Chancengerechtigkeit : Ungerecht von Anfang an

Kinder unterscheiden sich schon wenige Monate nach der Geburt deutlich in ihren Fähigkeiten. Den wichtigsten Einfluss hat ihr Elternhaus. Was können Erzieher und Lehrerinnen noch ausrichten?

Dieser Artikel erschien am 09.06.2021 in DIE ZEIT
Martin Spiewak
©Getty Images

Bildung spaltet. Wer wissen will, wie sehr dieser Satz für Deutschlands Bildungssystem Gültigkeit besitzt, kann eine Grundschule im armen Norden von Essen besuchen und dann eine andere im reichen Süden der Stadt. Oder er fragt einen Arzt, der Kinder vor der Einschulung untersucht, solche aus Berlin-Mitte und dem Wedding. Oder er liest einen Artikel auf dem Online-Portal von Social Forces, einer internationalen Zeitschrift für die Sozialwissenschaften, kämpft sich durch die Theorie des Beitrags, überfliegt den Methodenteil und entdeckt dann auf Seite 17 eine Grafik, ohne die in Zukunft keine Debatte um die Chancengerechtigkeit mehr auskommen sollte.

Weil die Abbildung so brutal eindeutig ist (siehe unten). Weil sie Illusionen zertrümmert. Weil sie nach einer anderen Bildungspolitik ruft.

Der Beitrag heißt: Socioeconomic Inequality in Children’s Achievement from Infancy to Adolescence: The Case of Germany. Hauptautor ist Jan Skopek, ein junger deutscher Soziologe, der am Trinity College in Dublin lehrt. Ab wann, fragt Skopek in dem Artikel, bestimmt die familiäre Herkunft eines Kindes in Deutschland seine Leistung? Und welchen Einfluss hat darauf die Schule? Die beiden Antworten lauten in Kurzform: Vom ersten Tag des Lebens an. Und: einen ziemlich geringen.

Schon wenige Monate nach der Geburt zeigen Kinder, jeweils abhängig vom Status der Eltern, laut Skopeks Daten die ersten Unterschiede in dem, was sie können. Von Jahr zu Jahr reißt der Herkunftsspalt weiter auf – bis die Kinder eingeschult werden. Nach dem ersten Schuljahr dann stoppt die Entwicklung, und die Leistungslinien bewegen sich auf fast ähnlichem Abstandsniveau bis ins Jugendalter.

Der Heimvorteil eines Kindes aus einer privilegierten Familie schlägt also am stärksten in den ersten sechs Jahren vor der Schule zu Buche. „Wer etwas gegen die Bildungsungleichheit unternehmen will, muss in dieser Zeit tätig werden”, sagt Skopek. Danach, so lautet die ernüchternde Botschaft, ist die Messe weitgehend gelesen.

Dass die Herkunft eines Kindes seine Zukunft bestimmt, ist in Deutschland lange bekannt. Den Hauptschuldigen meinte man spätestens seit der ersten Pisa-Studie zu kennen: unsere Schulen. Denn in wenigen Industrieländern hängen die Schülerleistungen so stark vom Elternhaus ab wie hierzulande. Wie ein Trichter erscheint uns das Bildungssystem. Am Anfang kommen alle Kinder gleich in die Grundschule oben rein, dann wird es immer enger – bis es am Ende vornehmlich die privilegierten Söhne und Töchter auf die Universität schaffen. Die Zahlen sind da eindeutig. Während sich von 100 Kindern mit Akademikereltern 79 einen Uni-Platz sichern, gelingt das unter Nichtakademikerkindern nur 27 von 100.

Auch Jan Skopek und sein Mitautor Giampiero Passaretta hatten deshalb einen anderen Verlauf der Grafik erwartet. „Unsere Hypothese war, dass sich die Leistungsunterschiede kontinuierlich aufspreizen, insbesondere nach der vierten Klasse”, sagt der Wissenschaftler. Der Grund ihrer Annahme ist das gegliederte Schulsystem. Nur wenige Länder verteilen ihre Schüler so früh – meist nach der vierten Klasse – auf unterschiedliche Schulformen wie Deutschland. Dies müsste sich, so dachten die Forscher, in den Leistungskurven nachhaltig niederschlagen.

