Dieser Artikel erschien am 31.01.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Julian Staib

Bildungspolitik : Viele hessische Schulen dürfen künftig auf Noten verzichten

In der Bildungspolitik haben sich die Grünen mit der Forderung durchgesetzt, dass bis zu 150 Schulen künftig teils keine Noten mehr vergeben müssen. „Pädagogisch neue Wege“ werden im Koalitionsvertrag versprochen. In der CDU gibt es große Vorbehalte gegen den Plan.

Das Zeugnis einer Schülerin der dritten Klasse (Symbolbild)
Das Zeugnis einer Schülerin der dritten Klasse (Symbolbild)
©dpa

Viele hessische Schulen sollen künftig selbst entscheiden können, ob sie ihre Schüler benoten oder ihnen statt­dessen schriftliche Bewertungen ausstellen. Das bestätigte ein Sprecher des hessischen Kultus­ministers Alexander Lorz (CDU) der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Reform geht auf eine Wahl­kampf­forderung der Grünen zurück, in der hessischen CDU gibt es dagegen große Vor­behalte.

Schulen solle die Möglichkeit gegeben werden „pädagogisch neue Wege bei der Erreichung der Bildungs­ziele zu gehen“, heißt es im Koalitions­vertrag der schwarz-grünen Landes­regierung verklausuliert. So sollen künftig „Abweichungen bei der Unterrichts­organisation und -gestaltung“ möglich sein, unter anderem bei der „Ausgestaltung der Leistungs­nach­weise“. Künftig könnten Schulen „Rück­meldungen über den Lern­fort­schritt und den Leistungs­stand der Schülerinnen und Schüler in Form einer schriftlichen Bewertung geben“. Beim Verlassen der Schule oder einem Schul­wechsel müsse dann ein „Zeugnis mit Ziffern­noten“ erstellt werden.

Bei dem Plan handele es sich um eine „Absichts­erklärung“, die noch mit Leben gefüllt werden müsse, sagte der Sprecher des Kultus­ministeriums. Seinen Angaben zufolge eigne sich das Vorhaben vor allem für Gesamt­schulen. Aller­dings sieht der Koalitions­vertrag keine Ein­schränkung vor, die Regelung ist damit auch für Grund­schulen und Gymnasien offen. Der Koalitions­vertrag sieht eine Deckelung auf 150 Schulen (30 Schulen pro Jahr in dieser Legislatur­periode) vor.

Das Vorhaben geht auf eine Forderung der Grünen zurück. Ziel sei es, den Schulen mit der Regelung zu einer freien Entscheidung über eine mögliche Benotung „endlich einen Aufbruch“ zu ermöglichen, sagte deren Fraktions­vorsitzender im hessischen Landtag Mathias Wagner. Es gehe nicht um weniger Leistung. Im Gegenteil. „Die Bildungs­ziele sind mit einer anderen Pädagogik teil­weise besser zu erreichen.“ Die Regelung sei zudem „ein Angebot und keine Pflicht“, sagte Wagner. Im Wahl­programm der Grünen für die Land­tags­wahl hieß es, Schulen solle es ermöglicht werden, dass sie „freiwillig schriftliche Bewertungen als Ergänzung oder anstelle von Ziffern­noten bis Jahr­gangs­stufe 8 einführen können“.

Die Christdemokraten hatten bei der Landtagswahl im Herbst deutliche Verluste erlitten und waren geschwächt in eine Fortsetzung der Koalition mit erstarkten Grünen gegangen, deren Hand­schrift im Koalitions­vertrag nun deutlicher zu erkennen ist als zuvor. Im Wahl­kampf 2013, also vor der Bildung der ersten schwarz-grünen Koalition, hatte Minister­präsident Volker Bouffier (CDU) noch geäußert: „Wir wollen und werden nicht zulassen, dass (…) es keine Noten mehr gibt und die Menschen alle in eine Einheits­form gepresst werden. Das ist nicht nur inhuman, das ist auch falsch und wir werden alles tun, unsere Kinder vor dieser Irrfahrt zu bewahren.“ Auch heute noch gibt es Vorbehalte in der CDU bei dem Thema, von „Sprengkraft“ spricht ein Parteimitglied.

Bildung ist in der hessischen Politik traditionell ein hart umkämpftes Thema. Die CDU hatte einst unter dem damaligen Landes­vor­sitzenden Alfred Dregger scharfe Wahl­kämpfe gegen die Reformpolitik der SPD im Bildungs­bereich geführt, insbesondere gegen den einstigen SPD-Kultus­minister Ludwig von Friedeburg. Auch beim jüngsten Wahl­kampf hatte Bouffier Reform­vorschläge der oppositionellen SPD scharf kritisiert und ihr einen „Zwang zur Ganz­tags­schule“ vor­geworfen.

Dem schwarz-grünen Koalitions­vertrag zufolge sollen die betroffenen Schulen künftig außer der Möglichkeit, keine Noten mehr zu vergeben, weitere Freiheiten erhalten, etwa bei der Bildung von Lern­gruppen sowie der Ausgestaltung von Lehr­plänen und Stunden­tafeln. Auch können die Schulen Unterricht fächer­über­greifend erteilen und Schüler stärker in die Gestaltung des Unterrichts einbeziehen.

In Hessen gibt es insgesamt rund 1800 Schulen, davon sind rund 1100 Grund- und rund 200 berufliche Schulen. Die Neuregelung kommt mutmaßlich nur für jene Jahr­gangs­stufen in Betracht, bei denen kein Wechsel auf eine weiter­führende Schule ansteht, also für etwa 500 Schulen. Einige wenige Gesamt­schulen in Hessen arbeiten bereits bisher in Teilen ohne Benotungen.

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