Wilhelm von Humboldt : Kalenderblatt: 10. Februar 1809

Die Serie „Kalenderblatt“ erinnert an wichtige Ereignisse, die die deutsche Bildungslandschaft geprägt haben. Auf diesem Kalenderblatt steht der 10. Februar 1809. An diesem Tag ist der preußische Bildungspolitiker, Diplomat und Sprachphilosoph Wilhelm von Humboldt (1767–1835) in das Preußische Ministerium des Innern berufen worden. Sein Posten: Geheimer Staatsrat und Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht. Ein historischer Moment für die Entwicklung des Bildungssystems.

Fabian Schindler / 04. Februar 2019
Wilhelm-von-Humboldt wollte mit seinen Reformen das Ständesystem in der Bildung überwinden.
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Wilhelm von Humboldt bekleidet sein Amt im Preußischen Ministerium zwar nur knapp ein Jahr lang, doch in dieser kurzen Zeit legt er das Fundament für langfristige Veränderungen im deutschen Bildungswesen.

Gemeinsam mit dem Staatsrat Johann Wilhelm Süvern, dem Ministerialrat Georg Heinrich Ludwig Nicolovius und dem Beamten Wilhelm Uhden stellt er im Frühjahr den „Entwurf eines allgemeinen Gesetzes über die Verfassung des Schulwesens im preußischen Staate“ vor. Dieser soll das gesamte Schulwesen neu regeln.

Wilhelm von Humboldts Vorstellungen von einem modernen Bildungswesen sind ein einziges Ärgernis für die Konservativen in Preußen anno 1809. Ein dreigliedriges Schulsystem soll entstehen, bestehend aus Elementarschulen, Stadtschulen und Gymnasium. Krönender Abschluss: die Gründung der Humboldt-Universität zu Berlin. Diese wird am 16. August 1809 eingeweiht und soll künftig unter anderem qualifizierte Gymnasiallehrer ausbilden.

Überwindung des Ständesystem in der Bildung

Einerseits sollen die neuen Lehranstalten die Herausbildung einer nationalen Identität fördern, was einen direkten Angriff auf die monarchischen Traditionen darstellt. Das vorrangige Ziel der Reform ist für Wilhelm von Humboldt indes ein anderes. Auf den Nenner gebracht geht es ihm darum, allen Kindern eine humanistische Bildung zukommen zu lassen. Und damit eine Überwindung des Ständesystems im Bildungssektor, um die Wirtschaft am Leben zu erhalten. Er begründet die Reform unter anderem damit, dass für alle Berufsstände dringend qualifizierter Nachwuchs ausgebildet werden muss.

Das alte Bildungssystem werde den Anforderungen eines modernen Staats nicht mehr gerecht. Auch der schulische Flickenteppich, der Preußen durchzieht, müsse aufgeräumt werden. Mit hohem Tempo werden die Reformen im Ministerium angeschoben. Lehrpläne, Lehrerausbildung und das Prüfungswesen an Elementar- und Volksschulen, Gymnasien und im universitären Bereich werden überarbeitet.

Das Ideal der Freiheit wird von konservativen Kräften als Gefahr gesehen

Das Ideal der Freiheit, das Wilhelm von Humboldt auf das Bildungswesen im frühen 19. Jahrhundert übertragen will, sowie die Sympathie für die Ficht’sche Idee einer Nation – auf Betreiben Humboldts wird Johann Gottlieb Fichte Dozent an der neuen Berliner Universität – wird von konservativen Kräften als Gefahr für den Fortbestand nicht nur Preußens ausgemacht. Hatten nicht gerade erst „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ das Königtum in Frankreich hinweggefegt und Revolutionswirren in ganz Europa ausgelöst?

Eine Freiheit von Forschung und Lehre sowie die Aufhebung ständischer Unterschiede im Schulwesen ist nicht nur für den Adel inakzeptabel. Auch der Publizist Ludolph von Beckedorff, ein glühender Antisemit und vehementer Gegner Humboldts, postuliert, dass es „verschiedene Stände und Berufe“ in der „menschlichen Gesellschaft“ gebe. Daher bedürfe es nicht einer „künstlichen Gleichheit der Volkserziehung“. Es bedürfe vielmehr einer „naturgemäßen Ungleichheit der Standeserziehung“. Mit monarchischen Institutionen seien von Humboldts Ideen schlichtweg unvereinbar.

Im April 1810 gibt Wilhelm von Humboldt, für viele überraschend, sein Amt auf. Dies, weil er politisch nicht alles durchsetzen kann, was er möchte – insbesondere die Aufwertung seines Postens, um unabhängig vom Staatskabinett agieren zu können. Er wechselt in den diplomatischen Dienst. Die Bildungsreformen laufen vorerst auch ohne ihn weiter.

Die “Karlsbader Beschlüsse” beenden die Reformen

Trotz des anhaltenden politischen Gegenwinds, auch nach seinem Abschied aus dem Ministerium, werden die Reformen dann doch eher zufällig gestoppt: Am 23. März 1819 wird der monarchisch eingestellte Schriftsteller August von Kotzebue (1761–1819) von dem nationalistischen Burschenschafter Karl Ludwig Sand (1795–1820) in Mannheim erstochen. Die Tat verschreckt die Adelshäuser im Deutschen Bund zutiefst. Für den österreichischen Außenminister Klemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich ist die Bluttat willkommener Anlass, um eine restriktive Politik durchzusetzen.

Am 31. August 1819 werden auf Metternichs Initiative in geheimer Sitzung die „Karlsbader Beschlüsse“ verfasst. Diese sehen eine Überwachung der Universitäten vor, eine Einschränkung der Lehrfreiheit, die Entlassung revolutionär gesinnter Lehrkräfte und auch ein Verbot der Burschenschaften. Das Recht auf Meinungsfreiheit soll beschnitten, eine allgemeine Pressezensur verhängt und eine Zentraluntersuchungskommission in Mainz etabliert werden, die „demagogische Verbindungen“ und revolutionäre Aktivitäten in den Staaten aufdeckt und bekämpft. Bei innenpolitischen Unruhen soll zudem künftig das Militär eingreifen können.

Wilhelm von Humboldt kehrt der Politik den Rücken

Die Konservativen nutzen die Beschlüsse, die am 20. September im Frankfurter Bundestag auf Druck Österreichs und Preußens ratifiziert werden, um den „Erhalt der inneren Sicherheit“ und die „Zerschlagung revolutionärer Umtriebe“ zu garantieren. Der Ruf nach Pressefreiheit, nationaler Einheit und angemessener Repräsentation des Volkes am politischen Geschehen wird fortan erstickt.

Faktisch führen die Beschlüsse dazu, dass der Deutsche Bund für Jahrzehnte in einen Dämmerschlaf versinkt. Die Beschlüsse bedeuten auch das vorläufige Ende der Humboldtschen Reformen. Wilhelm von Humboldt, mittlerweile Minister für Ständische Angelegenheiten, opponiert gegen die neue Politik. Doch sein energisches Eintreten gegen willkürliche polizeiliche Aktionen im Zuge von „Demagogen“-Verfolgungen – auch im Lehrbetrieb – führt zu seiner Entlassung am 31. Dezember 1819. Humboldt nimmt dies mit Gleichmut zur Kenntnis und kehrt der Politik den Rücken.