Schulen : Warum nur wenige Lehrerinnen aus der Ukraine an deutschen Schulen ankommen

Seit dem Krieg sind nicht nur Hunderttausende Kinder aus der Ukraine nach Deutschland gekommen, sondern auch viele Lehrerinnen. Schnell und unbürokratisch sollten sie angestellt werden, versprachen die Länder. Doch das Gegenteil ist oft der Fall.

Dieser Artikel erschien am 24.06.2022 in der Süddeutschen Zeitung
Paul Munzinger
Englischunterricht (Symbolbild)
Auch Schulen werden im Ukraine-Krieg zerstört. Geflohene Lehrerinnen könnten öfter in Deutschland unterrichten, als es tatsächlich geschieht.
©dpa

Eigentlich ist Olha Baishur genau die Lehrerin, die Deutschland jetzt braucht. Sie spricht Ukrainisch. Sie spricht fließend Deutsch. Und als sie Anfang März vor den russischen Bomben aus ihrer Heimatstadt Ternopil floh, mit ihren zwei Kindern und einem Rucksack, da war Olha Baishur sogar so schlau, ihre Zeugnisse einzupacken, übersetzt und beglaubigt. Sie weiß ja, was wichtig ist in Deutschland. Sie war schon als Studentin da und als Au-pair-Mädchen, bevor sie nun wiederkam, als Kriegsflüchtling. Eine Familie in Gauting bei München hat die 40-Jährige und ihre Kinder aufgenommen.

Olha Baishur bringt im Wortsinn alles mit, um auch als Lehrerin in Deutschland anzukommen. Doch dass sie jetzt tatsächlich wieder unterrichtet, an einem Gymnasium in Gilching, hat trotzdem vor allem mit Zufall zu tun. Als sie mit der Schule Kontakt aufnahm, tat sie das nicht als Lehrerin, sondern als Mutter, die einen Platz für ihre 15-jährige Tochter suchte. Den Platz haben wir, sagte man ihr. Aber wir haben niemanden, der den ukrainischen Kindern Deutsch beibringen kann. Ich kann das, sagte Olha Baishur. Seit Mai unterrichtet sie zwei Willkommensklassen, je zwei Stunden am Tag.

Der Krieg in der Ukraine hat offiziell bislang 140.000 Kinder und Jugendliche nach Deutschland gebracht, tatsächlich sind es wohl deutlich mehr. Eine enorme Aufgabe für die Schulen. Doch gekommen sind auch Lehrerinnen wie Olha Baishur, die helfen können, diese Aufgabe zu bewältigen. Das leuchtete auch den Kultusministerien ein. Sie versprachen, die Lehrerinnen „kurzfristig und unbürokratisch“ einzustellen. Eine Ankündigung, in der mitschwang: kurzfristiger und unbürokratischer als sonst.

Doch vier Monate nach Kriegsbeginn sieht die Bilanz in vielen Bundesländern mager aus. In Nordrhein-Westfalen, wo offiziell 25.000 ukrainische Kinder zur Schule gehen, sind laut Schulministerium gerade einmal 61 ukrainische Lehrkräfte eingestellt worden oder stehen kurz davor. In Thüringen sind es 34, Erzieherinnen eingeschlossen. Hamburg beschäftigt 40 ukrainische Lehrkräfte, Bremen 18, das Saarland 21. Vielfach werden ausgebildete Lehrkräfte auch als pädagogische Hilfskräfte eingestellt, etwa weil die Sprachkenntnisse nicht reichen. In Niedersachsen kommen auf zehn Lehrkräfte aus der Ukraine 195 pädagogische Mitarbeiterinnen.

