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Übergang in die Ausbildung : Wie lässt sich Berufs­orientierung an Schulen stärken?

Die Zahl der Auszubildenden ist zwischen 2019 und 2021 deutlich zurückgegangen, vor allem im Bereich der dualen Ausbildung. Auch für das neue Ausbildungsjahr ist Entspannung nicht in Sicht. Außerdem gibt es immer mehr Passungsprobleme zwischen Angebot und Erwartungen der Unternehmen und Nachfrage sowie Voraussetzungen der Bewerbenden. Das Schulportal hat sich angeschaut, woran das liegt, wie das Interesse junger Menschen für eine Ausbildung geweckt und Berufsorientierung an den Schulen überhaupt gestärkt werden können.

Annette Kuhn 27. Juli 2022 Aktualisiert am 03. August 2022 1 Kommentar
Zwei Jugendliche in der Ausbildung
Der Übergang von der Schule in die Ausbildung ist für Jugendliche ein großer Sprung.
©iStock

Etwa 750.000 Jugendliche verlassen jedes Jahr die allgemeinbildenden Schulen. Viele von ihnen haben keinen Plan, wie es nach dem Schulabschluss weitergehen soll. Der Übergang von der Schule in Ausbildung oder Studium ist für viele junge Menschen mit großen Unsicherheiten verbunden, ihnen fehlt häufig der Überblick über die beruflichen Möglichkeiten und eine Entscheidungshilfe bei der Berufswahl.

Das zeigt eine im Juli 2022 veröffentlichte Befragung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Unter den 1.666 befragten Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren bewerten lediglich 37 Prozent die Unterstützung bei ihrer beruflichen Orientierung als ausreichend.

Die Hälfte der Jugendlichen findet sich in den Informationen zur Berufswahl nur schwer zurecht. Und viele junge Menschen sind bei der Recherche auch weniger digital unterwegs, als man es vermuten würde. Persönliche Gespräche sind für die meisten Befragten als Informationsquelle besonders wichtig.

grafik Berufsorientierung

Nach wie vor wenden sich die Jugendlichen mit Fragen zur Berufswahl vor allem an ihre Eltern. 73 Prozent sehen in ihnen die wichtigste Unterstützung bei der Berufswahl. An zweiter Stelle steht mit 55 Prozent die Schule, erst an dritter Stelle folgt das Internet mit 48 Prozent.

Die Umfrage zeigt außerdem, wie sich die Berufsorientierung infolge der die Pandemie verändert hat. So sagt knapp die Hälfte der Jugendlichen, dass es weniger Informationsveranstaltungen an der Schule gab als vor der Pandemie. Und auch die Gesprächsmöglichkeiten mit Lehrkräften, mit Fachleuten aus der Berufsberatung oder mit Ausbilderinnen und Ausbildern sind nach Angaben der Jugendlichen um 37 Prozent zurückgegangen. Noch gravierender war der Rückgang der Angebote zur Berufsorientierung außerhalb der Schule. So gab es der Umfrage zufolge 68 Prozent weniger Praktikumsplätze und 69 Prozent weniger Ausbildungs- und Berufsmessen. Gerade das aber sind wichtige Instrumente, um bei Jugendlichen Interesse für eine Berufsausbildung zu wecken.

Tiefpunkt auf dem Ausbildungsmarkt

Laut dem aktuellen nationalen Bildungsbericht hat Deutschland 2021 einen Tiefpunkt bei den Ausbildungszahlen erreicht: Zwischen 2019 und 2021 ist die Zahl der Jugendlichen in der beruflichen Ausbildung insgesamt um 7 Prozent zurückgegangen. Ursache für diese Entwicklung ist allerdings nicht nur die Corona-Pandemie. Eine wichtige Rolle spielen auch einerseits die demografisch bedingt gesunkene Zahl von Schulabsolventinnen und Schulabsolventen und andererseits die lange gestiegene und jetzt auf hohem Niveau verharrende Nachfrage nach Studienplätzen.