Bei Dreijährigen gehen schon die Fähigkeiten auseinander

Doch sie lagen falsch. Zwar streben die Linien auch nach der Einschulung über die Jahre auseinander. Aber zu zwei Dritteln bestehen die Herkunftsunterschiede schon davor. Der Ruf der deutschen Schule als „große Sortiermaschine” scheint übertrieben zu sein, schreiben die Autoren.

Die Forscher verdanken ihre Erkenntnisse einem Wissenschaftsinstrument, das von Jahr zu Jahr bedeutender wird: dem Nationalen Bildungspanel, englisch abgekürzt NEPS. Seit 2009 befragen Wissenschaftler hier rund 60.000 Testpersonen in unterschiedlichen Gruppen (Kohorten) immer wieder zu ihrer Bildungsbiografie. Sie machen Kompetenztests, erfassen Schulnoten und erkundigen sich nach Interessen für bestimmte Fächer. Zugleich befragen sie das Umfeld der Testpersonen: Eltern, Schulleiter, Fachlehrkräfte. Mittlerweile ist das NEPS, das am Bamberger Leibniz-Institut für Bildungsverläufe beheimatet ist, eines der größten sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte weltweit.

In der Neugeborenen-Kohorte beobachten die NEPS-Mitarbeiter das „Bildungsverhalten” ab dem Säuglingsalter: Wie (oft) spielen die Eltern mit dem Nachwuchs? Wie viele Wörter kennen die Kinder ab einem bestimmten Alter, und wie gehen sie mit Zahlen um? Ab wann geht es in die Kita? „Plakativ gesagt, suchen wir nach dem Rezept für eine gelungene Bildungsbiografie”, sagte einmal Hans-Peter Blossfeld, NEPS-Gründungsleiter und Skopeks Doktorvater.

Das NEPS beeindruckt nicht allein durch die schiere Menge der repräsentativ erhobenen Daten. Das Panel gewährt daneben einen einzigartigen Blick auf den Bildungsverlauf Tausender Deutscher. Denn das NEPS produziert, indem es immer wieder dieselben Leute befragt, sogenannte Längsschnittdaten. Es zeichnet damit die Bildungsentwicklung auf und nicht wie andere Studien, die nur Querschnittsdaten erheben, allein den Bildungsstand. Simpel an einem Beispiel formuliert: Pisa macht (alle drei Jahre) einen Schnappschuss, NEPS dreht Dokumentarfilme.

Einzelne „Filme” wurden schon früher veröffentlicht, ihre Erzählung ging in eine ähnliche Richtung. So zeigten Psychologen und Pädagogen der Universität Bamberg im BiKS-Projekt, wie sehr schon bei Dreijährigen die Fähigkeiten auseinandergehen. Laut den NEPS-Daten kannten Jungen und Mädchen aus gebildeteren Verhältnissen – übrigens egal, ob sie aus Zuwandererfamilien stammten oder nicht – doppelt so viele Wörter wie ihre Alterskameraden aus ärmeren Familien. Sie konnten komplexere Satzgefüge verstehen und hatten ein ausgeprägteres Verständnis von Zahlen und Formen. “Diese Kompetenzunterschiede bleiben stabil, weit über die Einschulung hinaus”, sagt die Bildungsforscherin Sabine Weinert.

Grundschullehrer in sozial gemischten Vierteln merken das immer wieder: Vor ihnen sitzen Kinder, die locker auch gleich in der zweiten Klasse beginnen könnten, während Klassenkameraden aufgrund ihres Entwicklungsrückstands eigentlich noch ein, zwei Jahre mit der Schule warten sollten.

Jan Skopek präsentiert nun den bisher längsten Film. Er verbindet dafür die Daten mehrerer Untersuchungskohorten von der frühen Kindheit bis zum Ende der Pflichtschulzeit und zeigt deutlich, dass an der viel beklagten Ungerechtigkeit des deutschen Schulsystems die Schule selbst nur einen geringen Anteil hat. Im Gegenteil, sie hält die Kinder zusammen. Ohne Schule wäre die Lernkluft weit größer.

