Dieser Artikel erschien am 26.11.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Larissa Holzki

Karriere in MINT : Was läuft schief im Chemieunterricht?

Fast eine halbe Million Stellen mit natur­wissen­schaftlich-technischem Profil konnten Arbeitgeber in Deutschland Ende Oktober nicht besetzen. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) vermeldet, dass die sogenannte MINT-Fach­kräfte­lücke damit erneut gewachsen ist. Es fehlt vor allem Personal in Ausbildungs­berufen. Trotz guter Karriere­chancen interessieren sich viele Schüler nicht für die entsprechenden Schul­fächer.

Keine Freude an Experimenten? Viele Schüler trauen sich eine Karriere in Naturwisschenschaften und Technik nicht zu.
Keine Freude an Experimenten? Viele Schüler trauen sich eine Karriere in Naturwisschenschaften und Technik nicht zu.
©jarmoluk/pixabay

Es ist ein neuer Rekord: Unter­nehmen in Deutschland hätten im Herbst weitere 496.200 Menschen mit natur­wissen­schaftlich-technischer Ausbildung einstellen wollen. Doch sie sind auf dem Arbeits­markt schwerer denn je zu finden. Wer in Mathe­matik, Informatik, einer Natur­wissen­schaft oder Technik qualifiziert ist, der hat in der Regel bereits einen gut bezahlten Job. Das vermeldet das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln in seinem MINT-Herbst­report.

Arbeitgebernahe Institute wie das IW bewerben natur­wissen­schaftlich-technische Ausbildungen und Studien­gänge seit Jahren. Die Absolventen werden unter anderem für die Forschungs- und Entwicklungs­abteilungen von Unternehmen gesucht. Fehlen Menschen mit dieser Aus­bildung, bringt die deutsche Wirtschaft also weniger Innovationen hervor und fällt im inter­nationalen Wettbewerb zurück. Das aller­dings kümmert viele Jugendliche nicht, wenn sie sich für Leistungs­kurse, Ausbildungs­wege oder Studien­gänge entscheiden.

Experimentieren, dokumentieren, Fehler machen, nochmals versuchen – ob Schüler einen Forscher­ehrgeiz entwickeln, entscheidet sich in der Schule vor allem in Physik und Chemie. Doch MINT-Fächer machen keinen Spaß, sagt etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler in einer Befragung durch das Beratungs- und Prüfungs­unter­nehmen PwC – Mädchen noch häufiger als Jungen. Sehr viele Schüler (43 Prozent) und viele Schülerinnen (29 Prozent) geben an, dass sie sich für diese Fächer nicht interessieren. Die Wahl der Leistungs­kurse spiegelt das wider: Weniger als fünf Prozent der angehenden Abiturienten wählen Chemie oder Physik als Schwer­punkte, berechnet das MINT-Bildungs­barometer von Acatech und der Körber-Stiftung. Informatik steht an letzter Stelle der gewählten Fächer.

„In jede Chemie­stunde gehört mindestens ein Experiment“

Axel Franke wundert das nicht. Speziell sein Fach habe ein Image­problem: Mit Chemie würden die meisten Menschen erst mal schlechte Dinge verbinden, sagt der pensionierte Chemie­lehrer aus dem Harz. Ihm fallen unzählige Beispiele ein: „Treib­haus­effekt, Smog, saure Nieder­schläge, Wald­sterben, Mikro­plastik, Mono­kulturen, Pestizide, Über­düngung, Grund­wasser­belastung, Massen­tier­haltung, Arten­sterben, Contergan, Chemie­unfälle…“. All das sind ernst­zunehmende Probleme. Aber ohne Chemie wäre das Leben auch viel beschwerlicher.

„Chemie macht das Leben in allen Bereichen angenehmer“, sagt Franke. Im Alltag begegnet sie den Schülern ständig – in der atmungs­aktiven Bettwäsche, in Zahn­pasta und Duschgel, in Schminke und Parfums, in den Kunst­fasern und Farben ihrer Kleidung, in Auto und Schulbus, in Smart­phones und Flach­bild­schirmen, in Medikamenten, Feuer­werks­körpern und so fort.

Wenn Schüler Chemie langweilig finden, so folgert Franke, dann muss im Unterricht ganz schön viel schief­laufen. Der Pensionär darf das sagen: Die Gesellschaft Deutscher Chemiker hat ihn kürzlich mit dem Friedrich-Stromeyer-Preis ausgezeichnet, dem renommiertesten Preis für Chemie­lehrer in Deutschland. Wie also geht guter Chemie­unterricht?

Zunächst mal mit dem Alltagsbezug. Warum ist denn überhaupt Mikro­plastik im Haar­shampoo? Und wie kriegen wir das hin mit dem Recycling? Das sind Fragen, die sich viele Jugendliche stellen und die Franke mit ihnen beantwortet hat: theoretisch und praktisch. Denn sein Credo ist: „In jede Chemie­stunde gehört mindestens ein Experiment“ – und zwar live, nicht im Video. Chemie­unterricht soll alle Sinne ansprechen. In den Stunden bei Franke am Robert-Koch-Gymnasium in Clausthal-Zellerfeld hat es deshalb oft geknallt. Seine Schüler haben aus Mandarinen­schalen ätherische Öle gemacht und selbst Joghurt und Käse hergestellt. Und wie man bengalische Feuer einfärbt, hat er ihnen auch gezeigt.

