Vorbereitungsklassen : Wie die Integration geflüchteter Kinder gelingen kann

Vorbereitungsklassen, Regelklassen oder ein weiteres Modell? Die Soziologin Juliane Karakayali von der Evangelischen Hochschule Berlin forscht seit Jahren dazu, wie sich geflüchtete Kinder und Jugendliche in den Schulen am besten integrieren. Im Interview mit dem Schulportal erklärt sie, welche Risiken reine Vorbereitungsklassen mit sich bringen, wieso sie den Online-Unterricht nach ukrainischem Lehrplan kritisch sieht und was sie sich von der Bildungspolitik jetzt wünscht.

Annette Kuhn 28. April 2022
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Willkommensplakat Ukrainisch-Deutsch für Vorbereitungsklassen
Was ist der richtige Weg bei der Integration geflüchteter Kinder? Darüber gehen die Meinungen auseinander.
©Friso Gentsch/dpa

Deutsches Schulportal: Viele Schulen haben bereits für die geflüchteten Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine Vorbereitungsklassen, also separate Klassen, eingerichtet, in denen sie erst mal Deutsch lernen und ankommen sollen. Ist das sinnvoll?
Juliane Karakayali: Wenn ich auf die Forschungen schaue, die wir im Nachgang der Flüchtlingsbewegung 2015 gemacht haben, halte ich es nicht für sinnvoll. Wir haben uns damals an 13 Grundschulen in Berlin 18 sogenannte „Willkommensklassen“ angesehen und viele Probleme festgestellt. Diese Klassen werden meist nicht aus pädagogischen Gründen, sondern aus Ressourcenmangel eingerichtet, weil es nicht genug Regelschulplätze und nicht genug Lehrkräfte gibt – erst recht nicht solche mit einer Qualifikation für Deutsch als Zweitsprache. Oft etablieren sich dabei Parallelsysteme, die meist mit einer zweifelhaften Bildungsqualität einhergehen, weil niemand sie wirklich kontrolliert.

Woran liegt das?
Es gibt kaum Vorgaben in den Bundesländern, was in den Klassen gelernt werden soll. Darum variiert der Unterricht sehr stark: Die einen Lehrkräfte halten es für notwendig, ausschließlich Deutsch zu unterrichten, andere wollen Fachunterricht berücksichtigen, wieder andere wollen, dass erst mal ein Ankommen gestaltet wird.

Außerdem sind die meisten Lehrerinnen und Lehrer, die in Vorbereitungsklassen unterrichten, keine qualifizierten Lehrkräfte. Das sehen wir auch jetzt wieder – überall wird darum geworben, dass Personen jedweder pädagogischer Ausbildung an die Schulen kommen sollen, um die geflüchteten Schülerinnen und Schüler zu unterrichten.

Unklar ist außerdem, wann der Übergang in die Regelklasse stattfinden soll. Das bedeutet auch, dass das System sehr flexibel wird, wenn nicht genug Regelklassenplätze zur Verfügung stehen. Dann verbleiben Schüler:innen länger in diesen separierten Klassen.

Separate Vorbereitungsklassen bergen Gefahr, dass sich ein Parallelsystem verstetigt

Was heißt „länger“?
Eine konkrete Zeit ist da meist nicht festgelegt. Aber in Berlin tauchte in einem Senatsprotokoll plötzlich der Begriff der „internationalen Klassen“ auf. So etwas gibt es nicht in Berlin. Es stellte sich dann heraus, dass Willkommensklassen einfach umbenannt und weiter separiert wurden, weil man für die Schüler:innen keine Regelklassenplätze hatte. Auf diese Weise hat sich das Parallelsystem verstetigt.

Dieses Problem sehe ich jetzt wieder, denn zumindest in Berlin werden gerade sehr viele Vorbereitungsklassen eingerichtet. Die Regelklassen sind aber meist voll, daher weiß ich nicht, wie der Übergang für so viele Kinder und Jugendliche stattfinden soll.

Und es gibt noch eine weitere Gefahr bei den Vorbereitungsklassen: Die Separierung geht immer mit einem Stigmatisierungsprozess einher. Die Kinder und Jugendlichen dieser Klassen werden von den anderen Schüler:innen meist nicht als Teil der Schulgemeinschaft wahrgenommen, sondern als Kinder und Jugendliche, die ein Defizit haben und daher getrennt werden müssen. Außerdem wird der sprachliche Austausch erschwert.

