Dieser Artikel erschien am 27.05.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Heike Schmoll

Studie : Wie die Krise Familien verändert

Zwischen Verzweiflung und Glück: 25.000 Familien sind in einer Studie befragt worden, wie sie die Corona-Krise erleben. Welche Familien hart getroffen sind – und für welche die Krise eine Erleichterung ist.

Distanzunterricht stellt Eltern und Kinder auf eine harte Probe
©Getty Images

„Für unsere Familie und die Stärkung der Geschwisterbeziehung werde ich Corona ewig dankbar sein. Mal aus dem Hamsterrad auszusteigen ist eine Wahnsinnschance”, so berichtet eine Mutter über ihr Erleben während der ersten Wochen der Corona-Krise. Manche Familien haben die Schließung von Schulen und Kindergärten an den Rand der Verzweiflung gebracht, andere denken plötzlich über eine bleibende Entschleunigung ihres Alltags nach. Es ist ihnen bewusst geworden, dass das Hin- und Herfahren die Kinder unter Dauerstress setzt. Aber es gibt auch diejenigen, die unter Krisenstress leiden: „Nachdem ich bereits unbezahlten und bezahlten Urlaub genommen habe, bin ich am Ende meiner Kräfte, da nicht abzusehen ist, wann die Kindergärten wieder öffnen.”

In der bisher umfangreichsten Umfrage unter Familien in allen 16 Bundesländern erweist sich die Familie als Seismograph der derzeitigen gesellschaftlichen Probleme. In einer ersten Teilstudie wurden 5000 Jugendliche befragt. Für den zweiten Teil, der dieser Zeitung vorab vorliegt, gaben 25 000 Familien mit Kindern unter 15 Jahren Auskunft über ihr Befinden zu Hause. 30 Prozent davon stammen aus Hessen. Erreicht wurden sowohl die Städter als auch die Bewohner von Klein- und Mittelstädten sowie ländlicher Regionen. In der Regel berichten die Mütter, die meisten sind berufstätig. Knapp die Hälfte der Befragten befand sich während der Zeit der Befragung vom 24. April bis zum 3. Mai im Homeoffice, einige gingen gelegentlich zur Arbeit. Aufschlussreich ist, dass sich die meisten Eltern mit ihren Sorgen nicht von den Verantwortlichen in der Politik wahrgenommen fühlen. Verantwortlich für die Studie ist der Forschungsverbund „Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit”. Dahinter stehen das Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim und das Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Universität Frankfurt in Kooperation mit der Universität Bielefeld. Wer die zurückliegenden Wochen als „schöne Zeit” wahrgenommen hat, denkt über Alternativen nach, die bis zu Sympathien für das in Deutschland verbotene Homeschooling reichen, womit in diesem Fall nicht das pandemiebedingte häusliche Lernen gemeint ist, sondern ein Nichterfüllen der allgemeinen Schulpflicht. Das Lernen der eigenen Kinder erscheint einer Mutter deutlich effektiver als in den Einrichtungen, die sie besuchen. „Ich beginne mich zu fragen, ob Homeschooling in Deutschland nicht dauerhaft für Familien eine legale Option werden sollte”, meint sie. „Es sollte in Deutschland frei wählbar sein, wie man sein Kind beschult, deswegen wäre eine Bildungspflicht statt Schulpflicht wünschenswert”, meint eine andere. Nicht jedes Kind gehe schließlich gern zur Schule, „vielen ist es zu laut, zu anstrengend, zu unflexibel, der frühe Unterrichtsbeginn quälend”.

Die Kinder seien glücklich über morgendliches Ausschlafen und mehr Freiheiten. „Gleichwohl zahlen viele Eltern den Preis durch Erschöpfung, Übermüdung und Überforderungen”, stellen die Forscher fest. Die Eltern geben klar zu erkennen, wie sehr sie auf eine stabile und verlässliche Infrastruktur angewiesen sind. Viele Eltern haben erst in der Zeit der Schließung gemerkt, was die Kinder- und Jugendhilfe und die Schule für die Alltagsstruktur leisten.

