Baden-Württembergs Schulen : Viel Erkenntnis und großer Handlungsverzug

Baden-Württemberg weiß schon lange, wo die Schwächen des eigenen Bildungssystems liegen, reagiert aber zu langsam. Die vor zehn Jahren empfohlene Stärkung der frühkindlichen Bildung wurde bis heute nicht eingelöst.

Dieser Artikel erschien am 13.11.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Rüdiger Soldt
Kultusministerin Theresa Schopper
Muss rasch umsteuern: Kultusministerin Theresa Schopper
©dpa

Am Befund über die mangelnde Qualität des baden-württembergischen Schulsystems lässt sich nicht rütteln. Sowohl die VERA-Vergleichsstudie über die Leistungen der Achtklässler in Rechtschreibung und Mathematik als auch jetzt der IQB-Bildungstrend der Berliner Bildungsforscherin Petra Stanat für die Grundschulen zeigen: Das frühere Musterbildungsland hat ein Problem. In der Sonderauswertung des IQB-Bildungstrends für Baden-Württemberg – befragt wurden 1677 Schüler an 91 Schulen – heißt es: 19 Prozent der Schüler erreichen beim Lesen und Zuhören die Mindeststandards nicht, 28 Prozent in der Orthographie. Und im Fach Mathematik sind es 20 Prozent. Die Leistungen von Schülern aus Einwandererfamilien und aus sozial benachteiligten Familien sind seit 2016 noch einmal abgesackt. Beim Zuhören zum Beispiel erreichten im vorausgegangenen Bildungstrend 37 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund den Mindeststandard nicht, jetzt sind es 46 Prozent.

Der Anteil der Grundschüler, in deren Familien ausschließlich Deutsch Familiensprache ist, beträgt nur noch 50 Prozent. Aber auch bei Kindern aus diesen Familien stieg der Anteil derjenigen, die den Mindeststandard nicht erfüllen, von neun auf 23 Prozent. Beim Lesen und beim Zuhören ist Baden-Württemberg schlechter als der Durchschnitt aller Bundesländer – und der Kompetenzrückgang hat sich seit 2016 sogar noch einmal verstärkt. In Bayern, mit dem sich Baden-Württemberg sonst gern vergleicht, erreichen in allen vier gemessenen Bereichen (Lesen, Zuhören, Orthographie und Mathematik) deutlich mehr Kinder den Mindeststandard. Die Hamburger Grundschüler sind zumindest im Zuhören und Lesen besser. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sagt, die Abwärtsbewegung sei insgesamt „gebremst“ worden, sieht jedoch Handlungsbedarf: „Außer der Tatsache, dass die Schülerinnen und Schüler die Schule grundsätzlich als positiv erleben, dürfen uns die Ergebnisse nicht zufriedenstellen. Denn Lesen, Zuhören und Rechnen sind für das weitere Lernen von zentraler Bedeutung und als Basiskompetenzen Grundlage für einen erfolgreichen Bildungs- und Berufsweg.“

Die Regierung will die Ursachen noch diskutieren, Bildungsforscher nicht

Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann gibt sich ebenfalls besorgt, hält aber trotz der heterogenen Schülerschaft nichts davon, vor allem über die Neueinstellung von Lehrern zu diskutieren. 1980 habe es 74 000 Lehrer gegeben, jetzt seien es bei 16 Prozent weniger Schülern immerhin fast 94 000. Ob er sich damit durchsetzen kann, lässt sich noch nicht sagen.

Während die grün-schwarze Landesregierung über die Abstiegsursachen und mögliche weitere Maßnahmen noch diskutieren will, wissen Bildungsforscher schon sehr genau, wo Versäumnisse lagen und an welchen Stellschrauben man drehen könnte. Der Hamburger Weg gilt als vorbildlich: regelmäßige Lernstandserhebungen, kostenlose Nachhilfe, zusätzliche Sprach- und Leseförderung im Unterricht, sobald Defizite diagnostiziert werden. Hamburg hat damit vor zehn Jahren begonnen, als man in Baden-Württemberg den steigenden Einwandereranteil noch ignorierte und glaubte, auf die wachsende Heterogenität der Schülerschaft nicht reagieren zu müssen. „Das Ergebnis der IQB-Studie für Baden-Württemberg sollte nicht wirklich überraschen. Es gab 2011 einen ersten Expertenbericht, der klar herausgearbeitet hat, dass sich die Grundschulen in Baden-Württemberg auf einen hohen Anteil von Schülern aus Familien mit Zuwanderungshintergrund einstellen müssen. Tatsächlich ist dieser Anteil zwischen 2011 und 2022 um rund 20 Prozentpunkte gestiegen“, sagt der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein. Auf diesen recht eindeutigen Befund sei zu langsam reagiert worden, wichtige Reformen habe man „verbummelt“. „Hätte Baden-Württemberg, wie im Expertenbericht empfohlen und von Hamburg vorgemacht, systematisch in frühkindliche Bildung investiert, würden wir heute besser dastehen.“

