Schulleitungen in der Pandemie : Wo bleibt der Coronamanager?

Sollen Schulen offen bleiben oder bei sehr vielen Quarantänefällen schließen? Mancherorts hat die Politik diese brisante Frage an die Schulleitungen delegiert, manche sagen: „abgewälzt“. Ein Stimmungsbild.

Dieser Artikel erschien am 10.01.2022 in DER SPIEGEL
Silke Fokken
Schüler:innen mit MAske auf Schulflur
©iStock

Was ist, wenn sich ein Drittel seines Kollegiums wegen der Virusvariante Omikron krankmeldet oder in Quarantäne muss? Wie soll dann noch Unterricht stattfinden? In Präsenz? Oder auf Distanz?

Diese Fragen treiben Ralf Niebisch, Schulleiter am Berufskolleg Gelsenkirchen in Nordrhein-Westfalen, in diesen Tagen um. Am Montag beginnt die Schule nach den Ferien wieder – und Niebisch vermisst konkrete Antworten aus der Politik. „Es gibt keine verschiedenen Szenarien, die der derzeitigen Unsicherheit Rechnung tragen“, sagt Niebisch, der stellvertretender Vorsitzender der Schulleitungsvereinigung NRW ist. „Dabei müssten wir uns doch dringend auf verschiedene Szenarien vorbereiten, um nicht im Zweifel völlig von den Ereignissen, von hohen Infektionsraten und Krankheitsausfällen, überrumpelt zu werden.“ Immerhin habe das Ministerium die Testpflicht ab Montag ausgeweitet: „Das ist gut, aber auch alternativlos.“

Die Politik beschwört weiter die Priorität des Präsenzunterrichts, zuletzt beim Treffen der Kultusministerkonferenz (KMK). Auf bundesweit einheitliche Regeln, wie mit steigenden Infektionszahlen und hohen Krankheitsständen in Schulen umzugehen ist, hat sie (mal wieder) verzichtet. „Es gibt keinen gemeinsamen Plan, weil es keine gleichen Schulen und keine gleichen Bundesländer gibt“, sagt KMK-Präsidentin Karin Prien aus Schleswig-Holstein.

So kocht also jedes Bundesland sein eigenes Süppchen, das wiederum manchen Schulleitungen schmeckt und manchen gar nicht. Seit fast zwei Jahren müssen sie nun schon die Krise managen, ihnen kommt eine Schlüsselrolle zu. Mit den Vorgaben ihrer Ministerien sind einige sehr unzufrieden – während sich andere über neue Freiräume freuen.Thüringen: Jeder, wie er will

Rolf Busch, 58, ist Schulleiter in Tanna in Thüringen. „Wir haben hier jetzt die denkbar schlechteste Lösung“, findet er. Vor Weihnachten hatte Kultusminister Helmut Holter noch verfügt, die Schulen sollten bis Mitte Januar Distanzunterricht anbieten. Am 28. Dezember machte er dann eine Kehrtwende und berief sich unter anderem auf das neue Infektionsschutzgesetz der Ampelkoalition, das keine flächendeckenden Schulschließungen erlaubt. In den meisten Bundesländern liegt es damit in der Verantwortung der Gesundheitsämter, etwa bei einer hohen Zahl von Infektionen ein Betretungsverbot auszusprechen und die Schule damit faktisch zu schließen.

In Thüringen schob Holter den Schulleitungen besondere Verantwortung zu: Sie sollen regelmäßig feststellen, welche Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte infiziert sind, sich in Quarantäne befinden oder seit Kurzem genesen sind. Auf dieser Grundlage solle dann in Abstimmung mit dem zuständigen Schulamt „schulspezifisch“ festgelegt werden, heißt es in einer Mitteilung , wie unterrichtet werde, etwa Wechselunterricht ab Klassenstufe sieben oder Distanzunterricht für einzelne Klassen- oder Jahrgangsstufen.