Zusätzliche Deutschförderung in einem Sprachband

Kann denn die Beschulung in einer Regelklasse funktionieren, wenn die geflüchteten Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine überhaupt keine Deutschkenntnisse haben?
Das haben wir in einer zweiten Studie untersucht: 2020 haben wir uns in vier Grundschulen – zwei in Köln und zwei in Berlin – angesehen, wie eine stärkere Verzahnung von Vorbereitungsklassen und Regelklassen aussehen kann. Die Schüler:innen wurden dort in eine jahrgangsentsprechende Klasse eingeschult und haben dort größtenteils den Schultag verbracht. Zusätzlich gab es ein Sprachband, das heißt: Zwei Stunden pro Tag fand eine Deutschförderung statt. Diese Deutschgruppen wurden nach Alter und möglichst auch noch nach Sprachkenntnissen eingeteilt. In den ersten beiden Schulstunden hatten zum Beispiel die Kinder aus den Klassenstufen 1 bis 2 und in den nächsten beiden Stunden die Klassenstufen 3 und 4 ihren Deutschunterricht.

Ich halte so ein Modell für viel effektiver als die Willkommens- oder Vorbereitungsklassen. Außerdem ist die Altersvarianz in Willkommensklassen auch sehr groß. In einer Grundschule in Berlin sitzen dann Sechsjährige und Zwölfjährige nebeneinander. Das kann sich demotivierend auswirken.

Ich halte eine Beschulung ausschließlich in Regelklassen ohne zusätzliche Deutschförderung aber auch nicht für erstrebenswert, denn es gibt doch gute Modelle, beides miteinander zu verzahnen.

Aber die Belastung für die Lehrkräfte in Regelklassen ist dann wahrscheinlich sehr hoch.
Das sehe ich anders. Für eine Vorbereitungsklasse braucht man auf jeden Fall mindestens eine zusätzliche Lehrkraft, mit dem Deutschunterricht über ein Sprachband ist das Stundenkontingent einer Lehrkraft aber meist nicht ausgeschöpft – sie kann also zusätzlich noch im Regelunterricht eingesetzt werden und dort die Kinder unterstützen. Davon profitieren dann außerdem andere Kinder in der Regelklasse, die im Deutschen Schwierigkeiten haben. Ohnehin wird an den meisten Schulen bereits binnendifferenzierter Unterricht angeboten.

Lehrmaterialien in einfacher Sprache helfen auch anderen Kindern

Gibt es noch weitere solcher Synergieeffekte?
Ja, zum Beispiel wurden in den Schulen, die wir untersucht haben, Lehrmaterialien in vereinfachter Sprache für die geflüchteten Kinder in der Regelklasse angeschafft. Die standen dann auch anderen Schüler:innen in der Klasse zur Verfügung.

Ist auch eine Beschulung in Regelklassen ohne zusätzlichen Deutschunterricht denkbar?
Theoretisch ist das möglich, aber in der Praxis ist das unrealistisch. Dann bräuchten die Klassen mehr personelle Ressourcen und, damit verbunden, mehr Möglichkeiten zur Differenzierung im Unterricht. Die Lehrkräfte beklagen sich schon jetzt zu Recht, dass sie viel zu viele Anforderungen erfüllen sollen und dass sehr häufig die Zeit fehlt, um sich einzelnen Schüler:innen intensiver zu widmen.

Ich halte eine Beschulung ausschließlich in Regelklassen ohne zusätzliche Deutschförderung aber auch nicht für erstrebenswert, denn es gibt doch gute Modelle, beides miteinander zu verzahnen. Und es ist ein großer Unterschied, ob Schüler:innen für einzelne Stunden ihre Regelklassen verlassen oder ob sie nur in separierten Klassen lernen.

Doppelter Unterricht ist nicht möglich: Kein Kind und kein Jugendlicher schafft es, morgens dem deutschen und nachmittags dem ukrainischen Lehrplan zu folgen.

Viele ukrainische Familien wollen, dass ihre Kinder weiter nach dem ukrainischen Lehrplan lernen und am ukrainischen Online-Unterricht teilnehmen. Wie lässt sich das alles unter einen Hut bringen?
Viele Familien müssen sich erst mal zurechtfinden, wenn sie in Deutschland ankommen, und in dem Wunsch, dass die Kinder weiter dem ukrainischen Lehrplan folgen sollen, drückt sich wahrscheinlich auch der Wunsch aus, bald zurückkehren zu können. Aber fraglich ist, wie lange der Online-Unterricht aus der Ukraine überhaupt noch aufrechterhalten werden kann.