Die rückläufige Entwicklung trifft die drei verschiedenen Ausbildungssektoren allerdings nicht gleichermaßen. Besonders stark betroffen ist das duale System, das etwa die Hälfte der Plätze in der beruflichen Bildung stellt. Hier ging zwischen 2019 und 2021 die Zahl der Jugendlichen, die eine Ausbildung begonnen haben, um mehr als 9 Prozent zurück. Im Schulberufssystem, das mittlerweile 25 Prozent in der beruflichen Ausbildung ausmacht, waren es dagegen nur 1 Prozent weniger Anfängerinnen und Anfänger. Im Übergangssektor, der das verbleibende Viertel in der beruflichen Ausbildung umfasst, gab es ebenfalls weniger Neuzugänge. Besonders stark war der Rückgang in den Stadtstaaten mit minus 14 Prozent.

Ein großes Problem in der beruflichen Ausbildung ist ferner, dass es offenbar immer mehr Passungsprobleme gibt. Auch hier ist besonders die duale Ausbildung betroffen. Zwischen 2019 und 2021 sind die Divergenzen zwischen Angebot und Nachfrage laut dem Bildungsbericht von 9 auf 12 Prozent gestiegen. Größtes Problem ist, dass die Voraussetzungen der Bewerberinnen und Bewerber und die Erwartungen der Unternehmen offenbar immer weniger übereinstimmen. Das Phänomen ist nicht neu, hat sich in der Corona-Pandemie aber noch weiter verschärft.

Der Wegfall vieler Möglichkeiten zur Berufsorientierung in der Corona-Pandemie dürfte sich auch auf den Ausbildungsmarkt ausgewirkt haben. Im nationalen Bildungsbericht 2022 heißt es dazu: „Offenkundig haben die stark eingeschränkten Möglichkeiten der Berufsorientierung zu Schwierigkeiten bei der Klärung beruflicher Perspektiven geführt.“

Vor allem Jugendliche mit niedrigerem Schulabschluss brechen Ausbildung ab

Eine weitere Herausforderung im Ausbildungssystem ist, dass mehr als ein Viertel der Jugendlichen die Ausbildung abbricht. Besonders viele Abbrüche gibt es laut Bildungsbericht in der schulischen Ausbildung. Hier liegt die Quote bei 38 Prozent. Im dualen System sind es 24 Prozent. Und: Je niedriger der Schulabschluss ist, desto höher ist auch die Abbrecherquote. Bei jungen Menschen mit maximal erstem Schulabschluss lag die Abbrecherquote 2021 im dualen System laut Bildungsbericht bei 33 Prozent, im Schulberufssystem sogar bei 47 Prozent. Bei Jugendlichen mit (Fach-)Hochschulreife sind es hingegen 19 bzw. 35 Prozent.

Um mehr Jugendliche in die Ausbildung zu bekommen und dort auch zu halten, müsse bei der Berufsorientierung an Schulen deutlich nachgebessert werden, fordert die stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Elke Hannack: „Berufsorientierung muss an allen Schulformen einen festen Platz im Lehrplan bekommen und möglichst früh einsetzen“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Berufsorientierung stärker individualisieren

Auch wenn sich die Länder bereits 2017 in der „Empfehlung zur Beruflichen Orientierung an Schulen“ dafür ausgesprochen haben, berufliche Orientierung curricular zu verankern, sieht auch Susan Seeber, Professorin für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung an der Universität Göttingen und Autorin für das Kapitel zur beruflichen Ausbildung im nationalen Bildungsbericht, viel Luft nach oben. Im Interview mit dem Schulportal spricht sie sich vor allem für eine individuellere Unterstützung bei der Berufsorientierung aus: „Ein Instrument muss nicht für alle das richtige sein.“ Außerdem wünscht sie sich bei dem Thema eine intensivere Zusammenarbeit zwischen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen.