Busch, der auch Vorsitzender des Thüringer Lehrerverbandes ist, hat in den vergangenen Tagen schon gegenüber anderen Medien von „Regierungsversagen“ gesprochen, „und das tue ich selten“, wie er im Telefonat mit dem SPIEGEL betont. Aber das Hin und Her könne er nicht mehr nachvollziehen.„Schulleitungen geraten in ein unglaubliches Spannungsfeld“

Seine neue Entscheidungsmacht sieht er mindestens ambivalent. „Die Politik hat den Druck einfach auf die Schulleitungen abgewälzt“, sagt er. „Ich übernehme gern Verantwortung, aber Schulleitungen geraten in ein unglaubliches Spannungsfeld.“ Einige Eltern forderten Distanzunterricht, weil sie eine Ansteckung ihrer Kinder in der Schule fürchteten und vielleicht Risikopatienten in der Familie hätten; andere seien aus verschiedenen Gründen dagegen, darunter Impfskeptiker und Coronaleugner. „Der Riss zieht sich durch die Schulgemeinschaft genau wie durch die Gesellschaft“, sagt Busch. „Diesen Druck, der sich oft mindestens in bösen E-Mails bis hin zu Demos vor Schulen entlädt, müssen die Schulleitungen aushalten.“

Notgedrungen habe er eine Umfrage unter den Eltern zu Infektionsfällen gestartet – und die Schule dann „guten Gewissens“ geöffnet. Dass er diese Möglichkeit nun hat, dem kann Busch etwas abgewinnen.Mecklenburg-Vorpommern: Was ist Phase?

In Mecklenburg-Vorpommern lässt das Kultusministerium den Schulleitungen ebenfalls viel Freiraum. Es gilt ein Drei-Phasen-Modell, die Schulleitungen entscheiden mit Blick auf Infektions- und Quarantänezahlen. „Das ist davon abhängig, wie mit dem vorhandenen Personal der Unterricht abgesichert werden kann“, hatte Schulministerin Simone Oldenburg erklärt.

Phase eins heißt normaler Schulbetrieb. In Phase zwei findet „die Organisation und Ausgestaltung des Unterrichts in eigener Verantwortung und in Abhängigkeit des verfügbaren Personals der Schule statt“; in den Jahrgangsstufen eins bis sechs sowie den Abschlussklassen wird Präsenzunterricht durchgeführt, ab Klasse sieben gilt das Wechselmodell.

Phase drei tritt ein, wenn so viele Lehrerinnen und Lehrer krank sind, dass der Unterricht nicht oder nur stark eingeschränkt stattfinden kann. Für die untereren Jahrgangsstufen bis Klasse sechs gibt es dennoch Präsenzunterricht oder Notbetreuung, für alle darüber Distanzunterricht. Abschlussklassen wiederum erhalten Präsenzunterricht.

Heike Walter leitet die „Schule am See“ in Satow und hat die Vorgaben mit erarbeitet. „Klar, die Vorgaben bedeuten auch, dass ich noch ein Stück mehr Verantwortung übernehme, aber es verschafft mir auch den nötigen Freiraum, um schnell eine gute Lösung zu finden“, sagt sie. Außerdem gebe es eine gewisse Kontrolle, weil die Entscheidung mit der Schulaufsicht abgestimmt werde. Es sei ohnehin nicht davon auszugehen, dass jemand ohne Not seine Schule schließe. „Wir sind alle um jeden Tag froh, den die Schule offen sein kann.“Schleswig-Holstein: „Nicht jeder, wie er will“

Uwe Niekiel leitet in Brunsbüttel in Schleswig-Holstein eine Grundschule mit 270 Kindern. Der Kreis Dithmarschen ist auf Karten mit Infektionsraten dunkelrot, die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner lag am Donnerstag bei über 800. Niekiel findet es richtig, dass die Schule trotzdem an diesem Montag öffnen kann: „Wir haben gesehen, was Schulschließungen bei Kindern angerichtet haben.“

In seinem Bundesland gilt ähnlich wie in Mecklenburg-Vorpommern: Falls zu viele Akteure in Quarantäne sind, „können Schulen ab sofort einen Übergang zu Distanzunterricht […] regeln und dies der zuständigen Schulaufsicht anzeigen“, heißt es aus dem Bildungsministerium. Ministerin Prien hat Kriterien festgelegt: Mehr als die Hälfte der Schüler oder ein Drittel der Lehrkräfte müssen betroffen sein – so handle, wie sie betonte, eben „nicht jeder, wie er will“.

