Lernstandserhebung : Wie in den Bundesländern Lernrückstände erfasst werden

Wie groß sind die Lernlücken, die durch die pandemiebedingten Schulschließungen entstanden sind? Um diese Frage bundesweit empirisch beantworten zu können, müssten Lernstandserhebungen in den Ländern vorgenommen und ausgewertet werden. Im vergangenen Schuljahr hatten die meisten Bundesländer die Vergleichsarbeiten VERA jedoch wegen der Schulschließungen ausgesetzt. Nun drängt das Bundesbildungsministerium zu Beginn des Schuljahres 2022/23 erneut auf Lernstandserhebungen in den Ländern, um das Corona-Aufholprogramm erfolgreich fortsetzen zu können.

Florentine Anders 22. November 2021 Aktualisiert am 19. September 2022 1 Kommentar
Schüler schreibt, daneben liegt eine Maske
Die Lehrkräfte gehen verschiedene Wege, um die durch Corona entstandenen Lernlücken zu erfassen.
©dpa

Lernstandserhebungen seien eine Grundvoraussetzung, um sicherzustellen, dass die Fördermittel des Bundes für das Corona-Aufholprogramm zielführend eingesetzt werden, sagte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) im Interview mit dem Schulportal vom 12. August 2022. Mit den VERA-Erhebungen gebe es hierzu in den Ländern bereits ein gutes Mittel – vorausgesetzt, sie würden regelmäßig durchgeführt. Wenn wir nicht wissen, wo wir starten, können wir auch nicht sehen, wie die Maßnahmen wirken, und somit nicht die richtigen Entscheidungen treffen.

In allen Bundesländern hatten Lehrerinnen und Lehrer in ihren Klassen zum Schuljahresbeginn 2021/22 zwar den Lernstand in irgendeiner Weise erfasst, um zu sehen, welche Schülerinnen und Schüler durch das Corona-Aufholprogramm besonders gefördert werden sollten. Ein bundesweites Bild über die Lernrückstände zu bekommen ist jedoch schwierig, denn das Vorgehen in den einzelnen Bundesländern war höchst unterschiedlich.

Zentrale Vergleichsarbeiten wie VERA und KERMIT, die die Mehrzahl der Länder normalerweise in den dritten und achten Klassen schreiben, wurden schon im Schuljahr zuvor wegen der Schulschließungen bis auf wenige Ausnahmen ausgesetzt. Und in der Mehrheit der Länder wurden diese auch nicht 2021/22 nachgeholt. In einigen Ländern, wie etwa Bayern, war der Nachholtermin freiwillig. Oft konnten die Schulen selbst entscheiden, welche Diagnose-Instrumente sie einsetzen. Auf den Webseiten der Landesinstitute werden dazu verschiedene Online-Tools empfohlen.

Nur in sechs Bundesländern wurden die verschobenen VERA-Tests verpflichtend zu Beginn des Schuljahres nachgeholt: in Baden-Württemberg, in Schleswig-Holstein, in Nordrhein-Westfalen, im Saarland, in Bremen und in Hessen. Das hat eine Abfrage des Schulportals in den Kultusministerien ergeben. In Berlin und Brandenburg gab es auch zentrale Lernstandserhebungen, aber mit einem anderen Testverfahren. Hamburg hatte schon zum Ende des vergangenen Schuljahres die Vergleichsarbeiten KERMIT in den dritten Klassen durchgeführt. Auch Bremen hatte bereits vor den Sommerferien die achten Klassen getestet und im neuen Schuljahr dann die dritten Klassen.

Um zu erfahren, wie die Lehrkräfte bei der Einschätzung der Lernstände zu Beginn des Schuljahres vorgegangen sind, hat die Robert Bosch Stiftung im September im Rahmen des Deutschen Schulbarometers nach den Vorgehensweisen gefragt.

Das Ergebnis: 51 Prozent der Befragten gaben an, dass an ihren Schulen empirisch validierte Lernstandserhebungen wie zum Beispiel die zentralen Vergleichsarbeiten „VERA“ durchgeführt wurden. Neben VERA können dazu verschiedene andere empirische Tests gehören, die die Landesinstitute für verschiedene Klassenstufen empfehlen.

Die andere Hälfte der Lehrkräfte ist laut Umfrage an Schulen tätig, die auf die Einschätzung der Lehrkräfte im regulären Unterricht setzen beziehungsweise auf Tests, die sie selbst entwickelt oder aus Lehrwerken entnommen haben.

Der Austausch im Kollegium über diagnostizierte Lernrückstände erfolgte meist informell, lediglich 20 Prozent der Befragten gaben an, dass es außerplanmäßige Konferenzen zu diesem Thema zu Beginn des Schuljahres an ihrer Schule gab.

