Vorschlag von Bildungsforscher : „Wir sollten das Schuljahr bundesweit bis Weihnachten verlängern“

Die Schulen im Shutdown, die Kinder im Distanzunterricht: Bildungsforscher Marcel Helbig erklärt, wie er die entstandenen Kompetenzlücken schließen will – und wer sich dafür bewegen müsste.

Dieser Artikel erschien am 10.02.2021 in DER SPIEGEL
Armin Himmelrath
Symbolbild Homeschooling
„Normal ist an den Schulen derzeit gar nichts“, sagt der Bildungsforscher Marcel Helbig und schlägt ein Langschuljahr bis Weihnachten vor
©dpa

SPIEGEL: Herr Helbig, Sie sagen: Dieses Schuljahr ist nicht mehr zu retten…
Marcel Helbig: Stimmt nicht.

SPIEGEL: Sondern?
Helbig:
Es ist in der jetzigen Form nicht mehr zu retten. Mit regulären Zeugnissen und Abschlüssen im Sommer und mit dem Anspruch, dass alles nach Normalität aussieht. Denn normal ist an den Schulen derzeit gar nichts. Sich das einzureden, wäre Selbstbetrug.

SPIEGEL: Ist das nicht ein bisschen hart? Bis kurz vor Weihnachten gab es immerhin regulären Präsenzbetrieb, wenn auch unter strengen Hygienevorschriften.
Helbig: Wenn wir ehrlich sind, gab es Schulschließungen auch schon in den Wochen davor. Weil einzelne Kinder, einzelne Klassen, ganze Jahrgangsstufen oder sogar komplette Schulen auch schon im Herbst immer wieder in Quarantäne gegangen sind. Es gibt etliche Schülerinnen und Schüler, die seit Ende Oktober oder Anfang November fast nur noch Fernunterricht hatten. Und es gibt, etwa mit Thüringens Bildungsminister Helmut Holter, einzelne Schulminister, die sagen: Das könnte noch bis Ostern so weitergehen. Das wären dann mindestens fünf Monate, in denen kaum Präsenzunterricht stattfand. Fünf Monate!

SPIEGEL: Das klingt jetzt aber doch so, als hätten sie dieses Schuljahr schon abgehakt.
Helbig: Nein, denn es gibt eine Chance: Wir sollten das Schuljahr bundesweit bis Weihnachten verlängern. Das geht natürlich nur in einem Kraftakt. Aber dann ließe sich ein Langschuljahr einbauen, mit einem zusätzlichen halben Jahr, in dem die verlorene Lernzeit hoffentlich wieder aufgeholt werden kann.

SPIEGEL: Das wirft jede Menge Fragen auf. Zum Beispiel: Wo unterscheidet sich das von der Idee, dass Schülerinnen und Schüler freiwillig das laufende Schuljahr wiederholen, wenn ihnen Stoff fehlt?
Helbig: Diese Regelung individualisiert ein kollektives Problem. Und wer kann denn wirklich bewerten, ob es für ein Kind das Beste wäre, das Schuljahr zu wiederholen? Wenn viele Kinder und Eltern diese Option wahrnähmen, was wären die Konsequenzen? Gewachsene Klassenverbände würden auseinandergerissen, Bezugspersonen wie der Klassenlehrer würden wechseln, Kinder würden die Klasse nur wiederholen, weil es die beste Freundin tut, und die Schulnetzplanung wäre vielerorts vor große Herausforderungen gestellt. Ein halbes Jahr mehr für alle böte dagegen auch allen die Chance, weiter im Klassenverband zu bleiben.

SPIEGEL: Trotzdem: Man kann doch nicht einfach den jahrzehntealten Rhythmus des Schulsystems auf den Kopf stellen.
Helbig: Ein vermeintliches Totschlag-Argument – aber es zieht nicht. Die deutsche Schulgeschichte ist voll von Verschiebungen der Schuljahre. Da gab es zum Beispiel 1966/67 in etlichen Bundesländern zwei Kurzschuljahre, in anderen aber auch ein Langschuljahr, um alle Länder auf den Schulbeginn im August umzustellen. West-Berlin hatte in der Folge bis 1976 zwei Zeitsysteme nebeneinander – und aus den Schülerinnen und Schülern zumindest des Langschuljahrs ist trotzdem was geworden. Über die Schwierigkeiten, die sich aus der Einführung von Kurzschuljahren für die Betroffenen ergeben haben, hat auch der SPIEGEL schon berichtet. Und es gibt auch ein ganz aktuelles Beispiel: In Rheinland-Pfalz machen die Jugendlichen schon seit Jahren nach zwölfeinhalb Schuljahren ihr Abitur. Für das Argument »geht nicht« finden sich also ziemlich viele Gegenargumente.

SPIEGEL: Aber was ist mit den anschließenden Bildungsabschnitten – der Ausbildung und dem Studium?
Helbig: Die müssten, wenn wir das laufende Schuljahr bis Dezember verlängern, natürlich ihren Ausbildungsbeginn erst einmal anpassen. Danach könnte man entweder sanft innerhalb von ein paar Jahren zum alten Zeitschema zurückkehren. Oder man bleibt dauerhaft dabei, dass Einschulung, Ausbildung und Studienstart mit dem Kalenderjahr beziehungsweise dem Sommersemester beginnen.

SPIEGEL: Dennoch müssten unzählige Bestimmungen geändert werden: Gesetze im Bund, in den 16 Ländern, Bestimmungen etwa der Handwerkskammern und zusätzlich noch die Routinen in den beteiligten Einrichtungen und Organisationen. Und alle müssten sich einig sein über die Verschiebung. Träumen Sie da nicht zu viel?
Helbig: Es stimmt, das wäre ein Kraftakt. Aber einer, der sich lohnen könnte. Und es wäre zumindest ein gangbarer Weg – über den wir dringend diskutieren müssen, wenn ich höre, dass Lehrkräfte darüber klagen, wie ihnen die Kinder abhandenkommen; dass Familien nicht mehr wissen, wie sie den Ersatzunterricht zu Hause gestalten und ihre Kinder motivieren können; dass längst massive Kompetenzverluste bei den Kindern zu beobachten sind. Wie wollen Sie denn beispielsweise einem Erstklässler in der derzeitigen Situation solide Schreib- und Lesekenntnisse beibringen?

SPIEGEL: Und wenn man die Schulen schnell wieder öffnet?
Helbig: Ganz unabhängig davon, ob das vom Infektionsschutz her überhaupt sinnvoll wäre: Wir reden doch jetzt schon von mehreren Monaten Präsenzunterricht, die fehlen. Und es werden voraussichtlich noch etliche Wochen dazu kommen. Die fehlende Diskussion über die Frage, wie es mittel- und langfristig weitergeht, ist fahrlässig.

SPIEGEL: Dann könnte man doch die Lehrpläne entrümpeln – das wäre ein gangbarer Weg, ohne gleich das ganze Zeitgefüge infrage zu stellen.
Helbig: Vergessen Sie’s. Erinnern Sie sich an die Debatten über die Einführung von G8 in den westdeutschen Bundesländern? Auch damals haben alle versprochen, dass die Lehrpläne verschlankt werden. Aber die ganzen Besitzstandswahrer konnten sich nicht einigen, die Stundenpläne wurden enorm verdichtet, der Widerstand der Eltern hat das Ganze schließlich zum Scheitern gebracht. Die Idee einer radikalen Entrümpelung des Lernstoffs hat schon damals nicht geklappt. Ich bin mir sicher: Das wird auch diesmal nichts.