Notstand in der Hauptstadt : Wie Berlin den Lehrermangel beenden will

Die rot-rot-grüne Koalition in Berlin will Pädagogen wieder verbeamten – und mehr Vielfalt unter ihnen erreichen. Der Koalitions­vertrag zeigt: Diversität ist ihr dabei wichtiger als Exzellenz.

Dieser Artikel erschien am 02.12.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Schmoll
Viele bunte Masken: Franziska Giffey (Mitte) zwischen Politikerin der Berliner rot-rot-grünen Regierung bei der Vorstellung ihres Koalitionsvertrags
Viele bunte Masken: Franziska Giffey (Mitte) zwischen Politikerin der Berliner rot-rot-grünen Regierung bei der Vorstellung ihres Koalitionsvertrags
©dpa

Die rot-rot-grüne Koalition in Berlin hat sich dazu durch­gerungen, die 2004 abgeschaffte Verbeamtung von Lehrern wieder einzuführen und die Alters­höchst­grenze dafür temporär auf 52 Jahre hoch­zu­setzen. Damit reagiert der Senat auf die Lehrer­not in der Haupt­stadt. Berlin war bisher das einzige Bundes­land, das Lehrer nur als Angestellte beschäftigte. Neben der Rückkehr zur Verbeamtung setzt die Koalition unter der künftigen Regierenden Bürger­meisterin Franziska Giffey (SPD) auf weitere Schritte, um den Engpass zu überwinden. Sie will dazu Pädagogen mit einem Berufs­abschluss aus dem Ausland, die nur ein Fach studiert haben, weiter qualifizieren und ihnen so den Berufs­einstieg erleichtern. Auch Grund­schul­lehrer mit Lehr­befähigung für untere Klassen nach DDR-Recht, Lehrer ohne volle Lehr­befähigung oder Einfach­lehrer fort­zu­bilden, halten die Koalitionäre angesichts eines Quer­ein­steiger­anteils in Grund­schulen von 70 Prozent für nötig.

Aufgegriffen haben die Koalitionäre außerdem eine zentrale Forderung der sogenannten Qualitätskommission, die Berlins Bildungswesen evaluiert hat: das Institut für Schulqualität zu stärken und auszubauen sowie ein Berliner Landesinstitut für Aus-, Fort- und Weiter­bildung für die Beschäftigten an Berliner Schulen einzurichten. Es findet sich im Koalitions­vertrag auch ein Bekenntnis zur leistungs­orientierten Schul­entwicklung und einer Qualitäts­steuerung mit Längs­schnitt­studien, sowie daten­unter­stützten Beratungs­gesprächen zwischen Schulen und Schulaufsicht.

„Berliner Schulen diskriminierungs­frei“

Allerdings werden weder die Qualitätskommission noch der Qualitäts­beirat genannt, der längst arbeitet und die praktische Umsetzung der zentralen Qualitäts­verbesserungen begleitet. Der Vorsitzende des Berliner Landes­eltern­aus­schusses, Norman Heise, kündigte gegen­über der F.A.Z. an, die Eltern würden es nicht zulassen, dass eine neue Amts­spitze im Schulsenat die von der Qualitäts­kommission und dem Beirat eingeleiteten Schritte fallen lässt. Das dürfte allerdings schwierig werden Denn längst nicht alle Grünen und Sozial­demokraten tragen die Qualitäts­steuerung mit. Die Linke erst recht nicht.

Außerdem nennt der Koalitions­vertrag das Ziel, „Berliner Schulen diskriminierungs­frei zu gestalten“. Dafür werde die Koalition das pädagogische Personal diverser aufstellen und die „Rahmen­lehr­pläne und Lehr- und Lern­materialien rassismus- und kolonial­kritisch über­arbeiten“. Die Koalition setze sich für „starke Diversity- und Queer­kompetenzen in allen pädagogischen Berufen ein und stärkt das Themen­feld der sexuellen Vielfalt und Identität“. Alle Schulen sollen zu Inklusions­schulen werden. Die Opposition kritisiert die Orientierung an Gender und Diversity, darunter auch der forschungs­politische Sprecher der Berliner CDU, Adrian Grasse.

Wissenschafts­fremde Kriterien für Stellen­besetzungen

Manches spricht dafür, dass die Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch das Gesundheits- und Wissenschafts­ressort übernehmen soll, denn es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden Bereichen, etwa bei der Charité, dem Berlin Institute of Health (BIH), dem Herz­zentrum und der Berlin University Alliance (dem Exzellenz­verbund der drei Berliner Universitäten).

Unklar bleibt, wie die Aussage, „das bewährte Instrument der Hochschul­verträge weiter­zu­entwickeln“, in die Tat umgesetzt werden kann. Die Grund­finanzierung soll gestärkt, „Fehl­anreize sollen bereinigt und Leistungs­kriterien angepasst“ werden. Hinter solchen Ankündigungen verbirgt sich wie an vielen anderen Stellen des Koalitions­vertrags möglicher­weise ein deutlicher Dissens zwischen den Koalitions­partnern. Einer­seits findet sich ein klares Bekenntnis zur Wissenschaftshauptstadt Berlin und dem Forschungsstandort, andererseits werden wissenschafts­fremde Kriterien betont wie das Ziel, mindestens 50 Prozent aller Stellen und Funktionen an Hochschulen und Forschungs­einrichtungen mit Frauen zu besetzen.

Bessere Bedarfs­prognostik als Ziel

Ob die Gründung einer Humanistischen Hochschule, die vor allem vom ehemaligen Bildungs­staats­sekretär Mark Rackles (SPD) propagiert wird, von den Koalitionären unter­stützt wird, bleibt offen. Sie solle geprüft werden und bei einer Gründung vor allem Fach­kräfte im Bereich der sozialen Arbeit und Pädagogik ausbilden. Innerhalb der Koalition ist sie stark umstritten.

Immerhin will Rot-Rot-Grün die vereinbarte Zahl von 2000 Absolventen im Lehramt durch Verbesserungen im Studium erreichen. Damit der Lehrer­mangel nicht zyklisch wieder auftaucht, soll es eine präzise Bedarfs­prognostik für Lehrer geben und auch in die verbindliche Kapazitäts­planung einbezogen werden. „Die Koalition strebt zudem einen bundesweiten Staatsvertrag zur bedarfsgerechten Lehr­kräfte­ausbildung an“, heißt es in dem Koalitions­papier.

Doch die beste Bedarfsplanung hilft nichts, wenn Lehramtsanwärter ihr Studium abbrechen oder sich kurz vor dem Abschluss für einen anderen Berufs­weg entscheiden. Ob sich durch eine Evaluation des Studien- und Aus­bildungs­verlaufs Studienabbrüche vermeiden lassen, bleibt abzuwarten. Es gibt solche Evaluationen gerade für das Lehr­amts­studium schon in Mecklenburg-Vorpommern. Am Lehrer­mangel haben sie bisher nichts geändert.