Nach dem ersten Lockdown fanden Forscher ein Lernloch

Denn anders als in ihren Familien haben alle Kinder im Klassenraum dieselbe Lehrkraft und dasselbe Curriculum, sie lernen in derselben Zeit, müssen sich an einheitlichen Maßstäben messen lassen und haben dafür alle einen Raum, einen Tisch und vielleicht auch einen Computer. Schule ist also ein „standardisiertes Milieu” (Skopek).

Im heutigen pädagogischen Diskurs ist solch ein Lob der Homogenisierung unüblich, das „individualisierte Lernen” liegt im Trend. Nur eines bringt es sicher nicht hervor: weniger Ungleichheit. Wer alle Schüler und Schülerinnen nach dem fördert, was sie (von zu Hause) mitbringen, gleicht zwar die Schwächen der Benachteiligten aus – potenziert aber zugleich die Stärken der Privilegierten. Die Folge: Skopeks Leistungslinien driften weiter auseinander.

Überdeutlich wurde die gleichmachende Wirkung der Schule, als sie fehlte: in der Corona-Zeit. Plötzlich waren die Einheitsprinzipien der Schule aufgehoben. Die Kinder saßen zu Hause und waren auf die beiden größten Risikofaktoren des Lebens zurückgeworfen, auf sich selbst und die eigene Familie. Es wäre deshalb höchst erstaunlich, sollte in den anderthalb Jahren Wechsel-, Heim- oder Gar-nicht-Unterricht die Bildungsschere nicht weiter aufgegangen sein.

Für die Niederlande ist das bereits belegt. Hier testen die Schulbehörden die Kinder in regelmäßigen Abständen und stellen die Daten – anders als in Deutschland – der Wissenschaft zur Verfügung. Nach dem ersten Lockdown fanden Forscher ein Lernloch, das ziemlich genau den Wochen des Lockdowns entsprach. Besonders interessant: Die Kompetenzverluste waren bei Kindern mit wenig gebildeten Eltern um sechzig Prozent höher.

Warum aber ist der Einfluss der Eltern auf Denkvermögen und Lernfreude so groß, dass kein Lehrer ihn auch nur halbwegs ausgleichen kann? Die genetische Mitgift spielt dabei eine Rolle, gewiss. Sie ist wohl größer als bisher gedacht. Darauf weisen unter anderem die Forschungen des englischen Verhaltensgenetikers Robert Plomin hin (ZEIT Nr. 41/18). Die Gene entfalten aber nur dann Wirkung, wenn sie auf ein förderliches Umfeld treffen. Eine Blume wird niemals zum Baum – aber ein Baum wächst auch nicht, wenn es ihm an Wasser oder gutem Boden mangelt.

Was also geschieht genau in diesen ersten Jahren des Lebens, in denen sich die meisten Nervenverbindungen im Gehirn verknüpfen? Oder auf die Grafik bezogen: Was macht die Richterin anders als die Raumpflegerin, sodass ihr Kind mit einem Startvorteil von mehreren Jahren die Schule beginnt, der von den anderen oft nicht mehr aufzuholen ist?

Um das herauszufinden, beobachteten die amerikanische Soziologin Annette Lareau und ihr Team über viele Jahre den Alltag von Familien unterschiedlicher sozialer Schichten. Sie saßen mit Kindern und Eltern im Kinderzimmer oder auf der Rückbank des Familienautos, begleiteten sie beim Abendessen oder auf dem Spielplatz. Nachdem Lareau unzählige Beobachtungsprotokolle und Interviews ausgewertet hatte, schrieb sie ein Buch, das heute zu den Klassikern der Familiensoziologie gehört: Unequal Childhoods („Ungleiche Kindheiten”).

Die Kinder von Arbeiterfamilien sind stärker auf sich gestellt

Lareaus These grob zusammengefasst: Die Familien haben andere Erziehungsstile. Eltern aus der Ober- und Mittelschicht pflegen einen engen Kontakt zu ihren Kindern. Sie füllen den Tag mit Aktivitäten wie gemeinsamem Spielen oder Vorlesen und fordern die Kinder dabei ständig heraus, mit Warum-Fragen, Reimen und gezielten Aufgaben (den Tisch decken). Und sie reden und reden, beim Wickeln, in der Sandkiste und im Supermarkt – mit immer neuen Wörtern und in grammatikalisch immer anspruchsvolleren Sätzen. Lareau nannte den Stil „concerted cultivation”, “gezielte Aufzucht”.

