Streit um Fremdsprachen : Warum Arabisch, aber nicht Türkisch Schulfach wird

Hessen baut sein Sprachangebot an den Schulen aus – Arabisch und Chinesisch sind dabei, Türkisch aber nicht. Die Opposition im Landtag hält das für respektlos.

Dieser Artikel erschien am 18.06.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Robert Maus, Hanna Koban
Tafel mit chinesischen Schriftzeichen
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Hessens Schüler sollen im Jahr 2023 erstmals Arabisch als zweite oder dritte Fremdsprache wählen können, und das Unterrichtsangebot an Polnisch, Chinesisch und Portugiesisch wird nach dem Willen der Landesregierung ausgebaut. Türkisch und Griechisch bleiben als Fremdsprache jedoch außen vor, was in den vergangenen Wochen zu empörten Reaktionen von türkischen Vereinen und Verbänden, aber auch Teilen der Opposition geführt hat. Von Ignoranz und Diskriminierung ist die Rede.

Im Hessischen Landtag verteidigte Kultusminister Alexander Lorz (CDU) am Donnerstag zwar die Entscheidung. Er stellte jedoch einen weiteren Schulversuch in Aussicht, um Auskunft darüber zu erhalten, ob Hessens Schüler überhaupt Türkisch in der Schule lernen möchten. Bei einem früheren Schulversuch vor zehn Jahren hatte es laut Lorz wenig Interesse an Türkisch als zweiter Fremdsprache gegeben. Sollte ein neuer Versuch ergeben, dass es doch ausreichend Schüler gibt, die Türkisch lernen möchten, könne über die Einführung gesprochen werden.

Meistgesprochene Sprachen der Welt

Hessen möchte sein schulisches Fremdsprachenangebot weiter ausbauen, damit Hessens Schüler in einer globalisierten Welt Grenzen überwinden könnten, erläuterte Lorz, schränkte aber ein: „Wir werden immer nur eine sehr begrenzte Zahl der unzähligen Sprachen dieser Welt unterrichten können.“ Daher müsse notgedrungen eine Auswahl getroffen werden. Das entscheidende Kriterium sei, ob sich genügend Schüler dafür interessierten. „Und zwar nicht nur diejenigen, die diese Sprache bereits als Mutter- oder Zweitsprache sprechen, denn dafür ist der herkunftssprachliche Unterricht da“, sagte der Kultusminister weiter.

Schüler würden Sprachen wählen, von denen sie sich Vorteile in ihrem weiteren Leben versprechen würden, was wiederum mit der Bedeutung einer Sprache zusammenhänge. Das begründe unter anderem eine Entscheidung für Sprachen der EU und habe weder mit Willkür noch Diskriminierung zu tun. Polnisch sei ein Sonderfall, aber mit der Einführung von Chinesisch, Arabisch und Portugiesisch würden mit Ausnahme der südasiatischen Sprachen an Hessens Schulen künftig die zehn meistgesprochenen Sprachen der Welt und alle Amtssprachen der Vereinten Nationen unterrichtet. Das Kriterium für die Einführung einer neuen Sprache könne nicht die Zahl der in Hessen lebenden Muttersprachler sein, stellte der Kultusminister klar. „Wer aus durchsichtigen Gründen hier ein politisches Süppchen kochen möchte, erweist der Mehrsprachigkeit ebenso einen Bärendienst wie der Integration“, sagte Lorz.

Die SPD-Fraktion hatte einen Antrag eingebracht, der die Aufnahme von Türkisch und Griechisch als weitere Fremdsprachen an den Schulen fordert. Turgut Yüksel sagte: „Für uns als SPD-Fraktion ist es eine Frage der Chancengleichheit und des Abbaus von Diskriminierung, in der Bevölkerung häufig gesprochene Herkunftssprachen aufzuwerten.“ Er monierte: „Schwarz-Grün pickt sich willkürlich einzelne Sprachen heraus und handelt an der Lebensrealität von Migranten vorbei.“ Dabei seien die Türken die größte Einwanderergemeinschaft im Land. Yüksel bezeichnete die Entscheidung der Landesregierung als respektlos gegenüber Türken und Griechen, die seit mehr als 60 Jahren in diesem Land lebten und arbeiteten. Das sei eine institutionelle Diskriminierung. Der SPD-Antrag sei auch ein Angebot an Menschen mit türkischen Wurzeln, um nach den NSU-Morden und den Morden in Hanau verlorenes Vertrauen wiederaufzubauen.

