Lehrermangel : Vermisst und umworben

Unterrichtsausfall wird zur Regel. Verzweifelt kämpfen Schulleiter gegen den Lehrermangel.

Dieser Artikel erschien am 23.06.2022 auf ZEIT Online
Jeannette Otto
leeres Klassenzimmer
Viele Lehrkräfte werden in den nächsten Jahren pensioniert und die dadurch entstehende Lücke an Lehrkräften wird kaum zu ersetzen sein.
©dpa

Morgens, bevor der Unterricht losgeht, schaut Jessika Hellge manchmal vom Balkon vor ihrem Büro aus über den Schulhof. Sie sieht die Kinder trödeln, hüpfen oder rennen – und die Schulleiterin sieht ihren Stellvertreter, der an der Tür steht und alle begrüßt. Sie mag dieses Bild, aber es macht ihr auch Angst. Ein paar Wochen noch, dann ist da keiner mehr an der Tür. Dann ist er weg, der Kollege. Er geht in den Ruhestand, etliche andere werden bald folgen. Innerhalb der nächsten vier Jahre verlassen 19 Lehrerinnen und Lehrer der Comenius-Sekundarschule in Stendal ihren Arbeitsplatz.

Eine Schule leiten, der die Pädagogen abhandenkommen: Für Jessika Hellge, 38, ist der Generationenwechsel im Lehrerzimmer zur größten beruflichen Herausforderung geworden. Denn genau genommen ist dieser Wechsel ein dramatischer Schwund. Die alte Generation geht, eine neue kommt nicht nach. Die Schule in Stendal ist nur ein Beispiel für eine Entwicklung, die ganz Sachsen-Anhalt erfasst hat. In den nächsten Jahren geht an vielen Schulen rund die Hälfte der Lehrkräfte verloren, schon jetzt klafft eine bedrohliche Lücke.

Immer weniger Lehrer

440 Kinder und Jugendliche von der fünften bis zur zehnten Klasse besuchen die Comenius-Sekundarschule, einen imposanten Backsteinbau mitten in Stendal, Bauhausstil, in den späten Zwanzigerjahren errichtet. 34 Lehrerinnen und Lehrer und ein Sozialpädagoge arbeiten hier. Vor elf Jahren, im Schuljahr 2010/11, gab es für die gleiche Kinderzahl 50 Lehrkräfte und drei pädagogische Mitarbeiter, insgesamt also 18 Pädagogen mehr.

Aber nicht nur in Sachsen-Anhalt, nicht nur im Osten Deutschlands, überall in der Republik stehen Schulen vor einem gewaltigen Problem. Es ist vermutlich größer als alle Probleme, die sie bisher kannten: Pisa, der Kampf um das neunjährige Gymnasium, Ganztagsschule, Inklusion, schließlich Corona – nichts davon schien so allumfassend, so existenziell. Alles wirkte irgendwie beherrschbar gegenüber der großen Leerstelle, die gerade in den Lehrerzimmern entsteht. Die Prognosen, wie viele Pädagogen in den nächsten zehn Jahren fehlen, schwanken: zwischen einigen Zehntausend bis weit über hunderttausend. Der Nationale Bildungsbericht, der diesen Donnerstag erscheint, wird die Lehrerlücke offiziell beziffern.

Dunkle Szenarien bauen sich auf: Ist das der endgültige Abschied von der Bildungsrepublik Deutschland, die Altkanzlerin Merkel 2008 ausrief? Ist es jetzt vorbei mit dem Versprechen vom Bildungsaufstieg? Vorbei mit der Hoffnung, Anschluss an erfolgreiche Bildungsnationen wie Singapur, Finnland, Estland oder Kanada zu finden? Wenn Fächer nicht mehr unterrichtet und Kinder nach Hause geschickt werden, weil vorn an der Tafel kein Lehrer steht, was helfen dann Slogans wie „Beste Bildung für alle“, wie es im Koalitionsvertrag heißt?

Eine Zukunft ohne ausreichend viele und ausreichend qualifizierte Pädagogen ist riskant für eine Gesellschaft, in der Bildungschancen höchst ungerecht verteilt sind und mehr als 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen als sogenannte Risikoschüler nach zehn Jahren Schule nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können. Nie war die Hoffnung auf die Wirkung guten Unterrichts größer als jetzt, wo Krieg und Klimakatastrophe nach Menschen verlangen, die sich klug verhalten und Lösungen finden für die Rettung der Welt. Nie war der Ruf nach leidenschaftlichen Lehrkräften lauter, weil es in ihrem Job nicht nur um Wissen geht, sondern nebenbei um nichts Geringeres als Persönlichkeitsbildung, Menschwerdung, das Ermöglichen von Lebensträumen. Was für eine Aufgabe!