In Arbeiterfamilien („working class families”) findet all das weniger statt. Hier lassen Eltern ihren Nachwuchs eher in Ruhe. Die Kinder sind stärker auf sich gestellt. Man diskutiert in der Familie auch weniger, Regeln werden gesetzt und nicht ausgehandelt. Mit mangelndem Geld oder fehlender Zeit hat dieses Erziehungsverhalten nur bedingt zu tun, mit dem Bildungsgrad (gerade der Mutter) freilich schon.

Lareau wertet nicht, auch das „natürliche Wachstum”, so nannte die Soziologin den anderen Stil, habe Vorteile. Und eine ständige Bespaßung und Dauerkontrolle könnten sich auch nachteilig auswirken, Stichwort Helikopter-Eltern. Nur eines dürfte klar sein: Auf die Schule bereitet die „concerted cultivation” besser vor.

Als die US-Forscher Betty Hart und Todd Risley in einem ähnlichen Projekt die Wörter zählten, die sich über den Nachwuchs aus unterschiedlichen Milieus in den ersten vier Jahren ergießen, kamen sie auf riesige Unterschiede. Während Kinder aus weniger gebildeten Familien insgesamt 10 bis 15 Millionen Wörter zu hören bekommen, muss das Gehirn von Gleichaltrigen aus Akademikerfamilien rund 45 Millionen Wörter verarbeiten. Die Forscher nannten ihre Studie die Early Catastrophe, denn die Wörtermenge hat Folgen für den Wortschatz. Ein Kind aus einer höheren Schicht kennt mit drei Jahren ungefähr 1000 Wörter, ein Kind aus niedrigerer Schicht nur die Hälfte. Eine solche Kluft kann die Schule später nur selten ausgleichen.

Das gilt auch für die Mathematik, wie Würzburger Forscher herausfanden. Kinder, deren Eltern sie regelmäßig zu Würfelspielen oder Zahlenrätseln herausfordern, haben in der Schule im Schnitt bessere Mathenoten. Der Kieler Bildungsforscher und Co-Vorsitzende des neuen Bildungsrates Olaf Köller fasst die Befunde prägnant zusammen: „Wir verlieren zu viele Kinder zu früh.” Und die Nationale Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina, schrieb schon 2014: „Im Zweifelsfall erscheint es besser, die langfristigen Auswirkungen (der familiären Prägung) eher zu über- als zu unterschätzen.”

Das heißt: Die Schule mildert zwar das Auseinanderstreben der Kompetenzlinien ab. Sie schafft es aber nicht, diese zusammenzuführen. Das kann sie auch nicht. Viele meinen, die Schule müsse eine Schicksalskorrekturanstalt sein, und alle Kinder müssten gleich viel lernen. Doch das ist ähnlich naiv wie die Forderung, Arme und Reiche müssten alle gleich gesund sein.

Das bedeutet gleichwohl nicht, die Bildungsungerechtigkeit hinzunehmen. Skopeks Daten – und die vieler anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – sind ein Appell, endlich entschieden den Blick auf die Zeit vor der Schule zu lenken, auf die Schicksalsjahre des Lebens.

Die Dauer der Betreuung in der Kita spielt eine entscheidende Rolle

Natürlich ist es sinnvoll, Ganztagsschulen auszubauen, die ihre Schüler am Nachmittag nicht nur betreuen, sondern auch fördern. Schulen in sozialen Brennpunkten sollten mehr Lehrkräfte und Sozialarbeiter bekommen und endlich auch Schulkrankenschwestern und Psychologen. Ferienkurse für Lernschwache, Tablets für Arme, eine kräftige Bafög-Erhöhung – alles gut. Nur, wie heißt es in dem Leopoldina-Gutachten? „Spätere korrigierende Maßnahmen sind nicht unwirksam, aber um ein Vielfaches aufwendiger, für das Individuum anstrengender und für die Gesellschaft teurer.”

