Dieser Artikel erschien am 15.08.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Heike Klovert

Bildungsmonitor 2019 : Was Berlin gut und Sachsen besser macht

Wie gut schneiden die Bundesländer in Sachen Bildung ab? Das haben Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft untersucht – und dabei auch fest­gestellt, welche Schwächen die Spitzen­reiter haben und worin die Schluss­lichter stark sind.

Rechenschieber
©dpa

Sachsen und Bayern an der Spitze, Berlin und Bremen auf den unteren Rängen: Seit Jahren kommen Wissen­schaftler, die versuchen, ein Ranking der deutschen Bildungs­land­schaft aufzustellen, zu ähnlichen Ergebnissen. So nun auch Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, die den Bildungs­monitor 2019 erstellten.

Die Studie wurde an diesem Donnerstag vor­gestellt und ergab: Sachsen erzielte im Schnitt die meisten Punkte – mit deutlichem Abstand vor dem zweit­platzierten Bayern. Berlin, Branden­burg, Bremen und Nordrhein-Westfalen stehen nah beieinander am Schluss.

Die Lobbyorganisation INSM, in deren Auftrag die Studie erstellt wurde, wird nach eigenen Angaben von den Arbeit­geber­verbänden der Metall- und Elektro­industrie finanziert. Der Bildungs­monitor, den es seit 2004 gibt, soll die Leistungs­fähigkeit der Bildung in den Bundesländern aus einer wirtschaftlichen Perspektive beleuchten.

In die Auswertung flossen 93 Indikatoren ein, die sehr viele Bereiche abdecken, etwa die Betreuungs­relation in Kitas, die Bildungs­ausgaben pro Schüler und Student, die Klassen­größen, Lese- und Rechen­kompetenzen von Neunt­klässlern oder die Investitions­quote beruflicher Schulen.

Die Ergebnisse sind jedoch nur auf den ersten Blick eindeutig. Wenn man die einzelnen Bereiche genauer betrachtet, weisen alle Bundes­länder Stärken und Schwächen auf.

Rang 1: Sachsen

Der Spitzenreiter schneidet besonders bei der Schulqualität und der Vermeidung von Bildungs­armut gut ab. So werden beispiels­weise viele Kinder in Kitas und Grund­schulen ganztags betreut und nur wenige Schüler erreichen nicht die Mindest­standards in Mathe oder Lesen. Außerdem werden an sächsischen Hochschulen viele Ingenieure und Akademiker in Mathe und Natur­wissenschaften ausgebildet.

Allerdings sei die Altersstruktur der Lehrkräfte in Sachsen besonders unaus­gewogen, schreiben die Autoren. Das führe dazu, dass an den Schulen im Land sehr viele Quer­einsteiger arbeiteten.

Rang 2: Bayern

Der Freistaat ist den Forschern zufolge Spitze bei der beruflichen Bildung: Das Angebot an Ausbildungs­stellen ist groß, der Anteil unversorgter Jugendlicher ist gering, und es nehmen im Bundes­länder­vergleich die anteilig meisten Erwachsenen an Fortbildungen teil. Außerdem verlassen nur wenige Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Nachhol­bedarf hat Bayern – trotz Fortschritten in den letzten Jahren – aber weiterhin beim Ausbau von Ganz­tags­plätzen.

Rang 3: Thüringen

In Thüringen kommen rechnerisch auf eine Lehrkraft vergleichs­weise wenige Schüler, die Bildungs­aus­gaben je Schüler sind an den Berufs­schulen sehr hoch, es gibt ein gutes Ganz­tags­angebot für Kita-Kinder und Grund­schüler und nur wenige Jugendliche verbleiben ohne Ausbildungs­stelle. Allerdings ist auch hier die Alters­struktur der Lehrer unaus­gewogen. Das heißt, es gibt besonders viele ältere Lehrer. Das erschwere eine gute Personal­politik der Schulen, wie die Autoren schreiben.

Rang 4: Saarland

Besonders stark verbessert hat sich in den vergangenen Jahren das Saarland. Die Ausgaben pro Student seien dort deutlich gestiegen, ebenso der Anteil der Grund­schüler mit Ganz­tags­betreuung. Auch habe sich die Schüler-Lehrer-Relation im Berufs­schul­bereich verbessert.

Rang 14: Bremen

Nirgendwo sonst sind die Dritt­mittel­einnahmen je Professor so hoch wie in Bremen, außerdem ist das Angebot an Lehr­stellen gut. Bremens Schüler wiesen jedoch unter­durch­schnittliche Kompetenzen in Fremd­sprachen auf und die Bildungs­ausgaben je Schüler sind vergleichs­weise gering.

Rang 15: Brandenburg

Überdurchschnittlich gut schnitt Brandenburg bei der Vermeidung von Bildungs­armut und bei der Schul­qualität ab. Außer­dem werden dort fast alle Berufs­schüler in Fremd­sprachen unterrichtet. Aller­dings tragen die Professoren der Hoch­schulen „in relativ geringem Maß“ zur Ausbildung des wissen­schaftlichen Nach­wuchses bei, und die Zahl der Studienabsolventen ist gemessen an der akademischen Wohn­bevölkerung laut Bildungs­monitor sehr gering.

Rang 16: Berlin

Im vergangenen Jahr hatte Berlin die rote Laterne erstmals nach vielen Jahren abgegeben, nun bekam die Bundes­haupt­stadt sie wieder zurück. Die Studie ergab, dass es in Berlin nur wenige Lehr­stellen gibt, dass vergleichs­weise viele Jugendliche die Schule oder ihre Ausbildung abbrechen und dass sich nur wenige Erwachsene fortbilden. Allerdings attestierten die Forscher der Haupt­stadt auch einige Stärken: Die dortigen Professoren werben viele Drittmittel ein, die Schüler-Lehrer-Relation ist günstig und es findet besonders viel Unterricht statt.

Bei dem Ranking sollte jedoch berücksichtigt werden, dass die Bundes­länder Bildung unter sehr unter­schiedlichen sozialen, geografischen und arbeits­markt­strukturellen Voraus­setzungen anbieten. So bekam Baden-Württemberg Plus­punkte dafür, dass dort Grund­schüler schon früh in Fremd­sprachen unterrichtet werden, was auch mit der Nähe zum europäischen Ausland zu tun hat.

In dem Bericht wurde Berlin außerdem lobend erwähnt, weil es viele Ingenieur­absolventen aufweist – relativ zur Anzahl beschäftigter Ingenieure in der Haupt­stadt. Das ist jedoch nicht unbedingt ein Qualitäts­merkmal, sondern lediglich ein Zeichen dafür, dass in Berlin viele Hochschulen und vergleichs­weise wenige technische Unternehmen ansässig sind.

Die Autoren warnen, dass die Schulabbrecher­quote im bundes­weiten Schnitt binnen eines Jahres von 5,7 auf 6,3 Prozent angestiegen sei. „Die bisherigen Anstrengungen reichen offensichtlich nicht aus“, sagte INSM-Geschäfts­führer Hubertus Pellengahr. In den meisten Bundes­ländern und Handlungs­feldern habe es keine Fortschritte gegeben, sondern steigende Heraus­forderungen. Zwei drängende Aufgaben seien die Stärkung der Sprach­förderung an den Kitas und der weitere Ausbau an Ganz­tags­schulen.