Dieser Artikel erschien am 22.07.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Heike Schmoll

Berliner Grundschulen : Viele können nicht lesen, etliche nicht rechnen

Bei einem deutschlandweiten Vergleichstest schneiden Berliner Grundschüler desaströs ab. Nun sollen neue Vorgaben für den Unterricht und Sprachkurse Abhilfe schaffen.

Ein Vergleichstest vom Mai 2019 zeigt, dass ein Großteil der Berliner Grundschüler unterdurchschnittlich gut lesen und rechnen können.
Ein Vergleichstest vom Mai 2019 zeigt, dass ein Großteil der Berliner Grundschüler unterdurchschnittlich gut lesen und rechnen können.
©Komsomolic

Während Bremen und Niedersachsen schon vor einiger Zeit aus dem Vergleichs­test für Dritt­klässler – genannt Vera 3 – aus­gestiegen sind, ist Berlin dabei­geblieben, immerhin. Vermutlich wird man das bei der bröckelnden Gesamt­strategie der Kultus­minister­konferenz schon als Erfolg bewerten müssen. Das Ergebnis der dies­jährigen Vergleichs­arbeiten aller­dings sieht auch die Senats­bildungs­verwaltung nicht als Erfolg, auch wenn sie darauf hinweist, dass Vera 3 Leistungen abfragt, die eigentlich erst am Ende der vierten Klasse erreicht sein müssen. Berlins Dritt­klässler bleiben jeden­falls sowohl in Deutsch als auch in Mathematik weit hinter den Erwartungen zurück. Das geht aus den Vergleichs­arbeiten der Grund­schüler hervor, die im Mai dieses Jahres geschrieben wurden.

In Deutsch lagen 52 Prozent der Schüler auf einem unter­durch­schnittlichen Leistungs­niveau, in Mathematik sogar 56 Prozent. Das geht aus der Antwort der Senats­bildungs­verwaltung auf eine Anfrage des Berliner AfD-Abgeordneten Tommy Tabor hervor. Getestet wurden in Deutsch das Lesen und das Zuhören. Beim Lesen liegen 29 Prozent der Schüler auf der untersten Kompetenz­stufe, erreichen also nicht einmal den Mindest­standard. Auf Stufe zwei (Mindest­anforderungen erfüllt) liegen immer noch 23 Prozent, 13 Prozent auf Stufe drei (durch­schnitt­liche Erwartungen der Bildungs­standards). Die obersten Kompetenz­stufen vier (über­durch­schnittliche Leistungen) und fünf (Erwartungen werden bei weitem über­troffen) werden von 19 beziehungs­weise 14 Prozent der Dritt­klässler erreicht. Beim Zuhören sieht es nicht viel besser aus: 27 Prozent erreichten die Mindest­anforderungen nicht, 25 Prozent gerade so, und jeweils 15 Prozent entfielen auf Stufe drei und vier, 17 Prozent auf Stufe fünf. Nur 47 Prozent erreichen also den Regel­standard oder sind besser.

In Mathematik wurden die Bereiche „Raum und Form“ und „Häufigkeit und Wahr­schein­lichkeit“ getestet. Im Bereich „Raum und Form“ bleiben 30 Prozent der Dritt­klässler auf der untersten Kompetenz­stufe, können also mit Mühe bestimmte Routine­aufgaben nach­voll­ziehen, aber nicht selbst anwenden. Auf Stufe zwei liegen 25 Prozent der Schüler. Ein ähnliches Bild ergibt sich für „Häufigkeit und Wahr­scheinlich­keit“. Mehr als die Hälfte der Grund­schüler erreicht die Regel­stufe nicht – sie werden die erwarteten Standards auch in der vierten Klasse nicht beherrschen. Das Institut für Schul­qualität in Berlin (ISQ) informiert darüber, dass „man erwartet, dass durch­schnittlich etwa die Hälfte der Aufgaben richtig gelöst wird“. Doch davon kann weder beim Lesen noch in der Mathematik die Rede sein.

Die Spreizung der Leistungen unter den Schülern ist enorm. Im Bereich „Lesen“ erreichen 35 Prozent über­durch­schnittliche Leistungen und im Bereich „Zuhören“ 32 Prozent. Geringer ist der Anteil der Schüler, die in Mathe­matik exzellent abschneiden: Im Bereich „Raum und Form“ fallen nur 21 Prozent der Schüler in die Kompetenz­stufen vier und fünf, im Bereich „Häufigkeit und Wahr­scheinlichkeit“ sind es 25 Prozent. Schon im Mai dieses Jahres hatte die Berliner CDU im Abgeordneten­haus eine verpflichtende Sommer­schule für Berlins Schüler mit ungenügenden Deutsch­kenntnissen von der zweiten Klasse an gefordert. In institutionalisierten Tests solle fest­gestellt werden, wer daran teil­nehmen müsse. Häufig reiche der schul­begleitende Sprach­unterricht nicht, um ein ausreichend hohes Sprach­niveau sicher­zustellen. Auch die frei­willigen Angebote in den bereits bestehenden Ferien­sprach­schulen könnten die erheblichen Defizite vieler Schüler nicht auffangen, so dass sich Sprach­defizite durch die gesamte Schul­lauf­bahn zögen, heißt es in einem Antrag der CDU-Fraktion. Die CDU erhofft sich davon, auf diese Weise die Anzahl der Schul­abgänger ohne Abschluss senken zu können – dies sind immerhin 13 Prozent, an den Gemein­schafts­schulen sogar 15 Prozent.

Die Senatsbildungsverwaltung verweist auf die Qualitäts­offensive von Bildungs­senatorin Sandra Scheeres (SPD), die nach den Sommer­ferien beginnen soll. Dazu gehört eine Wochen­stunde mehr Deutsch in den Klassen eins und zwei, vom kommenden Schul­jahr an auch in den Klassen drei und vier. Außer­dem soll es feste Vorgaben für den Unterricht geben, dreimal in der Woche ein 15 Minuten dauerndes Lese­training, täglich ein Training für Schreib­flüssig­keit und zu Beginn der Klassen­stufen zwei, vier, fünf und sechs (Berlin hat eine sechs­jährige Grund­schule) verbindliche individuelle Lern­stands­analysen. Außerdem plant die Verwaltung bindende Verträge zwischen Schule und Schul­aufsicht, die sich nicht in Ziel­vereinbarungen erschöpfen, sondern viel konkreter in Unterrichts­gestaltung eingreifen.