Bildungsforschung : Wie wohl fühlen sich Schüler in der Schule?

Die Schulschließungen in der Corona-Krise haben vor allem eines gezeigt: Die meisten Kinder und Jugendlichen haben sich nicht über den Unterrichtsausfall gefreut, sondern die Schule vermisst. Was sagt das über das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler in der Schule aus, und wie lässt sich diese neue Wertschätzung auch nach der Schulöffnung aufrechterhalten? Über diese Fragen sprach das Schulportal mit dem Bildungsforscher Eckhard Klieme. Im DIPF | Leibniz Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation hat Klieme jahrelang die PISA-Befragungen der Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte begleitet. Das Wohlbefinden rückte dabei verstärkt in den Fokus

Florentine Anders / 06. Juli 2020
Während der Schulschließung haben viele Kinder die Schule vermisst. In Hamburg hatten Schülerinnen und Schüler sogar demonstriert, um wieder in die Schule gehen zu dürfen.
©Axel Heimken/dpa

Schulportal: Während der Schulschließung aufgrund der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass die Schülerinnen und Schüler überwiegend die Schule vermisst haben – nicht nur die Freunde, sondern auch den direkten Kontakt zu ihren Lehrkräften. In den 1970er-Jahren hätten die Kinder wohl eher „Hurra, die Schule schließt!“ gejubelt. Was hat sich geändert?
Eckhard Klieme: Ich bin genau wegen dieser Frage schon gespannt auf die nächste PISA-Erhebung im kommenden Jahr. Ich denke, dass sich die Ergebnisse in der Befragung der Schülerinnen und Schüler zum Thema Wohlbefinden in der Schule positiv entwickeln werden – allein durch die Erfahrung, dass man während der Corona-Pandemie etwas Wertvolles vermisst hat. Darin sehe ich eine positive Chance dieser Krise nicht nur in Deutschland, sondern international.

Wie sich das Wohlbefinden bereits in der Vergangenheit verändert hat, zeigen zwei Studien. Zum einen die Studie „Ist die Schule humaner geworden?“ des Bildungsforschers Helmut Fend aus dem Jahr 2016. Fend hatte ehemalige Schülerinnen und Schüler, die er in der berühmten LifE-Studie bereits 1979 bis 1983 befragt hatte, erneut angeschrieben, um zu erfahren, wie deren Kinder heute die Schule erleben. Er hat sie mit den gleichen Fragen zum Wohlbefinden oder zum erlebten Unterricht konfrontiert wie zuvor die Eltern. Sein Befund: Eine entscheidende Veränderung in den 30 Jahren besteht in den Generationenverhältnissen. Heute erleben Jugendliche Beziehungen sowohl zu den Eltern als auch zu den Lehrkräften sehr viel partnerschaftlicher, mit weniger Disziplinierung, weniger Druck und weniger autoritär.

Heute erleben Jugendliche Beziehungen sowohl zu den Eltern als auch zu den Lehrkräften sehr viel partnerschaftlicher, mit weniger Disziplinierung, weniger Druck und weniger autoritär.

Die zweite Studie, die Aufschluss zu dem Thema gibt, ist die Leibniz-Video-Studie zum Mathematikunterricht. Diese auch international verankerte Video-Unterrichtsstudie wird erst Ende des Jahres publiziert, jedoch stehen einzelne Ergebnisse schon fest. Im Rahmen dieser Studie konnten wir am DIPF auch Vergleiche zu Unterrichtsvideos ziehen, die vor 25 Jahren vom Max-Planck-Institut in Berlin aufgezeichnet wurden. Man sieht in den Videos, dass sich die deutlichsten Veränderungen auf der Ebene der Interaktion zwischen den Jugendlichen und den Lehrkräften vollzogen haben. Die Lehrerinnen und Lehrer gehen heute mehr auf die Schülerinnen und Schüler ein, es findet auch mehr Partner- und Gruppenarbeit statt, und die Jugendlichen verhalten sich respektvoller untereinander. In der Didaktik hat sich dagegen nicht so viel getan.

Übereinstimmend kann man aus den beiden Studien schließen: Die Beziehung zwischen Lehrkraft und Schülerinnen und Schülern ist positiver geworden, und damit sind sicherlich auch das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Schülerinnen und Schüler in der Schule gewachsen.