Bildung ist ein Grundrecht

Dass schulische Bildung in Deutschland ein Grundrecht ist, darauf hat das Bundesverfassungsgericht erst Ende 2021 durch ein wegweisendes Urteil hingewiesen. Nicht nur nach der Erfahrung monatelanger pandemiebedingter Schulschließungen war das ein wichtiges Signal. Der akute Lehrermangel, in dessen Folge Kinder auf Fächer wie Kunst, Musik, Chemie oder Physik verzichten müssen und sich auf Zeugnissen die Formulierung „nicht erteilt“ etabliert, zeigt, wie bedroht dieses Grundrecht in weiten Teilen des Landes ist.

An der Comenius-Sekundarschule wird kaum noch eine Stunde vertreten. Ausfall ist gleich ungenutzte Zeit ist gleich Lernverlust. Bis in den Mai hinein hatten die fünften und sechsten Klassen kein Englisch. Deutsch wurde in diesen Jahrgängen von fünf auf drei Stunden gekürzt. Seit vergangenem November gibt es keinen Chemieunterricht mehr, nachdem die einzige Fachlehrerin in Rente ging. Nun hat der Russischlehrer Christoph Rosenbaum, ausgebildeter Slawist, der als Seiteneinsteiger an die Schule kam und in den vergangenen Jahren auch in Mathe eingesprungen ist, zumindest die zehnte Klasse übernommen, obwohl er „Chemie nicht auch noch unterrichten wollte“, wie er sagt. Aber ohne seinen Einsatz wäre der Abschluss einiger Jugendlicher gefährdet gewesen.

Schwache leiden besonders

Der Mangel trifft die Schwachen besonders hart: In vielen Comenius-Klassen sitzen Schüler mit Förderbedarf. Laut Ministerium hat jeder Einzelne von ihnen je nach Förderschwerpunkt Anspruch auf ein bis vier Stunden pro Woche gezielte Unterstützung durch einen Sonderpädagogen. Insgesamt 60 Wochenstunden Förderunterricht müsste die Schule offiziell anbieten. „In der Realität“, sagt Jessika Hellge, „sind es sechs Stunden.“ Schließlich wird die zuständige Sonderpädagogin auch anderswo gebraucht, pendelt zwischen verschiedenen Standorten und kann keinem gerecht werden. „Nur ein Beispiel“, sagt Hellge, „wir haben in der sechsten Klasse einen Jungen, der lernt gerade schreiben. Der braucht permanent Hilfe, bekommt sie aber nicht. Für seine Entwicklung ist das eine Katastrophe.“

Auch die ganztägige Betreuung – großes, imageträchtiges Fortschrittsprojekt deutscher Bildungs- und Familienpolitik – kann die Schule nur halbherzig umsetzen. Auf dem Papier hat Hellge einen Anspruch von 74 Stunden Unterstützung pro Woche durch pädagogische Mitarbeiter. Aber, wie es so kommt: Einer zog weg, eine andere orientierte sich beruflich neu. Beide Stellen hat das Land nicht neu ausgeschrieben – warum, hat Hellge niemand erklärt.

Sieben Jahre dauert die Ausbildung zur Lehrkraft

Der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm streitet sich seit Jahren mit den Kultusministern der Länder. Immer geht es um Prognosen, die deutlich machen sollen, wie viele Lehrer zukünftig tatsächlich gebraucht werden, worauf man sich einzustellen habe, an Universitäten, in Studienseminaren für Referendare, in der Weiterbildung. Klemms Berechnungen sorgen regelmäßig für Aufregung, weil seine Ergebnisse extremer ausfallen als die der politisch Verantwortlichen. Die Kultusminister haben lange viel zu träge auf steigende Geburtenzahlen und die hohe Zuwanderung nach Deutschland reagiert. Das aktuelle Dilemma in den Lehrerzimmern entstand auch deshalb, weil es keine vorausschauende, realistische Bedarfs- und Angebotsplanung gab. Die Ausbildung einer Lehrkraft dauert sieben Jahre, wobei nicht alle Studierenden bis zum Ende durchhalten. Gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern biegen vorher viele in andere Berufsfelder ab.

