Dieser Artikel erschien am 17.09.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Franca Quecke

Einser-Abschlüsse : Warum immer mehr Abiturienten so gute Noten haben

Jeder vierte Abiturient hatte vergangenes Jahr eine Eins vor dem Komma, 2008 war es noch jeder fünfte. Sind die Schüler heute klüger - oder die Prüfungen einfacher?

Abiturienten in Rostock bereiten sich in der Aula ihres Gymnasiums auf den Beginn der schriftlichen Englisch-Prüfung vor (Archiv)
Abiturienten in Rostock bereiten sich in der Aula ihres Gymnasiums auf den Beginn der schriftlichen Englisch-Prüfung vor (Archiv)
©dpa

Immer mehr Schüler machen ein sehr gutes Abitur: 2008 hatte durch­schnittlich noch jeder fünfte Absolvent einen Noten­schnitt von mindestens 1,9. Zehn Jahre später war es bereits mehr als jeder vierte. Das zeigen Zahlen der Bildungs­ministerien, die die „Rheinische Post“ ermittelt hat. Nur Baden-Württemberg verzeichnete demnach einen leichten Rück­gang. In 15 der 16 Bundes­länder ist der Anteil der Einser-Abiturienten gewachsen.

Wegen solcher Statistiken schlagen Verbände und Bildungs­forscher schon seit Jahren Alarm. Ihr Vorwurf: Die Qualität des Abiturs sinke zunehmend. „Wir sehen es mit Sorge, dass die Abitur­noten besser werden“, sagt Matthias Jaroch vom Deutschen Hoch­schul­verband der „Rheinischen Post“. Der „Noten­inflation“ müsse Einhalt geboten werden. Schon heute fehlten Studien­anfängern häufig wichtige Grund­kenntnisse, etwa in Mathematik.

Auch der Deutsche Lehrerverband hat wiederholt davor gewarnt, dass die Noten immer besser und die Anforderungen an Abiturienten niedriger würden. Stimmt das? Antworten auf wichtige Fragen:

Woher kommt die Noten­inflation?

„Empirisch betrachtet gibt es keine Anzeichen dafür, dass Schüler schlauer geworden sind“, sagt Nele McElvany, Direktorin des Instituts für Schul­entwicklungs­forschung der TU Dortmund.

Vielmehr könnten mehrere andere Gründe eine Rolle spielen:

  • Schulen stünden immer stärker im Wettbewerb miteinander. Dass der Noten­schnitt der Abiturienten an einzelnen Schulen oft öffentlich zugänglich sei, erhöhe den Druck zusätzlich, sagt Nele McElvany.
  • Onlinepetitionen wie die, mit der Tausende Schüler im Mai gegen zu schwere Abitur­prüfungen in Mathe protestierten, deuten laut McElvany darauf hin: Auch die Ansprüche von Schülern und Eltern an Lehrer steigen.

„Sowohl Eltern, Lehrer als auch Politiker haben ein Interesse daran, möglichst erfolg­reiche Schüler auf allen Ebenen zu haben“, sagt auch Marko Neumann vom Leibniz-Institut für Bildungs­forschung und Bildungs­information. Dementsprechend sei durch­aus vorstellbar, dass die Anforderung in Prüfungen gesenkt oder mildere Noten vergeben werden.

  • Ob die Lehrer tatsächlich besser benoten, lässt sich nur schwer über­prüfen. Aus der Kultus­minister­konferenz hieß es, es seien in den vergangenen Jahren etliche Bildungs­standards eingeführt worden. Dies könnte eventuell zur einer Verbesserung der Noten geführt haben.
  • Prüfungsaufgaben seien heute klein­schrittiger als früher, sagte die Leiterin des Münchner Stark-Verlags Christiane Heidrich 2016 in einem Interview mit dem SPIEGEL. Schüler würden außerdem in den Prüfungen besser angeleitet. Dadurch könnten sie die Aufgabe besser abarbeiten und Teil­punkte sammeln. „Das wirkt sich möglicher­weise positiv auf die Abschluss­note aus.“

Ist das Abitur in Thüringen leichter als in Schleswig-Holstein?

Die Unterschiede zwischen den Regionen sind riesig: In Thüringen hatten im vergangenen Jahr fast 38 Prozent der Abiturienten eine Eins vor dem Komma stehen, dahinter folgten Sachsen und Bayern. Beim Schluss­licht Schleswig-Holstein waren es nur 17,3 Prozent, allerdings im Jahr 2017.

Thüringen, Bayern und Sachsen lägen zwar auch bei den üblichen Leistungs­erhebungen und Bildungs­studien in der Regel im Spitzen­bereich, sagt Bildungs­forscher Neumann. Doch inwieweit Schüler dort kurz vor dem Abitur über alle Fächer hinweg kompetenter sind, sei fraglich. „Ich würde Thüringen und Sachsen auch nicht unter­stellen, dass Leistungs­anforderungen dort bewusst lascher sind als in anderen Bundes­ländern.“

Doch woran können die Unterschiede dann liegen? Auch Bildungs­forscherin McElvany zufolge ist die weite Spanne der Abitur­schnitte nicht auf Qualität zurück­zu­führen – sondern eher auf die unterschiedlichen Vorgaben und Bewertungen der Länder oder auf Fächer­kombinationen in den Prüfungen.