Wie Sie schon sagten, ist das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler auch in den PISA-Erhebungen, die Sie für Deutschland jahrelang begleitet haben, ein wichtiger Bestandteil. Was lässt sich dort bislang für Deutschland beobachten?
Es gibt bei PISA einen Indikator namens „sense of belonging“, was mit Zugehörigkeitsgefühl oder Wohlbefinden in der Schule übersetzt werden kann. Laut OECD-Bericht zu PISA 2018 steht Deutschland interessanterweise im internationalen Vergleich relativ gut da. Wobei es natürlich immer schwierig ist, die Mittelwerte über die Länder zu vergleichen, weil auch kulturelle Antwortmuster eine Rolle spielen. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass die deutschsprachigen Länder zusammen mit den skandinavischen Ländern in Bezug auf das Wohlbefinden ziemlich weit oben stehen. Während zum Beispiel die angelsächsischen Länder deutlich unter dem OECD-Durchschnitt liegen.

Zeigt sich der positive Trend auch international, oder gibt es in Bezug auf die Schülerzufriedenheit große Unterschiede zwischen den OECD-Staaten? Die ostasiatischen Länder beispielsweise standen ja in der Kritik, was das Wohlbefinden betrifft. Gibt es auch dort eine Veränderung?
Eine Auswertung der Veränderungen über die gesamten zwei Jahrzehnte der PISA-Erhebungen gibt es noch nicht. In den ostasiatischen Ländern wie China, Japan, Korea wird aber das Thema „psychosoziale Entwicklung“ inzwischen sehr großgeschrieben, weil man erkannt hat, dass auch die Psyche und das Sozialverhalten in der Schule stabilisiert werden müssen. In Korea gibt es zum Beispiel große Anstrengungen, mit Ganztagsprogrammen die Persönlichkeitsentwicklung zu stärken und Mobbing zurückzudrängen. Zwischen 2015 und 2018 ist das Ausmaß an Mobbing laut PISA-Erhebung in Hongkong, Japan und Korea zurückgegangen.

Warum wird der Frage des Wohlbefindens so viel Bedeutung zugemessen? Gibt es Erkenntnisse, welche Rolle die Schülerzufriedenheit für den Lernerfolg spielt?
Es geht nicht zwingend nur um den Lernerfolg. Aus der OECD-Perspektive scheint es so, als gehe es allein um das Humankapital, doch das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Ökonomen haben über die Untersuchung von Entwicklungsdaten herausgefunden, dass gerade die „non-kognitiven Skills“ – also psychosoziale Faktoren wie Motivation und Wohlbefinden – über den gesamten Lebenslauf hinweg wichtige Faktoren für beruflichen Erfolg und soziale Integration sind. Seither hat sich die Wissenschaft massiv diesen sogenannten weichen Bildungszielen zugewandt. Zum Teil werden diese sozialen und emotionalen Fähigkeiten auch unter dem Oberbegriff „21st Century Skills“ diskutiert. Interessant ist, dass man damit dem Bildungsverständnis näherkommt, das wir in Deutschland schon immer hatten. Nach dem humanistischen Bildungsverständnis bedeutet „Bildung“ die Entwicklung zu einer autonomen Persönlichkeit. Dazu gehören nicht nur kognitive Kompetenzen, sondern eine ganze Bandbreite von Persönlichkeitsmerkmalen. Ich bin froh darüber, dass die OECD diese Aspekte aufgegriffen hat. Dazu hat auch das DIPF, das auf internationaler Ebene seit 2012 für die PISA-Befragung der Lehrer und Schüler zuständig ist, aktiv beigetragen.

Wo sehen Sie in Deutschland die größten Baustellen bezüglich des Wohlbefindens?
In Deutschland berührt das Thema des Wohlbefindens die Trennung der verschiedenen Schulformen und auch die Inklusionsfrage. Wenn Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Inklusionsklassen kommen, scheint sich das zwar positiv auf die kognitive Förderung auszuwirken, gleichzeitig aber kann sich das negativ auf das emotionale Wohlbefinden auswirken. Dazu gibt es inzwischen mehrere Studien. Das heißt, die Schülerinnen und Schüler erfahren im  Schulalltag, dass sie leichter zu Außenseitern werden als andere. An Förderschulen würden sie diese Erfahrung nicht machen. Diesen Aspekt hat man in Deutschland aus meiner Sicht bisher zu wenig diskutiert.

