Corona-Aufholprogramme : Wenn selbst das arme Bulgarien Deutschland abhängt

Zwei Milliarden Euro gibt der Bund für Bildungsprogramme nach Corona aus. Klingt nach viel Geld, doch Recherchen des SPIEGEL zeigen: Im europaweiten Vergleich ist das nicht mal Mittelmaß.

Dieser Artikel erschien am 04.09.2022 in DER SPIEGEL
Armin Himmelrath
Euro-Scheine
©Unsplash

Die Ministerinnen lobten sich geradezu überschwänglich. „Eine gute Nachricht für Schülerinnen und Schüler und vor allem für die leistungsschwächeren Kinder und Jugendlichen“ sei das, sagte die damalige Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) im Frühsommer 2021: Bei denen sei zu befürchten, dass sie durch die coronabedingten Schulschließungen weiter zurückgefallen seien. Deshalb wollten Bund und Länder mit dem Programm „Aufholen nach Corona“ helfen, unter anderem durch „Nachhilfe in den Kernfächern“.

Britta Ernst (SPD), Bildungsministerin in Brandenburg und seinerzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), assistierte: „Wir werden Kinder und Jugendliche mit Unterstützungsbedarf eng und gezielt begleiten.“ Verbale Unterstützung kam auch aus dem Bundesfamilienministerium: Die von Corona und den Schulschließungen gebeutelten Kinder und Jugendlichen „sollen Zeit haben für Freunde, Sport und Freizeit und die Unterstützung bekommen, die sie und ihre Familien jetzt brauchen“.

Das klang gut, genau wie die Summe dahinter: Zwei Milliarden Euro stellte der Bund für das Programm zur Verfügung, die eine Hälfte für Aktivitäten in der Schule, die andere für außerschulische Förderung. Und das Ganze sei durchaus so etwas wie eine moralische Grundsatzfrage, legte CDU-Frau Karliczek die Latte hoch: „Das Mindeste, das wir tun können, ist, diesen Kindern das Aufholen ihrer Lernrückstände zu ermöglichen.“

Was auf den ersten Blick nach viel Geld klingt, könnte sich jedoch bei genauerer Betrachtung tatsächlich nur als „das Mindeste“ an finanziellem Engagement erweisen. Denn ein Vergleich mit den Aufholprogrammen der anderen EU-Staaten und Großbritanniens zeigt: Deutschland rangiert bei den Corona-Sonderausgaben für Schülerinnen und Schüler nur im hinteren Drittel. Das zeigt eine Auswertung der Rahmendaten für die Programme, die der SPIEGEL vorgenommen hat.

Tatsächlich setzen alle EU-Länder – mit Ausnahme von Ungarn und Kroatien – auf solche Aufholprogramme. Sie sollen den Kindern und Jugendlichen nach der Pandemie zurück in den Alltag helfen: Wissenslücken schließen, ausgefallenen Unterricht kompensieren, die Psyche stärken. Doch der direkte Vergleich zeigt: Wie wichtig die einzelnen Länder die Programme nehmen und wie umfangreich sie diese Angebote finanzieren, unterscheidet sich massiv von Land zu Land. Eine gemeinsame inhaltliche, pädagogische, finanzielle oder bildungspolitische Strategie ist bei den Aufholprogrammen der untersuchten Länder nicht erkennbar.

Rund 72 Millionen Schülerinnen und Schüler gibt es in der EU und in Großbritannien, über 25,3 Milliarden Euro stehen für sie im Rahmen der Aufholprogramme in den 28 Staaten zur Verfügung – macht 325,49 Euro pro Schulkind, zumindest statistisch. In der Praxis dagegen wird das Geld höchst ungleich verteilt: So profitieren etwa in den Niederlanden knapp 2,4 Millionen Kinder und Jugendliche der Primar- und Sekundarstufe von Hilfen in Höhe von 5,8 Milliarden Euro, die in einem Zeitraum von drei Jahren ausgegeben werden sollen. Für ältere Jugendliche stehen weitere Milliarden im Haushalt.

Das macht 808,61 Euro pro Jahr pro Schulkind – ein einsamer Spitzenwert innerhalb der EU. Und deutlich mehr als das Dreifache der Ausgaben, die Malta als zweitplatziertes Land pro Kind und Jahr aufwendet (260,21 Euro) – und die wiederum immer noch rund das Doppelte dessen ausmachen, was in der EU und Großbritannien durchschnittlich pro Schulkind und Jahr für Aufholprogramme ausgegeben wird (131,42 Euro).