Dafür braucht es allerdings auch Personal. Doch gerade Berufsschulen sind vom Lehrermangel überproportional betroffen. Die Kultusministerkonferenz (KMK) geht in ihrer Prognose bis zum Jahr 2035 davon aus, dass der Einstellungsbedarf an den beruflichen Schulen jährlich im Durchschnitt nur zu 62,3 Prozent gedeckt werden kann. Nach KMK-Schätzungen müssten zwischen 2021 und 2035 insgesamt 65.740 Lehrkräfte an den beruflichen Schulen eingestellt werden, um den Bedarf zu decken. Der Bildungsforscher Klaus Klemm geht in einer eigenen 2022 erstellten Berechnung für den Verband Bildung und Erziehung für diesen Zeitraum sogar von einem Bedarf von 74.374 Lehrerinnen und Lehrern an berufsbildenden Schulen aus.

Die neue Bundesregierung hat in ihrer Koalitionsvereinbarung Ende 2021 betont, die Ausbildung stärken zu wollen. Sie kündigt darin eine Ausbildungsgarantie an, außerdem sollen Akteurinnen und Akteure der Ausbildung stärker zusammenarbeiten, und es ist auch eine Exzellenzinitiative geplant, um die Modernisierung der Ausbildung voranzubringen.

Für den Bundesverband der Lehrkräfte für Berufsbildung (BvLB) ist das aber nicht genug. Joachim Maiß, Vorsitzender des BvLB, kritisiert, dass der beruflichen Bildung mit nicht mal einer vollen Seite in der 180 Seiten starken Koalitionsvereinbarung zu wenig Gewicht gegeben wird. Vor allem aber fordert er: „Mehr Fortschritt wagen kann man nur, wenn auch die Bedarfe der beruflichen Bildung im Fokus stehen.“ Für ihn gehört dazu eine bessere Ausstattung der beruflichen Schulen – auch im digitalen Bereich.

Koalition plant Ausbildungsgarantie

Außerdem wird kritisiert, dass vieles in der Koalitionsvereinbarung vage bleibt. So ist zum Beispiel nicht weiter beschrieben, wie die Ausbildungsgarantie konkret umgesetzt werden soll. Gelingensbedingungen einer Ausbildungsgarantie hat, quasi als Ergänzung der Absichtserklärung der Koalitionsvereinbarung, im Mai 2022 die Bertelsmann Stiftung in dem Impulspapier „Zehn Gelingensbedingungen einer Ausbildungsgarantie“ beschrieben. Darin wird auch eine stärkere Kooperation zwischen Betrieben, Arbeitsverwaltung und Sozialpartnern gefordert.

Dass eine Ausbildungsgarantie wichtig ist, zeigt, dass es trotz eines leichten Überangebots an Ausbildungsplätzen nach wie vor vielen jungen Menschen nicht gelingt, einen Ausbildungsplatz zu bekommen und dann auch eine Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Betroffen davon sind vor allem Jugendliche mit einem niedrigen oder gar keinem schulischen Abschluss. 5,9 Prozent der Schulabgängerinnen und Schulabgänger hatten laut nationalem Bildungsbericht im Jahr 2020 keinen Abschluss.

Mehr Netzwerk zwischen Ausbildungsbetrieben

„Es besorgt mich, dass die Zahl der Schüler ohne Abschluss weiterhin hoch ist und die Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund in Ausbildung hinterherhinkt“, sagte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) bei der Vorstellung des Berufsbildungsberichts 2022.

Einige Bundesländer nehmen daher verstärkt auch diese Gruppe in den Blick. So hat Niedersachen gerade ein 7 Millionen Euro starkes Programm aufgelegt, um sogenannte Ausbildungsverbünde zu fördern, die insbesondere benachteiligte Jugendliche auf ihrem Weg zu einem erfolgreichen Ausbildungsabschluss unterstützen sollen. Durch entsprechende Netzwerkaktivitäten sollen zum einen weitere Ausbildungsbetriebe gewonnen werden, um im Verbund zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen. Zum anderen sollen während der Ausbildung Maßnahmen wie Sprachförderung und sozialpädagogische Unterstützung sicherstellen, dass Auszubildende ihre Ausbildung besser bewältigen.