Und doppelter Unterricht ist nicht möglich: Kein Kind und kein Jugendlicher schafft es, morgens dem deutschen und nachmittags dem ukrainischen Lehrplan zu folgen. Und dann stellt sich auch noch die Frage, welchen Abschluss die Schülerinnen und Schüler letztlich machen sollen.

Außerdem gibt es auch ein rechtliches Problem, wenn die ukrainischen Kinder und Jugendliche nur am ukrainischen Online-Unterricht teilnehmen. Ich bin keine Juristin, aber aus meiner Sicht unterliegen die Kinder, die in Deutschland leben, hier auch der Schulpflicht.

Viele Kinder bleiben sehr lange in Vorbereitungsklassen

Viele Familien hoffen ja, bald wieder in die Ukraine zurückgehen zu können. Dann wäre es nur ein zeitlich begrenztes Modell.
Es gibt immer die Tendenz, dass man Migration für eine temporäre Angelegenheit hält. Meist stimmt das aber nicht. Die Erfahrung lehrt, dass es selten so ist, dass große Gruppen von Menschen nach Krisen, Kriegen und Umweltkatastrophen wieder zurückwandern, weil natürlich auch die Infrastruktur in ihrem Land danach zerstört ist. Aber das ist ein Prozess, den sich die betroffenen Menschen erst mal vergegenwärtigen müssen.

Auch bei der Fluchtbewegung 2015/16 und in den 1960er-Jahren war das so. Da ging man davon aus, dass die Kinder der sogenannten Gastarbeiter nur temporär in Deutschland bleiben, und man hat sie daher separiert in sogenannten „Ausländer-Regelklassen“ unterrichtet. Das war ein Desaster. Es haben sich Parallelstrukturen verfestigt, in denen Schüler:innen dann häufig gar keine Abschlüsse gemacht haben. Die Unterrichtsqualität war schlecht, und es war auch ein sehr rassistisches System, in dem die ausländischen von deutschen Kindern getrennt waren. Das kann heute niemand wollen.

Es ist schon erstaunlich, dass auf der einen Seite Quereinsteiger:innen an den Schulen hofiert werden, aber voll ausgebildete Lehrkräfte aus anderen Ländern so behandelt werden, als hätten sie keine Ausbildung.

Inwieweit sollten ukrainische Lehrkräfte an den deutschen Schulen eingebunden werden?
Die Bestrebung, ukrainische Lehrkräfte zu gewinnen, finde ich sinnvoll. Ich hoffe nur, dass das besser gelingt als 2015/16. Die Anerkennung war da sehr schwierig. Auch viele Lehrkräfte, die sich in entsprechenden Programmen weiterqualifiziert haben, sind nur als eine Art Hilfslehrkräfte eingestellt worden.

Es ist schon erstaunlich, dass auf der einen Seite Quereinsteiger:innen an den Schulen hofiert werden, aber voll ausgebildete Lehrkräfte aus anderen Ländern so behandelt werden, als hätten sie keine Ausbildung. Natürlich müssen sie sich weiterqualifizieren, Deutsch lernen und ihre Ausbildung muss an das hiesige System angepasst werden, aber es erschließt sich mir nicht, warum es mit Lehrkräften aus dem Ausland so große Probleme gibt.

Lehrermangel macht die Beschulung Geflüchteter noch viel schwieriger

Sind die Schulen aus Ihrer Sicht jetzt besser vorbereitet als 2015?
Eigentlich sind sie noch viel schlechter vorbereitet. Kein Bundesland verfügt mehr über ausreichend qualifizierte Lehrkräfte, und es gibt kaum ausreichend Schulgebäude. Außerdem sind durch die Corona-Pandemie alle erschöpft, Lernrückstände müssen aufgeholt und psychische Probleme von Kindern und Jugendlichen aufgefangen werden.

Was die Ressourcen angelangt, stehen Schulen also deutlich schlechter da als 2015.

