Entnazifizierung : „Wie war das eigentlich bei dir in der Schule nach dem Krieg, Papa?“

Wie wurde an den Schulen über den Holocaust und die Schuld diskutiert? Vertreter zweier Schülergenerationen eines Gymnasiums erzählen. Zwischen ihnen liegen 50 Jahre.

Dieser Artikel erschien am 08.05.2020 auf ZEIT Online
Judith Luig und Julia Meyer
Selbstbewusste Männer: Lehrerkollegium des Arndt-Gymnasiums im Juni 1949
Selbstbewusste Männer: Lehrerkollegium des Arndt-Gymnasiums im Juni 1949
©Carl Luig

Als Nazideutschland am 8. Mai kapitulierte, war eines klar: Es würde sich nahezu alles ändern müssen in diesem Land. Den Siegermächten war die Bildung früh ein wichtiges Anliegen.

Die Amerikaner waren damals der Auffassung, dass die Obrigkeitshörigkeit und Autoritätsgläubigkeit der Deutschen in der Schule gezüchtet worden seien. Das deutsche Schulsystem habe „bei einer kleinen Gruppe eine überlegene Haltung und bei der Mehrzahl der Deutschen ein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt, das jene Unterwürfigkeit und jenen Mangel an Selbstbestimmung möglich machte, auf denen das autoritäre Führerprinzip gedieh”, befand eine amerikanische Expertenkommission.

Im Januar 1946 legten die vier Besatzungsmächte fest, welche Lehrer nicht mehr unterrichten durften. Dazu gehörten alle Mitglieder von NS-Organisationen sowie jene Pädagogen, die den Alliierten aufgrund ihrer sozialen oder beruflichen Stellung zu Kriegszeiten verdächtig waren. Für das Bildungswesen der Bundesrepublik bedeutete das einen völligen Umbau – zumindest in der Theorie. Wer durch „nationalsozialistische Lehre oder Erziehung die Jugend” vergiftet hatte, durfte den Vorgaben zufolge nicht zurück in die Institutionen. Je stärker jedoch deutsche Juristen selbst in diese Prozesse eingebunden waren, desto häufiger wurden Lehrer freigesprochen – als Minderbelastete und Mitläufer. Viele durften ihren Dienst wieder antreten.

Wie wurde in der Bundesrepublik zu verschiedenen Zeiten an den Schulen über die Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus gesprochen? Darüber, dass Millionen von Menschen ermordet, vergast wurden? Hier erzählen zwei Schülergenerationen eines Gymnasiums in Krefeld am Niederrhein – einmal spricht ein Vater mit seiner Tochter, dann ein Lehrer mit seiner ehemaligen Schülerin – zwischen ihren Erfahrungen liegen knapp 50 Jahre.

„Wir haben die Klappe gehalten“

Wie war das eigentlich bei dir in der Schule nach dem Krieg, Papa? ­­­– Was denn? – Wie haben die Lehrer mit Euch über den Holocaust geredet? – Gar nicht. – Warum denn nicht? Das hat doch alle beschäftigt. – Ja, aber man sprach nicht darüber. Nicht in der Schule. ­– Waren denn da lauter neue Lehrer? – Nein. – Dann gab es ja vermutlich noch ein paar alte Nazis im Kollegium. – Nein. Ich glaube nicht. – Aber du weißt es nicht? – Nein. – Aber das kann doch nicht sein. Die Hälfte der Väter ist im Krieg gefallen. Die Stadt war zerbombt. Etliche Familien mussten bei Verwandten unterkommen. Und ihr habt nicht darüber geredet? ­– Nein.

Mein Vater, Jahrgang 1935, ist ein scharfer Beobachter. Er liebt den schnellen Kommentar, die witzige Bemerkung. Er ordnet die Dinge ein. Selbst jetzt, wo er so schwer erkrankt ist, dass ihm das Sprechen schwerfällt, entgeht ihm selten ein Detail. Man kann mit ihm über alles reden. Nur nicht, wenn es um die Zeit nach dem Krieg geht.

Erinnerst du dich an Deine Lehrer? – Ja, an die meisten, sie waren in Ordnung. – Was habt ihr in Geschichte gehabt? – Hatten wir sofort Geschichte? Das weiß ich jetzt nicht mehr. Wir hatten einen Lehrer, der gehörte zu den Konservativen. Er war Mathematiklehrer. – Was heißt das: konservativ? – Eher alte Schule. – Meinst Du damit, dass er der Naziideologie anhing? – Nein, um Gottes willen, das nicht. Eigentlich keiner der Lehrer. Vermutlich gab es noch ein paar, die eine andere Idee von Zucht und Ordnung hatten. Aber sie waren froh, wenn man sie nicht nach der jüngeren Vergangenheit fragte. Wenn man sie in Ruhe ließ, dann gab es auch keinen Ärger. – Also habt ihr sie in Ruhe gelassen? – Ja.

