Infografik

Lehrermangel : Was läuft schief in der Lehrerausbildung?

Seit Jahren kann der Einstellungsbedarf an Schulen nicht mit ausgebildeten Lehrkräften gedeckt werden, obwohl viele Bundesländer die Kapazitäten für das Lehramtsstudium an den Universitäten aufgestockt haben. Mark Rackles, Ex-Staatssekretär für Bildung in Berlin, meint, es fehle im föderalen System der Blick auf den Gesamtmarkt. In seiner Studie „Lehrkräftebildung 2021“ zeigt er, wo die Defizite liegen und welche Wege es aus der „föderalen Sackgasse“ gibt. Wir haben die wichtigsten Ergebnisse in einer Infografik veranschaulicht und Mark Rackles dazu im Interview befragt.

Florentine Anders / 16. November 2020 / 1 Kommentar

Schulportal: Bundesweit ist die Zahl der Studienplätze um 17 Prozent gestiegen, gleichzeitig ist die Zahl der Absolventinnen und Absolventen der ersten Phase der Lehrerausbildung an den Hochschulen gesunken. Was läuft da schief?
Mark Rackles: Wenn man daran etwas ändern will, muss man sich die universitären Strukturen genauer ansehen. Jenseits der Länder mit Staatsexamen wie zum Beispiel Bayern machen die Unis kein lehramtsspezifisches Angebot, sondern bieten für angehende Lehrkräfte ein allgemeines Bachelorstudium an. Das heißt, die lehramtsbezogenen Studienangebote wie Mathematik, Biologie oder Physik sind nicht speziell für angehende Lehrkräfte gemacht. Die Lehramtsstudierenden sitzen zusammen in einem Hörsaal mit allen anderen, die Mathematik oder Biologie studieren. Das führt dazu, dass sich viele durch den fachwissenschaftlichen Anspruch überfordert fühlen.

Auch bei der Studienberatung und -begleitung gibt es oftmals kein spezielles Angebot für das Lehramt. Es fehlt der Überbau und damit auch das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe, die ein bestimmtes Berufsbild verfolgt. An vielen Universitäten ist die School of Education für Lehramtsstudierende aber lediglich ein Bereich, wo man sich an- und abmeldet. Da könnte man deutlich mehr machen. Die Lehrkräftebildung hat aber leider innerhalb der Universitäten oft keine Priorität.

Die Lehrkräftebildung hat aber leider innerhalb der Universitäten oft keine Priorität.

Hinzu kommt, dass durch NC-Beschränkungen nicht immer diejenigen zum Studium zu- gelassen werden, die tatsächlich eine innere Berufung für das Lehramt haben. In der Gesamtheit führt das dazu, dass viele dafür geeignete junge Menschen für das Lehramt verloren gehen.

Woran machen Sie fest, dass das Lehramt nicht die oberste Priorität an den Unis hat?
Untersuchungen an den Unis zeigen, dass die Wertigkeit des Lehramts nicht besonders hoch ist. Die Exzellenzausrichtung der Universitäten und das Trimmen auf Drittmittel sind dafür nicht besonders förderlich. Die Lehrkräftebildung ist für das Einwerben von Drittmitteln aus der Wirtschaft nicht interessant. Imageträchtige Promotionen und Forschungsbereiche sind meist jenseits der Pädagogik angesiedelt. Andererseits stellt die Lehrkräftebildung einen großen Brocken der Finanzierung der Unis durch die Länder dar. Da gibt es eine Diskrepanz zwischen dem Standing und der tatsächlichen Relevanz des Lehramtsstudiums an den Hochschulen.

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Während es für Gymnasien genügend ausgebildete Lehrkräfte gibt, fehlen sie in allen anderen Schularten. Woran liegt das?
Das liegt an der Tradition des deutschen Bildungswesens. Die frühere Unterscheidung zwischen dem „niederen“ und dem „höheren“ Schulwesen ist immer noch tief verankert, in der Ausbildung und auch im Tarifwesen. Volksschullehrer haben immer schlechter verdient als Gymnasiallehrer. Das einzige Lehramt, das mit dem Gymnasium mithalten konnte, war das Berufsschullehramt. Die „niederen“ Lehrämter heißen zwar nicht mehr so, werden aber in der Regel immer noch schlechter bezahlt. Die Bewerberinnen und Bewerber an den Universitäten entscheiden natürlich auch nach der Berufsperspektive und nach dem gesellschaftlichen Status. Viele Länder haben inzwischen das Grundschullehramt tariflich aufgewertet, sodass der Unterschied nicht mehr so groß ist. Am Status in der Gesellschaft hat das aber noch nichts geändert.