Die Hürden für geflüchtete Lehrer sind zu hoch

In Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein dagegen sind jeweils mehr als 100 ukrainische Lehrkräfte beschäftigt. In Sachsen wurden laut Kultusministerium 345 Lehrkräfte und 78 Schulassistenten für die ukrainischen Schüler eingestellt, von denen etwa drei Viertel aus der Ukraine stammten. Bayern gibt die Zahl der Lehrkräfte an Willkommensklassen, die Ukrainisch oder Russisch sprechen, mit 1250 an, erhebt aber nicht, woher sie kommen. Für die Willkommensklassen in Berlin sind bislang lediglich 170 Lehrkräfte eingestellt worden oder kurz davor. Unter ihnen sind laut Schulbehörde „auch viele Ukrainer“.

Wie viele Lehrerinnen genau aus der Ukraine nach Deutschland geflohen sind, weiß die KMK nicht. Doch vieles spricht dafür, dass die Länder trotz Lehrermangel nur einen Bruchteil der Lehrkräfte beschäftigen, die sie beschäftigen könnten. Eine Umfrage des Bayerischen Philologenverbands (BPV) ergab Mitte Mai, dass nur jede vierte ukrainische Lehrkraft bis dato überhaupt in Kontakt mit einer Schule stand. Bei Olha Baishur musste der Zufall vermitteln. Und sie selbst kennt allein drei Lehrerinnen aus der Ukraine, die gerne arbeiten würden, aber keine Schule finden, weil es ihnen an Deutschkenntnissen fehlt. Eine von ihnen ist Englisch-, eine Französischlehrerin.

Die Sprache ist das eine große Hindernis, weshalb der BPV mehr Deutschkurse für Lehrkräfte fordert; aktuell seien sie „Mangelware“. Das andere ist – allen Versprechen zum Trotz – die Bürokratie. Zwar haben die Länder die formalen Anforderungen gesenkt, indem etwa Ausbildungsnachweise nachgereicht oder durch eine Selbstauskunft ersetzt werden können. Doch die Hürden für Geflüchtete bleiben hoch. In Schleswig-Holstein etwa müssen sie neben Arbeitserlaubnis und Aufenthaltsgenehmigung auch eine Masernimpfung nachweisen. Dazu kommt, dass einige Schulbehörden mit der Bearbeitung der Anträge überfordert zu sein scheinen. „Hier gibt es einen Flaschenhals“, sagt der BPV-Vorsitzende Michael Schwägerl.

In Berlin sei die Verwaltung unter den Mails ukrainischer Lehrkräfte regelrecht zusammengebrochen, sagt Hans-Jürgen Kuhn, der früher selbst Bildungspolitiker war, heute für die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung arbeitet und in der Flüchtlingshilfe in Berlin engagiert ist. Die offiziell 4000 ukrainischen Schüler in Berlin hält Kuhn für viel zu niedrig gegriffen, viele Geflüchtete seien nicht angemeldet. „Berlin ist eigentlich die letzte Stadt, in der man sich als ukrainischer Flüchtling aufhalten sollte“, sagt Kuhn. „Es gibt zu wenige Wohnungen und zu wenige Schulplätze, aber dafür ein Behördenchaos.“

Es gibt gute Gründe, ausländische Lehrkräfte mit offeneren Armen zu empfangen

Die Initiative Schöneberg hilft, der Kuhn angehört, hat ein eigenes Schulprojekt auf die Beine gestellt: Ukrainische Lehrerinnen unterrichten ukrainische Kinder auf Ukrainisch nach ukrainischem Lehrplan. Viele Ukrainer, sagt Kuhn, wollten so bald wie möglich zurückkehren, anders als die meisten Menschen, die in den Fluchtbewegungen nach 2015 kamen. Diesen Wunsch nehme man ernst – anders als die Politik, die auf Integration ins deutsche Schulsystem setzt. Dass viele Ukrainer tatsächlich, zumindest zeitweise, zurückkehren, wenn es der Krieg zulässt, bekommen auch die Schulen zu spüren. BPV-Chef Schwägerl berichtet, dass geplante Willkommensklassen nicht zustande kamen, weil die angekündigten Kinder nicht eintrafen.

