Versetzungen : Wann muss ein Kind wiederholen?

Ein Forscher behauptet, dass Schulen ihren Entscheidungs­spiel­raum bei Versetzungen nutzen, um an den Klassen­größen zu drehen. Das sächsische Kultus­ministerium spricht von „Unter­stellungen“.

Dieser Artikel erschien am 29.01.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Susanne Klein
Unterricht
Eine Grundschule begrüßt ihre Erstklässler. Doch nach welchen Kriterien wird entschieden, ob ein Kind die Klasse wiederholen muss?
©dpa

Die These ist steil: Die für Kind und Eltern meist sehr bewegende Entscheidung, ob das Kind ein Schul­jahr wieder­holen muss oder nicht, hängt nicht immer nur von seinen Leistungen ab. Und auch nicht nur von der Über­legung, was im Zweifel für das Kind am besten ist. Bei der Versetzung schwacher Schüler, so der Verdacht, könnten Schulen in nicht ein­deutigen Fällen ihren Ermessens­spiel­raum auch für eigene Interessen nutzen – indem sie über Versetzungen oder Nicht­versetzungen die Zahl ihrer Klassen beeinflussen. Zum Beispiel: Über­schreitet eine Klasse durch hinzu­kommende Wieder­holer die Ober­grenze an Schülern, dann muss sie geteilt und eine weitere Klasse geschaffen werden. Was die Schule davon hat? Sie bekommt mehr Lehrer. Ebenso könnte es sich lohnen, Schüler nicht wieder­holen zu lassen: Damit die Schüler­zahl in ihrer Klasse nicht unter die Unter­grenze sinkt und Klassen deshalb zusammen­gelegt werden müssen – wodurch die Schule Lehrer verlöre.

So weit die These. Aufgestellt hat sie Maximilian Bach, Forscher am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschafts­forschung (ZEW) in Mannheim. Es liege nahe, dass Schulen solche strategischen Über­legungen in ihre Einzel­fall­entscheidungen ein­fließen lassen, sagt Bach. Nun legt der Bildungs­ökonom eine Studie vor, die diese Annahme am Beispiel sächsischer Grund­schulen unter­mauern soll. Bach knöpfte sich die Daten der Schuljahre 2004/05 bis 2014/15 aus allen 718 öffentlichen Grund­schulen in Sachsen vor und rechnete. Seine Leit­frage: Besteht zwischen Klassen­größen, Klassen­an­zahl und Nicht­versetzungs­quoten ein Zusammen­hang, der erkennbar auf eine Absicht schließen lässt?

Ist ein Jahr­gang nah am Klassen­teiler dran, bleiben weniger Kinder sitzen

Seine Antwort ist Ja. „Die Daten deuten klar darauf hin, dass in den untersuchten Jahren etwa 8,3 Prozent aller Wiederholer in der ersten und dritten Klasse aus strategischen Gründen sitzen geblieben sind. Das entspricht insgesamt rund 1200 Kindern“, sagt Bach. Seine Studie belege zum Beispiel, dass die Wiederholer­rate in Klassen von 2,24 auf 3,24 Prozent steigt, wenn im nach­rückenden Jahr­gang durch nur einen Schüler mehr eine weitere Klasse gebildet oder die Zusammen­legung zweier Klassen vermieden werden kann – das klingt nach wenig, ist aber ein Anstieg um rund 45 Prozent. Als Maßstab für Schulen gilt der „Klassen­teiler“, der in Sachsen bei 28 Schülern liegt: Sobald 29 in einem Jahr­gang sind, gibt es Personal für zwei Klassen, bei 57 für drei Klassen und so weiter. Dieser Grenz­wert spielt laut Bachs Statistik auch im umgekehrten Fall eine Rolle: Ist ein Jahr­gang nur einen Schüler vom Klassen­teiler entfernt, sinkt darin der Anteil der Sitzen­bleiber um etwa 14 Prozent.

Bei den Erstklässlern seien Strategie­effekte am deutlichsten erkennbar, sagt der Wissenschaftler. „Ohne strategische Erwägungen wäre der Anteil der Wieder­holungen in der ersten Klasse um 4,9 Prozent höher.“ Bach erklärt das damit, dass es für Erst­klässler in Sachsen noch keine Noten gibt – dadurch sei der Ermessens­spiel­raum der Schulen besonders groß. Der Schaden, den sie dabei anrichten können, aber auch, kritisiert Bach: „Ob ein Kind versetzt wird oder nicht, kann sich unmittelbar auf sein Wohl­ergehen und seinen Bildungs­erfolg auswirken.“ Nur diese beiden Kriterien dürften Schulen bei ihrer Entscheidung anlegen.

Und laut sächsischem Kultus­ministerium tun sie das auch. „Wir vertrauen darauf, dass die Schulen ihre Ermessens­spiel­räume pädagogisch begründet nutzen“, teilt der Sprecher des Hauses auf Anfrage mit. Strategische Versetzungs­entscheidungen seien unbewiesene „Unter­stellungen“, das Ministerium habe weder Kenntnis von Fällen noch von Beschwerden dieser Art.

Maximilian Bach glaubt hingegen, dass nicht nur Schulen in Sachsen durch Versetzungen die Klassen­bildung beeinflussen. „Fast alle Bundes­länder haben Klassen­teiler-Regeln, dort gilt: je mehr Klassen, desto mehr Lehrer.“ Das sei ein Anreiz für Schulen, nicht nur für Grund­schulen übrigens, hierauf müssten die Schul­behörden achten.