Repräsentative Umfragen zur Lage der Schulen in Deutschland

Daten zu allen Ausgaben des Deutschen Schulbarometers auf einen Blick

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Die Ständige wissenschaftliche Kommission (SWK), das Beratungsgremium der Kultusministerkonferenz (KMK), hatte daher die Empfehlung gegeben, zu Beginn des Schuljahres solche Erhebungen durchzuführen, um die Unterstützungsangebote passgenau einzusetzen. Auch das Bundesbildungsministerium drängte schon im Mai 2021 darauf, dass bundesweit solche Tests durchgeführt werden. Gefolgt sind die Länder dieser Empfehlung nicht. Die SWK übte deshalb im Mai 2022 auch deutliche Kritik. Der Erfolg des Aufholprogrammes sei schließlich nicht nachvollziehbar, wenn die Ausgangslage nicht transparent ist. In einem Impulspapier forderte das Expertengremium deshalb bei diesem und bei anderen Programmen künftig Ausgangslage, Erfolgskriterien und wirksame Instrumente bundeseinheitlich zu definieren.

So sehen die Lernstandserhebungen und deren Ergebnisse in den Ländern aus:

Hamburg und Bremen: Soziale Schere geht auseinander

In Bremen wurden noch vor den Sommerferien mit VERA 8 alle Achtklässlerinnen und Achtklässler im Fach Mathematik getestet.

Die Ergebnisse waren alarmierend: 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler verfehlten den Mindeststandard. Das Ergebnis lässt sich allerdings nicht allein auf Corona zurückführen. Im Vergleich zur letzten Bildungserhebung aus dem Jahr 2018 zeigen sich insgesamt sogar leichte Verbesserungen. Aber: Die Abstände zwischen den Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher sozialer Herkunft sind gewachsen.

Die VERA 3 Tests wurden gleich zu Beginn des neuen Schuljahres nachgeholt, um die Lernausgangslage nach den Schulschließungen zu erfassen. Landesweite Auswertungen dazu gibt es bisher nicht.

In Hamburg wurden alle dritten Klassen schon vor den Sommerferien mit dem Test KERMIT 3 geprüft. Getestet wurden die mathematischen Kompetenzen und das Leseverstehen. Die Ergebnisse wurden im September veröffentlicht. Bei der Auswertung stellte das Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) fest, dass die Gruppe der lernschwachen Schülerinnen und Schüler im Bereich „Lesen” gegenüber der letzten Erhebung um rund 11,1 Prozent größer geworden ist. Dieser Trend fiel bei Schulen in schwieriger sozialer Lage noch stärker aus, dort hat sich der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit schwachen Leseleistungen um 13,6 Prozent erhöht.

Auch im Bereich Mathematik erhöhte sich der Anteil der lernschwachen Schülerinnen und Schüler.

Brandenburg: Größerer Unterstützungsbedarf als im vergangenen Schuljahr

Die Schulen in Berlin und Brandenburg haben zu Beginn des Schuljahres mit ILeA (Individuelle Lernstandsanalysen) ein anderes zentrales Diagnose-Tool flächendeckend eingesetzt.

In Brandenburg haben 97 Prozent der Schulen an der zentralen Erfassung der Lernrückstände teilgenommen. Das Fazit fällt laut Kultusministerium relativ positiv aus: „Die Mehrzahl der Schulen aller Schulformen zeigt an, dass die Bildungsziele in den einzelnen Fächern und Jahrgangsstufen voraussichtlich erreichbar sein werden. Gleichzeitig wird aus dem Monitoring im Vergleich zum Schuljahr 2020/21 ein größerer Unterstützungsbedarf insbesondere zur Stärkung der sprachlichen und mathematischen Kompetenz deutlich“, heißt es in der Auswertung.

In Berlin wurden die Ergebnisse nicht veröffentlicht, sondern nur intern den Schulen mitgeteilt. Die Lehrkräfte waren angehalten, nach der Auswertung mit allen Schülerinnen und Schülern individuelle Feedback-Gespräche zu führen.

Baden-Württemberg: Lernrückstände im Umfang von einem Monat

Besonders umfangreich waren die Erhebungen an den Schulen in Baden-Württemberg. In den vierten und neunten Klassen wurden die Vergleichsarbeiten VERA 3 und VERA 8 im Schuljahr 2021/22 nachgeholt, in den fünften Klassen wurde die Lernausgangslage mit „Lernstand 5“ getestet. Darüber hinaus gab es weitere Diagnoseinstrumente, die die Schulen freiwillig nutzen konnten. Dazu gehörte auch das Testinstrument ILeA aus Berlin und Brandenburg.