Effektiver wäre es, pädagogisch und politisch dort anzusetzen, wo die Schere auseinandergeht: in den ersten sechs Jahren, in Vorschuleinrichtungen und Familien. So müssten Deutschlands beste Kitas in Duisburg-Marxloh oder Hamburg-Wilhelmsburg stehen: mit den kleinsten Gruppen, dem kompetentesten Personal, der besten Sprachförderung. Genau dies ist nicht der Fall, eher stimmt das Gegenteil. Bis heute nützen Kitas und Krippen vor allem denjenigen, die sie – was die Bildung angeht – am wenigsten benötigen, den Kindern aus der deutschstämmigen Mittelschicht. Und nach der Nubbek-Studie, einer nationalen Kita-Evaluation, schneiden ausgerechnet Einrichtungen mit einem höheren Migrantenanteil in puncto Betreuung und Bildung schlechter ab als solche mit weniger Einwandererkindern.

Auch die Dauer der Betreuung spielt eine entscheidende Rolle. Zwar besuchen ein Jahr vor Schulbeginn mittlerweile fast alle Kinder in Deutschland eine Kita. Je jünger die Kinder jedoch sind, desto mehr streben die Besuchsquoten auseinander. Mittlerweile weiß man aber: Erst wenn das spielerische Lernen außerhalb der Familie zwei Jahre übersteigt, macht sich die Förderung überhaupt bemerkbar. Nur dann verbessert sich zum Beispiel das phonetische Bewusstsein der Kinder. Denn wer nicht hört, wo ein Satz anfängt und wo er aufhört, oder dass „Ball” mit „B” beginnt und nicht mit „P”, der tut sich mit dem Lesenlernen sehr schwer.

Jedes weitere Jahr in der Kita verstärkt den Lerneffekt. Wenn man es rein lernpsychologisch formuliert, gilt für manche Kinder: Wenn du bessere Bildungschancen haben willst, wechsle deine Eltern – oder verbringe schon früh so wenig Zeit wie möglich mit ihnen. Dänemark macht etwas, was dieser kaltherzig anmutenden Idee nahekommt. Die Regierung dort hat eine Kita-Pflicht eingeführt, für Kinder ab einem Jahr aus sozialen Brennpunkten. Eltern, die sich ihr verweigern, wird das Kindergeld gestrichen. Die Bestimmung greift tief in die Erziehungsfreiheit der Eltern ein, aber sie könnte – Studien fehlen noch – im Hinblick auf die Bildungsgerechtigkeit in Dänemark Wirkung zeigen.

In Deutschland ist der dänische Weg undenkbar. Möglich wäre aber eine andere Methode, man kann sie „freundliche Belagerung” nennen. Dazu gehört etwa ein flächendeckendes Elterncoaching. Familienzentren verbinden Kitas mit Elterncafés und Erziehungsberatung. Sogenannte Familienhebammen helfen jungen Eltern, ihren Alltag nach der Geburt zu organisieren, und versuchen ihnen nahezubringen, dass neben Liebe und Zeit auch Reden und Spielen für Kinder wichtig sind (ZEIT Nr. 24/11). Im nordrhein-westfälischen Herford bekommen Eltern, die einen Erziehungskurs belegen und ihr Kind bis zum dritten Lebensjahr in der Kita anmelden, am Ende sogar einen Bonus von 500 Euro. Der Staat belohnt eine gute Erziehung? Wenn’s hilft!

Mehr Bildungsgerechtigkeit zu fordern ist in Deutschland Konsens. 90 Prozent der Bundesbürger wollen laut einer Allensbach-Umfrage in einem Land leben, in dem Kinder unabhängig vom Elternhaus gleiche Chancen haben. Alle Parteien (die AfD ausgenommen) bekennen sich im Wahlprogramm ausdrücklich zum Ziel der Bildungsgerechtigkeit. Wenn sie es ernst meinen, sollten sie die bisherige Politik überdenken. Sie wird ihr Ziel sonst nicht erreichen.

Unsere Quellen:

Der Artikel stützt sich auf ein Dutzend nationaler wie internationaler Studien. Der Beitrag von Jan Skopek ist leider nicht kostenlos zugänglich; die sehr gute Empfehlung der Leopoldina (“Frühe Sozialisation”) aber schon. International wegweisend zum Thema sind die Arbeiten des US-Ökonomen James Heckman.

Links zu den Quellen dieses Artikels sowie anderer Themen dieser WISSEN-Ausgabe finden Sie hier.