Studie zu Schulschließungen : Was wir jetzt für mehr Chancengleichheit tun müssten

Werden Schulen geschlossen, nehmen die Bildungsungerechtigkeiten weiter zu, warnt eine Expertenkommission – und schlägt kurzfristig umsetzbare Gegenmaßnahmen vor.

Dieser Artikel erschien am 22.01.2021 in DER SPIEGEL
Silke Fokken
Kind beim Homeschooling: Distanzunterricht droht, Bildungsungerechtigkeit zu verschärfen (Symbolbild)
Kind beim Homeschooling: Distanzunterricht droht, Bildungsungerechtigkeit zu verschärfen (Symbolbild)
©dpa

Seit Weihnachten sind die Schulen in Deutschland weitgehend geschlossen, und daran soll sich bis zum 14. Februar nichts ändern. Mindestens. So heißt es im Beschluss von Kanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidentinnen und -präsidenten, der in den Ländern nun mehr oder weniger „restriktiv“ umgesetzt wird. Die Konsequenz: Rund elf Millionen Kinder und Jugendliche haben wenigstens zwei Monate keinen normalen Unterricht, die allermeisten sollen von zu Hause aus lernen – im besten Fall digital, unterstützt von den Eltern. Aber genau daran hapert es oft.

Homeschooling mit den Kindern, während die Eltern im Homeoffice arbeiten – das ist schon für bildungsaffine Mütter und Väter eine riesige Herausforderung. Für Eltern, die nicht zu Hause sind, weil sie ihr Geld in Krankenhäusern oder Fabriken verdienen, die wenig als „Ersatzlehrer“ geeignet sind und weder für jedes Kind ein eigenes Zimmer oder einen Laptop, stabiles Internet und einen Drucker zur Verfügung stellen können, ist es unmöglich. Leidtragende sind die Kinder. Sie laufen Gefahr, von den besser Geförderten abgehängt zu werden.

Eine neue Erkenntnis ist das nicht.

Dass Schulschließungen die ohnehin in Deutschland stark ausgeprägte Chancenungerechtigkeit verschärfen könnten, ist als Missstand längst erkannt, spätestens seitdem die Schulen im Frühjahr 2020 das erste Mal wochenlang in den Shutdown gingen. Geradezu mantramäßig mahnen Bildungsforscherinnen, Kinderärzte und andere Fachleute vor den Folgen. Selbst Merkel, in der Pandemie klare Befürworterin von Schulschließungen, sieht Nicht-Akademikerkinder derzeit klar im Nachteil.

Trotzdem: Auch wenn manches im zweiten Shutdown besser ist, eine befriedigende Lösung für mehr Bildungsgerechtigkeit hat die Politik selbst nach fast einem Jahr Coronakrise nicht gefunden. Viele Kinder werden derzeit weiter abgehängt, allein gelassen, bleiben unerreicht. Von selbst verschwindet das Problem nicht. Seit diesem Donnerstag liegt nun ein konkreter Vorschlag einer 22-köpfigen Expertenkommission auf dem Tisch.

Ungleiches ungleich behandeln

Die Kommission, darunter Forscher, Schulleiter, Schüler und Eltern, hat im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung umfassende Empfehlungen erarbeitet, was Schulakteure kurz- und mittelfristig tun können, um benachteiligte Schülerinnen und Schüler zu fördern. „Unbestritten ist: In einer Pandemie ist Vorsicht geboten. Aber Bildung darf kein Privileg sein“, sagt Kai Maaz, Vorsitzender der Kommission und Geschäftsführender Direktor des Leibniz Instituts für Bildungsforschung. „Wir können die Unterschiede bei den Bildungschancen derzeit vielleicht nicht abbauen, aber sie zumindest nicht größer werden lassen.“

Die Kommission empfiehlt: Um mehr Gerechtigkeit herzustellen, sollten Schulakteure ihr ganzes Handeln an einem Prinzip ausrichten, das zunächst ungerecht scheint: Ungleiches ungleich behandeln.

Wenn Kinder wie jetzt im Fern- oder Wechselunterricht beschult werden, bedeutet das zum Beispiel: „Es müssen Strukturen geschaffen werden, die besonders benachteiligte Schüler besonders berücksichtigen“, sagt Maaz. Das bedeute nicht, dass andere Schüler weniger wichtig wären, aber sie seien weniger auf Förderung angewiesen. Sprich: Die Lehrkraft muss ihre Aufmerksamkeit nicht gleich, sondern nach Bedürftigkeit verteilen. Einige Kinder bekommen mehr als andere.