Die letzten Prognosen Klemms stammen von Ende März; nach ihnen müssen bis 2035 in ganz Deutschland 532.600 neue Lehrkräfte eingestellt werden. Die Kultusministerkonferenz (KMK) rechnet mit einem etwas geringeren Bedarf. Deutlich stärker dagegen gehen die Zahlen bei der Frage auseinander, wie viele neue Lehrkräfte überhaupt zur Verfügung stehen. Laut KMK wird es eine Lücke von 23.800 Lehrerinnen und Lehrer geben. Klemm dagegen rechnet mit 158.700 fehlenden Fachkräften. In seine Auswertung bezieht er ein, dass bildungspolitische Reformvorhaben wie der Ausbau der Ganztagsschulen, die Inklusion und die bessere Unterstützung von Schülern in benachteiligten Vierteln nicht ohne zusätzliches Personal zu stemmen sind.

Der Mangel ist überall

Egal, wohin man in Deutschland blickt, der Lehrermangel ist schon da. Besonders hart trifft er die Grund- und die Sekundarschulen – und oft auch Kinder, die zu Hause wenig Unterstützung bekommen, ihre Lehrer also umso dringender brauchen. Berlin geht davon aus, im kommenden Schuljahr 920 Vollzeitstellen nicht besetzen zu können. Lehrer werden dort nun wieder verbeamtet, die Kollegien sollen durch Logopäden, Ergo- und Musiktherapeuten verstärkt werden. Die Hauptstadt wirbt zudem mit einem Einstiegsgehalt von 5700 Euro brutto, auch für Quereinsteiger. Zum Vergleich: Angehende Professoren bekommen tausend Euro weniger.

In Thüringen müssten in jedem Schuljahr rund 900 neue Lehrkräfte eingestellt werden, auch dort wurden die Gehälter erhöht, Verbeamtungen als Anreiz gesetzt, doch die erhofften Bewerberzahlen bleiben aus. Sachsens Kultusminister gab gerade bekannt, dass auch sein Land Lehrer weiterhin verbeamten wolle, nur so könne man „wettbewerbsfähig bleiben auf dem heiß umkämpften Lehrerarbeitsmarkt“. Und Mecklenburg-Vorpommern nutzt die Hochsaison an der Küste, um Urlauber mit pädagogischer Ausbildung oder Ambition anzulocken – mit viel Werbung für die freien Lehrerstellen im Land und finanziellen Anreizen: Referendare, die in ländliche Regionen gehen, bekommen einen Gehaltszuschlag von 20 Prozent.

Rette sich, wer kann: Das ist das panische Motto des deutschen Bildungsföderalismus. Weil den Ländern eine gemeinsame, abgestimmte Strategie fehlt und die Diskussion über wirksame Lösungen noch gar nicht richtig begonnen hat, wirbt man sich gegenseitig Lehrer ab und setzt dabei auf die absurdesten Ideen.

In Sachsen-Anhalt ist die Not so groß, dass das Kultusministerium im Haushalt 750.000 Euro veranschlagt, um Headhunter auch im Ausland auf die Suche nach Lehrkräften zu schicken. 60 Arbeitsverträge seien so bisher zustande gekommen, sagt Kultusministerin Eva Feußner. Die Bewerber kämen aus Rumänien, Spanien, Polen, Österreich, der Schweiz. Die CDU-Politikerin, seit September 2021 im Amt, hat den Lehrermangel von ihrem Vorgänger geerbt. Wie in vielen Bundesländern wurde die bildungspolitische Großbaustelle zu lange ignoriert. Sie mache sich „große Sorgen“, sagt die Ministerin jetzt. Eigentlich müsse sie pro Schuljahr rund tausend Lehrer rekrutieren, doch so viele findet sie schon lange nicht mehr.

Immer mehr Quereinsteiger

Jede dritte Lehrkraft, die in Sachsen-Anhalt eingestellt wird, ist ein Seiteneinsteiger. „Ohne sie wird der Bedarf nicht zu decken sein“, sagt Feußner. Man könne auch nicht mehr davon ausgehen, dass die Bewerber ein abgeschlossenes Masterstudium mitbringen, aus dem man im Idealfall zwei Unterrichtsfächer ableiten kann. „Diese Standards werden wir nicht halten können.“ Die Länder sollten einheitlich regeln, wer in den Schuldienst darf, sagt Feußner: „Und was Seiteneinsteiger mitbringen müssen.“

Das Ministerium hat jeden Lehrer angeschrieben, der in den Ruhestand geht oder bereits in Rente ist. Ob man nicht zurückkehren oder noch bleiben wolle, im Schuldienst. Über 90 hätten sich gemeldet, sagt Feußner. Es sind zu wenig.