Im Sommer 1945 kam mein Vater mit seiner Mutter und seinen drei Brüdern zurück nach Krefeld. Da war er keine zehn Jahre alt. Die Familie war aus Weimar geflohen, wo sie Schutz bei einer Freundin gesucht hatte, als die Bomben auf das Rheinland fielen. Weimar war jetzt Teil der sowjetischen Besatzungszone, Krefeld war Teil der britischen Besatzungszone und stand damit unter dem Einfluss der Westalliierten.

Mein Großvater war Funker im Krieg. Er war spät eingezogen worden. Meine Großmutter erzählte immer, dass er nur an die Front musste, weil er nicht in der Partei war. Es war klar: Krieg, das war Strafe. Die Nazis, das waren die anderen. Von Anfang an. Dann befand sich mein Großvater in russischer Kriegsgefangenschaft.

Im Westen wie im Osten wurden die Schulen geöffnet, sobald es ging. Die Kinder sollten von der Straße runter, etwas lernen. Gleichzeitig machte man sich Gedanken über eine großangelegte Reform. Im Westen betrieben das vor allem die Amerikaner. Auch in der Erinnerung meines Vaters spielen sie die größte Rolle – allerdings nicht als Schulreformer, sondern als Soldaten, die den Jungs Schokolade gaben. Als für meinen Vater und seine Brüder wieder die Schule begann, kamen sie auf das humanistische Arndt-Gymnasium, alle vier.

Wenn man sie in Ruhe ließ, dann gab es auch keinen Ärger

Wir waren 27 Jungs in der Klasse. Zuerst hat man wohl versucht, möglichst viele Lehrer unterrichten zu lassen, die keine Verbindungen zu den Nazis gehabt hatten. Aber dann reichte das nicht, und es wurden ein paar Kollegen aus der Pension zurück geholt. – Hattest du einen Lieblingslehrer? – Ja, meinen Mathelehrer. Das war aber nicht der Konservative. – Fühlten die Lehrer sich schuldig? – Nein, warum? – Na ja, sie gehörten doch zu der Generation, die den Krieg verursacht oder zumindest nichts dagegen getan hatten, gegen die Feindlichkeiten gegenüber Juden. Sie haben nichts unternommen gegen den Holocaust. – So hat man das nicht gesehen. Man hielt die Klappe. So war das auch mit dem Religionsunterricht. Zu Kriegszeiten war er abgeschafft worden, auf einmal stand der wieder im Stundenplan. Keiner verlor ein Wort darüber.

Meine Großmutter schwieg nicht, so erzählt man es sich in meiner Familie. Sie war in Krefeld groß geworden. Sie wusste, wer in der Stadt Hitler zugejubelt hatte. Sie muss miterlebt haben, wie die Synagoge brannte. Die jüdischen Familien angefeindet wurden. Mit ihren Freundinnen, in der Kirche, beim Einkaufen, immer mal wieder soll sie Bemerkungen darüber gemacht haben, wer jetzt, nach dem Krieg, auf einmal wieder etwas zu sagen hatte. Und auch wenn sie sehr stolz auf die schulische Karriere ihrer Söhne war, so sprach sie doch offen über die Vergangenheit der Lehrer. Meinem Onkel, dem ältesten Bruder meines Vaters, Jahrgang 1931, war das nicht recht. Er war da schon Jugendlicher. Vielleicht wollte er die Lehrer, die er mochte, nicht beschämen. Vielleicht sah er es nicht als seine Aufgabe an, über andere zu urteilen. Vielleicht hat auch er zu viel gesehen, das er nur vergessen wollte und wollte einfach nur eine neue Welt. Mein Vater schloss sich seinem Bruder an.

Und die anderen bei dir in der Klasse? – Wir machten als Schüler Witze darüber, dass der Turnlehrer Nazi sei. Für uns verkörperte der das Bild eines SA-Mannes. Aber da ging es nicht um Politik, sondern um eine Vorstellung von Leistung und Körperlichkeit. Das waren so üble Scherze, wie sie Schüler halt machen.

