Übergang : Verbindliche Grund­schul­empfehlung oder Eltern­wille?

Wer entscheidet über die Wahl der weiterführenden Schule für das Kind? In den meisten Bundesländern gibt es zwar eine Grundschulempfehlung, doch das letzte Wort haben oft die Eltern. Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) feuert nun bundesweit die Debatte um mehr Verbindlichkeit beim Übergang an.

Florentine Anders / 05. Januar 2020
Zeugnisse liegen auf einem Tisch
Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) ein Konzept angekündigt, um den Empfehlungen der Grundschullehrkräfte bei der Schulwahl wieder eine größere Bedeutung zu geben.
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Mit den nahenden Halbjahreszeugnissen stellt sich für alle Kinder im letzten Grundschuljahr die Frage nach der weiterführenden Schule. Zwar gibt es die Grundschulempfehlungen der Lehrkräfte, doch in den meisten Bundesländern entscheiden letztlich die Eltern, ob ihr Kind ein Gymnasium oder eine andere Schulform der Sekundarstufe I besucht.

Richtig verbindlich ist die Empfehlung nur noch in Brandenburg, Sachsen, Thüringen und Bayern. In einigen Bundesländern müssen die Kinder Aufnahmetests oder einen Probeunterricht erfolgreich absolvieren, wenn die Eltern sich gegen die empfohlene Schulform entscheiden.

Doch jetzt kommt wieder Bewegung in die Debatte. Nach dem Rückgang der Leistungen an den Gymnasien im aktuellen IQB-Bildungstrend hatte die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) den freien Elternwillen infrage gestellt und ein Konzept angekündigt, um den Empfehlungen der Grundschullehrkräfte bei der Schulwahl wieder eine größere Bedeutung zu geben.

Es ist ja belegt, dass die Lehrerinnen und Lehrer an den Grundschulen, die die Kinder über vier Jahre begleiten, deren Leistungsvermögen sehr gut einschätzen. Dieses Potenzial müssen wir nutzen.
Susanne Eisenmann (CDU), Kultusministerin in Baden-Württemberg

„Es ist ja belegt, dass die Lehrerinnen und Lehrer an den Grundschulen, die die Kinder über vier Jahre begleiten, deren Leistungsvermögen sehr gut einschätzen. Dieses Potenzial müssen wir nutzen“, sagte Eisenman.

Eisenmann will Verbindlichkeit stärken und Beratung ausbauen

Das Kultusministerium arbeite nun an einem Konzept für mehr Verbindlichkeit der Empfehlung und für mehr Transparenz im gesamten Übergangsverfahren. „Wir wollen die Verbindlichkeit stärken, die Beratung ausbauen, und wir brauchen eine durchgängige Beobachtung des einzelnen Schülers“, erläuterte die Ministerin auf Nachfrage des Schulportals. Es gehe darum, den weiterführenden Schulen möglichst passgenaue Informationen an die Hand zu geben, damit ein guter Start an der neuen Schule gelinge und die Lehrkräfte die Kinder dort von Anfang an gezielt fördern können.

Der Philologenverband, der die Lehrkräfte an den Gymnasien vertritt, unterstützt diese Initiative von Eisenmann. Zu viele leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler würden von überambitionierten Eltern auf eine für sie falsche Schulart geschickt, kritisierte der baden-württembergische Verbandschef Ralf Scholl. 10,3 Prozent der Fünftklässler am Gymnasium hatten laut Kultusministerium im laufenden Schuljahr von der Grundschule keine Gymnasialempfehlung erhalten.

Die Grünen wollen am freien Elternwahlrecht festhalten

2012/13 hatte die rot-grüne Vorgängerregierung in Baden-Württemberg die verbindliche Empfehlung abgeschafft. Entsprechend ablehnend reagierte der grüne Koalitionspartner auf den Vorstoß von Kultusministerin Eisenmann. Die Diskussion sei von gestern und nehme nicht die wahren Herausforderungen der Schulen in den Blick, sagte die Bildungsexpertin der Grünen, Sandra Boser.

In Nordrhein-Westfalen (NRW) hatte Ministerin Yvonne Gebauer (FDP) im Jahr 2018 die Diskussion um eine Rückkehr zur verbindlichen Grundschulempfehlung auf die Tagesordnung gebracht. Lehrkräfte aller Schulformen hätten diesen Wunsch geäußert, sagte sie seinerzeit der „Rheinischen Post“. Im Rahmen des Masterplans zur Reform der Grundschule würden deshalb auch die Schulempfehlungen überprüft. 2011 hatte die rot-grüne Koalition in NRW das freie Elternwahlrecht beim Übergang eingeführt. Aktuell soll daran aber offenbar nicht gerüttelt werden: „Eine Änderung dieser Regelung ist nicht geplant“, hieß es aus dem Schulministerium auf Anfrage des Schulportals.