Die Notbetreuung erweist sich zumeist als unbefriedigend. Eine Teilzeitbeschäftigte in einer Tiefkühlspedition hält die Notbetreuung für nicht ausreichend. „Kinder bekommen dort kein Mittagessen. Ich bin völlig allein und mit den Nerven am Ende.” Den Kindern fehlten die Freunde, sie selbst müsse allein um ihre Existenz kämpfen, „weil ihr die Kündigung droht, falls Kinderbetreuung nicht gesichert wird. Vater gibt es nicht. Oma ist alt und darf nicht besucht werden.” Eltern im Homeoffice plagt das schlechte Gewissen, ihren Job zu vernachlässigen und sich nicht um die Kinder kümmern zu können. „Um mal kurz Ruhe zu haben, parke ich die Kinder vor TV und Tablet und bekomme davon ein schlechtes Gewissen. Ich werde weder mir noch den anderen gerecht und fühle mich erschöpft”, berichtet eine weitere Mutter. Die anstrengende Betreuung – häufig durch die Frauen, während manche Männer wie gewohnt oder länger zur Arbeit gingen – haben viele als Überlastung empfunden. „Dies alles hat sehr erhebliche Konflikte innerhalb der Paarbeziehung zur Folge, die von ,häuslicher Gewalt’ oft nicht weit entfernt sind.” Von Gewalt gegen Kinder ist nicht die Rede, die Forscher vermuten allerdings eine hohe Dunkelziffer.

Ungewissheit ist ein weiterer Faktor, der die Familien massiv beeinträchtigt. Das gilt etwa für die schrittweise Öffnung von Kindergärten und Schulen. „Ich würde mir wünschen, dass unsere Kinder jetzt nicht auf die Schlachtbank geführt werden, um sich und andere womöglich anzustecken. Mein Sohn sagte mir vor ein paar Tagen, dass er nicht schuld sein will, dass wegen ihm jemand krank wird”, so die martialische Äußerung einer Mutter. Es geht dabei keineswegs nur um virologische Fragen, sondern um die Unklarheit, wann und wie Schulen wieder öffnen und wie das Leben der Familie dann aussehen wird. Durch „Corona bin ich ab Juni arbeitslos, meine Branche derzeit nicht existent und die Kitas über Platzvergaben, da niemand weiß, wann alle Kinder wieder hindürfen, es ist ein Dilemma, da sich Kinderbetreuung und Arbeitssuche gegenseitig bedingen”. Die Unzufriedenheit bei Eltern und Kindern ist extrem hoch, je kleiner die Kinder sind, desto mehr. Die Eltern Zweijähriger geben zu erkennen, „total unzufrieden” zu sein, während das für ältere Kinder nicht gilt. Die Jugendlichen sind zu 70 Prozent mit der Situation und der Stimmung zu Hause ganz zufrieden

Manche Jugendliche fühlen sich aber auch regelrecht befreit: „Dadurch, dass gerade alle eingeschränkt und mehr oder weniger einsam sind, geht es mir in der Zeit besser als vorher (. . .) man hat seine Ruhe und kann sich selbst sein Schulzeug einteilen und muss nicht so viel mit anderen Menschen machen.” Offenbar herrscht ein hoher sozialer Druck auf denen, die Einsamkeit nicht nur als Nachteil empfinden. Auch Schüler, die gemobbt werden, fühlen sich in der Corona-Krise entlastet. Jugendliche stören sich daran, nur auf ihre Rolle als Schüler und Auszubildende reduziert zu werden. Das Recht auf Beteiligung und Schutz dürfe nicht nur in Schönwetterzeiten gelten, sondern müsse krisenfest sein, monieren die Forscher. Mit den Erfolgen des häuslichen Lernens und die Unterstützung durch die Lehrer zeigen sich die Eltern weder besonders unzufrieden noch besonders zufrieden, rechnen Lernerfolge aber eher sich selbst als den Lehrern zu. Aufschlussreich ist, dass 90 Prozent der Kinder angeben, einen ruhigen Rückzugsort zu Hause zu haben, während 40 Prozent der Erwachsenen keine Rückzugsmöglichkeit haben. Die Erwachsenen sind auch am unzufriedensten über die fehlenden Kontakte außerhalb der Familie. Gerade die Ein-Eltern-Haushalte haben die größten Geldsorgen, was für die Forscher darauf hindeutet, dass die sozialen Folgen der Pandemie vor allem diejenigen treffen, die schon vor der Krise strukturell benachteiligt und besonders belastet waren. Sie verweisen überdies auf die Verschärfung von Ungleichheiten, die in der Pandemie zu Hause bewältigt werden müssen und nicht mehr an eine Einrichtung delegiert werden können.