Dieser Artikel erschien am 09.01.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Florentine Fritzen

Lehrermangel : Wenn Quer­einsteiger Schule machen

Die neuen Lehrer haben studiert, Mathe zum Beispiel oder Musik. Aber nicht, wie sie diesen Stoff Schülern beibringen. Ist das so schlimm?

Unterrichtssituation
Anders als ausgebildete Lehrer, haben Quereinsteiger keine Praxiserfahrung und keine Didaktik-Seminare belegt.
©dpa

Quereinsteiger sind Lückenbüßer. Sie werden gebraucht, weil in Deutschland gerade Tausende Lehrer fehlen und die Lehr­amts­studenten zu langsam nach­wachsen. Es soll ja kein Unterricht ausfallen. Deshalb stellen die meisten Bundes­länder Lehrer ein, die früher etwas anderes werden wollten. Zum Beispiel Mathe­matiker, Konzert­musikerin oder Sport­wissen­schaftler. In den vergangenen Jahren war mehr als jeder zehnte neue Lehrer ein Quer­ein­steiger. Ist das schlimm?

Eigentlich nicht. Das sagen alle, die sich mit Schulen auskennen. Quer­ein­steiger können bereichern. Im besten Fall bringen sie Erfahrung, Fach­kenntnis und frischen Wind mit. Aber sie müssen noch eine Menge lernen, um gut zu unterrichten. Ein­gearbeitet werden die ungewöhnlichen Kollegen an der Schule. Die Lehrer dort haben aber eigentlich schon alle Hände voll damit zu tun, die ganz normalen Referendare zu betreuen. Hinzu kommt, dass die Quer­ein­steiger logischer­weise vor allem dort eingesetzt werden, wo die Personal­decke besonders dünn ist. Und so bleibt die Weiter­bildung oft auf der Strecke.

Der Vorsitzende des Lehrerverbandes hat das kürzlich drastisch beschrieben. „Die unzureichende Nach­qualifizierung von Quer­ein­steigern ist ein Verbrechen an den Kindern“, sagte Heinz-Peter Meidinger im Interview mit der „Welt“. Das Bundes­bildungs­ministerium benutzt weniger wuchtige Worte. Aber auch dort heißt es: „Wir brauchen hervor­ragend ausgebildete Lehr­kräfte für die Bildung unserer Kinder.“ Die jüngsten Pisa-Ergebnisse hätten schließlich gezeigt, „dass wir Aufhol­bedarf haben“.

Bildungsforscher wie der Erziehungs­wissen­schaftler Klaus Klemm sind dennoch der Ansicht, dass die Sache mit den Quer­ein­steigern zumindest an den weiter­führenden Schulen gelingen kann. Ältere Schüler, die von Nicht­pädagogen in deren Studien­fach unterrichtet werden, erzielen ähnliche Leistungen wie bei klassisch ausgebildeten Lehrern. Wenn klassisch ausgebildete Lehrer hingegen ein fremdes Fach unterrichten, der Englisch­lehrer also zum Beispiel Deutsch, sind die Schüler schwächer. Fach­kompetenz schlägt bei den Großen also didaktische Kompetenz. Was nicht heißt, dass die unwichtig wäre.

An der Grundschule ist sie sogar entscheidend. Eine erfahrene Lehrerin sagt: „Wovon sich viele Laien keine Vorstellung machen: Du gehst da nicht hin und erklärst, das ist das A, das ist das B, und zwei plus zwei ist vier.“ Es gehe nicht darum, den Stoff kognitiv zu verstehen, „sondern darum, dass du immer neue Arten verwendest, etwas zu üben und zu prüfen, ob es jeder verstanden hat“. Wenn sie einmal wenig Zeit hat und den Unterricht zu eintönig plant, merkt sie das im Klassen­zimmer sofort: Die Schüler werden unruhig. Eine gelungene Stunde sei dagegen eine, „in der man sie kriegt, weil man den Stoff ansprechend vermittelt“.

Manchmal wird der Pädagogin in solchen Momenten wieder einmal bewusst, wie wichtig die didaktischen Grund­prinzipien sind, die sich bei ihr längst automatisiert haben. Das Interesse bündeln. Vom Mündlichen zum Schriftlichen gehen. Erst etwas lesen, dann selbst schriftlich produzieren. Ganz wichtig ist ein roter Faden. All das weiß die Lehrerin nicht aus dem Studium, sondern weil Fach­leiter und Kollegen es ihr im Referendariat beigebracht haben. Da hat sie erfahrene Kollegen in deren Unterricht beobachtet, selbst Stunden entworfen und gehalten, Feedback bekommen. Und jede Woche war Fach­seminar.