Es gibt ein Foto vom Juni 1949 im Familienschatz, mein Onkel hat es aufbewahrt. Es zeigt das Kollegium des Arndt-Gymnasiums. Lauter Männer verschiedensten Alters, die selbstbewusst in die Kamera blicken. Manche kritisch, manche leicht erheitert, die meisten zuversichtlich. Einer sieht aus wie ein Kunstlehrer, der andere muss der Sportlehrer sein. Sie alle sehen jedenfalls sehr ambitioniert aus. Mein Vater nimmt an, dass sein Bruder dieses Bild gemacht hat. Auf jeden Fall zeigt es, wie sehr er sich über diese Lehrer gefreut hat. Er hat es in sein Fotoalbum geklebt. „Das sind sie”, hat er darunter geschrieben. Unterstrichen und mit Ausrufezeichen. Die Sicht, die mein Vater und meine Onkel auf ihre Schule hatten, hat sich auf mich übertragen. In meiner Vorstellung war sie, schon als Kind, immer ein Ideal.

Auch Monate, nachdem am 8. Mai 1945 Nazideutschland kapitulierte, befand sich mein Großvater noch in Kriegsgefangenschaft in Russland. Meine Großmutter brachte ihre vier Söhne allein durch, ohne Hilfe. Mein Vater hat mich nie spüren lassen, wie schwer seine eigene Kindheit gewesen sein muss. All der Überfluss, in dem wir groß wurden, blieb unkommentiert. Nur bei einer Sache verlor er manchmal die Fassung: Wie gering seine Töchter die Schule schätzten, die doch für ihn der einzige Ausweg aus der Not gewesen war, das erstaunte ihn und ließ ihn oft traurig werden und manchmal sogar verzweifeln.

Im Krieg bist du aber auch zur Schule gegangen, oder? – Ja, die meiste Zeit gab es Unterricht. – Und war der anders? – Ich weiß nicht, wie viele Institutionen es in dieser Art gab, aber die Volksschule, die ich in Weimar besuchte, hatte es in sich. Beim kleinsten Mucks bekam man den Rohrstock zu spüren. Aber dann, im April ’45, gab es eine neue Leitung. Es war, als hätte man einen Schalter umgelegt. Es war ein neuer Geist in der Schule. Alles wurde freier.

Das Arndt sollte ursprünglich Adolf-Hitler-Gymnasium heißen

Das Arndt-Gymnasium, in dem mein Vater später in Krefeld zur Schule ging, gibt es nicht mehr. Es wurde als Katholische Höhere Bildungsschule gegründet, Mitte des 19. Jahrhunderts. Dann wurde die Schule städtisch und der erste Ort in Krefeld, an dem man Abitur machen konnte. 1938, da hatten die Nationalsozialisten längst die Macht in Deutschland übernommen, wurde das Gymnasium nach Ernst Moritz Arndt benannt, einem nationalistischen Schriftsteller. Der Umgang, den man an dieser humanistischen Schule wie an so vielen anderen Schulen in Deutschland mit diesem Erbe fand, spiegelt sich schon in der nächsten Umbenennung. Man unterschlug den Ernst Moritz und nannte es nur noch Arndt-Gymnasium. Irgendwie anders, irgendwie genauso wie vorher – so ging es ja mit vielem in diesen ersten Jahren der jungen Bundesrepublik.

Mein Großvater starb in Russland, lange nach Kriegsende. Es war die Erfolgsgeschichte meiner Großmutter, dass alle vier ihrer Söhne aufs Gymnasium gehen konnten, dass sie später alle studierten. Bildung, das war ein hohes unschätzbares Gut. Die Intelligenz und der Fleiß ihrer Söhne waren der einzige Besitz, den sie hatte retten können. Und das Arndt-Gymnasium, die Schule meines Vaters und meiner Onkel, ist für mich immer noch die allerbeste Schule der Welt.

Judith Luig

„Damit haben wir nicht gerechnet”

Die allerbeste Schule der Welt, so habe ich es auch gesehen. Deswegen wollte ich unbedingt hin. Ich kam im Sommer 1994 aufs Arndt. „Ich bin aufm Arndt”, so drückten wir das aus. Die Schule galt damals als anspruchsvoll, es handelte sich um ein humanistisches Gymnasium, damals gab es noch fünfte Klassen, die mit Latein als erster Fremdsprache starteten. Zwei Latein-Klassen, eine Englisch-Klasse, so war die Aufteilung 1994.

Aufs Arndt kamen damals vor allem Kinder aus bürgerlichen Familien, und die, die nicht diesen Hintergrund hatten, bekamen es schnell zu spüren. Die Kinder mit den türkischen und polnischen Namen, die kamen meist nicht weit. Das ist mir aber erst erschreckend spät aufgefallen.