Über die verzweifelten Versuche der Politik, die drohende Bildungskatastrophe noch abzuwenden, diskutiert man auch im Lehrerzimmer der Comenius-Schule in Stendal. „Wir sind alle am Anschlag“, sagt Patricia Dreier, die Personalratschefin der Schule. „Die Kollegen kommen krank zur Arbeit, weil sie nicht fehlen wollen. Gleichzeitig werden sie aufgefordert, noch mehr zu arbeiten und ihre Teilzeitmodelle aufzugeben.“ In Zeiten größter Ratlosigkeit zieht die Politik die Daumenschrauben an und lässt das gerade jene spüren, die das System am Laufen halten. Kaum ein Lehrer an der Comenius-Schule unterrichte noch ausschließlich in seinen „ureigenen Fächern“, sagt Dreier. Jeder, der kann, stopft ein Loch. Sie selbst hat Geschichte und Sport studiert, unterrichtet jetzt aber Sozialkunde, in allen Klassenstufen. Ein ausgebildeter Lehrer ist nicht mehr da. Also arbeitet sie sich ein, will „es so gut wie möglich machen“. Die Schüler dürfen ja „nicht bestraft werden“.

Wenige Lehrkräfte müssen möglichst effizient viele Kinder erreichen

Am Nachbartisch sitzt Hachomeen Hasan. Er ist als Seiteneinsteiger neu hier und soll Englisch unterrichten. Studiert hat er Wirtschaft und Finanzwesen, war Dozent an einer Privat-Uni, später angestellt in einem Autohaus. Mit Fünft- und Sechstklässlern hat er noch nie gearbeitet. Nach seinem vierwöchigen Einführungskurs kann ihn Jessika Hellge nun als vollwertige Kraft einsetzen. Die 200 Pflichtstunden Weiterbildung wird er neben dem Job absolvieren. Wie gut er sich unter diesen Bedingungen einfügt ins Kollegium, was er den Kindern tatsächlich beibringt? Hellge wird in einigen Monaten entscheiden, ob er bleiben kann.

Die Wissenschaft hat erste Belege dafür, dass Quer- und Seiteneinsteiger nicht per se das Bildungsniveau senken. „Wer weiß, wovon er fachlich redet, der kann den Kindern auch etwas beibringen“, sagt Dirk Zorn, Bildungsexperte bei der Robert-Bosch-Stiftung. Für die pädagogisch-didaktische Ausbildung müsste dann durch Fortbildungen gesorgt werden. „Problematisch ist es, wenn Lehrkräfte Fächer unterrichten, die sie nicht studiert haben. Dann lernen Schüler weniger.“ Der Lehrermangel verstärke eine Negativentwicklung, die sich schon seit Längerem zeige. Nachdem sich in den ersten Jahren nach dem Pisa-Schock 2001 die Kompetenzen in den Basisfächern Deutsch, Mathe und Englisch verbesserten, sinken die Leistungen nun wieder. „Wir müssen uns auf eine größere Gruppe von leistungsschwachen Schülern einstellen, die im Lesen, Schreiben und Rechnen die Regelstandards nicht erreichen“, sagt Zorn.

Auf WLAN warten sie immer noch

„Wir verspielen die Zukunftschancen unserer Kinder!“, sagt Jessika Hellge und schaut ihrem Gegenüber fest in die Augen – am Besprechungstisch im Schulleiterbüro sitzt der Landrat des Landkreises Stendal, Patrick Puhlmann, SPD. Hellge versucht, selbst bei diesem Satz noch freundlich auszusehen. Wenn sie kämpft, und das tut sie ständig, macht sie das nicht verbissen, sondern mit Charme. Schließlich braucht sie Verbündete, keine Feinde. Puhlmann, wie Hellge Jahrgang 1983, könnte ein Verbündeter werden, der Landkreis ist schließlich Schulträger. Die Lehrerstellen aber werden vom Land genehmigt und besetzt, da kann Puhlmann nicht viel machen. „Wenn wir die jungen und innovativen Lehrer wollen, brauchen wir eine digitale Ausstattung“, sagt Hellge. Als sie vor zwei Jahren als Leiterin an die Schule kam, stand in jedem Klassenzimmer noch der Polylux, der DDR-Tageslichtprojektor aus volkseigener Produktion. WLAN bekommt die Schule erst 2024. Puhlmann kann es sich nicht leisten, Jessika Hellge auch noch zu verlieren. Schulleiter sind hier genauso gesucht und unauffindbar wie Lehrkräfte.