So fügen die Bundesländer Zensuren aus den Halb­jahren der Ober­stufe und der finalen Abitur­prüfungen auf höchst unter­schiedliche Weise zu einem Durch­schnitts­wert zusammen. Mal zählen Kurse in der Bewertung beispiels­weise doppelt, mal nicht.

Wie vergleichbar sind die Zahlen?

Jedes Jahr veröffentlicht die Kultusministerkonferenz die Abitur­noten­schnitte aus den einzelnen Ländern, die jüngsten Zahlen stammen aus dem Jahr 2017. Für 2018 liegt diese Auswertung noch nicht vor.

Die Statistiken, die der SPIEGEL in den Ländern direkt abgefragt hat, sind jedoch nur schwer mit­einander vergleich­bar: Manchmal bezieht sich der Anteil der Einser-Abiturienten auf alle zugelassenen Abiturienten, manchmal lediglich auf die Zahl der bestandenen Prüfungen.

Am Beispiel von Baden-Württemberg zeigt sich allerdings: Die Verzerrungen, die sich daraus ergeben, sind gering. Berücksichtigt man die durch­gefallenen Schüler, um die Quote der Einser-Abiturienten zu berechnen, liegt der Anteil der exzellenten Schüler bei 23,1 Prozent. Andern­falls liegt er bei 24 Prozent.

Warum ist die Daten­lage generell so dürftig?

Durch nationale und internationale Leistungsuntersuchungen in der Grund­schule und Mittel­stufe wissen Experten gut, wo die Stärken und Schwächen vieler Schüler in dieser Alters­stufe liegen. Doch kurz vor dem Abitur gibt es keine standardisierten Leistungs­erhebungen wie Pisa oder Iglu. „Es fehlen bundes­weite Informationen, über welche Kompetenzen Schüler in den letzten drei Schul­jahren vor dem Abitur verfügen“, sagt Bildungs­forscher Neumann. „Auch die Noten in der Ober­stufe können darüber nur bedingt Aufschluss geben, weil sie begrenzt vergleichbar sind.“

Dem Bildungsexperten zufolge könnten standardisierte Erhebungen ein halbes Jahr vor dem Abitur helfen, die Kluft zwischen den Bundes­ländern zu erklären – und die Schüler zusätzlich auf die Prüfungen vorzubereiten.

Bisher seien diese allerdings nicht geplant: „Gerade beim Abitur scheuen sich die Länder davor offen­zu­legen, über welche Kompetenzen die Abiturienten tatsächlich verfügen“, sagt Neumann. „Dabei wäre Transparenz an dieser Stelle deutlich lösungs­orientierter als Spekulationen, die das Vertrauen in das Abitur jedes Jahr aufs Neue schmälern.“

Wie soll das Abitur vergleichbarer werden?

Seit 2017 können die Bundesländer sich aus einem gemeinsamen Pool aus Abitur­aufgaben in den Kernfächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch bedienen. Das Ziel: Ein bayerisches Abi soll genauso viel Wert sein wie eines aus Nordrhein-Westfalen.

Doch inwiefern dieses Ziel nähergerückt ist, ist noch schwer zu sagen: „Wir können noch nicht fest­stellen, dass der Aufgaben­pool in nennens­werter Weise für mehr Vergleich­bar­keit zwischen den Bundes­ländern gesorgt hat“, sagt Bildungs­forscher Neumann.

McElvany glaubt nicht, dass das aktuelle Konzept der Pools überhaupt wirksam ist: Zum einen beteiligten sich längst nicht alle Bundesländer an dem Konzept. Außerdem seien sie nicht verpflichtet, die Aufgaben eins zu eins zu über­nehmen – vielmehr dürften sie sie ergänzen oder abändern. „Es ist nur eine Annahme, aber: Wenn ich Bildungs­ministerin wäre, würde ich nicht unbedingt die schwerste Aufgabe auswählen, um mich anschließend für schlechte Abitur­ergebnisse recht­fertigen zu müssen“, sagt McElvany.

Die Kriterien für die Benotung sind ebenfalls nicht einheitlich – was in diesem Jahr für Streit beim Mathe­abitur gesorgt hatte. Und selbst wenn die Abitur­prüfungen einheitlich bewertet würden, machen sie nur einen Teil der Gesamt­leistung aus. In die Abitur­note zählen nämlich auch die Beteiligung am Unterricht, Noten in Klausuren und weitere Leistungen.

Auch in Zukunft werden sich die Fähigkeiten der Abiturienten also nicht einfach miteinander vergleichen lassen können, schon gar nicht über Länder­grenzen hinweg.