Wenn das berufliche Lehramt einen so hohen Stellenwert hat, ist es erstaunlich, dass gerade dort kaum noch Lehrkräfte ausgebildet werden.
Ja, das ist tatsächlich erstaunlich. In das Berufsschullehramt gehen viel zu wenige Bewerberinnen und Bewerber, obwohl es einen großen Bedarf gibt. An den Berufsschulen arbeiten inzwischen kaum noch ausgebildete Berufsschullehrkräfte. Selbst in einem Land wie Baden-Württemberg, wo das Handwerk und die berufliche Bildung früher einen so hohen Stellenwert wie das Abitur hatten, sind nur zehn Prozent der Lehrkräfte an den Berufsschulen tatsächlich Berufsschullehrkräfte. Da kann man sich schon fragen, ob man dieses Lehramt überhaupt noch braucht oder ob man nicht das Studium in den anderen Lehrämtern auf ein Berufsfeld spezialisieren kann.

Man kann nicht in der Ausbildung 16 Teilmärkte isoliert betrachten und sich dann wundern, dass der Gesamtmarkt nicht stimmig ist.

Lehramtsabsolventinnen und -absolventen bewerben sich nicht unbedingt dort, wo sie ausgebildet wurden. Doch jedes Bundesland definiert für sich Bedarf und Ausbildungskapazitäten. Wäre es besser, die Lehrerausbildung bundesweit abzustimmen?
Das ist aus meiner Sicht das größte Problem. Man kann nicht in der Ausbildung 16 Teilmärkte isoliert betrachten und sich dann wundern, dass der Gesamtmarkt nicht stimmig ist. Die ausgebildeten Lehrkräfte sind bundesweit unterwegs, entsprechend ist es ein bundesweiter Markt. Brandenburg bildet zum Beispiel gar keine Berufsschullehrkräfte aus, benötigt aber natürlich auch Berufsschullehrer. Berlin hat jahrelang zu wenige Grundschullehrkräfte ausgebildet und sich darauf verlassen, dass es einen Überschuss in Bayern gibt. Solche Rechnungen konnten bei einem hohen Überangebot an Lehrkräften vielleicht noch funktionieren. Das gibt es aber schon seit Jahren nicht mehr.

Hat die Kultusministerkonferenz (KMK) verpasst, dieses Problem in der neuen Ländervereinbarung zu lösen?
In Bezug auf die Lehrkräftebildung wurde in der Ländervereinbarung zumindest festgehalten, dass jedes Bundesland genügend Lehrkräfte für den eigenen Bedarf ausbilden muss. Das wurde allerdings auch schon vor elf Jahren unverbindlich festgehalten. Es fehlt eine Struktur, in der man sich wirklich verbindlich abstimmt. Dazu gehört auch, dass man eine einheitliche Prognose erstellt, was die Kapazitäten und den Bedarf angeht. Bisher wird das ja in den Bundesländern ganz unterschiedlich berechnet. Das Thema will die KMK aber im kommenden Jahr noch mal in der Kommission für Lehrkräftebildung aufrufen.

Auch die Dauer des Referendariats variiert extrem zwischen den Bundesländern. Warum gibt es hier keine einheitliche Regelung?
Die Dauer variiert zwischen 12 und 24 Monaten, und trotzdem erkennen alle Länder merkwürdigerweise gegenseitig den Vorbereitungsdienst an. Nach Einschätzung von Expertinnen und Experten aus der Praxis und der Theorie reichen zwölf Monate nicht aus. Da hat man gerade die ersten eigenen Unterrichtserfahrungen gemacht. Man steht zwar allein vor der Klasse, ist aber noch sehr verunsichert. Normalerweise braucht man dann noch mindestens ein halbes Jahr, um stabil zu werden. Trotzdem haben einige Länder den Vorbereitungsdienst verkürzt, wahrscheinlich vor allem aus Bedarfsgründen. Seriös wäre es, sich auf 18 Monate zu einigen und den Vorbereitungsdienst mit einheitlichen Standards auszugestalten.

