Dieser Artikel erschien am 09.12.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Martina Scherf

Digitale Pädagogik : Wie Schule heute viel besser funktionieren könnte

Im Deutschen Museum entwickeln Lehramts­studenten Ideen für einen modernen Unterricht – in dem Schülerinnen und Schüler mehr experimentieren dürfen.

Lehramtsstudent Fabio Bove zeigt mit Spielzeug-Lastern, wie autonomes Fahren im Konvoi funktionieren kann.
Lehramtsstudent Fabio Bove zeigt mit Spielzeug-Lastern, wie autonomes Fahren im Konvoi funktionieren kann.
©Robert Haas

Der Konvoi kurvt eine Runde unfallfrei durch den Parcours. Dann rummst es. Der mittlere Lastwagen rammt den vorderen Lkw, der hintere ist längst von der Fahr­bahn abgekommen. Macht nichts, schließlich handelt es sich hier nicht um das Daimler-Testgelände, sondern nur um Lego-Laster auf einer Spielwiese. „Es geht ums Prinzip“, erklärt Fabio Bove. Und das verstehe man am besten durch Fehler im System.

Bove, Lehramtsstudent an der Technischen Universität München (TUM), hat die Spielzeug-Lkw programmiert – als Anwendungs­beispiel für autonomes Fahren. Seine Lego­autos folgen jeweils dem Vorder­mann, indem sie sich an dessen Rück­lichtern orientieren. Auch seine Kommilitonin Lea Fauser lässt ein Auto selbständig über den Parcours sausen, geschickt weicht es Hindernissen aus und bleibt vor einer roten Ampel stehen. Die beiden angehenden Lehrer führen im neuen TUM-Lab im Forum des Deutschen Museums vor, wie sie Schüler für Technik begeistern wollen.

„Es ist immer schön zu sehen, wie die Schüler mit Feuer­eifer bei der Sache sind, wenn sie begreifen, dass sie sich so ein komplexes Thema wie autonomes Fahren selbst erarbeiten können“, sagt Fauser. Am Anfang kämen sie herein und dächten: Boah, jetzt müssen wir schon wieder was lernen, wie in der Schule. Aber sobald sie selbst experimentieren dürften, seien sie kaum noch zu bremsen. An einem einzigen Vormittag schreiben sie ein Programm, das nicht mehr wie früher aus endlosen Zahlen­ketten besteht, sondern aus wenigen Symbolen. Dann lassen sie ihre Fahrzeuge fahren.

Nebenan zeigt Konstantin Wiedorn, wie man Fliegen­larven aus der Isar unter dem Mikroskop analysiert. Seit seinem zweiten Semester hält er TUM-Lab-Kurse im Deutschen Museum. „Diese Erfahrung hat meinen Wunsch bestärkt, Lehrer zu werden“, sagt er. „Im Studium bekommt man leider nicht viel von der Praxis mit.“ Jetzt ist er Referendar an einem Ingolstädter Gymnasium und erlebt zum ersten Mal so richtig den Schul­all­tag. „In eine Schul­stunde von 45 Minuten lassen sich solche Experimente, wie wir sie hier mit den Schülern machen, natürlich kaum einbauen“, stellt er fest. Dennoch wolle er als Lehrer in Zukunft versuchen, Theorie und Praxis besser zu verbinden. Das hat er sich fest vorgenommen.

Das TUM-Lab bietet schon seit Jahren Schüler­kurse im Deutschen Museum an. Jetzt hat es feste Räume im ersten Stock des Forums erhalten. Wolfgang Heckl, General­direktor des Museums, freut sich, dass die TU dort eingezogen ist. Er will den Gebäude­teil an der Ludwigs­brücke wieder komplett für die Öffentlichkeit nutzbar machen und nach der Sanierung im Foyer modernste Technik präsentieren. Lang­fristig soll das Forum ein Lernort werden.

„Die Lehrer­bildung liegt deutsch­land­weit im Argen“

Jetzt werden dort aber erst einmal Lehramts­studenten zusammen mit ihren Professoren Experimente entwickeln. Diese können sie dann in den TUM-Lab-Kursen in verschiedenen Abteilungen des Museums mit den Schülern didaktisch erproben. „Sie sollen sehen, dass es möglich ist, solche Dinge auch in den Lehrplan einzubauen“, sagt Lab-Leiterin Miriam Voß. Moderne Lehrerbildung sähe so aus. Die Wirklich­keit ist davon allerdings noch Licht­jahre entfernt.

„Die Lehrerbildung liegt deutschland­weit im Argen“, sagt denn auch TUM-Präsident Wolfgang Herrmann bei der Eröffnung des neuen Labors. „Wir wissen doch alle, wie viel Kreativität frei­gesetzt wird, wenn der Mensch Frei­räume zum Denken und Forschen hat.“ Er wünsche sich, dass auch fertige Lehrer immer wieder diese Frei­räume bekämen, etwa durch ein Sabbatical, ein Sabbat­jahr, in dem sie an Universitäten oder in der Wirtschaft neue Impulse bekämen. „Das würde neue Kraft ins Schul­system bringen.“ Deutsch­land investiere viel zu wenig in die Bildung seiner Jugend, sagt Herrmann dann noch, „aber sie ist doch unsere Zukunft, nicht wir.“

Auch Kristina Reiss, die Leiterin der TUM School of Education, ist über­zeugt, dass Schule heute viel besser funktionieren könnte – wenn es mehr Lehrer gäbe, die in der Lage sind, ihre Schüler zu begeistern. Digitale Technik sei da nur ein Aspekt, ohne moderne Unterrichts­konzepte und kompetente Lehrer nütze sie aller­dings wenig. „Wirkungs­volles Lehren bedeutet heute nicht mehr, dass jemand vor der Klasse steht und sein Wissen weiter­gibt“, sagt die Mathe­matikerin. Schüler würden dann am meisten lernen, wenn sie sich – neben dem Üben not­wendiger Formeln oder Vokabeln – Inhalte auch selbst erarbeiten könnten. Das gelte aber nicht nur für Schüler. „Wir wollen mit diesem Modell auch die Lehrer­bildung mit Spaß verbinden.“

Eine Studie im Auftrag der Münchner Technik­akademie Acatech kam gerade zu dem Ergebnis, dass es Schulen „immer noch an konsequenter politischer und gesellschaftlicher Unter­stützung mangelt“. Es fehle nicht nur an Hard­ware und digitalem Unterrichts­material, an didaktischen Konzepten und entsprechend ausgebildeten Lehr­kräften. „Digitale Medien und Technologien müssen selbst zum Unter­richts­gegen­stand werden“, sagen die Experten. Weil die Digitalisierung alle Lebens­bereiche erfasse, müssten Heran­wachsende die Fähigkeit „zur kritischen Reflexion angebotener Inhalte und ein Grund­verständnis der genutzten Techno­logien“ erwerben – in der Schule, wo sonst? Das TUM-Lab ist da nur ein winziger Baustein. Aber einer, der Spaß macht.