Schulleiter Niekiel sagt: „Für mich ist das angesichts der gegebenen Umstände eine akzeptable Lösung.“ Er habe bereits einen Plan für das „Worst-Case-Szenario“ Distanzunterricht entwickelt. So dürften dann Kinder, die zu Hause keine stabile Internetverbindung haben, für drei Stunden täglich ein „Arbeitszimmer“ in der Schule nutzen. Für Betreuung sei gesorgt.

Niekiel ist wie alle Schulleiterinnen und Schulleiter seit fast zwei Jahren im Dauereinsatz: Coronatests bestellen und dokumentieren, Hygienekonzepte entwickeln, mit Gesundheitsämtern telefonieren – und damit ist die Liste längst nicht zu Ende. Wie viele Überstunden sie haben? Alle lachen bei dieser Frage leicht bitter auf. Zählten sie nicht mehr, sagen sie.

Auch Ralf Niebisch aus NRW bedauert, dass oft zu wenig Zeit für seine eigentlichen Aufgaben bleibe. Er warnt, Schulleiter seien schon jetzt Mangelware. Bundesweit sind etliche Schulleiterposten unbesetzt, allein in NRW rund jeder zehnte. Das Arbeitsvolumen in der Krise könne noch mehr Bewerber abschrecken. Und diejenigen, die das Amt bereits innehaben, hören unter Umständen vorzeitig auf. Das legt zumindest eine Studie des Verbandes Erziehung und Bildung (VBE) nahe.

Abhilfe scheint nicht in Sicht. „Um uns zu entlasten, bräuchten wir an den Schulen mindestens jeweils einen Coronamanager“, sagt Rolf Busch aus Thüringen. „Wo bleibt der?“Stark-Watzinger: „Schulen sind für mich auch kritische Infrastruktur“

Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) darf den Ländern zwar nicht reinreden, Stichwort Bildungsföderalismus, sieht wegen der Omikron-Variante und drohenden vermehrten Quarantänefällen an Schulen aber Handlungsbedarf – und fordert bessere Vorkehrungen. „Schulen sind für mich auch kritische Infrastruktur“, sagte Stark-Watzinger am Montag im ZDF-„Morgenmagazin“. Deshalb müsse jetzt eine Ausfallplanung auch ins Schulmanagement integriert werden.

Das bedeute, dass etwa in Quarantäne geschickte Lehrer in hybrider Form zugeschaltet werden und so weiter unterrichten sollten. Auch Schüler, die in Quarantäne sind, sollten weiter in den Unterricht eingebunden werden. „Das muss ins Schulmanagement.“ Die Ministerin forderte außerdem verstärkte Impfungen in der Altersgruppe der Schülerinnen und Schüler: „Wir müssen schaffen, dass auch an den Schulen geboostert wird“, sagte die FDP-Politikerin. Dass die Impfquote der unter 18-Jährigen unter der der älteren Bevölkerung liege, hänge damit zusammen, dass in dieser Altersgruppe erst später mit dem Impfen begonnen wurde. Aber jetzt müsse jede Schülerin und jeder Schüler dieser Altersklasse ein Impfangebot bekommen.

Auch der Präsident des Deutschen Städtetages, Markus Lewe, sieht das Krisenmanagement an den Schulen kritisch. Er vermisst vor allem konkrete Beschlüsse seitens Bund und Ländern , die am Freitag getagt hatten. „Wir hätten uns gewünscht, dass sich Bund und Länder vorsorglich über Konzepte verständigt hätten für den Fall, dass ein Normalbetrieb im Bereich Schule und Kita nicht mehr möglich ist“, sagte der Oberbürgermeister von Münster den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Samstag).

„Wir haben die Sorge, dass gerade hier die Infektionen bei Kindern und Beschäftigten ansteigen. Für diesen Fall ist leider die Strategie von Bund und Ländern unklar“, kritisierte Lewe. Er forderte von Bund und Ländern ein Sofortprogramm für Schulen und Kitas, um die Stunden von Teilzeitkräften erhöhen und Aushilfskräfte einsetzen zu können. „Das hilft, wenn viele Kolleginnen und Kollegen wegen Krankheit und Quarantäne zeitgleich ausfallen“, sagte der CDU-Politiker.