Doch bei allen Dingen, die die Ukrainer von anderen Geflüchteten unterscheiden: Dass Deutschland es Lehrkräften aus dem Ausland schwer macht, hat Tradition. Obwohl es gute Gründe gäbe, sie mit offeneren Armen zu empfangen. Da ist ja nicht nur der Lehrermangel, der gerade Grundschulen vor große Probleme stellt. Da sind auch die Schüler, von denen heute jeder achte keinen deutschen Pass hat und mehr als jeder dritte einen Migrationshintergrund. Diese Vielfalt in den Klassenzimmern auch in den Lehrerzimmern abzubilden, versucht die Politik seit Jahren – doch nur mit geringen Erfolgen.

„Es gibt in Deutschland seit Jahren einen großen Pool an zugewanderten Lehrkräften, die ihren Beruf hier nicht ausüben können, weil ihre Ausbildung nicht anerkannt wird“, sagt die Potsdamer Erziehungswissenschaftlerin Miriam Vock. „Wir müssen uns fragen, ob wir uns das leisten wollen.“ Im Jahr 2016 etwa beantragten 11.000 Menschen Asyl in Deutschland, die zuvor in einem Lehrberuf gearbeitet hatten. Vock leitet an der Uni Potsdam das Refugee Teachers Program, das 2016 ins Leben gerufen wurde. Etwa 100 Lehrkräfte haben es seitdem abgeschlossen, vor allem auf zwei Dinge kommt es an: Deutschkenntnisse – und das Studieren eines zweiten Fachs. Denn anders als in den meisten anderen Ländern sind in Deutschland in der Regel zwei Fächer Pflicht. Vock findet das unnötig. Und auch die Sprachhürde hält sie zwar für notwendig, aber für zu hoch. Englisch oder Französisch etwa lasse sich in höheren Klassen gut unterrichten, ohne dass der Lehrer Deutsch auf C2-Niveau beherrscht.

Doch es gibt noch andere Probleme. Nahmen am Potsdamer Programm zunächst vor allem Syrer teil, sind es heute zur Hälfte Lehrkräfte, die aus der Türkei geflohen sind. Viele von ihnen seien gut ausgebildet, sagt Vock. Doch ihre Abschlüsse werden nicht anerkannt, weil sie ihr Referendariat an Privatschulen absolviert haben – in der Türkei durchaus üblich, in Deutschland ein Grund, einen Antrag ohne weitere Prüfung abzulehnen. Vock frustriert das, vor allem, wenn sie die Situation mit der von Seiten- und Quereinsteigern vergleicht, denen der Weg ins Klassenzimmer wegen des Lehrermangels immer leichter gemacht wird.

Die Schulminister versprechen, jetzt neue Wege zu gehen

Doch weil die Not groß ist, deutet sich ein Umdenken an. Die KMK kündigte am Freitag an, bei der Lehrkräftegewinnung auch ungewöhnliche Wege gehen zu wollen – das Anwerben von Lehrkräften aus dem Ausland ausdrücklich eingeschlossen. „Wir dürfen in dieser Debatte jetzt keine Tabus mehr haben“, sagte Karin Prien (CDU), Kultusministerin in Schleswig-Holstein und derzeit Präsidentin der KMK.

Olha Baishur, die Lehrerin, die der Krieg aus Ternopil nach Bayern verschlagen hat, würde sehr gerne im nächsten Schuljahr mehr unterrichten, auch außerhalb der Willkommensklasse, wenn es sich ergibt. Vorausgesetzt natürlich, sie ist dann noch da. Niemand weiß, wie lange der Krieg noch dauert, sagt sie, wie lange ihr Mann noch kämpfen muss. Und so lange der Krieg nicht endet, will sie auch nicht zurück in die Ukraine, ihrer Kinder wegen. Die Tochter ist 15, der Sohn ist fünf. Sie sollen sich hier integrieren, Deutsch lernen, auch wenn es irgendwann zurückgeht, Olha Baishur ist da pragmatisch. Ihr eigener Vertrag an der Schule gilt bis zu den Sommerferien. Und dann? Mal sehen.