Dieser Artikel erschien am 12.10.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Anna Günther

Bildung in Bayern : Was in einer digitalen Schule möglich ist

Die Staatsregierung will Millionen in neue Unterrichts­techniken und Fort­bildung investieren. Wie das aus­sehen kann, zeigt die Lehrer­akademie in Dillingen.

Gamer nutzen VR-Brillen schon lange. In naher Zukunft sollen sie auch an den bayerischen Schulen eingesetzt werden - wenn die Infrastruktur stimmt.
Gamer nutzen VR-Brillen schon lange. In naher Zukunft sollen sie auch an den bayerischen Schulen eingesetzt werden - wenn die Infrastruktur stimmt.
©dpa

Der Körper des Menschen teilt sich vor den Augen der Schüler, das Skelett vom Corpus mit Muskeln und Sehnen. Ein Wisch durch die Luft, vor dem Schüler pumpt das Herz, und mit einem Finger­zeig wird die Aorta bestimmt. Noch sind dies Szenen aus einem Video, die zeigen sollen, wie Augmented Reality – eine computer­gestützte Erweiterung der menschlichen Wahr­nehmung – im Unterricht eingesetzt werden könnte. Geht es nach Schul­minister Bernd Sibler und Digital­minister Georg Eisenreich, ist diese Methodik aber keine Science Fiction, sondern bald Alltag an bayerischen Schulen – sofern das Internet schnell ist, die Technik bereitsteht und Lehrer Lust auf neue Methoden haben.

Um die Scheu der Lehrer vor der Digitalisierung abzubauen und Geschwindig­keit in den Prozess zu bringen, investiert die Staats­regierung bis 2022 pro Jahr 212 Millionen Euro in die Ausstattung der Schulen und in Lehrer­bildung. Denn bevor an digitale Methodik gedacht werden kann, muss die Infra­struktur stimmen. Bei insgesamt 6.000 Schulen in Bayern ist das Budget für 11.000 digitale Klassen­zimmer über­schaubar. Für die Minister ist der Anfang gemacht, außer­dem habe Bayern als erstes Bundes­land schon 2016 ein Konzept für die Digitalisierung in den Schulen erarbeitet, sagte Eisenreich. Aber die Technik müsse der Pädagogik dienen, digitale Medien seien nur eine weitere Methode, sagte Sibler.

Wie sie sich die digitale Schule der Zukunft vorstellen, und wie sie die 150 000 bayerischen Lehrer mitnehmen wollen, zeigten Vertreter der Akademie für Lehrer­fort­bildung und Personal­führung (ALP) in Dillingen sowie des Staats­instituts für Schul­qualität und Bildungs­forschung (ISB) nun im Schul­ministerium. Technisch ist Lernen mit VR-Brillen und digitalen Dimensionen längst möglich. Noch dürften Klassen­sätze von Virtual-Reality-Brillen den Etat der meisten Schulen sprengen; diese kosten mehrere tausend Euro. Sogenannte Cardboard-Boxen aus Pappe gebe es für wenige Euro, sagte Matthias Stein, der im Ministerium für digitale Bildung zuständig ist. Mit entsprechenden Apps sowie den Smart­phones der Schüler könnten Lehrer ihre Klassen schon jetzt und ohne Riesen­budget auf die virtuelle Reise mitnehmen.

Die Nachfrage bei Kursen zu Unterricht mit virtuellen Welten sei schon jetzt enorm, bestätigt auch Günther Lehner von der ALP in Dillingen. Bis zum Sommer 2019 soll ein Lern­labor eingerichtet werden, in dem Lehrer und Dozenten digitale Methoden ausprobieren können. Ein Klassen­zimmer der Zukunft etwa, in dem es „kein vorne, kein hinten und keine Tafel gibt“, sagte Lehner. Wenn Schüler den Raum betreten, soll die Soft­ware erkennen, um welche Klasse es sich handelt und die Aufgaben bereit­stellen. Statt Tisch­platten sind Bild­schirme an die Stühle montiert. Die Sitz­ordnung ist flexibel. Technisch möglich wäre das schon jetzt, aber bis alle Schulen so ausgestattet sind, dürften noch Jahre vergehen.

Geht es nach Stein vom Ministerium, sollten die Lehrer­bildungs­institute der Unis bald nachziehen, damit der Nachwuchs in der Uni digitale Methoden kennen­lernt und danach auch an den Seminar­schulen nutzt, in denen Referendare ausgebildet werden. Die ALP-Fort­bildungs­offensive beginnt im Januar und zielt auf Schul­leiter, Koordinatoren für digitale Bildung und Seminar­lehrer. Sie werden in Dillingen geschult und tragen das Wissen in ihre Schulen. Dazu gibt es Selbst­lern­kurse zu Ethik und digitaler Welt, Unterrichts­entwicklung, Schule und Recht oder zu Medien­didaktik und Technik.

Neue Technik für die Praxis präsentierte das ISB. Seit zehn Jahren gibt es die Platt­form Mebis, auf der Lern­materialien, Hör­spiele und Filme stehen, deren Urheber­rechte geklärt sind. Künftig soll eine Funktion den Austausch von und über digitale Unter­richts­einheiten erleichtern. Wenn Lehrer Konzepte neu einstellen, werden diese von Experten des Instituts der Länder für Film und Bild in Wissen­schaft und Unterricht (FWU) geprüft, bevor sie frei­geschaltet werden. Mebis hat zudem ein an den Lehr­plan gekoppeltes Programm zur Erstellung der Medien­konzepte entwickelt. Ein Programm für digitale Tafeln und White­boards soll den Unter­richts­alltag erleichtern, etwa indem Lehrer ihren Schülern mit einem Klick Tafel­bilder mailen. Wie das funktioniert, demonstrierte eine ISB-Mit­arbeiterin. Ende dieses Jahres könnte das Programm schon in Schulen laufen. Dass die Reise bis zur virtuellen Realität doch noch lang ist, zeigte sich, als die beiden Minister Sibler und Eisenreich für die Foto­grafen auf der Platt­form wischten: Das Bild stockte, das Programm reagierte nicht sofort – der Digital­minister hatte offenbar zu sanften Druck auf den Bild­schirm ausgeübt.

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