IQB-Bildungstrend 2021 : Viertklässler fallen in allen Kompetenzbereichen zurück

Der IQB-Bildungstrend 2021 hat kurz nach den pandemiebedingten Schulschließungen im vergangenen Jahr das Erreichen der Bildungsstandards in den vierten Klassen untersucht. Die am 1. Juli 2022 veröffentlichte Vorabauswertung zeigt: Die Ergebnisse in allen getesteten Kompetenzbereichen sind schlechter geworden. Der Anteil derjenigen Kinder, die am Ende der Grundschule nicht einmal die sogenannten Mindeststandards erreichen, ist je nach Kompetenzbereich um sechs bis acht Prozentpunkte gestiegen. Dabei geht die soziale Schere weiter auseinander. „Das ist schon eine gravierende Veränderung, die uns nicht kalt lassen kann“, sagt Petra Stanat, wissenschaftliche Leiterin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität zu Berlin, im Interview mit dem Schulportal.

Florentine Anders 01. Juli 2022
Kind mit einem Buch
Vor allem beim Lesen und Zuhören sind die Schülerinnen und Schüler im Vergleich zur Untersuchung 2016 stark zurück gefallen.
©Johnny McClung unsplash_johnny-mcclung-515498-unsplash

Schulportal: Das IQB hat im Jahr 2021 zum dritten Mal in Folge überprüft, wie die Kinder der vierten Klassen die festgelegten Bildungsstandards in Deutsch und Mathematik erreichen. Welche Kompetenzen genau wurden dabei abgefragt?
Petra Stanat:
In den IQB-Bildungstrends, die wir in der Grundschule durchführen, testen wir im Fach Deutsch drei Kompetenzbereiche: Lesen, Zuhören und Orthografie. Im Fach Mathematik werden Kompetenzen zu solchen Leitideen wie „Zahlen und Operationen“ und „Raum und Form“ erfasst, die wir einerseits separat auswerten, andererseits aber auch zu einer Globalskala mathematischer Kompetenz zusammenfassen. Die Ergebnisse unserer aktuellen Analysen beziehen sich auf die Globalskala.

Wie ist das Ergebnis im Vergleich zu den vergangenen Erhebungen?
Wir können in unseren Analysen Ergebnisse aus drei Erhebungen einbeziehen, die wir in den Jahren 2011, 2016 und 2021 durchgeführt haben. Und leider zeigt sich, dass die Ergebnisse in allen Kompetenzbereichen deutlich schlechter geworden sind. Wenn man Schätzungen des Lernzuwachses heranzieht, den Kinder zwischen der dritten und vierten Jahrgangsstufe ungefähr im Durchschnitt erreichen, dann hinken die Viertklässler:innen im Jahr 2021 den Viertklässler:innen im Jahr 2016 hinterher: in Orthografie und in Mathematik um ein Viertel Schuljahr, im Lesen um ein drittel Schuljahr und im Zuhören sogar um ein halbes Schuljahr. Und die Anteile derjenigen Kinder, die am Ende der Grundschule nicht einmal die sogenannten Mindeststandards erreichen, sind je nach Kompetenzbereich um sechs bis acht Prozentpunkte gestiegen. Das ist schon eine gravierende Veränderung, die uns nicht kalt lassen kann.

Das ist schon eine gravierende Veränderung, die uns nicht kalt lassen kann.

Kann dieser Trend auf die Einschränkungen durch die Pandemie zurückgeführt werden?
Die Ursachen dieses Trends können wir mit unserem Untersuchungsdesign nicht bestimmen. Wir haben drei Erhebungen durchgeführt, und in diesen Zeiträumen hat sich jeweils einiges verändert, was die Ergebnisse beeinflusst haben könnte. Mindestens drei Dinge könnten eine Rolle gespielt haben: Erstens haben wir schon zwischen 2011 und 2016 negative Trends gesehen, vor allem in der Orthografie, im Zuhören und in der Mathematik. Dieser ungünstige Trend könnte sich fortgesetzt haben und wäre möglicherweise auch ohne die Pandemie eingetreten. Zweitens hat sich der Anteil der Schüler:innen aus zugewanderten Familien weiter erhöht, insbesondere die Gruppe der Kinder, die selbst zugewandert sind, ist größer geworden – ihr Anteil ist zwischen 2016 und 2021 um fast 9 Prozentpunkte gestiegen. Sofern sich die Förderung dieser Gruppe von Schüler:innen in diesem Zeitraum nicht deutlich verbessert hat, könnte diese Veränderung in der Zusammensetzung zur Schülerschaft mit zur Fortsetzung des Negativtrends beigetragen haben. Und drittens schließlich sind da die pandemiebedingten Einschränkungen im Schulbetrieb, die mit ziemlicher Sicherheit die ungünstige Entwicklung verstärkt haben. Dafür spricht, dass wir in allen Kompetenzbereichen, jetzt auch im Lesen, zwischen 2016 und 2021 eine deutliche Verschlechterung sehen und auch Ergebnisse anderer Studien aus dem In- und Ausland für Effekte pandemiebedingter Einschränkungen auf die Lernentwicklung sprechen. Außerdem haben wir gemeinsam mit Kooperationspartner:innen einen weiteren Vergleich von Mathematikleistungen durchgeführt, die in einem engeren Zeitraum – zwischen 2019 und 2021 – erzielt wurden; hier finden wir ähnliche Ergebnisse.

