Schule in Zeiten von Corona : Was wir jetzt über das Lernen lernen

Noch ist unklar, wann die Schulen in Deutschland wieder öffnen. Im Homeschooling haben wir schon jetzt viel gelernt – zum Beispiel, was sich in der Bildung künftig ändern muss. Fünf Thesen.

Dieser Artikel erschien am 14.04.2020 in DER SPIEGEL
Silke Fokken
Schüler macht Hausaufgaben
Wegen Corona sind die Schulen zu, Kinder sollen den Stoff vielerorts alleine durchziehen: Wie fair ist das?
©dpa

„Der Lehrer meiner Tochter lebt in einer Traumwelt. Er glaubt, dass sie morgens um 8 Uhr vor dem Bildschirm sitzt, nur um ihn zu sehen.“ So echauffiert sich eine Mutter in einem Video, das gerade in sozialen Netzwerken gefeiert wird. Minutenlang lässt sie sich darüber aus, dass die Sache mit dem Homeschooling so nicht funktioniere.

Vier Kinder habe sie, die dauernd um die zwei Computer im Haus stritten. Sie selbst stoße an Grenzen. Nein, sie könne nicht eben die Klarinette holen und ihrem Jüngsten das von der Lehrerin per Mail verschickte Notenblatt vorspielen: „Ich kann keine Noten lesen.“ Und wenn ein Bruch unecht sei, wozu sich damit beschäftigen?

Die Mutter ist in Brass, voller Selbstironie – und trifft einen Nerv. In diesen Tagen des Homeschoolings lässt sich viel darüber lernen, worauf es im Unterricht eigentlich ankommt und was Schulen in Zukunft anders machen sollten.

Fünf Thesen:

1. Wer jetzt am Lehrplan festhält, hat den Bildungsauftrag missverstanden.

Dass beim Homeschooling Stress aufkommt, mag damit zu tun haben, dass Rollen von Eltern und Lehrern vermengt werden. Aber das eigentliche Problem ist, dass einige Lehrkräfte unbedingt ihren Stoff 1:1 durchziehen wollen. Die Schüler sollen sich die Inhalte dann eben per E-Mail-Auftrag zu Hause aneignen.

Das Sächsische Sportgymnasium Chemnitz zum Beispiel schreibt auf seiner Website an die Fünftklässler: „Plant euren Tag wie einen Schultag. Nehmt euch genau so viel Zeit, wie ihr Schulstunden hättet. Am Ende solltet ihr genau so viel gelernt haben, wie ihr in der Schulzeit gelernt hättet. Das wird wahrscheinlich auch durch Kontrollen (Klassenarbeiten, Klausuren) überprüft werden.“

Verständlich, dass Schulen an Nach-Coronazeiten denken und wissen, dass sie nicht wochenlanges Nichtstun aufholen können. Verständlich auch, dass sie für Schüler in einer Zeit, die von Unsicherheit geprägt ist, Normalität retten wollen: Wenn scheinbar nichts mehr gewiss ist, dann doch immerhin, dass Herr Müller am Ende eine Mathearbeit schreiben lässt.

Nur: Das erzeugt Druck, der gerade nicht angemessen ist. Die meisten Kinder dürften überfordert damit sein, sich einen Schultag von mindestens fünf oder sechs Stunden allein zu organisieren und konzentriert durchzulernen. Schulen müssten deshalb jetzt beweisen, dass ihre Strukturen nicht so starr sind, wie oft behauptet wird.

In der Coronakrise könnten Lehrkräfte eine begrenzte Lernzeit festlegen, Übungsaufgaben verteilen – und Ideen für an die Situation angepasste Projekte liefern, unabhängig vom Lehrplan: gute Bücher lesen oder (fremdsprachige) Filme sehen, einen persönlichen „Helden in der Coronakrise“ porträtieren, einen Brief an Menschen im Altersheim schreiben.

