Platzmangel an Schulen : „Unsere Unterrichtskapazität ist erschöpft“

Überbelegte Klassen, fehlende Räume: Die steigenden Flüchtlingszahlen zeigen die Probleme des deutschen Schulsystems auf. Längst nicht jedes Flüchtlingskind kann am Unterricht teilnehmen.

Dieser Artikel erschien am 17.09.2022 in DER SPIEGEL
Swantje Unterberg
Grundschüler aus der Ukraine sitzen in einem Klassenzimmer
Grundschüler aus der Ukraine sitzen in einem Klassenzimmer
©dpa

Wenn es nach Richard Voß gegangen wäre, dann hätte er schon im Mai oder Juni Kinder aus der Ukraine an seiner Grundschule aufgenommen. Doch er scheiterte erst an der Suche nach einer Lehrkraft. Und dann an der Langsamkeit der Verwaltung, so berichtet es der Schulleiter aus Wuppertal. „Gestartet sind wir am 5. September, da es mit der Zuweisung der Kinder durch die Stadt noch Verzögerungen gab.“

Sechs Monate nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine sitzen nun zwölf ukrainische Kinder in der Willkommensklasse der Grundschule Am Nützenberg – und Hunderte weitere warten in Nordrhein-Westfalen auf einen Platz. Das Bundesland hat in der Woche, in der Voß seine Klasse endlich eröffnen konnte, einen Erlass herausgegeben, Betreff: „Beschleunigte Aufnahme neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler an einer Schule.“

Das Problem drängt: In Nordrhein-Westfalen hatten Ende August rund 3800 neu zugewanderte Kinder und Jugendliche noch keinen Schulplatz, gut 2000 von ihnen kamen aus der Ukraine. Weitere 1700 Kinder und Jugendliche warteten noch auf ein Beratungsgespräch, das der Schulplatzsuche vorausgeht, die Hälfte von ihnen sind Ukrainer und Ukrainerinnen.

In Berlin gibt es ebenfalls eine Warteliste. Wie voll die ist, kann die Berliner Senatsverwaltung für Bildung nicht sagen, da eine vollständige Rückmeldung aus den Bezirken fehle – diese seien für die Schulplatzvergabe zuständig. „In ganz Berlin dürfte es sich inzwischen um eine vierstellige Zahl handeln“, schreibt der „Tagesspiegel“ . Und davon geht auch Hans-Jürgen Kuhn aus, der gute Kontakte in die Bildungsverwaltung hat.

Schulprojekt als „Lückenfüller“

Kuhn war für die Grünen Staatssekretär der Senatsverwaltung in Berlin und Referatsleiter im brandenburgischen Bildungsministerium. Als Ruheständler engagiert er sich für Geflüchtete und hat im Berliner Bezirk Schöneberg ein ukrainisches Schulprojekt für bis zu 30 Kinder aufgebaut, an dem Lehrkräfte aus der Ukraine unterrichten.

Das Projekt sei ein „Lückenfüller“, sagt Kuhn. Zunächst vor allem für Kinder aus Familien, die auf eine schnelle Rückkehr hofften und deshalb nicht an eine deutsche Schule wollten. Mittlerweile auch für diejenigen, die auf einen Schulplatz warteten. „Die Familien können nicht mit einer schnellen Lösung rechnen“, sagt Kuhn.

In anderen Bundesländern ist das Problem nicht so groß. Mecklenburg-Vorpommern meldet auf SPIEGEL-Nachfrage, dass für 64 Kinder und Jugendliche ukrainischer Herkunft aktuell noch ein Schulplatz gesucht werde, Sachsen-Anhalt schreibt, ihnen seien „Einzelfälle bekannt, in denen Schulen an Kapazitätsgrenzen stoßen“, die Kinder seien aber „anderen Schulen im Umkreis zugeteilt“.