Stabile Kleingruppen von bis zu vier Kindern

Auch feste Tagesstrukturen seien beim Lernen auf Distanz für alle Kinder wichtig. Aber gerade für sozial benachteiligte Kinder ist es Maaz zufolge noch wichtiger, verbindliche Wochen- und Stundenpläne sowie eine feste Ansprechperson zu haben, die möglichst täglich Kontakt hält. Schüler „mit verschärften Belastungen“ sollten gar in stabilen Kleingruppen von bis zu vier Kindern täglich beim Fernunterricht betreut werden.

Diese Aufgabe müssten jedoch nicht zwingend Lehrkräfte übernehmen, sagt Maaz. Bei Personalnot sollten Schulen etwa auf die Hilfe von Studierenden setzen. Dass Schülerinnen und Schüler über längere Zeit – so wie jetzt – gar nicht in die Schule dürfen, sei zu vermeiden. Beim Wechselmodell sollten Kinder lieber tage- statt wochenweise im Klassenzimmer lernen. In der Schule sollten neue Lerninhalte erarbeitet, zu Hause Gelerntes mithilfe klar strukturierter Aufgaben geübt und vertieft werden. Dies sei für leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler ebenso von besonderer Bedeutung wie regelmäßiges Feedback.

Weitere Empfehlungen

  • Über den 14. Februar hinaus planen: Bildungspolitikerinnen und -politiker und Schulbehörden sollten für das zweite Schulhalbjahr ein Konzept mit klaren Regelungen, aber auch Gestaltungsspielraum für die Schulen vorlegen, das angesichts des Infektionsgeschehens „auch die Möglichkeit länger andauernder Phasen des Wechsel- oder Distanzunterrichts berücksichtigt“.
    „Die derzeitige Phase wird nicht in zwei, drei oder vier Wochen vorbei sein“, prophezeit Maaz. „Die Ziellinie ist derzeit zwar der 14. Februar, aber Schulakteure müssen sich darauf vorbereiten, dass diese Phase anhält, und dafür brauchen wir eine klare Strategie.“ Dabei sollte im Fokus stehen, Lernrückstände aufzuholen und Mindeststandards zu sichern.
    Der Qualitätsanspruch von Unterricht soll den Experten zufolge natürlich gewahrt werden, aber wenn weniger Zeit zum gemeinsamen Lernen zur Verfügung steht, sollten Akteure für das kommende Schuljahr „inhaltliche Schwerpunktsetzungen und Priorisierungen vornehmen“. Sprich: beim Lehrplan abspecken, Stoff reduzieren.
    Wenn Schulen nur teilweise für bestimmte Gruppen geöffnet werden können, sollte der Fokus nicht (nur) wie derzeit auf Grundschülerinnen und -schülern sowie Abschlussklassen liegen. Die Kommission empfiehlt, Kinder und Jugendliche mit sozialen Benachteiligungen, Beeinträchtigungen und erhöhtem Betreuungsbedarf vorrangig zu berücksichtigen.
  • Für Verlässlichkeit sorgen: Ob Schulen teilweise oder ganz geschlossen werden, hängt derzeit stark von Bund-Länder-Beratungen und der Umsetzung in den Ländern ab. Einheitliches Vorgehen? Fehlanzeige. „So erlebt eine Familie etwa, dass eine Grundschule im eigenen Bundesland geschlossen, wenige Kilometer entfernt im Nachbarbundesland aber offen ist – bei ähnlichem Infektionsgeschehen“, sagt Maaz. Das sei nicht nachvollziehbar.
    Die Kommission empfiehlt deshalb: „Entscheidungen über Schulschließungen sollten auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie länderübergreifend vereinbarter, eindeutiger und transparenter Kriterien getroffen und bundesweit einheitlich umgesetzt werden.“ Die Akteure sollten sich dabei an zuvor festgesetzten Inzidenzwerten orientieren, ähnlich wie es das Robert Koch-Institut seit Monaten vorschlägt.