„Es geht hier nicht um Integration“

Ähnlich hatten sich in den vergangenen Tagen auch Organisationen wie der Landesausländerbeirat, die türkische Gemeinde Hessen und der türkische Elternbund geäußert. „Wir sind entsetzt und enttäuscht über diese Ausgrenzung und offensichtliche Diskriminierung“, schreibt der Elternbund, und die türkische Gemeinde moniert: „Diese abwertende Haltung der Landesregierung gegenüber Türkisch ist ein Schlag ins Gesicht der vielfältigen türkischen Gemeinschaft in Hessen.“ Auch die Linke und die FDP kritisieren die Entscheidung von Lorz. Nach Auskunft von Elisabeth Kula (Die Linke) haben sich schon vor drei Jahren mehr als 20.000 Menschen in einer Petition dafür ausgesprochen, dass Türkisch als Fremdsprache in der Schule unterrichtet wird.

Arno Enners von der AfD bezog sich auf die PISA-Studie von 2018, nach der 21 Prozent der deutschen Schüler beim Lesen nicht das Mindestmaß erreichten und kaum einen Text erfassen könnten. Zu den Folgen von nicht ausreichenden Sprachkenntnissen zähle auch das Entstehen von Parallelgesellschaften. Daher solle der Fokus der Ausbildung erst einmal auf die deutsche Sprache gelegt werden.

Er nehme die E-Mails der türkischen Gemeinschaften sehr ernst, sagte Horst Falk (CDU) und ergänzte: „Es geht hier keinesfalls um Geringschätzung von Bevölkerungsgruppen in Hessen, und es geht hier auch nicht um Integration.“ Es handele sich auch nicht um eine Frage der Ehre, und es gehe auch nicht um die NSU-Morde. „Es geht um ein Schulfach für alle hessischen Schüler, unabhängig von der Muttersprache und der Herkunft“, führte der Christdemokrat aus. Man habe sich an den weltweit am meisten gesprochenen Sprachen und den Amtssprachen innerhalb der EU orientiert, begründete er die Entscheidung der Landesregierung.

Herkunftssprachlicher Unterricht

Neben der ersten Fremdsprache (meistens Englisch) und der zweiten Fremdsprache (meistens Französisch), die spätestens in der siebten Klasse eingeführt wird, können weitere Fremdsprachen in Hessen als Wahlunterricht oder in der Oberstufe an Gymnasien gewählt werden. Am häufigsten sind das Französisch, Latein, Spanisch, Italienisch, Russisch und Altgriechisch. Künftig soll es die Möglichkeit geben, Polnisch entweder in der Mittelstufe sowohl an Gymnasien als auch an Realschulen zu lernen oder in der gymnasialen Oberstufe. Chinesisch wird nur an Gymnasien eingeführt. 2023/2024 kommen Portugiesisch und Arabisch an Realschulen und Gymnasien dazu.

Andere Fremdsprachen werden bisher nur als sogenannter herkunftssprachlicher Unterricht angeboten, der teils in der Verantwortung des Landes Hessen und teils in der Verantwortung des Herkunftslandes liegt. In Nordrhein-Westfalen wird Türkisch nicht nur als herkunftssprachlicher Unterricht angeboten, sondern auch als zweite oder dritte Fremdsprache, die auch als Leistungskurs belegt und mit der Abiturprüfung abgeschlossen werden kann.

In Baden-Württemberg kann Türkisch seit 2020 als „spät beginnende Fremdsprache“ in der Oberstufe erlernt werden. 2017 beschloss der Landtag in Niedersachsen, künftig Sprachen wie Türkisch, Arabisch, Polnisch und Farsi als zeugnisrelevante Fächer anzubieten. In Hamburg kann der zunächst freiwillige herkunftssprachliche Unterricht zur offiziellen zweiten oder dritten Fremdsprache gemacht werden und damit etwa Französisch oder Spanisch ersetzen.