Im Sommer 1994 war Deutschland gerade durch einen Freistoß des Bulgaren Hristo Stoichkov aus der Fußball-WM geschossen worden. Das Land war schon seit vier Jahren wiedervereinigt, wovon wir als Kinder im tiefen Westen nicht allzu viel mitbekommen hatten. In Solingen, keine Stunde von Krefeld entfernt, hatte es von Neonazis verübte Brandanschläge gegeben, bei der rassistischen Tat waren insgesamt neun Menschen getötet wurden.

Ich bin gerne zu Schule gegangen. Geschichte, Kunst, Politik, solche Fächer mochte ich. Irgendwann in der Mittelstufe lasen wir im Deutschunterricht Damals war es Friedrich. Das Jugendbuch stand jahrzehntelang auf dem Lehrplan vieler Schulen. Friedrich ist Jude und die Geschichte spielt in der Zeit der nationalsozialistischen Machtübernahme. Mittlerweile wird das Buch nicht mehr für den Unterricht empfohlen. Das Buch, 1961 erschienen, lasse „keine Handlungsspielräume” zu”, lasse “ein aktives Eingreifen von handelnden Personen unmöglich erscheinen” und stelle „daher die Frage nach Verantwortung und Unterlassung nicht”.

Ich weiß noch, dass in einem Text über die Shoa das Wort „Krefeld” vorkommt, irgendwo am Rande. Ich hatte mir den Namen mit Bleistift oder Kuli eingekreist. Wie es in Krefeld in der Zeit von 1933 bis 45 zuging, wurde in dem Text nicht besprochen.

Das Arndt sollte ja 1938 ursprünglich Adolf-Hitler-Gymnasium heißen, sagt mein alter Geschichtslehrer Herr G. am Telefon. – Ach, wirklich? – Ja, aber es hat Protest dagegen gegeben. Hätte es so geheißen, wären wir den Namen aber 1945 losgeworden. – Sie haben sich damals vor uns über den Namen Arndt-Gymnasium geärgert, wegen der problematischen Positionen des Namensgebers. Von anderen Lehrerinnen und Lehrern hat man ähnliches gehört. Hätten Sie uns das nicht gesagt, wir hätten es nicht mitbekommen. Aber die große Diskussion blieb aus, oder? – Ja.

Ende der Siebziger, erinnert sich Herr G., habe es mal einen Antrag von Schülern bei der Stadt gegeben. Sie wollten den Namen loswerden. Passiert ist nichts. Die meisten Schülerinnen und Schüler der Neunziger nahmen den Namen einfach zur Kenntnis, hinterfragten ihn nicht. Einer von mir sehr geliebten Deutschlehrerin waren wir viel zu lasch, viel zu unpolitisch. Früher, sagte sie einmal in der Oberstufe, Anfang der Nullerjahre, da hätte man bloß einen Trotzkisten, einen Sozialisten und einen Konservativen nebeneinander setzen müssen, und: peng!

Haben Sie das auch so wahrgenommen? – Im Vergleich zu den Schülern in den Siebzigern, ja. Verallgemeinern kann man das nicht, es gab solche und solche. Aber insgesamt ging es früher energischer zu, es wurde mehr hinterfragt.

Ich hatte aber immer das Gefühl, das Thema Nationalsozialismus habe die Schüler interessiert. Das war etwas, über das sie nicht viel wussten, aber über das sie viel wissen wollten. Dafür ist die Schule ja auch da. – Wir waren zwischendurch ziemlich ermüdet davon. – Ja, das haben mir Kollegen öfter berichtet. Ich selber habe diesen Eindruck in meinem Geschichtsunterricht nicht gehabt.

Der Lehrplan war prall gefüllt mit der deutschen Nazivergangenheit. Nicht nur in Geschichte. Der Nationalsozialismus wurde besprochen, ja, klar. Immer und immer wieder. Wir lernten so viel darüber, dass viele es irgendwann nicht mehr hören konnten. Die Analyse einer Hitler-Rede brachte mir meine einzige eins im Geschichtsunterricht ein. Es war recht einfach: Ich musste bloß aufzeigen, an welcher Stelle Hitler wie gelogen hatte.

An richtig uninteressierte Mitschülerinnen und -schüler kann ich mich nicht erinnern. An niemanden, dem das alles offensichtlich völlig egal war. Eine große Wirkung hat dieses Wissen allerdings auch nicht entwickelt. Der Holocaust? Antisemitismus? Die Verbrechen der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg? All das schien aufgearbeitet, noch dazu furchtbar lang her, so kam es vielen vor. Mit der Religionsklasse besuchten wir einmal die Krefelder Synagoge, in die ein Mitschüler regelmäßig ging. Ich war erschrocken darüber, dass es Überwachungskameras gab. Das war ein kurzer Moment der Erschütterung vermeintlicher Gewissheiten.