Schulen könnten zeigen, dass sie nicht zwingend an Regularien festhalten, sondern auch eine Kernkompetenz in einer sich schnell wandelnden Welt beherrschen und vermitteln: Flexibilität. Solche Schulen, die spontan ihren Plan ändern, reagieren auch in Zukunft souveräner auf Herausforderungen. Zum Beispiel, wenn plötzlich Kinder mit Behinderung in der Klasse sitzen. Oder fast kein Schüler richtig Deutsch spricht.

2. Die Coronakrise fordert überfällige Antworten auf alte Ungerechtigkeiten.

Das strikte Festhalten an Lehrplänen und Leistungserwartungen ist Symptom eines weiteren Problems: Viele Schulen haben entweder nicht auf dem Schirm oder sich damit abgefunden, dass nicht alle Kinder die gleiche Unterstützung zu Hause bekommen. Stichwort Chancengerechtigkeit.

Während einige Eltern in der Coronakrise als „Ersatzlehrer“ einspringen, scheitert das digitale Lernen in anderen Familien schon daran, dass kein Drucker da ist, dass Eltern die nötige Bildung fehlt oder sie gerade andere Sorgen haben. Wie fair ist es da, wenn alle Kinder am Ende daran gemessen werden, wie weit sie selbst mit dem Stoff gekommen sind?

„Je länger die Schulschließungen dauern, desto größer werden die Ungleichheiten werden“, warnen Bildungsforscher wie Marcel Helbig, Professor für Bildung und Soziale Ungleichheit an der Universität Erfurt, und mehrere Lehrerverbände. Neu ist das Problem nicht. Diverse Studien belegen mindestens seit dem Pisa-Schock 2001, dass der Schulerfolg in Deutschland stärker vom Elternhaus abhängt als in vielen anderen Ländern – auch ohne Krise.

Die wachsende Ungleichheit in Coronazeiten muss ein Weckruf sein. Schulen müssen Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Familien mit verbindlichen Strategien und Strukturen besser im Blick haben und fördern, etwa mit Patenschaften von Pädagogen für bestimmte Schüler. Diese könnten nicht nur in Coronazeiten Kontakt halten, mal fragen, wie es geht, oder doch benötige Kopien bereitstellen.

Der Nachholbedarf der benachteiligten Schüler muss in den Schulen jetzt gesehen werden. Sie brauchen besondere Förderung. Nötig ist auch eine neue Offensive zum flächendeckenden Ausbau von guten Ganztagsschulen, die Mittagessen, verlässliche Bezugspersonen und umfassende Förderung bieten – und als mögliches Mittel gelten, um Chancenungleichheit zumindest abzumildern. Wenn nicht jetzt, wann dann?

3. Wer heute auf die Bildungspolitik wartet, hat morgen verloren.

Neben dem flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen hat die Politik auch die bundesweite Digitalisierung der Schulen verschleppt. Erst nach ewigem Gerangel zwischen Bund und Ländern wurde der milliardenschwere Digitalpakt beschlossen. Das Geld ist aber längst noch nicht überall angekommen.

Einer Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) zufolge hat nur rund die Hälfte der Schulleiter bisher überhaupt Anträge gestellt, um an die Mittel zu kommen. Das wird vor allem auf mangelnde Informationen und bürokratische Hürden zurückgeführt.

Unterm Strich sind einige Schulen bestens digital ausgestattet, andere haben nicht mal in jedem Klassenraum WLAN. Das rächt sich in der aktuellen Krise. Umso bemerkenswerter ist, dass viele Lehrkräfte nun selbst aktiv geworden sind: Was das digitale Lernen betrifft, habe der Shutdown den Schulen einen Schub verliehen, von dem sie noch lange profitieren werden, sind sich Karl-Heinz Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, und Ilka Hoffmann von der GEW sicher.