Schlechte Noten in MINT-Fächern gelten als schick

Ausreden wie teure Materialien und schlechte Ausstattung lässt Franke denn auch nicht gelten. Statt Bunsen­brenner reiche oft ein Teelicht für jeden Schüler. Der Gips­kreis­lauf lässt sich mit Über­resten von Renovierungs­arbeiten erklären. Aber er leugnet nicht, dass guter Chemie­unterricht aufwendig ist. Materialien müssen besorgt, Versuche geprobt, aufgebaut und wieder abgebaut werden. Die Entsorgung der Materialien sei teil­weise mühsam. Und dann sei da noch diese „verdammte Gefährdungs­beurteilung“, sagt er: Chemie­lehrer müssen vor jedem Experiment erst mal protokollieren, was dabei schlimmsten­falls passieren kann und warum der Lern­effekt nicht auch anders zu erreichen ist. Gerade bei spontanen Nachweis­reaktionen dauere das in einer 45-Minuten-Unterrichts­einheit zu lange und verunsichere die Lehr­kräfte: „Viele Materialien kriege ich in jedem Super­markt, aber junge Kollege trauen sich nicht, sie einzusetzen“.

Zahlreiche Schulleiter sind allerdings schon froh, wenn sie über­haupt Chemie­lehrer und andere MINT-Pädagogen finden. Denn der viel beschriebene Lehrer­mangel trifft vor allem die natur­wissen­schaftlichen und technischen Fächer, wobei Gymnasien besser versorgt sind als Schulen, die nicht zum Abitur führen. Auf den Fächer­listen, die Berufs­schulen in verschiedenen Bundes­ländern mittler­weile für Seiten­einsteiger geöffnet haben sind Elektro­technik, Fahrzeug­technik, Metall­technik meist­genannt.

Da zeigt sich, wie sich die Fachkräftelücke selbst ernährt. Denn obwohl Seiten- und Quer­ein­steiger für diese Fächer besonders geeignet sind, sind sie nicht die Lösung des Problems. Die Arbeits­markt­situation ist einfach zu gut, zeigt der MINT-Herbst­report des IW: Die Absolventen werden in der freien Wirtschaft gut bezahlt. Ein Meister oder Techniker mit solch einer Ausbildung verdient im Mittel 4600 Euro im Monat, andere Spezialisten nur 4000 Euro. Auch die MINT-Akademiker verdienen über­durch­schnittlich gut, im Mittel 5500 Euro monatlich. Der Anteil der befristeten Verträge ist zudem relativ gering. Mit dem Verdienst und einer möglichen Verbeamtung als Lehrer sind potenzielle Seiten- und Quer­einsteiger mit MINT-Expertise also relativ schwer zu locken.

Nur 160.280 Personen mit Fähigkeiten in diesen „MINT“-Fächern waren im Herbst 2018 arbeits­los, etwa weil ihre Berufs­erfahrung oder ihre Spezialisierung nicht zu den ausgeschriebenen Stellen passte. Auf Stellen, die nur von studierten Biologen und Chemikern besetzt werden können, gibt es derzeit genug Bewerber. „Biologen können jedoch nicht ohne weiteres offene Stellen für Elektro­ingenieure oder Informatiker besetzen“, sagt Axel Plünnecke vom IW Köln.

Zu einem großen Überangebot führt das aber nicht: Insbesondere den Akademikern bieten sich viele Alternativen. Ihnen stehen zum Beispiel Wege ins Management von High-Tech- und Industrie­unter­nehmen offen. Für den Vertrieb von Kameras und Fernseh­geräten werden Menschen gesucht, die sich mit technischen Details auskennen. Karriere­chancen gibt es zudem im Controlling und in Unternehmens­beratungen. So bleiben ausgerechnet für die Schüler wenige MINT-Lehr­kräfte übrig, die auf dem Arbeits­markt gerade besonders gesucht werden: die Schüler an den Berufs­schulen. Für mehr als zwei Drittel der offenen MINT-Stellen werden Arbeits­kräfte mit einer Berufs­ausbildung gesucht.

„In Chemie muss man relativ wenig wissen“

Im Rahmen der Pisa-Studie 2015 wurden Schüler gefragt, ob sie sich eine Karriere in den Natur­wisschen­schaften zutrauen und sich als Erwachsene etwa als IT-Expertin, Ingenieur oder Ärztin sehen. Nur jeder sechste deutsche Schüler konnte sich das vorstellen – im OECD-Schnitt war es jeder vierte. Aus Sicht von Axel Franke tragen Eltern, Politiker und Prominente zu diesem geringen MINT-Selbst­bewusst­sein bei: „Es gibt eine gewisse Kultur, sich in der Öffentlichkeit mit schlechten Noten in den MINT-Fächern zu brüsten: Von Chemie hatte ich keine Ahnung, Mathe habe ich nie hin­gekriegt – diese Kultur geht mir gegen den Strich“, sagt der pensionierte Lehrer.

Dass gerade die Chemie vielen Schülern kompliziert erscheint, liegt wohl auch an der chemischen Zeichen­sprache und dem chemischen Rechnen. Auch das Bau­kasten­prinzip kann zum Problem werden, wenn ein Thema nicht verstanden wurde: „In der Chemie baut alles aufeinander auf“, sagt Franke: „In Chemie muss man relativ wenig wissen, das aber sicher beherrschen“, sagt er. Deshalb brauche es unbedingt Übungs- und Wiederholungs­phasen.

Mit seinen eigenen Schülern hat der Chemielehrer Selbst­bewusstsein in Wissenschaft und Forschung ganz bewusst geübt: bei Wettbewerben, Messen und selbst veranstalteten Chemie­shows. Im vergangenen Jahr wurden sie sogar nach Bologna zu einem Kongress eingeladen, um ein Projekt zu präsentieren. Damit kann Axel Franke sich brüsten – seine Vier damals im Referendars­zeugnis war wohl ohnehin nicht so aussage­kräftig.

Sie haben JavaScript deaktiviert oder verwenden einen veralteten Browser. Aktuelle Browser finden Sie hier. x