Ja, es gab diese Anschläge in den Neunzigern. Aber damit, dass die völkischen, antisemitischen Tendenzen so stark zurückkommen, damit haben wir nicht gerechnet. Die Atmosphäre war eine andere. – Es war ja diese Zeit, in der im Westen die Geschichte tatsächlich kurz an ein Ende gekommen schien. – Ja, so etwas wie die AfD heute, das gab es in den Neunzigern ja noch gar nicht. Dieses ganze Relativieren.

Mein Opa war Nazi erster Stunde, das wusste ich schon als Kind

Im Fernsehen liefen in den späten Neunzigern gefühlt Hunderte Guido-Knopp-Geschichtsdokus. Hitlers Hunde kommt als nächstes, sagte ich zu einem Freund. Man konnte in diesen Dokus schreiende, böse Männer dabei beobachten, wie sie einen unvergleichlichen Massenmord begingen. Und man konnte sehen, wie unsere vermeintlich arglose Großelterngeneration Hitler zujubelten. Oder eben andere Deutsche.

Ich habe vielen Klassen im Unterricht ein Dokument gezeigt, ein Reklamationsschreiben an eine Firma, in dem beklagt wurde, dass die Verbrennungsöfen nicht richtig funktioniert hatten. Man konnte euch anhand dessen erklären, dass vielen der Völkermord an den Juden eben doch bekannt gewesen sein muss. Dass Menschen verbrannt wurden. – Jetzt, wie Sie es sagen, erinnere ich mich daran. Und auch daran, wie betreten viele von uns waren.

Inwieweit unsere eigenen Familien verstrickt waren, und damals gab es noch genügend lebende Zeitzeugen, wurde in meinem Umfeld nicht thematisiert. Weder in der Schule noch in der Familie von Freundinnen und Freunden. Ich selbst konnte mir keinen Opa vorstellen, der mutig den Nazis getrotzt hätte. Mein Opa war Nazi erster Stunde, bis 1945 Bürgermeister einer kleineren Gemeinde in der Steiermark. Das wusste ich schon als Kind. Als ich von einem Schulfreund erfuhr, dass er eine ähnliche Familiengeschichte hat, war ich fast erleichtert.

Diese Legenden, die nach ’45 verbreitet wurden und denen zufolge viele im Widerstand waren, die haben sich gehalten. – Wir haben im Unterricht aber nicht über diese persönlichen Verbindungen, über die Familiengeschichten von uns Schülern gesprochen, oder? – Nein, das haben wir nicht gemacht. – Hat das vielleicht auch dazu beigetragen, dass so eine noch größere Distanz zur Zeit des Nationalsozialismus entstand? – Familiengeschichten können hilfreich sein, anschaulich. Aber bei drei Familien können drei komplett unterschiedliche Geschichten herauskommen. Vielleicht war einer widerständig, der nächste überzeugter Nazi und der dritte Mitläufer.

Was bei uns auf dem Arndt in den Neunzigern und frühen Nullerjahren in keinem Fach besprochen wurde, waren all die Familiengeschichten jener Schülerinnen und Schüler, deren Vorfahren so gar nichts mit dem Holocaust zu tun hatten. Die Geschichten all jener also, die eine Einwanderungsgeschichte zu erzählen gehabt hätten. Nach dem 11. September 2001 mussten wir Kampf der Kulturen von Samuel P. Huntington lesen, über Rassismus lernten wir nicht viel. Dass auch ich mich immer wieder selbst auf rassistisches Denken und Handeln befragen muss, lernte ich erst viel später.

Herr G. wurde 2015 pensioniert. Er habe am Ende das Gefühl gehabt, sagt er, als sei das Interesse der Schüler an den Verbrechen des Nationalsozialismus ein wenig zurückgegangen. Er habe die Schülerinnen und Schüler immer wieder darauf hingewiesen, dass die Relativierung und Bagatellisierung der NS-Ideologie gesamtgesellschaftlich zunehmen würde.

Das Arndt-Gymnasium gibt es so heute nicht mehr. Erst wurde es mit einer anderen Krefelder Schule zusammengelegt, dann vor einem Jahr umbenannt. Es heißt jetzt Hannah-Arendt-Gymnasium.

Julia Meyer