Wo sehen Sie bei den Standards im Referendariat Reformbedarf?
Reformbedarf gibt es vor allem auch bei der Verknüpfung der ersten und zweiten Ausbildungsphase. Die erste Phase an der Uni braucht schon mehr Praxiselemente. Andererseits passen die theoretischen Elemente im Referendariat oft nicht mit dem zusammen, was man vorher an der Uni gelernt hat. Inhaltlich wird diskutiert, ob das Referendariat freier oder geregelter sein sollte. Darüber kann man streiten, einheitliche Qualitätsstandards sollte es aber auf jeden Fall geben.

Sie waren als Bildungsstaatssekretär in Berlin ja selbst jahrelang in der KMK aktiv. Warum ist es so schwer, sich auf bundesweite Standards zu einigen?
Ich glaube, das liegt an dem System der kollektiven Unverantwortlichkeit. Man hat bei der Lehrkräftebildung viele Akteure. Es sind ja nicht nur die 16 Bundesländer, meist sind die Universitäten – und damit auch die Lehrkräftebildung – einem anderen Ressort zugeteilt als die Schulen. Das sind schon 32 Ministerien, die sich abstimmen müssen, und dann kommen noch 120 Universitäten hinzu. Das ist schwierig, wenn nicht alle bereit sind, zurück auf null zu gehen.

Die Länder haben sich unterschiedlich entwickelt, und es gibt wenig Bereitschaft, daran etwas zu ändern, frei nach dem bayerischen Motto „Mia san mia“.

Die Länder haben sich unterschiedlich entwickelt, und es gibt wenig Bereitschaft, daran etwas zu ändern, frei nach dem bayerischen Motto „Mia san mia“. Meiner Meinung nach fehlt das kollektive Bewusstsein, dass man eine länderübergreifende Verantwortung hat. Man muss nicht überall das gleiche Vorbereitungsseminar haben, man muss sich aber auf einheitliche Standards einigen. Immerhin sind die Ländervereinbarung und der wissenschaftliche Beirat, den es geben soll, Ansätze der Einsicht. Es ist zu hoffen, dass es da noch einige Schritte weitergeht.

Die KMK geht in der aktuellen Prognose davon aus, dass es angesichts der jetzigen Ausbildungskapazitäten gemessen am Bedarf schon 2026 einen Überschuss an ausgebildeten Lehrkräften geben wird. In den vergangenen Prognosen lag die KMK meist weit daneben. Denken Sie, dass die KMK diesmal richtig liegt?
Wenn man nicht die 16 verschiedenen Prognosesysteme aufeinander abstimmt, wird man auch in sechs Jahren danebenliegen. Man bräuchte eine Instanz, die von außen drauf schaut, losgelöst von der Logik der Politik, die Defizite kleinzureden. Über die vergangenen Jahrzehnte wurden die Bedarfe immer runtergerechnet und die Zahl an Absolventen hochgerechnet. Diese Systematik kann man nur durchbrechen, wenn unabhängige Expertinnen und Experten die Zahlen prüfen. Vielleicht kann das ja der geplante Beirat leisten.

Zur Person

Mark Rackles
©Privat
  • Mark Rackles war von 2011 bis 2019 als Staatssekretär für Bildung im Senat von Berlin tätig.
  • In der Kultusministerkonferenz (KMK) war er als langjähriger Amtschef unter anderem verantwortlich für Weiterbildung/Grundbildung und Mitglied in der Steuergruppe Digitale Bildung.
  • Mit dem Unternehmen „Rackles Consulting“ bietet er Strategieberatung und Analysen. Im September veröffentlichte er das Policy Paper „Lehrkräftebildung 2021: Wege aus der föderalen Sackgasse“.

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1 Kommentar

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#1 – 19.11.2020 Britt G.

Kurzsichtigkeit der Universitäten

Die Stiefmütterlichkeit der Universitäten ist faszinierend und schon seit Jahrzehnten eine Beleidigung aller, die LA studieren. Gerade diese Tradition ist erschreckend und zeugt nicht gerade von der Exzellenz unserer Universitäten. Zumal eine gute und geförderte LA- Lehre ja durch aus nachhaltig für die Universitäten wäre, wenn man zukunftsorientiert denkt. Denn gut ausgebildete Lehrkräfte, bilden wiederum kommende Studierende entsprechend gut aus. Und ist nicht genau das eine aktuelle Klagen der Universitäten? Es kämen keine gut vorbereiteten Abiturent:innen an die Universitäten. Vielleicht sollte an den so gebeutelten Hochschulen noch mal genauer über den Sachverhalt Henne oder Ei nachgedacht werden.