Mehr digitale Angebote in der Berufsorientierung

Andere Bundesländer fokussieren sich darauf, die Berufsorientierung in den Schulen zu stärken. So will Baden-Württemberg die Initiative „BO durchstarten“ zur beruflichen Orientierung weiter ausbauen und hat entsprechende Maßnahmen auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie angepasst. Es soll dabei auch mehr digitale Angebote zur Berufsorientierung geben – bis hin zu einem virtuellen Praktikum, wenn Praktika vor Ort pandemiebedingt nicht möglich sind.

In Bayern sollen ab dem Schuljahr 2022/2023 alle Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen einen verpflichtenden „Tag des Handwerks“ absolvieren. Auf diese Weise sollen die Berufsfelder des Handwerks begleitend zum Unterricht praxisnah vorgestellt werden, etwa durch Betriebsbesichtigungen, Projektarbeiten in den Betrieben oder die Vorstellung der Ausbildungsberufe durch Auszubildende. Der Bayerische Philologenverband kritisierte den Vorstoß prompt: Schulen dürften nicht noch mehr mit Sondertagen überfrachtet werden.

Und Mecklenburg-Vorpommern will im Ganztagsangebot der Schulen die Berufsorientierung stärken. Neben den Handwerks- und Handelskammern gehören auch die Steuerberaterkammer sowie das Bildungswerk der Wirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern  zur „Kooperationsinitiative für ganztägiges Lernen“, die im Mai 2022 vorgestellt wurde.

Mehr zum Thema Berufsorientierung

  • Einen Überblick über Maßnahmen und bundesweite sowie länderspezifische Projekte zur Berufsorientierung gibt es auf der entsprechenden Seite des Bildungsservers.
  • Die Kultusministerkonferenz hat die Regelungen und Maßnahmen zur Berufsorientierung an Schulen in den einzelnen Bundesländern in einer Dokumentation zusammengetragen. Dargestellt ist darin auch, wie das Thema in der Lehrerbildung in den Ländern verankert ist.
  • Die Seite Berufenavi.de des Bundesinstituts für Berufsbildung und des Bundesbildungsministeriums eignet sich als Einstieg in das Thema und richtet sich direkt an Jugendliche. Sie bietet kompakte verständliche Informationen zu allen Ausbildungsberufen. Außerdem können sich Jugendliche nach ihren Interessen Berufsbilder anzeigen lassen. Für Zugewanderte gibt es Informationen auch auf Englisch, Russisch, Ukrainisch und Französisch.
  • Die App Zeig, was du kannst! bietet Jugendlichen eine Möglichkeit, sich digital auf die Berufswahl vorzubereiten. Schülerinnen und Schüler bekommen einen Überblick über Ausbildungsberufe, finden Tipps für die schriftliche Bewerbung und das Vorstellungsgespräch und können Selbstlernmodule nutzen, um sich über eigene Stärken, Kompetenzen und Lernwege bewusst zu werden. Die App ist aus einem Förderprogramm des Stiftung der deutschen Wirtschaft hervorgegangen, das Jugendliche beim Übergang in die Ausbildung oder auf eine weiterführende Schule nach der Sekundarstufe I begleitet. Die meisten Bereiche der App sind aber auch für Interessierte, die nicht am Programm teilnehmen, frei verfügbar. Die App kann kostenlos  heruntergeladen werden, und es gibt auch eine Browser-Version der App.
  • Das „Netzwerk Berufswahl-SIEGEL“ zeichnet jedes Jahr Schulen aus, die sich besonders für die Berufsorientierung von Jugendlichen engagieren. Dahinter steckt „SCHULEWIRTSCHAFT“, ein Netzwerk der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Im Jahr 2000 wurde das Siegel erstmals an 26 Schulen vergeben, 2021 gab es 1.724 „Berufswahl-SIEGEL“-Schulen. Es gibt auch eine SIEGEL-Akademie, in der sich Lehrkräfte entsprechend weiterbilden und austauschen können.