Sie werten im IQB-Bildungstrend die Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler auch nach sozioökonomischen Hintergrund aus. Expertinnen und Expertinnen befürchten, dass die soziale Schere durch die Pandemie weiter auseinandergeht. Hat sich die Befürchtung in den Tests bestätigt?
Diese Befürchtung hat sich leider tatsächlich bestätigt. Die Abhängigkeit des erreichten Kompetenzniveaus vom sozioökonomischen Hintergrund der Familien hat sich verstärkt. Von den ungünstigen Trends sind Kinder aus eingewanderten Familien besonders stark betroffen, vor allem wenn sie selbst im Ausland geboren sind – die sogenannte erste Generation. Aber auch Kinder ohne Einwanderungshintergrund erreichen im Jahr 2021 ein geringeres Kompetenzniveau als 2016. Die Negativtrends sind also nicht auf einzelne Gruppen beschränkt, aber die Schere ist weiter aufgegangen.

Sind die Corona-Aufholprogramme aus Ihrer Sicht geeignet, um die Rückstände durch die Pandemie kurzfristig auszugleichen?
Die SWK – die Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK – hat ja im Juni 2021 empfohlen, Corona-Aufholmaßnahmen auf besonders betroffene Kinder und Jugendliche und auf die Sicherung von sprachlichen und mathematischen Basiskompetenzen zu fokussieren, in Verbindung mit psychosozialer Unterstützung. Eine solche gezielte Förderung kann durchaus sinnvoll sein, wenn sie fundiert geplant und umgesetzt wird. Aber eine nachhaltige Verringerung des Anteils von Schüler:innen, die nicht die Mindeststandards erreichen, wird man durch temporäre Programme wohl nicht erreichen. Hierfür brauchen wir kohärente, langfristig angelegte Strategien mit klaren Zielen, konkreten Umsetzungsplänen und einem begleitenden Monitoring.

Aber eine nachhaltige Verringerung des Anteils von Schüler:innen, die nicht die Mindeststandards erreichen, wird man durch temporäre Programme wohl nicht erreichen.

Das Deutsche Schulbarometer, eine Lehrerumfrage der Robert Bosch Stiftung, zeigte kürzlich, dass viele Lehrkräfte Motivationsprobleme bei ihren Schülerinnen und Schülern infolge der Pandemie beobachten. Was sagen die Daten im IQB-Bildungstrend dazu?
Bei den Viertklässlerinnen und Viertklässlern hat tatsächlich das Interesse an den Fächern Deutsch und Mathematik etwas abgenommen; der Unterschied ist aber nicht sehr groß, und insgesamt sind die Werte weiterhin hoch. Auch das fachbezogene Selbstkonzept, also die Überzeugung, in Deutsch beziehungsweise Mathematik gut zu sein, ist in beiden Fächern positiv und hat nur im Fach Deutsch etwas nachgelassen. Bei Grundschulkindern scheinen die pandemiebedingten Einschränkungen also im Durchschnitt keine großen Motivationsprobleme verursacht zu haben. Bei Jugendlichen in der Sekundarstufe könnte es aber natürlich anders aussehen.

Wie sah die Zufriedenheit der Kinder mit der Schule zum Zeitpunkt der Befragung aus?
Auch die Zufriedenheit mit der Schule war zum Zeitpunkt der Befragung bei den Viertklässler:innen sehr hoch und sogar noch etwas stärker ausgeprägt als im Jahr 2016. Das ist vielleicht etwas überraschend, da der Fern- und Wechselunterricht für die Kinder ja sehr belastend war. Aber möglicherweise haben sie gerade deshalb ihre Schulen, die sie nun wieder regelmäßig besuchen konnten, noch mehr wertgeschätzt als vorher ohnehin schon. Ihre Lehrkräfte, ihre Mitschüler:innen und der schulische Alltag wird den meisten von ihnen ja sehr gefehlt haben.

Auf einen Blick

  • Im IQB-Bildungstrend 2021 hat das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Auftrag der Kultusministerkonferenz zum dritten Mal untersucht, inwieweit Viertklässlerinnen und Viertklässler die bundesweit geltenden Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) in den Fächern Deutsch und Mathematik für den Primarbereich erreichen. Durch einen Vergleich mit den Ergebnissen des IQB- Ländervergleichs 2011 und des IQB-Bildungstrends 2016 ist es möglich, zu prüfen, inwieweit sich das Kompetenzniveau der Kinder in den letzten fünf beziehungsweise zehn Jahren verändert hat.
  • Am IQB-Bildungstrend 2021 haben 26.844 Schülerinnen und Schüler der vierten Jahrgangsstufe in 1.464 Grund- und Förderschulen aus allen 16 Ländern teilgenommen. Im Fach Deutsch wurden die Kompetenzbereiche „Lesen“, „Zuhören“ und „Orthografie“ geprüft, im Fach Mathematik fünf inhaltsbezogene Kompetenzbereiche (Leitideen), die sich in einer Globalskala mathematischer Kompetenz zusammenfassen lassen.
  • Der vorgestellte Kurzbericht enthält erste Ergebnisse für Deutschland insgesamt und kann auf der Webseite des IQB heruntergeladen werden. Vertiefende Analysen und Ergebnisse zu den einzelnen Ländern werden im Oktober 2022 im Berichtsband zum IQB-Bildungstrend 2021 publiziert.
  • Von April bis Juli 2022 finden die Erhebungen in den neunten Klassen für den IQB-Bildungstrend 2022 statt, an dem Schülerinnen und Schüler der neunten Jahrgangsstufe aus allen Bundesländern teilnehmen. Überprüft wird das Erreichen der Bildungsstandards der KMK in den Fächern Deutsch, Englisch, Französisch. Die Ergebnisse werden im Herbst 2023 vorgestellt.

Zur Person

Petra Stanat ist Direktorin und wissenschaftlicher Vorstand des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Bildungsqualität und Bildungsmonitoring sowie soziale, zuwanderungsbezogene und geschlechtsbezogene Disparitäten im Bildungserfolg.