Dieser Artikel erschien am 08.06.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Miriam Olbrisch

Trotz zentralem Aufgabenpool : Warum Abi-Prüfungen in jedem Bundesland anders sind

Bundesländer sollen Abitur-Aufgaben aus einem zentralen Pool übernehmen, um die Prüfung gerechter zu machen. Doch jedes Land passt die Aufgaben an die eigene Schülerschaft an – und so gibt es doch wieder Unterschiede.

Abiturprüfungen
Abitur-Klausuren werden sortiert und für die Zweitkorrektur verteilt.
©dpa

Das Abi-Chaos im Fach Mathematik ist perfekt. Schon gleich nach den Prüfungen hatten zahlreiche Schülerinnen und Schüler im Internet protestiert: zu viele, zu schwere Aufgaben, zu wenig Zeit. Nach Hamburg und dem Saarland passt auch Bremen den Bewertungs­maß­stab teil­weise an. Bayern räumt zwar ein, dass die Prüfungen etwas schwerer gewesen seien, als in den Jahren zuvor – ändert die Benotung aber nicht.

Abitur in Deutschland ist nicht gleich Abitur – es gibt erhebliche Differenzen: Unter­schiedliche Lehr­pläne und Bewertungs­maß­stäbe führen dazu, dass jedes Bundes­land seine eigene Reife­prüfung abnimmt. Im Süden und Osten haben sie’s schwer, im Norden müssen Schüler für die­selbe Note weniger leisten – dieses Gerücht hält sich hart­näckig.

Das Abiturzeugnis, die Eintritts­karte in die akademische Welt, entscheidet auch über die berufliche Zukunft. Und je besser die Note, desto größer die Chancen, an einer begehrten Hoch­schule zu einem beliebten Fach zugelassen zu werden – egal, unter welchen Bedingungen diese Note zustande gekommen ist. Das Abitur ist ein Wettbewerb mit unfairen Mitteln.

Mit dem gemeinsamen Auf­gaben­pool sollte nun endlich alles fairer, vergleich­barer, besser werden. So zumindest hatten es die Kultus­minister bei der Einführung 2016 versprochen. Das Prinzip: Die Länder machen Aufgaben­vor­schläge und schicken sie an das Institut für Qualitäts­entwicklung im Bildungs­wesen (IQB), angesiedelt an der Humboldt-Universität Berlin.

Länder dürfen die Pool-Aufgaben abändern

Unter Leitung des Instituts prüfen Fach­leute, ob das Niveau der Aufgaben stimmt. Anschließend können die Länder sich aus der Sammlung bedienen und ihre Abitur­prüfungen mischen. So sollte theoretisch möglich sein, dass Schüler in Bayern und Bremen, in Nordrhein-Westfalen und Sachsen die­selben Formeln auf­stellen, dieselben Gleichungen lösen müssen. Der Pool sei „ein wichtiger Schritt in Richtung Vergleich­bar­keit“, lobte die damalige Präsidentin der Kultus­minister­konferenz (KMK), Susanne Eisenmann.

Was die Minister so deutlich nicht sagten: Die Länder dürfen die Pool-Aufgaben noch einmal abändern und auf die eigene Schüler­schaft anpassen – und die meisten machen von dieser Möglichkeit auch regen Gebrauch. „Den Wortlaut der Aufgaben zu ändern, hat oft nach­voll­zieh­bare Gründe; formale, aber auch inhaltliche“, sagt der Mathematiker Jens Mandavid, der für den Stark-Verlag Jahr für Jahr Abitur­auf­gaben analysiert. Der Verlag bietet Bücher zur Prüfungs­vorbereitung für alle Bundes­länder an. „Die Original­fassung ist meistens nicht die am besten formulierte.“

In der Praxis geht es allerdings nicht nur um Formulierungen. Mandavid und seine Kollegen haben Abitur­auf­gaben der vergangenen Jahre verglichen und festgestellt, dass häufig ganze Aufgaben­teile ergänzt oder weg­gelassen wurden. Außer­dem änderten manche Länder sogenannte Operatoren („Bestimmen“ statt „Berechnen“) oder verteilten die Leistungs­punkte anders, als im Erwartungs­horizont des IQB vorgesehen ist.

Eine Aufgabe, diverse Länder-Varianten

Im vergangenen Jahr zum Beispiel sollten Abiturienten in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg ein Gebäude berechnen, das mithilfe zweier Pyramiden konstruiert war. Während Schüler in Baden-Württemberg nur drei Teil­auf­gaben lösen mussten, umfasste die Klausur in Berlin und Brandenburg sechs. Die Berliner und Brandenburger Version enthielt dafür Zwischen­ergebnisse, damit die Prüflinge nicht mit falschen Zahlen weiter­rechneten. Außerdem war eine Gleichung angegeben, die Schüler im Südwesten nicht als Hilfe­stellung bekamen.

Im Analysis-Teil, erhöhtes Anforderungs­niveau, mussten sich Schüler in Hamburg, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein mit der Flugbahn einer Kugel beim Kugel­stoßen beschäftigen. Zwölf Aufgaben­teile, 42 zu erreichende Punkte, so hatte das IQB die Aufgabe ursprünglich konzipiert. Während Hamburg die Aufgabe unverändert übernahm, wurde in den beiden anderen Bundes­ländern jeweils ein größerer Aufgaben­teil entfernt.

Schleswig-Holstein ersetzte zudem eine Teil­aufgabe und formulierte weitere um. „Dadurch wurden sie deutlich besser lesbar und verständlicher“, sagt Mathematiker Mandavid. Rheinland-Pfalz strich eine Aufgabe ersatzlos und ersetzte mehrere Teil­auf­gaben, „was sie zum Teil schwieriger werden ließ“, urteilt der Experte.

Nach Ansicht des Experten, kann es durchaus sinnvoll sein, wenn Länder in die Gestaltung der Aufgaben eingreifen. Schließlich seien die Lehrpläne nach wie von unter­schiedlich. Nur: Von gemeinsamen Aufgaben sollte man dann nicht sprechen.