Ein Kraftakt für alle Bundesländer

Andere Bundesländer wie Baden-Württemberg, Hamburg und Bayern zählen hingen vorrangig auf, wie viele geflüchtete Kinder aus der Ukraine sie bereits aufgenommen haben. Klar ist: Ein Kraftakt ist das für alle Länder. Fast 180.000 Kinder und Jugendliche sind bis vergangene Woche aus der Ukraine an deutsche Schulen gekommen, ein Plus von etwa 30.000 im Vergleich zum vorigen Schuljahr. Sie treffen auf ein Bildungssystem, das wegen Lehrermangels, Corona und maroder Gebäude ohnehin vor zahlreichen Problemen steht.

Von Schulen, die an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, Klassen, die überbelegt sind, Räumen, die fehlen, hört man so aus fast jedem Bundesland. „Das fällt schon ins Gewicht“, sagt Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, über die Aufnahme der geflüchteten Kinder. „Wir hören aus verschiedenen Bundesländern, dass Lehrkräfte abgezogen werden und dafür Gruppen vergrößert oder Förderangebote gestrichen werden.“

Die etwa 30.000 Kinder und Jugendlichen, die nach den Sommerferien dazugekommen sind, sind laut Meidinger nicht neu zugewandert, sondern ein „Nachholeffekt“: Nicht alle Familien hätten versucht, nach der Flucht mitten im Schuljahr einen Platz für ihre Kinder zu bekommen – oder es dauerte schlicht, wie an der Schule von Richard Voß in Wuppertal.

Turnhallen zu Unterkünften

In den Regionen wächst die Sorge vor einer neuen Überforderung. Die Landkreise hätten bei der Aufnahme und Unterbringung ukrainischer Geflüchteter vielerorts die Kapazitätsgrenzen erreicht, warnte der Präsident des Deutschen Landkreistags am Mittwoch. Es werden wieder Turnhallen zu Unterkünften umgebaut – die dann wiederum den Schulen fehlen.

„Wir sind jetzt vor den Problemfall gestellt, wie organisieren wir den Sportunterricht um“, sagt Helga Dückers-Janßen, Rektorin der katholischen St. Hubertus Grundschule im nordrhein-westfälischen Kevelaer. Ab Montag werde die örtliche Turnhalle gesperrt, eine Woche darauf sollen Geflüchtete einziehen. „Wir verstehen das“, sagt die Rektorin, „hoffen aber, dass die Maßnahme begrenzt ist. Auch im Sinne der betroffenen Familien.“

An ihrer Schule beobachte sie durch die Coronapandemie ein Bewegungsdefizit, „wir waren gerade auf dem Weg, das auszugleichen“, sagt Dückers-Janßen. Die Belegung der Turnhalle habe sie ihren Schülern aber gut vermitteln können, da die Schule selbst sechs Kinder aus der Ukraine unterrichte. An ihre Kapazitätsgrenzen komme die Grundschule dadurch nicht. Im Unterschied zur Grundschule von Richard Voß aus Wuppertal habe sie die Kinder in die bestehenden Klassen aufgenommen.

„Unsere Unterrichtskapazität ist erschöpft“

In Nordrhein-Westfalen ist es den Schulen freigestellt, ob sie für die Geflüchteten eigene Lerngruppen einrichten oder sie im Regelunterricht integrieren. Bayern sieht wiederum für die weiterführenden Schulen externe „Brückenklassen“ vor, in Berlin sind separate „Willkommensklassen“ ab der 3. Klasse vorgesehen, wenn die Kinder nicht ausreichend Deutsch können.

Schulleiter Voß, der sich auch in der Bildungsgewerkschaft GEW engagiert, und der ehemalige Bildungspolitiker Kuhn aus Berlin, der sich für die Geflüchteten einsetzt, sehen schon das nächste Problem auf die Schulen zukommen: Wo sollen die Lehrkräfte und Räume herkommen, um die Schülerinnen und Schüler in die normalen Klassen aufzunehmen, wenn die Geflüchteten Deutsch können?

Voß sagt, er können den Familien der zwölf Kindern nicht versprechen, sie zu integrieren: „Unsere Unterrichtskapazität ist erschöpft.“