Die Stadt Stendal hat 40.000 Einwohner. Viele sind nach der Wende abgewandert, langsam kehren einige zurück, weil die Mieten und Grundstücke in der Altmark noch bezahlbar sind. Landrat Puhlmann hofft, dass ein paar Pädagogen dabei sind, aber: „Man muss es klar aussprechen: Hier wie anderswo werden wir die Lücken nicht kurzfristig füllen können.“ Alle Schulen im Landkreis machen mittlerweile Abstriche am Lehrplan. 32 Standorte, darunter elf Sekundarschulen, vier Gymnasien, wurden in den vergangenen 20 Jahren dichtgemacht. Die wenigen Lehrkräfte müssen möglichst effizient viele Kinder erreichen. Doch auch dieses Instrument ist jetzt ausgereizt.

Nun sei es Zeit für „unkonventionelle Lösungen“, sagt Puhlmann, mehr Freiraum, weniger Verbote. „Wir sehen doch, dass der klassische Unterricht immer schwieriger zu realisieren ist. Manches kann digital vereinfacht werden. Wenn es in einer Region nur einen Spanischlehrer gibt, warum sollten sich Kinder aus verschiedenen Schulen nicht einfach online zum Spanischunterricht zusammentun?“ Der Landrat muss weiter, Hellge bleibt allein in ihrem Büro zurück. Spanischunterricht? Den gibt’s an ihrer Schule gar nicht. Sie ist froh, wenn ihre Schüler richtig Deutsch lernen.

In den lokalen Medien in Sachsen-Anhalt ist der Lehrermangel Dauerthema. Die MDR-Sendung Fakt ist! sendete unter dem Titel „Keine Lehrer – dumme Schüler“ im November live aus einer Sekundarschule in der Stadt Aken, wo zeitweise 50 Prozent des Unterrichts ausfielen.

Schule muss sich kümmern

An der Comenius-Sekundarschule ist jedes vierte Kind versetzungsgefährdet. „Viele Kinder erreichen wir einfach nicht mehr“, sagt Jessika Hellge. Im ganzen Land Sachsen-Anhalt gehen 9,7 Prozent aller Schulabgänger ohne Abschluss in eine ungewisse Zukunft. Hellge hält solche Wahrheiten nur schwer aus. „So kann es nicht weitergehen“, sagt sie. Ein Prinzip ihrer Arbeit ist es, dass die Schule sich kümmern muss. Um jeden einzelnen Schüler. Damit die Abhängigkeit zwischen Lernerfolg und Elternhaus kleiner wird und sich im Idealfall ganz auflöst. „Nur so können wir für Chancengerechtigkeit sorgen“, sagt Hellge.

Einen Haufen Zettel hat die Schulleiterin in diesem Schuljahr gesammelt. Sie hat sich angewöhnt, alles aufzuschreiben, was ihr in den Sinn kommt. Es fällt ihr viel ein, wenn sie darüber nachdenkt, was Schule sein soll, wie sie zur Zukunftszentrale werden kann. Hellge ruft oft alte Studienfreunde an, damit sie sich gemeinsam erinnern, wofür sie einst Lehrer werden wollten. Die Ideen in ihrem Zettelkasten will sie in den Sommerferien sortieren und zu einem Konzept zusammenbauen. Die Arbeitszeit der Lehrkräfte etwa möchte sie dann zu großen Teilen in die Schule verlagern. „Sehen, sprechen, austauschen und am Ende den besten Unterricht geben“, darum müsse es jetzt gehen. Der Lehrer braucht ein Team. „Allein überlebt er nicht mehr.“

Vielleicht lockt gerade das junge Pädagogen nach Stendal in die Altmark. Die Aussicht, nicht allein mit den großen Fragen von Schule zu sein. Hellge hofft, dass es ihr gelingt, die Menschen zu überzeugen. Es soll sich herumsprechen, dass die Comenius-Schule ein guter Ort ist, für Schüler – und für Lehrer.