Die Kultusministerinnen und -minister hatten es in den vergangenen Monaten stets abgelehnt, feste Inzidenzwerte für Schulschließungen festzulegen, sondern am Primat des Präsenzunterrichts festgehalten. Mit den Bund-Länder-Beschlüssen von Dienstag gilt nun, Schulen (und Kitas) sollen „grundsätzlich geschlossen“ bleiben oder die Präsenzpflicht aufgehoben werden. Die Folge: Im Kreis Rendsburg-Eckernförde in Schleswig-Holstein, wo es nicht einmal 40 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner in den vergangenen sieben Tagen gab, sind die Schulen ebenso geschlossen wie etwa im thüringischen Kreis Saalfeld-Rudolstadt mit knapp 500 Inzidenzien.

  • Digitales Lernen für alle ermöglichen: „Der beste Digitalunterricht nützt nichts, wenn Schüler nicht über die digitalen Endgeräte verfügen, um daran teilzunehmen“, sagt Maaz. Alle Schülerinnen und Schüler müssten mit der entsprechenden Infrastruktur versorgt werden – und alle Lehrkräfte dazu befähigt werden, digitale Formen des Lehrens und Lernens kompetent zu gestalten. Die von der Politik in der Pandemie geförderten Leihgeräte für sozial benachteiligte Schüler seien noch nicht überall angekommen. Die Mittel des Digitalpakts sowie der von Bund und Ländern beschlossenen Sonderprogramme sollten beschleunigt genutzt werden, schreibt die Kommission.
  • Zusätzliche Förderung anbieten: Förderkurse in den Schulen, etwa am Nachmittag, oder auch Nachhilfestunden von privaten Anbietern: Schülerinnen und Schüler, die benachteiligt sind oder sonderpädagogischen Förderbedarf haben, sollten neben dem Unterricht zusätzliche Möglichkeiten bekommen, Lernlücken zu schließen, und zwar verbindlich für die Schülerinnen und Schüler und kostenneutral für die Familien. In mehreren Bundesländern gab es zuletzt ähnliche Programme, etwa Ferienkurse.
  • Für faire Prüfungen sorgen: Wenn Präsenzunterricht in großem Umfang ausfällt, sollten weniger Klassenarbeiten und Klausuren geschrieben werden. Geprüft werden darf nur, was im Unterricht erarbeitet wurde. Themen, die ausschließlich im Fernunterricht drankamen, sollten möglichst nicht abgefragt werden.
  • „Sitzenbleiben“ zählt nicht: Am Ende des Schuljahres sollte das Wiederholen von Schuljahren vermieden und nicht auf die Höchstverweildauer in der Schule angerechnet werden. Auf eine entsprechende Regel hatte sich am Donnerstag die Kultusministerkonferenz verständigt.

Die Expertenkommission um Maaz sieht in all diesen Empfehlungen kurzfristige Maßnahmen, um der Chancenungerechtigkeit entgegenzuwirken. Um sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler mittelfristig besser zu fördern, rät sie unter anderem, den Bildungsauftrag von Kitas zu stärken. Zudem sollen Schulen in schwierigen sozialen Milieus besser ausgestattet werden als andere – getreu dem Prinzip: Ungleiches ungleich behandeln.

Einer, der enorme Folgekosten der aktuellen Schulschließungen prophezeit und ein kurzfristiges Umsteuern fordert, ist der ifo-Bildungsforscher Ludger Wößmann. Für den einzelnen Schüler oder die einzelne Schülerin müsse über das gesamte Berufsleben gerechnet im Schnitt mit einem rund drei Prozent geringeren Erwerbseinkommen gerechnet werden, wenn ein Drittel eines Schuljahres verloren gehe. Auch für die Volkswirtschaft insgesamt sei mit Wachstumsverlusten zu rechnen.

Um all dies zu vermeiden – und zudem einer größer werdenden Chancenungerechtigkeit entgegenzuwirken – sollten Schulen möglichst schnell zumindest wieder mit Unterricht im Wechselmodell starten, findet Wößmann. Um das Pandemiegeschehen einzudämmen, könne die Politik stattdessen in anderen Bereichen ansetzen.

„Es gibt keinen effektiven Schutz in Alten- und Pflegeheimen, keine entschiedenen Regeln für Großraumbüros, für andere Arbeitsplätze oder für das Reisen. Außerdem werden die geltenden Kontaktregeln vielerorts nur halbherzig durchgesetzt“, kritisierte Wößmann am vergangenen Freitag in der „Wirtschaftswoche“. Durch eine konsequentere Beschränkung der Kontakte in der erwachsenen Bevölkerung könne die junge Generation weniger stark belastet werden.