Dieser Artikel erschien am 29.07.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Bernd Kramer

Digitalisierung : Wo Deutschlands Schulen schnelles Internet haben – und wo nicht

Mit Milliarden fördert die Politik die Anschaffung von Tablets und interaktiven Tafeln. Doch neue Zahlen zeigen: Vielerorts haben die Schulen nicht einmal einen schnellen Internet-Anschluss.

Wollen viele Schüler gleichzeitig Erklärvideos schauen, kann es zäh werden.
Wollen viele Schüler gleichzeitig Erklärvideos schauen, kann es zäh werden.
©dpa

Im Jerichower Land, im Nordosten Sachsen-Anhalts, saßen im Frühjahr immer noch 25 Schulen in der Internet-Pampa. Der Landrat hatte längst Förder­mittel für neue Glas­faser­kabel beantragt, sie kamen aber nicht schnell genug. „Der Land­kreis befindet sich in der Warte­schleife“, klagte der Landrat in der Lokal­zeitung.

So geht es nicht nur ihm. Deutschlands Schulen sollen zwar digitaler werden. Im Frühjahr hatten Bund und Länder sich auf den Digital­pakt geeinigt. Fünf Milliarden Euro sollen aus Berlin in den kommenden fünf Jahren an die Schulen fließen, damit diese Laptops, Tablets und inter­aktive Tafeln anschaffen können.

Gut möglich allerdings, dass die neue Elektronik wenig nützt, weil wie im Jerichower Land das Internet zu sehr stockt. Neue Zahlen der Bundes­regierung zeigen, wie sehr die Surf­geschwindig­keit in den Klassen­räumen von der Post­leit­zahl abhängt. Besonders schlecht sieht es dabei im Osten aus: In Sachsen zum Beispiel haben 40 Prozent der Schulen kein schnelles Internet, in Sachsen-Anhalt sogar mehr als 50 Prozent. Wollen viele Schüler gleich­zeitig Erklär­videos auf den Tablets schauen, wird es zäh: Die Bilder sind verpixelt, der Film ruckelt, die Ladezeiten werden endlos. Schnelle Lern­fort­schritte? Eher nicht. In den dicht besiedelten Stadt­staaten ist die Versorgung deutlich besser: So fehlt in Hamburg nach Schätzung des Verkehrs­ministeriums, das für den Breit­band­aus­bau zuständig ist, nur noch gut acht Prozent der Schulen eine Breit­band­leitung mit einer Über­tragungs­rate von mindestens 50 MBit pro Sekunde.

„Ohne unbürokratische Investitionen in den Breitbandanschluss der Schulen wird digitale Bildung nicht gelingen“, sagt FDP-Bildungs­politiker Jens Brandenburg, der die Zahlen im Bundes­tag erfragt hatte.

Die Bundesregierung hatte 2015 ein mit 4,4 Milliarden Euro ausgestattetes Breitband-Förder­programm gestartet, das diejenigen Regionen mit schnellem Internet versorgen soll, in denen Privat­unter­nehmen zu wenig in den Netz­aus­bau investieren. Auch Schulen können in diesem Programm Anträge stellen. Anders als beim Digital­pakt, über den sie interaktive Tafeln, Wlan-Router und andere Geräte erhalten, können sie die Internet­anschlüsse aber nicht direkt beantragen. Sie müssen sich dafür in den Antrag ihrer Kommune einklinken – so diese über­haupt einen gestellt hat. Die FDP kritisiert dieses Verfahren als kompliziert und schwer­fällig. Viele Schulen würden sich außer­dem nicht beteiligen, weil das Programm zu unbekannt sei.

Das Ministerium von Andreas Scheuer (CSU) geht davon aus, dass rund 30.000 Schulen von der Förderung profitieren könnten. Tatsächlich wurden über das Breitband-Programm aber erst wenige von ihnen ans schnelle Internet angeschlossen. Bundes­weit bekamen bisher erst 6301 Schulen einen Zugang zum Giga­bit­netz. In Sachsen-Anhalt waren es sogar nur 73.