Mit diesem Schub könnte auch ein Lerneffekt verbunden sein: Kommt die Politik nicht in die Pötte, haben Lehrkräfte mehr Spielraum, Probleme selbst zu lösen, als mancher bisher dachte.

Die Kultusminister sind natürlich trotzdem nicht raus. Wie viel sie zu tun haben, zeigt sich zum Beispiel daran, dass laut GEW 90 Prozent der Lehrkräfte noch ihre private Mailadresse für schulische Belange nutzen – eine berufliche haben sie schlicht nicht.

4. Wer Plattformen pusht, darf die Pädagogen nicht vergessen.

Wahr ist aber auch: E-Learning sollte nicht nur betrieben werden, weil das irgendwie zum Image moderner Schulen gehört. Klar, Schüler müssen Medienkompetenz erwerben, aber selten hat sich so prägnant wie in der Coronakrise gezeigt: Keine Plattform ersetzt Lehrer oder Lehrerin.

„Lernen gelingt nur über Beziehung“, lautet ein beliebter Satz in der Lehramtsausbildung. Kinder, die ein gutes Verhältnis zu den Menschen im Klassenraum haben, lernen besser. Viele Lehrkräfte haben das längst begriffen und beweisen es in der Krise.

Per YouTube, WhatsApp oder E-Mail stehen sie nicht nur als „Lernbegleiter“ parat, sondern als Vertraute, als Pädagogen, wohl wissend, dass eine Video-Schalte den persönlichen Kontakt nie ganz ersetzen kann. Ein Hamburger Schulleiter bringt es auf den Punkt: „Schule ist so viel mehr als das Lernen an sich. Es geht um Gemeinschaft.“

Einige Schulen leben diese Gemeinschaft bisher mehr, andere weniger. Sie müssen künftig dafür sorgen, dass Lehrkräfte Klassen länger begleiten und nicht andauernd wechseln. Dass Zeit für gemeinsame Aktionen bleibt, für Pädagogik. Angesichts von drastischem Lehrermangel ist das schwer umzusetzen, aber trotzdem dringend nötig.

5. Wer mäßig motivierte Schüler vor sich hat, sollte mal umdenken.

Noch etwas zeigt sich im Homeschooling: Wie gut das Lernen klappt, hängt auch davon ab, ob Schüler gewöhnt sind, ihnen zugeteilte Aufgaben in einem festgelegten Rahmen abzuarbeiten, und zwar, weil sie das müssen, um gute Noten zu bekommen. Oder ob sie gewöhnt sind, möglichst eigenständig und selbstbestimmt zu lernen, so wie es vor allem Schulen mit reformpädagogischen Ansätzen praktizieren.

Die Idee: Kinder haben Spaß am Lernen, wenn Erwachsene sie lassen, wenn sie ihnen die nötigen Anregungen, aber auch Freiräume bieten.

Geht diese Idee auf, sollten entsprechend geschulte Kinder und Jugendliche im Homeschooling bestens klarkommen – und Schulen mit traditionellem Ansatz könnten darüber nachdenken, ob das Konzept nicht auch etwas für sie wäre, wenn der normale Betrieb wieder losgeht.

Eltern, die mit derzeit mäßig motivierten Kindern zu Hause sitzen, bleibt bis dahin vielleicht, dem Rat eines britischen Lehrers zu folgen. Demnach merken Kinder, solange die Medien mal aus bleiben, irgendwann ganz ohne Gemecker von Erwachsenen, dass Lernen ein guter Zeitvertreib ist:

„Lasst die Kinder Ferien machen und sich vergnügen, bis sie sich langweilen. Sie werden dann von selbst anfangen, ihre Schulaufgaben zu erledigen“, sagt Chris Dyson, Schulleiter aus Leeds, im „Guardian“. Lehrkräften empfiehlt er: „Die Aufgaben, die jetzt erteilt werden, sollten nicht dazu dienen, die Leistung zu steigern. Sondern nur, die Langeweile besser zu ertragen.“