Mehrausgaben pro Schulkind und Jahr

Deutschland dagegen erreicht nicht einmal annähernd diesen Durchschnittswert. Das Zwei-Milliarden-Aufholprogramm, zunächst angelegt auf zwei Jahre, ergibt bei der Umrechnung auf alle gut 10,7 Millionen Schülerinnen und Schüler an deutschen Schulen eine Pro-Kopf-Summe von 186,29 Euro – pro Jahr und Kind also nur magere 93,14 Euro. Im Ranking der 28 Staaten reicht das nur für Platz 15, weit hinter Ländern wie Spanien, Österreich, Portugal oder Belgien.

Ähnlich schlecht schneidet das deutsche Aufholprogramm auch im Vergleich zu den Bildungsausgaben vor der Pandemie ab. Vergleichswert sind hier die Bildungsausgaben pro Schulkind im Jahr 2018. Im europaweiten Durchschnitt liegen die Mehrausgaben für die Aufholprogramme bei 2,17 Prozent – Deutschland kommt dagegen nur auf ein Plus von 1,12 Prozent pro Schüler und Jahr.

Andere Länder, die vor Corona teilweise deutlich geringere Summen für Schulbildung ausgegeben hatten, engagieren sich in der Krise erheblich stärker:

  • Ein Beispiel ist Bulgarien, dessen zusätzliche Ausgaben mit 52,42 Euro pro Jahr pro Schüler zunächst eher niedrig wirken. Bei der Betrachtung des prozentualen Anstiegs zeigt sich jedoch, dass das Land mit seinem aktuellen finanziellen Engagement bei einem Zuwachs von 2,65 Prozent klar vor Staaten mit deutlich höherem Bruttoinlandsprodukt wie Luxemburg, Frankreich, Italien, Deutschland oder Dänemark liegt.
  • Den prozentual stärksten Zuwachs verzeichnen die Niederlande (+ 9,17 Prozent), Lettland (+ 6,57 Prozent) und Spanien (+ 5,05 Prozent).
  • Auffällig ist außerdem das starke finanzielle Engagement von Malta (+ 4,48 Prozent), Portugal (+ 3,65 Prozent) und Griechenland (+ 2,9 Prozent).

Möglicherweise, so zeigt es die Datenauswertung, gibt es einen Zusammenhang zwischen der letzten Pisa-Platzierung eines Landes und seiner Bereitschaft, coronabedingte Sonderausgaben für Aufholprogramme im Bildungshaushalt einzuplanen. So kamen etwa die Niederlande 2018 beim Ranking der Pisa-Mittelwerte auf Platz 21 aller untersuchten 37 OECD-Länder, Lettland nur auf Platz 24 – beide engagieren sich jetzt überdurchschnittlich stark. Pisa-Sieger Estland dagegen belässt es nach Corona bei unterdurchschnittlich starken Zusatzausgaben von 1,76 Prozent, Finnland (Pisa-Platz 3) plant sogar nur mit einem Plus von 0,97 Prozent für die Aufholprogramme. Generell zeigte sich, dass die in der Pisa-Spitzengruppe unter den ersten Zehn vertretenen Staaten eher zurückhaltend bei der finanziellen Ausgestaltung der Aufholprogramme agieren.

„Die Coronapandemie hat Kinder und Jugendliche besonders belastet“, sagte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) Mitte Mai 2022 bei einer ersten Bilanz zu den Aufholprogrammen in Deutschland, damit seien „eine Vielzahl von Aktivitäten zu den gemeinsam vereinbarten Maßnahmen“ umgesetzt worden. „Nun sollten wir die Anstrengungen bei der Umsetzung weiter erhöhen. Das sind wir den Kindern und Jugendlichen schuldig.“ Und die amtierende KMK-Präsidentin Karin Prien, CDU-Bildungsministerin in Schleswig-Holstein, betonte, dass das Aufholprogramm den Schülerinnen und Schülern „wieder eine Rückkehr Richtung Normalität“ bieten könne.

Lehrerinnen und Lehrer, sagte Prien, sorgten „gemeinsam mit vielen anderen unterstützenden Kräften und Professionen an den Schulen dafür, dass die Schülerinnen und Schüler gut aus der Pandemie kommen“.

Das klingt dann auch schon wieder nach ausgeprägtem Selbstlob.