Zur Zukunft des Digitalpakts Schule : „Ungleiches ungleich behandeln“

Bei der Digitalisierung hängen Deutschlands Schulen hinterher. Eine Forschungsgruppe hat nun untersucht, wo es hapert – und macht Vorschläge für die Weiterentwicklung des milliardenschweren Förderprogramms.

Dieser Artikel erschien am 02.05.2022 in DER SPIEGEL
Swantje Unterberg
Schüler:innen im Unterricht am Computer
©dpa

Der Anspruch war hoch und das Ergebnis bisher ernüchternd: Möglichst bis 2021 sollte jede Schülerin und jeder Schüler in der Schule eine „digitale Lernumgebung“ vorfinden und das Internet nutzen können, so hat es die Kultusministerkonferenz (KMK) bereits Ende 2016 beschlossen. Doch noch 2021 hat fast die Hälfte der Lehrkräfte die IT-Ausstattung als nicht ausreichend bezeichnet.

Vom 2019 aufgelegten milliardenschweren Förderprogramm „Digitalpakt Schule“ waren bis Anfang 2022 nur zehn Prozent der vorgesehenen Gelder tatsächlich bei den Schulen angekommen. Es könne „anhand des vorliegenden Forschungsstands als gesichert gelten“, dass die KMK „dieses ehrgeizige Ziel für das zurückliegende Jahr nicht erreicht“ habe, schlussfolgert so auch eine Forschungsgruppe der Universität Hildesheim und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Die Wissenschaftler haben in der am Montag vorgestellten Studie „Die Umsetzung des DigitalPakts Schule 2022“ untersucht, woran es bei der Implementierung des Digitalpakts hakt. Dazu haben sie in sieben Bundesländern Experteninterviews geführt – mit Verantwortlichen in den Schulen, aber auch mit Menschen in der Verwaltung, die aufseiten der Schulträger für die Umsetzung des Digitalpakts zuständig sind.

Informationen zur Studie „Die Umsetzung des Digitalpakts Schule 2022“

Qualitative Studien sind nicht repräsentativ, sondern sollen Ursachen auf den Grund gehen, die in standardisierten Umfragen nicht so gut herausgefunden werden können. Dabei hat sich herausgestellt, dass der bereits vielfach beklagte Bürokratieaufwand oder das Kompetenzwirrwarr zwischen den Akteuren auf Bundes-, Landes, -Kommunal und Schulebene nicht das alleinige Problem ist.

Der Staus quo einer Schule schreibt sich durch den Digitalpakt fort

Das zeige das Beispiel Sachsen, das bei der Antragstellung sehr schnell gewesen sei, aber noch immer kaum Gelder erhalten habe, heißt es im Bericht. Eine Rolle könne demnach spielen, dass die Auszahlung an weitere Investitionsmaßnahmen geknüpft sei, wie einen Breitbandanschluss, der nicht über den Digitalpakt finanziert werden kann.

Die Folge: Der Staus quo schreibe sich durch den Digitalpakt fort. Schulen, die bereits vor der Förderung aufgrund engagierter Schulleitungen oder Lehrkräfte auf Digitalisierung gesetzt haben, kommen demnach weiter gut voran. Schulen mit bisher rudimentärer Ausstattung bräuchten entsprechend länger, um aufzuholen. Die Unterschiede ließen sich auch in Bezug auf die Schulformen herausstellen.

So würden digitale Lernformate vor allem an Gymnasien und Gesamtschulen genutzt, deutlich seltener an anderen Sekundarschulen und nur in sehr geringem Maße bislang an Grundschulen – das sei bildungs- und sozialpolitisch höchst relevant, so Studienleiter Michael Wrase bei der Vorstellung des Berichts in Berlin. „Die Lernbedingungen für die Schülerinnen und Schüler sind auch mit Blick auf die Digitalisierung sehr ungleich.“

„Blinde Flecken bei der Umsetzung des Digitalpakts“

„Die Untersuchung arbeitet auch einige blinde Flecken bei der Umsetzung des Digitalpakts heraus“, sagte Wrase. Gründe dafür, dass die Mittel nicht bedarfsgerecht verteilt würden, seien unter anderem

  • fehlendes Monitoring: Bund und Länder hätten sich zwar dazu verpflichtet, „jährlich“ einen zusammenfassenden Fortschrittsbericht mit allen gesammelten Informationen zu veröffentlichen. Dies sei fast drei Jahre nach dem Start des Digitalpakts noch nicht geschehen.
  • Teils intransparente Abstimmungsprozesse zwischen den Verwaltungsebenen: Konfliktbehaftet sei, dass die Schulen zwar ihren Bedarf ermitteln und entsprechende Konzepte erstellen müssten, die Entscheidung über die Maßnahmen aber beim Schulträger liege. „Hier fehlt es oft an einer ausreichenden Kommunikation und einem transparenten Vorgehen seitens der Schulträger“, schreiben die Wissenschaftler.
  • Fachkräftemangel: Es mangele nicht nur an Pädagogen und Mitarbeitern in der Verwaltung. Die Umsetzung sei bisweilen auch von externen Einflussfaktoren abhängig, die Schulen oder Schulträger nicht verantworten könnten, wie etwa von Unternehmen aus der IT- und Bauwirtschaft.

Die Wissenschaftler empfahlen neben Nachbesserungen in den genannten Bereichen, künftig den Ist-Zustand an den Schulen zu berücksichtigen. Wenn der Digitalpakt, der 2024 ausläuft, neu aufgelegt werde, sollten Nachholbedarf oder verfügbare Ressourcen der Schulen berücksichtigt werden, damit sich die Kluft nicht noch weiter vergrößere.

„Die Bildung der Kinder darf weder von der Finanzlage einzelner Kommunen noch von einer zufälligen Digitalisierungsaffinität einzelner Lehrkräfte abhängig sein“, sagte Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied Schule bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die die Wissenschaftler unterstützt hat.

Mittel aus einem weiteren Digitalpakt müssten insbesondere an die bisher benachteiligten Schulen fließen, forderte sie. „Ungleiches muss ungleich behandelt werden“, sagte Bensinger-Stolze. Die Länder müssten für die entsprechenden Rahmenbedingungen sorgen.