Dieser Artikel erschien am 19.11.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Franca Quecke

Rheinland-Pfalz : Warum Schüler den Religions­unterricht abschaffen wollen

In Rheinland-Pfalz wehren sich Jugendliche gegen den Einfluss der Kirche in den Schulen – und wollen die Verfassung des Bundes­landes ändern. Die Bildungs­behörde wehrt sich gegen ihren Vorstoß.

Konfessioneller Religionsunterricht oder Gemeinschaftsunterricht?
Konfessioneller Religionsunterricht oder Gemeinschaftsunterricht?
©dpa

Die Kirche soll weniger Einfluss haben, der christliche Glaube in der Schule nicht mehr so eine große Rolle spielen. Das fordert die Landes­schüler­vertretung in Rheinland-Pfalz. Sie will, dass der Religions­unterricht abgeschafft – und deshalb die Landes­verfassung geändert wird, wonach Schulen in Rheinland-Pfalz grundsätzlich „christliche Gemeinschafts­schulen“ sind.

Die katholische Kirche in Rheinland-Pfalz will sich auf eine SPIEGEL-Anfrage nicht dazu äußern. Das Bildungs­ministerium wehrt sich gegen den Schüler-Vorstoß und argumentiert mit dem Grund­gesetz. „Bekenntnis­freie Schulen sollen nach dem Willen des Verfassungs­gebers die Ausnahme sein“, teilt die Behörde dem SPIEGEL mit. Das sei nicht damit vereinbar, alle öffentlichen Schulen als bekenntnis­freie Schulen zu erklären.

Im Übrigen stelle die aktuelle Formulierung von Artikel 29 der Landes­verfassung – anders als in früheren Zeiten – sicher, dass die Schulen in Rheinland-Pfalz allen Schülerinnen und Schülern offen­stehen, unabhängig vom Glauben. Religions­unterricht sei zudem wichtig für die Identitäts­findung von Kindern und Jugendlichen, heißt es von der Behörde. Schüler­sprecherin Lucia Wagner will sich damit jedoch nicht zufrieden geben.

SPIEGEL: Frau Wagner, warum wollen Sie die Verfassung ändern?
Wagner: Vor einem Monat haben wir die Abschaffung des konfessionellen Religions­unterrichts gefordert. Artikel 34 unserer Verfassung besagt allerdings, dass Religions­unterricht an allen Schulen ein ordentliches Lehrfach ist – mit Aus­nahme von bekenntnis­freien Privat­schulen. Wenn jetzt also alle Schulen bekenntnis­frei wären, wäre das Problem gelöst. Aller­dings sind Artikel 29 zufolge alle öffentlichen Grund-, Haupt- und Sonder­schulen christliche Gemeinschafts­schulen. Wenn wir also den Religions­unterricht in seiner bisherigen Form abschaffen wollen, müssen wir erst einmal Artikel 29 ändern.

SPIEGEL: Die neue Forderung nach bekenntnis­freien Gemeinschafts­schulen ist also Mittel zum Zweck.
Wagner: Am Anfang ja, mittlerweile nicht mehr. Als wir uns wegen des Religions­unterrichts mit der Verfassung aus­einander­gesetzt haben und dabei auf den Artikel gestoßen sind, waren wir geschockt. Mir war nicht klar, dass noch so viel Kirche in der Verfassung und in den Schulen steckt. An meiner alten Grund­schule gab es zwar auch regelmäßig Gottes­dienste, zum Beispiel zur Einschulung. Ich habe allerdings nicht damit gerechnet, dass alle Gemeinschafts­schulen offiziell christlich sind.

SPIEGEL: Was genau stört Sie denn daran, wenn sich eine Schule christlich nennt?
Wagner: Wir finden es nicht in Ordnung, dass ein Staat, der von sich behauptet, Staat und Kirche voneinander zu trennen, Schulen als christlich festlegt. Das ist diskriminierend für Menschen aller anderen Religionen oder ohne Glauben. Wenn man es sowieso nicht merkt, kann man es auf dem Papier auch einfach ändern.

SPIEGEL: Und warum wollen Sie den Religions­unterricht abschaffen?
Wagner: Es gibt heutzutage weniger junge Menschen, die katholisch oder evangelisch sind. Statt­dessen glauben sie an die unter­schiedlichsten Religionen oder gar nicht. Deshalb fordern wir ein verpflichtendes Schul­fach, bei dem alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet werden. In Brandenburg wird das beispiels­weise schon so ähnlich umgesetzt. Über verschiedene Religionen, Welt­anschauungen und Kritik daran soll umfassend aufgeklärt werden. Im Optimal­fall erledigen das staatliche Lehrer und keine Gemeinde­referenten, die die Kirche schickt.

SPIEGEL: Wie waren die Reaktionen auf Ihre Forderungen?
Wagner: Wir haben sehr viele sehr positive Leserbriefe und Mails von den unter­schiedlichsten Leuten erhalten, Verbände und Jungend­parteien unter­stützen uns eben­falls. Einige Eltern haben uns sogar geschrieben, dass sie ihre Kinder gerne auf Schulen mit Ethik­unterricht schicken würden, ob wir Tipps für sie hätten. Die einzigen, die sich quer­stellen, sind das Bildungs­ministerium und die Kirchen.

SPIEGEL: Das Bildungs­ministerium in Mainz ließ mitteilen, dass man es „weder für erforderlich, noch für ziel­führend“ halte, den bekenntnis­orientierten Religions­unterricht abzuschaffen. Dafür müssten das Grund­gesetz, die Landes­verfassung und zudem noch Vorschriften im Schul­gesetz und in den Schul­ordnungen geändert werden.
Wagner: Das ist doch kein Grund, nichts zu tun! Politiker und Politikerinnen sind doch dafür da, die Gesetzes­lage zu über­arbeiten. Staats­sekretär Hans Beckmann von der SPD hat zu unserer Forderung gesagt, dass die Schulen bereits für Vielfalt und Offenheit stehen würden. Aber wenn alle gemeinsam unterrichtet würden, würde das Offenheit und Vielfalt doch viel mehr fördern. Man schottet sich nicht ab, sondern lernt voneinander.

SPIEGEL: Sie besuchen gerade die 12. Klasse. Glauben Sie, dass Sie die Abschaffung des Religions­unterrichts selbst noch in der Schule mit­erleben werden?
Wagner: Ich denke, der öffentliche Diskurs ist der erste Schritt. Momentan ist er leider auch der einzige, den wir gehen können. Wir beobachten, dass die Kirchen noch einen großen Einfluss auf die Politik ausüben, deshalb wird sich so schnell vermutlich nichts ändern. Seit den Fridays-for-Future-Debatten wird jungen Menschen zwar öfter zugehört als früher – viel mehr passiert aber auch nicht.