Homeschooling : Was sagen eigentlich die Schülerinnen und Schüler?

Eine Umfrage unter 10- bis 16-Jährigen zeigt, wer gut durch die Pandemie gekommen ist. Lektionen zu Nach­hilfe, Mit­bestimmung, demotivierten Jungs und eifrigen Eltern

Dieser Artikel erschien am 08.07.2021 auf ZEIT Online
Parvin Sadigh
Schüler:innen stehen in einer Reihe
©Theodor Barth/Robert Bosch Stiftung

Noch gibt es keine bundesweit vergleichbaren Schüler­tests, die zeigen, welches Kind welche konkreten Lern­lücken nach den Schul­schließungen hat. Aber Umfragen zeigen eine deutliche Tendenz: Kinder aus benachteiligten Familien wird die Pandemie härter getroffen haben als die privilegierten. Und die, die sich schon vor der Pandemie nicht gut zum Lernen motivieren konnten, konnten es in diesem Jahr wahrscheinlich noch schlechter. Aber was sagen Kinder und Jugendliche selbst? Es lohnt sich, sie anzuhören, schon allein, um Förder­maßnahmen etwa des Corona-Auf­hol­programms so zu gestalten, dass sie auch davon profitieren beziehungs­weise überhaupt hingehen.

Allensbach hat im Auftrag der Telekom Stiftung im März und April dieses Jahres gut 1.000 Schülerinnen und Schüler der Klassen fünf bis zehn dazu befragt. Die Tendenz aus den anderen Umfragen bestätigen die Kinder und Jugendlichen in dem Bericht Lernen in Zeiten von Corona: Vier von fünf Schülerinnen und Schülern glauben, sie hätten Stoff verpasst. Die Mehrheit (fast 60 Prozent) ist aller­dings trotzdem optimistisch und glaubt, gut durch die Pandemie gekommen zu sein. Wenn man genauer hinschaut, sind jedoch die Gymnasiasten deutlich zuversichtlicher als die Gesamt-, Haupt- und Real­schüler. Die zuvor schon guten Schülerinnen und Schüler glauben eher an ihren Erfolg als die mit den schlechten oder durch­schnittlichen Noten.

Freiwillige Nachhilfe wird nicht reichen

Aber nur die Minderheit der Kinder und Jugendlichen (38 Prozent) macht sich wegen des verpassten Stoffs auch Sorgen – im Gegen­satz zu 61 Prozent der eben­falls befragten Eltern. Und es sorgen sich aus­gerechnet die, denen das Lernen sowieso wichtig ist und die gute Noten haben. Diese Schülerinnen und Schüler nehmen dement­sprechend eher die Angebote von Lehr­kräften an, etwa mit zusätzlichen Übungs­aufgaben oder digitalen Lern­programmen, Verpasstes zu üben, als die, die es viel mehr bräuchten.

Eine Lektion für das milliarden­schwere Auf­hol­programm des Bundes ist also: Mit freiwilligen Angeboten in den Ferien und am Nachmittag wird man es wohl nicht schaffen, gegen die Lernlücken der benachteiligten und leistungs­schwachen Kinder anzukämpfen. Die Schulen sollten verpflichtende Förder­maßnahmen im Unterricht anbieten – allerdings solche, die die betroffenen Kinder auch dauerhaft zum Lernen motivieren.

Mehr Selbstständigkeit, mehr Mitbestimmung

Denn bislang hat die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler (57 Prozent) laut Umfrage keine oder nur wenig Freude am Lernen in der Schule. Das ist in der Pandemie zwar sogar besser geworden, aber nur minimal: 36 Prozent macht das Lernen in der Schule Spaß im Vergleich zu 33 Prozent im Jahr vor der Pandemie. Viele Kinder und Jugendliche würden gerne mehr mit­bestimmen, was und wie sie lernen. Mehr als 60 Prozent sagen, Lernen falle ihnen leichter, wenn sie sich selbst ein Thema ausgesucht haben. Aber nur gut 40 Prozent dürfen das laut Umfrage in der Schule hin und wieder – und hier sind wieder die Gymnasiasten im Vorteil.

Die Umfrage zeigt aber auch, dass Kinder und Jugendliche glauben, durch die Schul­schließungen in der Pandemie nicht nur Nachteile gehabt zu haben: Nicht erstaunlich ist, dass sie nun besser mit Computern und digitalen Medien umgehen können. Darüber hinaus glaubt mehr als die Hälfte erfreulicher­weise aber auch, sich selbst besser organisieren, selbst­ständiger arbeiten und die Zeit besser einteilen zu können. Die Eltern sehen es ähnlich. Im Distanz- und Wechsel­unterricht wurde aller­dings offensichtlich die Chance nicht genutzt, dieses selbst­organisierte Lernen mit mehr Mit­sprache und Gestaltungs­freiheit zu kombinieren und die Kinder damit mehr fürs Lernen zu begeistern.