Wir haben eine Problemgruppe von sehr leistungsschwachen Kindern, die zugleich sozial schlecht integriert sind. Darauf müssen wir achten.

Auch PISA zeigt: Wir haben eine Problemgruppe von sehr leistungsschwachen Kindern, die zugleich sozial schlecht integriert sind. Darauf müssen wir achten. Ansonsten, für die große Mehrheit, ist der Zusammenhang  zwischen Wohlbefinden und Leistung in Deutschland aber eher gering. In Korea beispielsweise ist das anders, dort gilt: Je besser eine Schülerin, ein Schüler im Test abschneidet, desto wohler fühlt er oder sie sich in der Schule. In Deutschland schaffen es vor allem die Grundschulen und die Schulen mit mehreren Bildungsgängen im Sekundarbereich – etwa die Gesamtschulen –, eine Umgebung herzustellen, in der sich Schüler wohlfühlen, auch wenn sie nicht die Spitzenleistung bringen.

Aufpassen müssen wir aber, daraus nicht ständig einen Gegensatz zu machen. Leider gibt es in Deutschland bei Lehrkräften, aber auch bei Eltern, bei den Schülerinnen und Schülern selbst und sogar in der Wissenschaft die Tendenz, Leistungsansprüche und emotionale Unterstützung als Gegensätze darzustellen. Wenn das eine im Gymnasium, das andere in der Gesamtschule betont wird, ist das nur eines von vielen Anzeichen eines fatalen Schwarz-Weiß-Denkens, das bis in den Unterrichtsalltag hineinreicht – beispielsweise, wenn Schülerinnen und Schüler an Lernmotivation verlieren, nur weil ihr Lernstand diagnostiziert wird. In anderen Ländern sehen Lehrende und Lernende Diagnostik und Feedback als etwas, was ihnen in vielerlei Hinsicht hilft.

Gerade während der Corona-Pandemie scheint sich bei Kindern und Eltern das positive Bild von Schule noch mal verstärkt zu haben. Wie können Schulen diese Wertschätzung von Schule nutzen, um die Zufriedenheit der Schüler in Zukunft noch weiter zu stärken?
Nach allem, was wir in den vergangenen Wochen gehört haben, ist es wichtig, dass Lehrkräfte in der Situation des Fernunterrichts den direkten Kontakt halten, vor allem mit den Schülerinnen und Schülern. Es wäre ein Fehler, wenn sich Lehrkräfte im Fernunterricht nur mit den Eltern verbündeten, diese sozusagen als verlängerten Arm einsetzten. Eltern sind keine guten Hilfslehrer, und außerdem würde Schule damit ihre soziale Unterstützungsfunktion aufgeben. Diese Funktion füllt sie ja vor allem deshalb aus, weil sie Kontaktmöglichkeiten mit anderen Kindern und anderen Erwachsenen bietet. Es macht mir eher Sorge, wenn Lehrkräfte ihre Aufgabe im Fernunterricht ausschließlich darin sehen, den Schülerinnen und Schülern Aufgaben zu schicken. Es wurden aber in diesen Monaten auch sehr gute Modelle entwickelt – wie etwa virtuelle Klassenkonferenzen oder Sprechstunden für Schülerinnen und Schüler.

Wenn der Normalbetrieb in Schulen wieder stattfinden kann, ist es ganz wichtig, dass sich Lehrkräfte die Zeit nehmen, über die Erfahrungen zu reden – in der ganzen Klasse und in Einzelgesprächen. Man kann ja auch direkt danach fragen, welche Dinge die Schülerinnen und Schüler in den zwischenmenschlichen Beziehungen positiv fanden und was sie selbst gern beibehalten würden. Sensibilität für den Übergang ist wichtig, sonst werden sich schnell wieder alte Verhaltensmuster in der Klasse einstellen.

Zur Person

  • Eckhard Klieme, geb. 1954, war von 2001 bis 2020 Direktor am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt.
  • Seine akademische Laufbahn machte ihn zum diplomierten Mathematiker, promovierten Psychologen und Professor für Erziehungswissenschaft.
  • Als Bildungsforscher war und ist er an vielen großen Studien zu Unterrichtsqualität, Kompetenzmessung und Schulentwicklung beteiligt, etwa an PISA auf nationaler und internationaler Ebene, an der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) und aktuell an einer internationalen Videostudie zum Mathematikunterricht auf vier Kontinenten.
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