Die Auswertung der Vergleichsarbeiten VERA 8 vom März 2022 wurde im September veröffentlicht. Demnach haben 32 Prozent der Schülerinnen und Schüler der achten Klassen  die Mindeststandards in Mathematik für den mittleren Schulabschluss noch nicht erreicht, 19 Prozent erreichen in der Orthografie noch nicht den Mindeststandard des mittleren Schulabschlusses und im Lesen erreichen 13 Prozent noch nicht die Mindeststandards. „Die VERA-Ergebnisse zeigen einmal mehr auf, dass wir Nachholbedarf haben, was die Vermittlung von Basiskompetenzen angeht. Zudem zeigt sich, dass bei uns der Bildungserfolg noch zu sehr von der Herkunft abhängt“, sagte Kultusministerin Theresa Schopper zu den Ergebnissen. Ein Rückschluss auf Defizite, welche die Schulschließungen der Corona-Pandemie mit sich gebracht haben, sei mit den Vergleichsarbeiten VERA schwierig. Aufgrund der Konzeption eigneten sie sich nur eingeschränkt für Vergleiche über die Jahre.

Hinzu kommt, dass VERA 8 im Jahr 2021 aufgrund der Schulschließungen erst in der neunten Klasse nachgeholt wurde. Die Auswertung der VERA-Ergebnisse wurde erst im April 2022 veröffentlicht. Trotz Corona hatten Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg demnach bei den Vergleichsarbeiten (VERA) 2021 zum Teil stärkere Leistungen gezeigt als vor der Pandemie. Allerdings hatten die Kinder und Jugendlichen auch ein halbes Jahr mehr Lernzeit als sonst, teilte das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg in den Landesergebnissen mit. Normalerweise finden die Tests nämlich im zweiten Halbjahr der dritten und achten Klasse statt – wegen der Pandemie wurden die Arbeiten laut Institut auf den Beginn der vierten sowie neunten Klasse verschoben. Wie groß die Lernrückstände durch die Pandemie seien, könne man nicht einschätzen.

In Nordrhein-Westfalen haben die vierten und neunten Klassen die VERA-Tests im September nachgeholt, die landesweiten Ergebnisse liegen noch nicht vor. Sie sollen aber später, wie in den Jahren zuvor, auf den Seiten der QUA-LiS (Qualitäts- und Unterstützungsagentur – Landesinstitut für Schule) veröffentlicht werden.

In Hessen, wo die VERA-Tests ebenfalls zu Beginn des Schuljahres nachgeholt wurden, gibt es gar keine landesweite Auswertung der Ergebnisse. „Die schulbezogenen Ergebnisse der Lernstandserhebungen erhalten weder das Kultusministerium noch die Staatlichen Schulämter. Sie bleiben ausschließlich auf Ebene der Schulen“, sagt ein Sprecher des Kultusministeriums.

Mecklenburg-Vorpommern: Lücke zwischen leistungsstarken und -schwachen Kindern ist größer geworden

In Mecklenburg-Vorpommern wurden zwar keine Vergleichsarbeiten durchgeführt, dafür gab es aber eine Abfrage der Schulbehörde in allen Schulen darüber, wie die Lehrkräfte die Lernrückstände einschätzten. Die Schulen konnten dabei selbst entscheiden, wie sie den individuellen Leistungsstand der Kinder in der Klasse zu Beginn des Schuljahres feststellten und welche Diagnoseinstrumente sie einsetzten. Jede befragte Schule wurde gebeten, eine gemeinsame Einschätzung des Kollegiums zu übermitteln.

Der Großteil der Schulen konstatierte, dass der Abstand der Kompetenzen zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern durch die Corona-bedingten Einschränkungen größer geworden ist. Die Ausgangslage des zu Beginn des Schuljahres ermittelten Lernstands der Schülerinnen und Schüler wurde dennoch von einer deutlichen Mehrheit der Schulen als eine zufriedenstellende Grundlage für die Weiterarbeit im aktuellen Schuljahr bewertet. 12 Prozent der Schulen sahen dies allerdings kritisch.

Bundesweit valide und vergleichbare Daten zu den Lernrückständen gibt es nun mit dem IQB-Bildungstrend 2021. Die Vergleichstests haben kurz nach den pandemiebedingten Schulschließungen im vergangenen Jahr das Erreichen der Bildungsstandards in den vierten Klassen untersucht. Die am 1. Juli 2022 veröffentlichte Vorabauswertung zeigt: Die Ergebnisse in allen getesteten Kompetenzbereichen sind schlechter geworden. Der Anteil derjenigen Kinder, die am Ende der Grundschule nicht einmal die sogenannten Mindeststandards erreichen, ist je nach Kompetenzbereich um sechs bis acht Prozentpunkte gestiegen. „Das ist schon eine gravierende Veränderung, die uns nicht kalt lassen kann“, sagt Petra Stanat, wissenschaftliche Leiterin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität zu Berlin, im Interview mit dem Schulportal.

Allerdings sind die Tests des IQB-Bildungstrends nicht geeignet, um Rückschlüsse auf besondere Bedarfe an den einzelnen Schulen zu ziehen, so wie bei den Vergleichsarbeiten VERA.

Noch länger dauert es, bis es Ergebnisse im internationalen Vergleich gibt. Die PISA-Tests der 15-Jährigen, die eigentlich 2021 laufen sollten, wurden wegen der Pandemie um ein Jahr verschoben. Die Auswertung soll es im Dezember 2023 geben.