Die meisten Kinder und Jugendlichen motivieren sich bislang, um später einen Arbeits­platz zu finden (75 Prozent) und für gute Noten (71 Prozent). Viele andere lernen sogar nur, weil sie es müssen oder es den Eltern wichtig ist. Dabei ist Potenzial da: Immerhin 60 Prozent geben an, auch deshalb zu lernen, weil sie mehr über ein Thema wissen wollen. Und noch eindrucks­voller: Beinahe 90 Prozent lernen sehr gerne außer­halb der Schule, wenn es beispiels­weise um das eigene Hobby geht.

Jungs sind öfter abgetaucht als Mädchen

Jungs sagen laut Umfrage häufiger als Mädchen, dass sie für die Schule nur lernen, weil sie es müssen. Außerdem haben sie während der Lock­downs in ihrer Freizeit weniger Lehr­reiches unter­nommen. Zwar waren Mädchen wie Jungen während der Pandemie viel mehr online unter­wegs als früher – zum Beispiel auf TikTok oder bei Netflix. Aber das Freizeit­verhalten der Mädchen war viel­fältiger. Über 60 Prozent der Jungen gaben an, häufiger Computer­spiele zu spielen, aber nur etwa 30 Prozent der Mädchen. Mädchen waren daneben häufiger draußen zum Spazieren­gehen, haben mehr Hörbücher oder Musik gehört, Bücher gelesen oder gekocht, gemalt oder gebastelt. Wahr­scheinlich müssen viele Jungs in nächster Zeit deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Eltern sind die wichtigsten Helfer

Auch viele Eltern benötigen Unterstützung. Die Kinder vertrauen ihnen: Über 70 Prozent sagen in der Allensbach-Studie, ihre Eltern unter­stützten sie. Sie seien die wichtigsten Ansprech­partner. Erst mit großem Abstand kommen danach Freunde und Pädagogen. Und die Mehrheit aller Eltern (ebenfalls über 70 Prozent) – unabhängig davon, wie gebildet und wohl­habend sie sind – achtet laut Umfrage auf die Bildung ihrer Kinder. Sie sorgen aber vor allem dafür, dass die Haus­auf­gaben gemacht werden. Gebildetere Eltern tun viel mehr, sie ermutigen ihre Kinder etwa, außerhalb der Schule ihren Begabungen nachzugehen.

Umgekehrt sagen 27 Prozent der Eltern, sie könnten ihre Kinder nicht gut unter­stützen. Diese Zahl ist in der Pandemie im Vergleich zum Vorjahr noch um sechs Prozent­punkte angestiegen. Zu den Förder­maßnahmen nach den Ferien sollte also auch gehören, die Eltern zu stärken, damit sie wissen, wie sie ihre Kinder besser motivieren und fördern können – ohne dass sie mit ihnen Gleichungen lösen müssen.

Außerdem wäre es gut, zusätzlich andere Erwachsene als Bildungs­partner für die Kinder zu finden. Manche Lehrerinnen und Lehrer haben in der Pandemie ganz den Kontakt zu manchen Schülern verloren; andere berichten im Gegen­teil davon, dass sie Kinder und ihre Eltern besser kennen­gelernt hätten und nun gut ein­schätzen könnten, was diese wirklich brauchen. Pädagogen brauchen also in Zukunft mehr Zeit, um wirklich im Kontakt mit jedem Schüler und jeder Schülerin zu sein. Sie können Unter­stützung bekommen von Studierenden oder Freiwilligen, die den Schülern als Coaches zur Seite stehen.

Die Studienautoren weisen zudem darauf hin, dass die Schulen nicht alles allein schaffen müssen. Ganz­tags­schulen vernetzen sich ohnehin schon oft mit anderen Lern­orten wie Sport­vereinen, Musik­schulen oder Bibliotheken. Aber bisher sind die Nach­mittags­angebote meistens frei­willig, und auch sie erreichen nicht immer die Kinder, die sie am meisten brauchen. Die Förderung der benachteiligten Kinder muss aber im Fokus stehen. Und dazu – das liegt nicht nur Bildungs­forschern und Eltern, sondern auch Schülerinnen und Schülern sehr am Herzen – muss der Unterricht natürlich erst einmal wieder verlässlich in der Schule stattfinden.