Repräsentative Umfragen zur Lage der Schulen in Deutschland

Daten zu allen Ausgaben des Deutschen Schulbarometers auf einen Blick

Mehr Daten

Gibt es auch Dinge, die aus Ihrer Sicht jetzt besser laufen?
Es freut mich, dass Schulleitungen heute mehr Wege finden, die zugewanderten Schüler:innen nicht mehr komplett zu separieren. Viel mehr Schulen planen, die Kinder und Jugendlichen in Regelklassen aufzunehmen.

Und positiv finde ich auch, dass sich die Kultusministerkonferenz relativ schnell zusammengesetzt und über die nächsten Schritte beraten hat. Das war 2015 nicht so. Aber Schulen brauchen jetzt noch mehr Unterstützung.

Vonseiten der Bildungspolitik wird sehr wenig Verantwortung übernommen und den Schulen sehr viel aufgehalst.

Wie könnte die aussehen?
Ich sehe auf der Ebene der Schule eine große Ratlosigkeit, was sie dürfen und was hilfreich ist. Es wäre schön, wenn sich das nicht jede Schule mühsam selbst überlegen muss, sondern wenn es mehr Maßgaben von der Bildungspolitik gäbe. Zum Beispiel dazu, was in den Deutschgruppen passieren, was dort auf dem Lehrplan stehen und wie die Schule die Gruppen organisieren soll. Da wird vonseiten der Bildungspolitik sehr wenig Verantwortung übernommen und den Schulen sehr viel aufgehalst.

Was wünschen Sie sich langfristig?
Mehr Nachhaltigkeit wäre wichtig. Ein großes Problem besteht darin, dass eine akute Situation wie 2015 oder jetzt Panik auslöst und schnell Ad-hoc-Lösungen gesucht werden. Wenn die Not abebbt, gehen aber viele davon aus, so etwas werde sich sicher nicht noch mal wiederholen, und es werden keine konzeptionellen Ansätze entwickelt. Das ist ein Schema in der Bildungspolitik.

Natürlich kann man nicht viele zusätzliche Schulplätze vorrätig haben. Aber in ruhigeren Zeiten sollte die Bildungspolitik schon Konzepte entwickeln, wie sich zum Beispiel mehr Diversität an Schulen verankern lässt. Meine große Hoffnung ist, dass dies im Nachgang der jetzigen Fluchtbewegung passiert.

Dabei stellt sich für mich auch die Frage, wie die Situation jetzt genutzt werden kann, um längst überfällige Reformen voranzubringen. Ein Thema ist zum Beispiel die Anerkennung von Herkunftssprachen als zweite Fremdsprache. Das sollte dann natürlich nicht nur für Ukrainisch gelten, sondern auch für die Sprachen von zugewanderten Kindern aus anderen Ländern. Auch die Digitalisierung von Schulen kann weiter vorangebracht werden. Wenn jetzt ukrainische Lehrkräfte kommen, die hier erklären, wie man so ein System aufbaut, ist das doch hervorragend.

Zur Person

Juliane Karakayali
©Ute Langkafel MAIFOTO
  • Juliane Karakayali ist seit 2010 Professorin für Soziologie an der Evangelischen Hochschule Berlin.
  • Ihre Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Migration, Rassismus und Geschlechterforschung. Zu diesen Themen hat Juliane Karakayali viele Publikationen veröffentlicht und Vorträge gehalten.
  • Sie ist Mitglied im Rat für Migration e. V.
  • Die Ergebnisse zu ihren Forschungsarbeiten 2016 und 2020 zur Beschulung zugewanderter Schüler:innen sind hier nachzulesen.

Konzept einer Willkommensklasse

Dieser Inhalt wird im Rahmen einer gemeinsamen Initiative der Robert Bosch Stiftung und der Bertelsmann Stiftung bereitgestellt.

An der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) wurden Schülerinnen und Schüler im Frühjahr 2022 sehr schnell und unkompliziert aufgenommen. In diesem Interview stellen Kerstin Wilmans vom Lebens- und Arbeitskompetenzprogramm der ESBZ und der stellvertretende Schulleiter Christian Hausner vor, wie sie das Konzept der Willkommensklassen  an der ESBZ so abgewandelt hat, dass jede und jeder nach individuellen Bedarfen lernen kann. Dabei ist insbesondere auch das Online-Lernen mit ukrainischen Lehrangeboten integriert. 

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Das Interview-Video wurde von der Agentur J&K – Jöran und Konsorten am 14. April 2022 aufgezeichnet.