Dieser Artikel erschien am 08.02.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Gerald Wagner

Empfehlung zum Schulwechsel : Was haben Eltern da mitzureden?

Akademiker schicken ihre Kinder aufs Gymnasium. Arbeiter­eltern ziehen die Real- oder Haupt­schule vor. Solche Entscheidungen der Eltern sind nicht immer sinnvoll, finden zwei Soziologen.

Sollten Eltern noch den schulischen Werdegang ihres Kindes bestimmen dürfen?
Sollten Eltern noch den schulischen Werdegang ihres Kindes bestimmen dürfen?
©dpa

In einem idealen Schulsystem wäre dessen interne Verteilung der Schüler auf die verschiedenen Schul­typen ausschließlich das Ergebnis kognitiver Leistungs­unter­schiede dieser Schüler. Eine frühe Differenzierung der Bildungs­wege wäre damit gerecht­fertigt, weil die Aufteilung der Kinder entsprechend ihrer Leistungen nach der Grund­schule eine allen Schülern förderliche Vereinheitlichung der schulischen Lern­umgebung ermöglichte. Förderlich, weil die Vereinheitlichung zu individuellen Leistungs­steigerungen führen würde, die in einer Einheits­schule nicht möglich wären. Wer also für (mehr) Differenzierung plädiert, setzt Unter­schiede zwar als gegeben voraus, kann sich bei seiner Verteidigung der Sortierung aber darauf berufen, dass nur nach kognitiven Unter­schieden sortiert werde.

Die Gegner der frühen Differenzierung dagegen führen an, dass es zu den erhoffen Leistungs­steigerungen gar nicht komme. Die Differenzierung führe in Wirklichkeit nur zu einer Verstärkung der sozialen Ungleich­heit im Bildungs­erfolg, sei also nur das Ein­falls­tor einer Viel­zahl von Faktoren, die mit den kognitiven Leistungs­unter­schieden der Kinder nichts zu tun hätten. Etwa der Bildungs­aspirationen der Eltern: Akademiker schicken ihren Nach­wuchs eben grund­sätzlich aufs Gymnasium, auch wenn dessen Leistungen das vielleicht gar nicht recht­fertigen (Abweichung nach oben). Und Arbeiter­eltern ziehen eher Real- oder Haupt­schule vor, weil sie die Kosten der Gymnasial­bildung scheuen, auch wenn ihre Kinder eigentlich über die dafür notwendigen Fähig­keiten verfügen (Abweichung nach unten). Wäre es da nicht im Interesse der Leistungs­gerechtig­keit, die Mit­sprache der Eltern beim Übergang auf die weiter­führenden Schulen einfach auszu­schalten und die Sortierung durch das Instrument verbindlicher Über­gangs­empfehlungen ganz den Lehrern zu über­lassen?

Ein Effekt der sozialen Herkunft?

Die Soziologen Hartmut Esser und Kerstin Hoenig haben jetzt in einer großen Vergleichs­studie versucht, mit Daten der „National Education Panel Study“ (NEPS) die Effekte verbindlicher Empfehlungen für den Schul­wechsel nach der Grund­schule auf die Leistungs­gerechtig­keit und die Bildungs­ungleich­heit zu bestimmen. Ihre Erwartung dabei ist, dass die Verbindlichkeit der Empfehlung die Leistungs­gerechtig­keit der Sortierung stärke und die Bildungs­ungleich­heit auf das Maß begrenzt, das es eben über­all gibt. Diese Erwartung beruht natürlich auf der Annahme, dass sich die Lehrer in ihren Empfehlungen strikt an den Leistungen ihrer Schüler orientieren und sich von keinerlei persönlichen Einstellungen für oder gegen ein bestimmtes Kind beeinflussen lassen. Das ist eine nach­voll­zieh­bare Annahme, da man den Lehrern eine größere Objektivität bei der Beurteilung der schulischen Möglichkeiten eines ihnen seit Jahren vertrauten Schülers unter­stellen kann. Lehrer sind Fach­leute, Eltern nicht. Organisationen fördern Distanz, Familien Nähe. Fördert Distanz aber auch Gerechtig­keit?

Ja – aber: Die Verbindlichkeit allein sorgt nach den Ergebnissen von Esser und Hoenig noch nicht für eine signifikant stärkere Leistungs­gerechtig­keit. Es kommt auf die konkrete Gestaltung der Verbindlich­keit an. Die Über­gangs­empfehlungen der Lehrer müssten wirklich den Leistungen entsprechen, und die Noten müssten objektiver sein. Beides aber ist nicht immer der Fall, auch nicht in den verbindlich sortierenden Bundes­ländern. Und leider sei die Verbindlich­keit gar nicht so verbindlich, weil insbesondere Abweichungen nach unten nach den aktuellen Schulgesetzen ohne weiteres möglich sind. Kinder aus den unteren Schichten auch mit einer Empfehlung für eine weiter­führende Schule würden von ihren Eltern generell weniger auf das Gymnasium geschickt, und zwar unabhängig von der Verbindlichkeit der Empfehlung. Aber angenommen, die Schulen würden diese Abweichungen nach unten nicht mehr zulassen. Was wäre dann mit dem Effekt der sozialen Herkunft auf die Leistungs­gerechtig­keit?

Er wäre am geringsten. Zwar blieben die primären Effekte der sozialen Schicht und Bildungs­nähe der Eltern auf die kognitive Entwicklung ihrer Kinder auch davon unberührt, aber immerhin verstärkt die Verbindlichkeit diese gegebene soziale Bildungs­ungleich­heit nicht. Viel­mehr gilt, dass je strikter die Verbindlichkeit wirklich gilt, die Leistungs­gerechtig­keit bei der Aufteilung der Kinder nach der Grund­schule zunimmt. Wer mehr davon wolle und auch die Effizienz des schulischen Kompetenz­erwerbs verbessern wolle, müsse sich also für eine Stärkung der Selektivität nach den tatsächlichen Fähigkeiten und Leistungen der Kinder einsetzen, einschließlich der Unter­bindung der Abweichung von der Empfehlung nach unten. Ob sich diese weitere Einschränkung des Elternwillens durchsetzen lasse, sei laut Esser und Hoenig wohl mehr als zweifel­haft. Aber weil insbesondere die talentierten Kinder aus den unteren und bildungs­ferneren Schichten davon besonders profitieren würden, sei dieses Ziel gerecht­fertigt. Für das Fortkommen der besser­gestellten Kinder sorgen deren Eltern schon selbst.

Hartmut Esser, Kerstin Hoenig: Leistungsgerechtigkeit und Bildungs­ungleich­heit. Effekte der Verbindlichkeit der Grund­schul­empfehlungen beim Über­gang aufs Gymnasium, in: KZfSS (2018) 70.

Sie haben JavaScript deaktiviert oder verwenden einen veralteten Browser. Aktuelle Browser finden Sie hier. x