Dieser Artikel erschien am 02.08.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Bernd Kramer

Förderung : Warum immer weniger Studierende Bafög bekommen

Die Zahl der Bafög-Empfänger unter den Schülern und Studierenden ist 2018 um 7,1 Prozent gesunken auf 727.000. Die Zahl geht bereits seit Jahren zurück, obwohl immer mehr Menschen an den Hochschulen eingeschrieben sind. Eine Reform sollte den Kreis der Empfänger bereits vor drei Jahren erweitern, ohne Erfolg. Im August ist eine neue Bafög-Reform in Kraft getreten. Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) erwartet, dass dadurch 100.000 mehr Menschen eine Ausbildungsförderung erhalten.

BAföG-Antrag
Komplizierter Antrag: Weniger Menschen erhalten Bafög
©dpa

Immer weniger Schüler und Studierende in Deutschland bekommen Bafög. Im Jahr 2018 waren es 727.000 Frauen und Männer, die eine Ausbildungsförderung erhielten. Das waren 55.000 weniger als im Vorjahr – ein Minus von 7,1 Prozent. Das teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. Der Großteil der Bafög-Empfänger ist an einer Hochschule eingeschrieben: Von den Geförderten waren 518.000 Studenten; 209.000 Bafög-Empfänger gingen zur Schule. Im Durchschnitt erhielten 2018 geförderte Studenten 493 Euro und Schüler 454 Euro. Die Hälfte der Bafög-Empfänger bekamen den maximalen Förderbetrag.

Seit Jahren fällt die Zahl der Bafög-Empfänger – obwohl immer mehr Studierende an den Unis und Fachhochschulen eingeschrieben sind, zuletzt waren es fast drei Millionen. Ein Grund für die sinkende Empfängerzahl liegt darin, dass die Einkommensfreibeträge lange nicht angepasst wurden. Danach bemisst sich, wer Anspruch auf Bafög hat. Steigen also die Löhne der Eltern, rutschen mehr Studenten aus dem Kreis der Förderberechtigten – auch wenn gleichzeitig die Lebenshaltungskosten steigen und die Studierenden und ihre Familien unterm Strich nicht weniger bedürftig geworden sind.

Zum Wintersemester 2016/2017 wurde das Bafög nach langem Stillstand reformiert. Die Einkommens­frei­beträge der Eltern wurden um sieben Prozent angehoben – die erste Anpassung nach sechs Jahren. Offensichtlich hat aber auch diese Reform nicht dazu geführt, dass wieder mehr Studierende Bafög erhalten.

Deswegen beschloss die schwarz-rote Koalition in Berlin eine neuerliche Reform, die zum 1. August in Kraft getreten ist. Dabei werden die Einkommens­frei­beträge bis 2020 in drei Schritten um mehr als 16 Prozent angehoben. In diesem Jahr steigt der Frei­betrag um sieben Prozent. „Besonders Familien, die bisher knapp über den Einkommens­grenzen liegen, werden in Zukunft vom Bafög profitieren“, hatte Bundes­bildungs­ministerin Anja Karliczek (CDU) zu der Reform gesagt. Am Ende sollen im Jahres­schnitt 100.000 mehr Menschen eine Bafög-Förderung bekommen als jetzt.

Die Freibeträge fallen unterschiedlich aus und richten sich nach der Familien­konstellation. Deswegen lässt sich schwer pauschal sagen, bei welchem Eltern­einkommen Studierende Bafög bekommen. Das Deutsche Studenten­werk gibt einen Anhalts­punkt mit folgendem Beispiel: Eine 22-Jährige, die wegen ihres Studiums nicht mehr zuhause wohnen kann und deren Eltern verheiratet sind und zusammen­leben, bekäme die Voll­förderung von 744 Euro im Monat, wenn ihre Eltern zusammen nicht über ein Monats­netto­einkommen von etwa 1835 Euro kommen. Eine Teil­förderung ist bis zu einem gemeinsamen Eltern-Netto-Einkommen von 3304 Euro im Monat wahr­scheinlich. Die Hälfte des Förderung müssen Studierende in der Regel nach dem Abschluss zurück­zahlen, aller­dings ohne Zinsen.

Das Bafög gibt es seit 1971. Erstmals wurde damit in Deutschland eine Ausbildungs­förderung geschaffen, die sich allein nach dem Einkommen der Eltern und nicht nach der Studien­leistung richtet. Zu Beginn erhielten weit über 40 Prozent der Studierenden Bafög – ein Wert, der später nie wieder erreicht wurde. Das Vor­läufer­programm, das sogenannte „Honnefer Modell“, förderte nur Studierende mit besonders guten Leistungen.

Zum 1. August 2019 wurden neben den Frei­beträgen auch die Bafög-Sätze erhöht. Studierende unter 25 Jahren bekommen maximal 744 Euro im Monat, Studierende bis 30 Jahre 853 Euro und ältere Studierende maximal 933 Euro. Seit 2015 über­nimmt der Bund die volle Finanzierung der Bafög-Leistungen. Im Jahr 2018 betrugen die Ausgaben rund 2,7 Milliarden Euro.