Die Lehrerin ist sich sicher: Es wäre kein Problem, diese Kenntnisse auch Quer­ein­steigern zu vermitteln, die im Studium keine Didaktik-Seminare und Schul­praktika gemacht haben. Dafür müsste es Beauftragte geben, die in ihrem eigenen Stunden­pensum entlastet sein müssten. Aber anders als Referendare, deren Ausbildung klar geregelt ist, gibt es Quer­einsteiger eben erst seit ein paar Jahren. 2013 war der Lehrer­mangel so groß, dass die Kultus­minister­konferenz „Sonder­maßnahmen“ beschloss. Die sollten helfen, Lehr­kräfte zu gewinnen, um die Unterrichts­versorgung sicher­zu­stellen. Derzeit sind 15.000 Stellen unbesetzt. Aber die Not ist unter­schiedlich groß und damit auch der Bedarf an Quer­ein­steigern. Besonders viele haben zuletzt Sachsen und Berlin eingestellt, jeweils mehr als vierzig Prozent der neuen Lehrer. Bayern dagegen kommt komplett ohne Quer­ein­steiger aus. Das Land ist nach Einschätzung von Bildungs­forschern ein Muster­beispiel für gute Bedarfs­planung. Die Kunst ist dabei, abzuschätzen, wie viele Lehrer in Zukunft gebraucht werden, und die Zahl der Einstellungen im Voraus entsprechend anzupassen, damit keine Engpässe entstehen. Die Prognosen sind nie genau. Manche Dinge lassen sich besser kalkulieren, zum Beispiel die zusätzlichen Stellen wegen der Umstellung auf Ganz­tags­schulen oder der Rück­kehr von acht zu neun Jahren Gymnasium. Schwerer vorhersehbar ist die Wirtschafts­lage. In guten Zeiten wollen mehr junge Leute bei Unter­nehmen und weniger beim Staat arbeiten. Kommen mehr Kinder zur Welt, gibt es bald mehr Schüler. Beides gilt jeweils auch umgekehrt. Auch die hohe Zahl der Flüchtlinge vor wenigen Jahren und die Zahl der jungen Ost­deutschen, die in den Westen gingen, waren schwer vorher­sehbar. Besonders oft werden Quer­ein­steiger an Brenn­punkt­schulen gebraucht, vor allem in Berlin. Von dort wechseln zudem besonders viele ausgebildete Lehrer in andere Bundes­länder.

Das Bildungsministerium dringt jetzt darauf, die Weiterbildung zu vereinheitlichen – wie so vieles im Schul­system. Es sei wichtig, „dass die Kräfte gebündelt werden und die Länder eine gemeinsame Strategie entwickeln“. Derzeit entscheidet jedes Land für sich, an welchen Schul­formen es Quer­ein­steiger zulässt und welche Zugangs­wege es gibt. Gewisser­maßen die Edel­version sind Absolventen eines Mangel­fachs wie Mathe, Chemie oder Musik, die ins reguläre Referendariat gehen. Je nach Bundes­land machen sie nach andert­halb oder zwei Jahren das zweite Staats­examen wie alle anderen Referendare auch. Dann sind sie fertige Lehrer, formal mit dem einzigen Unterschied, kein Lehr­amts­studium und kein erstes Staats­examen zu haben.

Andere machen ein berufsbegleitendes Referendariat, unterrichten also während­dessen schon als Lehrer. Oft satteln auch „echte“ Lehrer auf eine andere Schulform um, zum Beispiel von Gymnasium auf Grund­schule. Wo der Lehrer­mangel besonders groß ist, gibt es noch jene, die nach wenigen Tagen Crash­kurs direkt unterrichten. Um den Unter­schied klar­zu­machen, heißen alle Quer­ein­steiger, die ohne Lehr­amts­studium und Referendariat eingestellt werden, „Seiten­ein­steiger“. Unbefristete Verträge oder eine Verbeamtung bekommen nur die, die am Ende ein Referendariat absolviert haben.

Das ist eigentlich schon genug Wirrwarr. Aber Quer- und Seiten­ein­steiger sind längst nicht das Einzige, was sich Bildungs­politiker gegen den Lehrer­mangel einfallen lassen. Sie holen pensionierte Lehrer in den Schul­dienst zurück. Oder angehende verfrüht hinein. Dann steht eine Lehr­amts­studentin der ersten Semester plötzlich mutter­seelen­allein vor einer Klasse und soll ein Halb­jahr lang Mathe unterrichten, inklusive Noten­gebung.

Was ist jetzt von den Quer­ein­steigern zu halten? Fest steht: Der Total­aus­fall ist eher die Ausnahme. Da gibt es die Biologin, die zwanzig Minuten vor der Klasse monologisiert und die Schüler von der Tafel abschreiben lässt: Der Regenwurm. Die Libelle. Sie hält sich nicht an den Lehrplan, und wenn die Schüler über Tische und Bänke gehen, „löst sie es über Autorität“. So berichtet es eine Kollegin. Ansonsten laufe es aber ganz gut mit den Quer­ein­steigern. Jeden­falls besser, als wenn es sie nicht gäbe.