Hector-Institut : Wie gut werden Begabungen erkannt und gefördert?

Die Förderung von Schülern muss im gesamten Schulsystem verankert sein. Gezielte Förderung verpufft zu schnell. Was keinen Erfolg verspricht, soll deshalb auch nicht mehr an Schülern ausprobiert werden.

Dieser Artikel erschien am 29.10.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Schmoll
Schülerinnen mit Mikroskop
Die Förderung der Kinder in Deutschlands Schulen ist ausbaufähig.
©Getty Images

Das Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung in Tübingen macht nichts, was nicht auf Wirksamkeit überprüft, evaluiert oder in Literatur und Studien beschrieben wäre. Methoden erst in Schulen einzuführen, um dann kurze Zeit später festzustellen, dass sie nicht wirken, ist dem Direktor des Instituts, Ulrich Trautwein, ein Gräuel. Evidenzbasiert will man in Tübingen arbeiten, und man fühlt sich dem Erfolg verpflichtet. Nur wenn das Institut auch internationalen Exzellenzkriterien genügt, wird es weiter mit einer solchen Spende rechnen können, wie sie ihm durch die Hector Stiftung in der kommenden Woche in einem Festakt übergeben wird. Die Stiftung verpflichtet sich, in den nächsten zehn Jahren insgesamt 19 Millionen Euro für eine evidenzbasierte empirische Bildungsforschung zu investieren.

„Die Hector Stiftung erhofft sich von der Forschungsarbeit des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung dringend benötigte Werkzeuge und Methoden für den Bereich der Bildung, beispielsweise um bei Kindern und Jugendlichen Begabungen, Auffassungsaufgabe und Intelligenz präzise zu erfassen und sinnvoll fördern zu können. Davon profitieren wichtige Förderprojekte wie die 68 Hector Kinderakademien und das Hector Seminar“, sagt der Vorstand der Hector Stiftung Uwe Bleich.

Von der Forschung erwartet die Stiftung Hinweise auf die Frage, wie gut das Bildungssystem Begabung und Kompetenzen von Schülern und Studenten vor allem in Mathematik und Naturwissenschaften fördert, wie sich Unterschiede in der Unterrichtsqualität zuverlässig erfassen lassen und wie Motivation und Persönlichkeit junger Menschen durch Schule und Universität geprägt werden.

Punktuelle Förderung verpufft oft

Ob das Institut hält, was es verspricht, wird in regelmäßigen Zwischenevaluationen mit nationalen und internationalen Gutachtern geprüft. Einige der Gutachter evaluieren auch die Leibniz-Institute für Bildungsforschung und haben den unmittelbaren Vergleich. „Wenn wir keine gute Arbeit machen, dann sind wir nach fünf Jahren wieder zu“, umschreibt Trautwein die Exzellenzanforderung nüchtern. Die Stiftung lässt dem Institut weitgehend freie Hand bei der Verwendung der Forschungsgelder. „Gemäß der Zwischenevaluation aus dem Jahr 2019 hat sich das Institut inzwischen zu einem weltweit führenden Forschungsinstitut entwickelt, das zudem Aufgaben hoher gesellschaftlicher Relevanz hervorragend wahrnimmt und sich um die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in vorbildlicher Weise kümmert“, sagt Bleich der F.A.Z.

Inzwischen arbeiten 80 Wissenschaftler am Hector Institut und fragen danach, wie gut das Bildungssystem Begabungen und Kompetenzen von Schülern und Studenten vor allem in Mathematik und den Naturwissen­schaften fördern. Die Qualität des Unterrichts und deren Erfassung, der adaptive Unterricht, der eine maximale Individualisierung von Anforderungen beabsichtigt, sind Schlüsselthemen des Instituts. Von einem wirklich adaptiven Unterricht sei man in Deutschland noch sehr weit entfernt. Von punktueller ­Förderung hält Trautwein nicht viel, weil sie oftmals verpufft, für ihn zählt das Gesamtprogramm. Das Schul­system müsse sich jedenfalls so ver­bessern, dass auch die Leistungsstarken profitierten.

Der Frage, wie sich Motivation wecken und steigern lässt, widmet sich der aus Japan stammende Humboldt-Professor Kou Murayama, der als pädagogischer Psychologe das erforscht, was als intrinsische Motivation bezeichnet wird. Murayama spricht bisher nur Englisch.

Nobelpreisträgerin beantwortet Fragen von Grundschülern

Im Unterschied zu den meisten anderen Instituten für Bildungsforschung handelt es sich beim 2014 gegründeten Hector-Institut nicht um ein außeruniversitäres Institut, sondern um ein inneruniversitäres, das jederzeit geschlossen werden kann. Trautwein hält es für einen großen Vorteil, dass das Institut durch die volle Beteiligung an der Lehre in Tübingen im Bachelor und Master, aber auch in der Weiterbildung seinen eigenen Nachwuchs bildet. Der Weiterbildungsstudiengang richtet sich an schon bestehende oder angehende Schulleitungen und nennt sich neudeutsch „Schulmanagement und Leadership“.

Ohne die Förderung der Stiftung wäre dieser Weiterbildungsstudiengang kaum entstanden. Das Land Baden-Württemberg stellte nicht nur einige Professuren für die Universität zur Verfügung, sondern bis zum Jahr 2028 auch die Mittel für die in das Institut integrierte, international angelegte Tübingen Postdoctoral Academy for Research on Education (PACE). Ausgewählt werden dafür bis zu 15 als ausgezeichnet ausgewiesene wissenschaftliche Mitarbeiter, die am Hector-Institut forschen oder mit dem LEAD Graduate School&Research Network, einem internationalen und interdisziplinären Forschungsnetzwerk mit integriertem Promotionsprogramm, in der Empirischen Bildungsforschung assoziiert sind und innerhalb der letzten 24 Monate promoviert wurden. Etwa ein Dutzend der Postdoktoranden des PACE hätten inzwischen Professuren inne, berichtet Trautwein nicht ohne Stolz, der darin ein Potential sieht, das außeruniversitäre Institute der Bildungsforschung nicht ohne Weiteres haben. Im Jahr 2024 wird das Institut in das dann neu renovierte Gebäude der Alten Physiologie in Tübingen ziehen, das sich im Zentrum der Tübinger Universität gegenüber der Neuen Aula und dem Hörsaalgebäude Kupferbau befindet.

Zu den Projekten des Instituts gehört auch die elektronische Kinderuniversität im Rahmen der Hector-Kinder-Akademie. Die frühere Nobel-Preisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard wird Grundschülern für ihre Fragen zum Thema Evolution zur Verfügung stehen. Flankiert wird die für das kommende Jahr geplante Fragerunde durch ein vorbereitendes Seminar der Kinderakademie.