„Das Personal in den Grundschulen ist schon jetzt an der Kapazitätsgrenze“

Trautwein vergleicht die Schulen mit einem Krankenhaus: „Was die Mindeststandards angeht, muss eine Grundschulklasse funktionieren wie eine gut geführte Krankenhausstation. Man muss sofort merken, wenn etwas nicht stimmt. Die frühzeitige Diagnose, eine umfassende Bestandsaufnahme der Lernhürden und der Lernpotentiale der Kinder und anschließend umfassende Unterstützungsmaßnahmen durch Lehrkräfte und weiteres Fachpersonal, das sind die entscheidenden Teile des Erfolgsrezepts.“

Die grün-schwarze Landesregierung beschreitet mit dem Programm „Starke Basis“ diesen Weg. Nach Trautweins Auffassung kann das erst der Anfang sein. Manche Verbesserungen seien ohne Mehrkosten zu erreichen, es müsse aber auch über zusätzliche Investitionen geredet werden. „Das Personal in den Grundschulen ist schon jetzt an der Kapazitätsgrenze“, sagt Trautwein. Das Entscheidende sei, dass sich die Leistungen der Grundschüler nicht unbemerkt und unaufhaltsam verschlechtern, weil sie Sprachschwierigkeiten haben oder weil sie aus benachteiligten Elternhäusern stammen. „Wir brauchen Lehrkräfte, die genau hinschauen, unterstützt durch den Einsatz standardisierter Instrumente.“ Nötig sei es vor allem, digitale Lernmedien so einzusetzen, dass die Lehrer immer einen aktuellen Überblick über den Lernfortschritt hätten und besser verstehen könnten, wo die Lernschwierigkeiten genau lägen, ob etwa eine Lernstörung vorliege oder am Sprachvermögen gearbeitet werden müsse. „Was im selbsterklärten Hightech-Land Baden-Württemberg noch wie Zukunftsfiktion klingt, ist beispielsweise in den Niederlanden schon die Realität für mehr als die Hälfte der Grundschulen“, sagt Trautwein.

Von der Bedeutung der frühkindlichen Bildung ist nicht viel geblieben

Gleichzeitig müsse die vorschulische Bildung stärker in den Blick genommen werden: Wenn die Kinder ihre Sprachfähigkeiten in den Kitas nicht so verbessern, dass sie das erforderliche Niveau für die Einschulung erreichen, lässt sich auch an der Grundschule nicht mehr alles aufholen. „Man war sich politisch nach dem PISA-Schock mal einig über die entscheidende Rolle der frühkindlichen Bildung. Davon ist leider wenig geblieben. Im Moment haben wir in den Kitas mangels Personal vor allem ein Betreuungsproblem, da fällt die Qualität oftmals hinten runter“, sagt Stefan Faas, Professor für Pädagogik der frühen Kindheit an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd. Die Landesregierung schreibe zwar gerade den alten, unpräzisen Bildungsplan für den vorschulischen Bereich fort, es fehlten aber immer noch verbindliche pädagogische Qualitätsstandards. Noch nicht einmal eine hinreichende Datengrundlage gibt es. Die letzte Studie zur Bildungsqualität in Kitas stammt aus dem Jahr 2013, die Daten sind aus dem Jahr 2010. „Zur Beurteilung der für schulisches Lernen relevanten Vorläuferfähigkeiten oder der hierfür relevanten Anregungsqualität im vorschulischen Bereich müssen wir dringend ein Monitoring-System entwickeln“, sagt Faas.

Kultusministerin Schopper verweist darauf, dass es an den Schulen künftig eine „sozialindexbasierte Ressourcenzuweisung“ geben soll und „multiprofessionelle Teams“ zur Förderung schwacher Schüler erprobt werden. Außerdem gebe es schon seit 2016 zusätzliche Mathe- und Deutschstunden, mit den neu gegründeten Instituten zur Lehrerfortbildung und Qualitätsüberwachung und dem Digitalpakt hätten die Landesregierungen auch für die Grundschulen schon einiges geleistet. Pädagogische Reformen in den Schulen wirken nicht sofort. Rebecca Schneider vom IQB-Institut in Berlin rechnet nicht mit einer kurzfristigen Trendwende in Baden-Württemberg: „Den Erfolg von Einzelprogrammen sieht man erst nach fünf oder zehn Jahren.“ Mehr Diversität sei für Schulen und Lehrer eine gewaltige Veränderung.