitas und Kindergärten qualitativ besser werden. Böttcher ist der Auffassung, dass die im Bildungssystem Erfolgreichen in höherem Maße von öffentlichen Aufwendungen profitieren als die wenig Erfolgreichen. Die Autoren schlagen vor, zunächst den Bedarf zu ermitteln und dann die Ressourcen zu verteilen und die Wirksamkeit der eingesetzten Mittel zu überprüfen. „Es geht darum, dass Aktivitäten, Maßnahmen und Projekte sich dadurch legitimieren müssen, dass sie unter Vorlage beweiskräftiger Befunde zeigen, dass sie ihre eigenen Ziele erreichen.“

Die Studie untermauert damit den Eindruck, dass die Mittelzuweisung nach dem Gießkannenprinzip sinnlos ist und gerade in Zeiten knapper werdender Ressourcen deren gezielter Einsatz gewährleistet sein muss. „Es geht um Messen, Identifizieren und Bewerten“, also um eine datengestützte Steuerung. Und es geht um die Stärkung der Schulleitungen, die von den Autoren zwar befragt, aber in den Schlussfolgerungen so gut wie nicht berücksichtigt werden.

Wichtiges vergessen

Die Autoren werben für ein Curriculum der Grundbildung mit Mindeststandards, bringen diese aber in keiner Weise in Verbindung mit dem jüngsten Verfassungsgerichtsurteil mit einem neu definierten Recht auf Bildung. Obwohl alle beteiligten Schulen den Personalmangel beklagen, spielt er im abschließenden Kapitel keine große Rolle. Stattdessen wird auf eine „problemsensible Lehrkräfteaus- und -fortbildung“ verwiesen. Die Forderung der Studie, multiprofessionelle Teams in Schulen zu stärken und eine Konzentration der Lehrer auf ihr Kerngeschäft, den Unterricht, zu ermöglichen, setzt voraus, dass diese Teams überhaupt funktionsfähig, also personell hinreichend ausgestattet sind.

So richtig es ist, Bildungslandschaften zu fordern, die über die Schulen hinausgehen und verschiedene Akteure in den Kommunen umfassen, so unverständlich ist, dass das Zusammenspiel zwischen Bund, Ländern und Kommunen in den Empfehlungen der Studie keine Rolle spielt. So werden die hohen Erwartungen, die zu Anfang der Studie geweckt werden, am Ende nicht ganz eingelöst.