Schulen und Kitas für Geflüchtete : Wo sollen die Kinder aus der Ukraine lernen?

In den nächsten Wochen sollen viele hundert Menschen aus der Ukraine in Leichtbauhallen unterkommen. Ein Konzept, wie die Kinder betreut werden, fehlt nach Ansicht mancher Schulleiter aber.

Dieser Artikel erschien am 20.04.2022 in der Süddeutschen Zeitung
Kathrin Aldenhoff
Schülerinnen
Den Menschen, die Schutz vor dem Krieg suchen, eine sichere Bleibe zu bieten: Das ist das erste Ziel der städtischen Bemühungen. Die Kinder aber brauchen dringend weitere Perspektiven.
©dpa

Es mangelt an Wohnungen, um Geflüchtete aus der Ukraine unterzubringen. In den kommenden Tagen und Wochen werden Hunderte Menschen erst einmal in Leichtbauhallen ziehen, die derzeit an vier Standorten in der Stadt aufgebaut werden. Unter anderem auch in Berg am Laim in der Nähe des Michaeli-Gymnasiums. Zwischen 300 und 400 Geflüchtete aus der Ukraine sollen dort von der zweiten Maihälfte an untergebracht werden. Wer in die Leichtbauhallen einziehen wird, wie viele Erwachsene und wie viele Kinder dann dort wohnen werden, steht nach Aussage eines Sprechers des Sozialreferats noch nicht fest. Unklar ist auch noch, wie lange die Menschen dort wohnen sollen.

Der Direktor des nahegelegenen Michaeli-Gymnasiums fragt sich, wie es weitergeht, wenn die Geflüchteten erst einmal in den Leichtbauhallen angekommen sind. Wo sollen die Kinder zur Schule gehen? Am Michaeli-Gymnasium hätten sie bisher 18 ukrainische Kinder aufgenommen. „Mehr ist nicht möglich“, sagt Frank Jung. „Wir haben weder den Platz noch das Personal, um mehr Kinder zu betreuen und zu unterrichten.“ Schließlich würden an der Schule derzeit noch die Vorläuferklassen für das Riemer Gymnasium betreut. Bisher sei noch niemand auf ihn und die umliegenden Grund- und Mittelschulen zugekommen, sagt er, um mit ihnen über die schulische Versorgung der Kinder zu sprechen. Er vermisst ein Konzept, wie die Schulen mit der Situation umgehen sollen.

Nach den Osterferien werde ein Treffen der Schulleitungen der umliegenden Schulen dieses Standortes stattfinden, teilte die Leiterin der Grundschule Josephsburgstraße, Vera Reindl, mit. Da werde man über die Aufnahme der ukrainischen Kinder sprechen.

Außer dem Standort in Berg am Laim sind drei weitere geplant, zwei im Bezirk Sendling-Westpark, eine am südlichen Ende des Bezirks Bogenhausen. Insgesamt soll es in den vier Standorten 860 Plätze geben. Eine Leichtbauhalle mit 250 Plätzen steht bereits im Bezirk Milbertshofen-Am Hart.

An welchen Schulen die Kinder unterrichtet werden, die ab Mai in den Leichtbauhallen wohnen werden, das werde man sehen, wenn die Kinder da sind, sagt die Leiterin des Staatlichen Schulamtes, Bettina Betz. Klar ist, dass es verschiedene Schulen sein werden. „Wir müssen dann zusammenhelfen und gucken, wo wir die Kinder unterbringen.“ Im Vorfeld bekomme das Schulamt keine Informationen darüber, wie viele Kinder welchen Alters einziehen. Daher könne das Schulamt noch keine Vorkehrungen für Willkommensangebote treffen.

Mitte April besuchen knapp 1600 ukrainische Kinder und Jugendliche Münchner Schulen. Die Zahl ändere sich stark, mitunter von einem Tag auf den anderen, sagt Bettina Betz. Die Schulleiter melden dem Schulamt über ein Portal die Zahl der Kinder und die der sogenannten Willkommensgruppen. Davon gibt es an Münchner Schulen inzwischen 41 – der Großteil der geflüchteten Kinder wird derzeit in München in den Regelklassen unterrichtet. Auch, weil den Schulen das Personal für extra Gruppen fehlt.

Die Grund- und Mittelschulen sollen ihre Klassen auffüllen, 28 bis 30 Kinder pro Klasse lautet die Ansage. Und wenn nichts mehr geht, dann müssten die Schulleiter das dem Schulamt melden, sagt Betz. Bisher sei in keinem Gespräch die Rede davon gewesen, dass eine oder mehrere Schulen überfüllt seien.

„Wir machen gute Erfahrungen mit den Regelklassen“, sagt Bettina Betz. „Die ukrainischen Eltern sind sehr dankbar, dass ihre Kinder dort unterrichtet werden, Bildung ist ihnen sehr wichtig und sie möchten auch, dass ihre Kinder Deutsch lernen.“ Dennoch versuche man, den Kindern in Zukunft mehr Angebote in Willkommensgruppen zu machen. Diese Willkommensgruppen sind die Idee des Kultusministeriums, um die geflüchteten Kinder und Jugendlichen zu betreuen und ihnen erste Deutschkenntnisse zu vermitteln. Die Gruppen sollen auch überfüllte Regelklassen verhindern.

Auch in den Kitas sollen Willkommensgruppen entstehen

Bisher habe sie von keiner Münchner Schule gehört, dass sie keine Kinder mehr aufnehmen könne, sagt Bettina Betz. Sie gehe deswegen davon aus, dass anfragende Kinder noch untergebracht werden können. Die Mittelschulen tauschen sich in den bestehenden Verbänden aus, genauso machen es nun auch die Grundschulen: Jeweils vier, fünf Grundschulen sind miteinander in Kontakt und regeln untereinander, welche Schule welche Kinder in welcher Jahrgangsstufe aufnehmen kann.

In den Kindertagesstätten, die in der Umgebung von Gemeinschaftsunterkünften und der Leichtbauhallen liegen, sollen Willkommensgruppen für ukrainische Kita-Kinder entstehen. Man sei mit den Einrichtungen in Kontakt, um ungenutzte oder in Randzeiten freie Räume zu identifizieren, teilte ein Sprecher des Referats für Bildung und Sport mit. Um konkrete Schritte zu unternehmen, sei es noch zu früh, da noch nicht klar sei, wie viele Kinder welchen Alters in den Leichtbauhallen untergebracht werden. Bewerber, die diese Kinder in den Einrichtungen betreuen wollen, gebe es schon, im Moment würden die Anstellungsmodalitäten geklärt.

Noch besteht für die geflüchteten Kinder keine Schulpflicht. Wenn Kinder und Jugendliche aus der Ukraine Münchner Schulen besuchen, dann tun sie das freiwillig. Nach drei Monaten allerdings beginnt die Schulpflicht – wie dann der Unterricht aussehen wird, das weiß auch die Leiterin des Staatlichen Schulamtes noch nicht. Vielleicht wird es dann ein Vorteil sein, dass so viele ukrainische Kinder bereits jetzt den normalen Unterricht besuchen, meint Bettina Betz.