Verband Deutscher Realschullehrer fordert mehr Verbindlichkeit

Nicht nur der Philologenverband freut sich über die neu aufgeflammte Debatte. Auch der Verband Deutscher Realschullehrer (VDR) hofft, dass aufgrund des Vorstoßes in Baden-Württemberg nun wieder Bewegung in die Übergangsregelungen kommt: Jürgen Böhm, der VDR-Bundesvorsitzende, sieht die Abkehr von der Verbindlichkeit des Grundschulgutachtens in vielen Bundesländern als Fehler. „Wir sind ganz klar für eine Wiedereinführung oder Beibehaltung der Verbindlichkeit“, sagte Böhm, der auch den Landesverband der Realschullehrer in Bayern vertritt. Die Leistung müsse das entscheidende Kriterium bei der Wahl der weiterführende Schule sein. „Wenn der freie Elternwille entscheidet, leidet darunter die Bildungsgerechtigkeit“, meint Böhm. Außerdem führe das nicht nur an den Gymnasium, sondern auch an den Realschulen zu Qualitätseinbußen. Das zeige das Beispiel Baden-Württemberg, so Böhm.

Die Grundschulempfehlung war noch nie eine zuverlässige Prognose für die Schullaufbahn und wird es auch nie sein.
Doro Moritz, GEW-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält dagegen nichts von einer verbindlichen Übergangsregelung: „Die Grundschulempfehlung war noch nie eine zuverlässige Prognose für die Schullaufbahn und wird es auch nie sein“, sagte Doro Moritz, GEW-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg, den „Stuttgarter Nachrichten“. Die GEW lehne die Wiedereinführung einer stark bindenden Grundschulempfehlung ab, wie sie von der Kultusministerin offenbar mit zentralen Klassenarbeiten in den vierten Klassen beabsichtigt sei. Hohe Schulqualität und bessere Schülerleistungen würden durch echte Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten erreicht und nicht durch jährliche Tests, so die Landeschefin.

Kaum vergleichbare Übergangsregelungen in den Bundesländern

Seit Bestehen der Bundesrepublik gab es in den Bundesländern zahlreiche Änderungen der Übergangsregelungen, heute ist die Vielfalt der Unterschiede kaum noch zu überschauen. Recht einheitlich war die Regelung noch nach 1945. Damals hatten alle westdeutschen Bundesländer die traditionellen Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium vorgesehen. Einige Länder fügten in den folgenden Jahren zu den Aufnahmekriterien neben der Prüfung noch ein Grundschulgutachten oder den Notenschnitt hinzu.

Berlin schaffte dann als erstes Bundesland die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium ab. Es mehrte sich damals Kritik an den Prüfungen, auch deshalb, weil viele Kinder trotz der Tests am Gymnasium scheiterten. Im Dezember 1960 schließlich einigten sich die Bundesländer in der Kultusministerkonferenz darauf, den Übergang nicht mehr allein von einer Aufnahmeprüfung abhängig zu machen. Nach und nach wurden die Aufnahmetests abgeschafft und durch Grundschulgutachten ersetzt. Doch bei den Kriterien für das Grundschulgutachten und auch bei der Verbindlichkeit entwickelten sich im Laufe der Zeit Unterschiede zwischen den Ländern. Hinzu kam, dass in vielen Ländern die Regelungen mehrfach wechselten – meist je nach politischer Färbung der jeweiligen Landesregierung.

Studie belegt steigende Gymnasialquote bei freiem Elternwillen

Im Jahr 2015 hatte das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) eine Studie veröffentlicht, die die Auswirkungen der Reformen der Verbindlichkeit beim Übergang in die weiterführende Schule in verschiedenen Bundesländern untersuchte. Eindeutiges Ergebnis: Wurde die verbindliche Empfehlung abgeschafft, stieg erwartungsgemäß der Anteil der Gymnasiasten in dem jeweiligen Bundesland.

Zur Frage der Bildungsgerechtigkeit dagegen gibt es in der Studie kein einheitliches Fazit. „Bis dahin ging man davon aus, dass sich vor allem Kinder aus privilegierten Familien an den Gymnasien durchsetzen würden, wenn die Eltern frei über die Schulform entscheiden können“, sagte Bildungsforscher Marcel Helbig, der die Studie mitverfasst hatte. Doch diese Annahme habe sich in der Studie nicht bestätigt. Die soziale Mischung habe sich nach einer Reform der Übergangsregelung nicht erkennbar verändert, ganz gleich, in welcher Richtung die Änderung ausfiel.

In einer Untersuchung zur Notenvergabe habe sich jedoch gezeigt, dass die Notengebung in der vierten Klasse der Lehrkräfte anders ausfielen, wenn Noten allein für den Gymnasialübergang entscheiden. Offenbar fließen Ressourcen der Eltern, ihre Kinder bei den schulischen Aufgaben zu unterstützen, in die Notengebung ein, wenn die Noten entscheiden, sagte Helbig. Auch bei der verbindlichen Empfehlung findet er Indizien dafür, dass Lehrer anders entscheiden, weil sie zum Beispiel Druck durch die Eltern erfahren oder antizipieren.

Auf einen Blick

  • In den letzten Grundschuljahren entscheidet sich, auf welche weiterführende Schulart die Kinder wechseln.
  • In allen Bundesländern stellen die Lehrkräfte an den Grundschulen entsprechende Empfehlungen für jedes Kind aus.
  • Je nach Bundesland unterscheiden sich die Kriterien. Wenn die Noten entscheidend sind, muss ein Kind für eine Gymnasialempfehlung in der Regel einen Notendurchschnitt in Mathe und Deutsch vorweisen, der nicht schlechter als 2,0 bis 2,5 ist.
  • Die Verbindlichkeit der Gutachten ist in den Ländern sehr unterschiedlich. In den meisten Bundesländern dient sie den Eltern lediglich als Entscheidungshilfe. In Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern ist der Übergang strikter geregelt.